Test der Blendensteuerung Nikon und Canon

Diese Seite beschäftigt sich mit den Blendenvorwahl-Programmen der Nikon Coolpix 950 und der Canon Powershot Pro70. Während Fachfotografen und kundige Fotoamateure natürlich wissen, worum es dabei geht (und die folgenden Absätze gnädig überblättern mögen), mag sich so mancher Kamerabenutzer fragen: Warum soll ich mich um solche technischen Details eigentlich kümmern, wenn das die Kamera doch auch automatisch einstellen kann? Und: Gibt es nicht jeweils eine optimale Zeit-Blendenkombination, die man am besten der Automatik überläßt?

Wie zur Blende sollte es auch eine Seite zur Zeit, aber vor allem auch zur Brennweite geben. Vielleicht finde ich ja mal die Zeit (sic!) dazu! Einige Beispiele zu den Ergebnissen der maximalen Weitwinkel-Tele-Einstellungen finden Sie ja schon auf den übrigen Unterseiten von Digital Foto 9. Mir fällt aber an dieser Stelle gerade ein, daß - wie manche Fotolaien wohl glauben - Brennweite nicht gleich Perspektive ist. Will sagen, der Ausspruch: "Du mußt doch nicht näher ran/weiter weg, du hast doch ein Zoom" zeugt von einer gewissen Barbarei. Aber das ist wieder eine andere Geschichte ... Vielleicht geht es hier aber auch vor allem darum, daß Automatiken in modernen technischen Geräten zwar oft sinnvoll sind, uns aber auch unserer kreativen Freiheit berauben können. Damit meine ich nicht, daß man sich weigern kann, einen Sicherheitsgurt anzulegen; oder ABS abzuschalten, um das Auto selbst vor dem Schleudern zu bewahren ... sondern eher um die Frage: Was ist eigentlich Fotografie. Ein unscharfes Bild ist schließlich kein Fall für den Prozess mit der Lebensversicherung - aber vielleicht ein Kandidat in einem kreativen Wettbewerb.

Natürlich verfolgt man meistens das Ziel, möglichst scharfe Fotos zu machen. Dazu müssen drei Dinge optimal gewählt werden: Die Entfernungseinstellung, die Zeit, und die Blende. Stimmt die Entfernung (Fokussierung) nicht, so liegt die maximale Schärfe nicht auf dem eigentlich interessanten Motiv, sondern davor oder dahinter. Ist die Belichtungszeit zu lang, so wird das Bild verwackelt (entweder, weil man die Kamera in der Hand nicht absolut ruhig halten kann, oder weil das Motiv - z. B. Personen oder vom Wind bewegte Blumen - nicht stillhält). Die hier gezeigten Aufnahmen wurde alle mit einem Stativ gemacht, die Blumen wurden aber zeitweilig vom Wind bewegt Welchen Einfluß hat nun die Blende?

Was bedeuten Zeit, Blende und Brennweite?

Zunächst einmal gilt: Je weiter die Blende geöffnet ist, desto mehr Licht fällt auf den Bildsensor - und desto kürzer kann daher die Belichtungszeit sein. Daher sind lichtstarke Objektive mit großer möglicher Blendenöffnung ein Vorzug (und außerdem teurer, weil schwieriger herzustellen). Daraus könnte man schließen: Je größer die Blende, desto besser. So einfach ist es aber nicht.

Zunächst einmal definiert man die Blendenzahl als den Divisor aus Brennweite durch Öffnung. Hätte ein Objektiv eine Brennweite von 50 mm (normal) und eine wirksame Öffnung von ebenfalls 50 mm, so wäre dies Blende 1. Beträgt die Öffnung nur 25 mm, so ergibt sich eine Blendenzahl von 2. Je größer also die Blendenzahl, desto weniger Licht! Trotzdem spricht man von einer "großen Blende", wenn die Öffnung weit ist - und die Blendenzahl klein! Sehr lichtstarke Objektive erreichen Blendenzahlen von 1,4, 1,2 oder gar 1.0. Zoom-Objektive der Spitzenklasse haben Blendenwerte um 2.0, Amateurobjektive meist nur etwa 3,0 im Weitwinkel und bis hinab zu 5,6 im Telebereich. Zoomobjektive mit konstanter maximaler Öffnung auch im Telebereich sind selten und teuer (aber sehr wünschenswert). Normale Fotoobjektive kann man bis auf Blende 16 (manchmal etwas weniger, oder auch mehr) "zuschnüren", auch hier hinken die Objektive der Digitalkameras noch hinterher.

Das Problem ist nun: Je größer die Blendenöffnung, desto mehr Licht fällt zwar auf den Kamerasensor, aber desto enger ist auch der Schärfenbereich: Alles im Vorder- und Hintergrund wird mit wachsendem Entfernungsunterschied um so schneller unscharf, je kleiner die Blendenzahl ist.

Möchte man also möglichst viel (oder gar "alles") von nah bis fern scharf haben, muß man eine möglichst kleine Blende (große Blendenzahl) wählen. Das bedeutet aber weniger Licht und daher längere Belichtungszeiten, also mehr Verwacklungsgefahr. Dazu kommt noch, daß die Verwacklungsgefahr mit der Brennweite wächst: Je stärker ein Tele, desto ruhiger muß die Kamera gehalten werden. Für freihändige Aufnahmen gilt als Faustregel: Die Belichtungszeit soll höchstens 1/Brennweite betragen. Das bedeutet für ein "Normal" (50 mm) etwa eine Sechzigstel (früher üblicher Wert), für Weitwinkel etwa eine Dreissigstel, und bei einem Tele ab etwa 100 mm höchstens eine hundertfünfundzwanzigstel Sekunde. (Die früher üblichen Abstufungen 1, 1/2, 1/4, 1/8, 1/15, 1/30, 1/60, 1/125, 1/250, 1/500, 1/1000 geraten offenbar zugunsten irgendwelcher sonderbarer Digitalwerte außer Mode, was natürlich nur so einem alten Knacker wie mir überhaupt aufstoßen kann. Blendenstufen waren üblicherweise 1.0, 1.2, 1.4, 2.0, 2.8, 4.0, 5.6, 8.0, 11, 16, wobei die maximalen Öffnungen auch "krumme" Werte annehmen können. Der Sinn dieser "magischen" Zahlen liegt darin, daß sie für etwa gleiche Helligkeitszuwächse stehen. Auch die hier getesteten Digitalkameras bieten sowohl nach oben als auch nach unten nur beschränkte Ausschnitte dieser Bereiche.

In diesem Sinne könnte durchaus eine Automatik optimale Einstellungen ermitteln (und tut es hoffentlich). Sie würde die Blende immer so groß wählen, daß keine Verwacklungsgefahr besteht; wenn noch Spielraum ist, aber auch so klein, daß eine möglichst große "Tiefenschärfe" erreicht wird.

Kreative Fotogestaltung

Warum dann also statt der Vollautomatik "Programme" mit Blenden- oder auch Zeitvorwahl? Die Antwort lautet: Weil Blende (und auch Zeit) wichtige fotografische Gestaltungsmittel sind. Eine Fotografie, auf der alles vom Vorder- bis zum Hintergrund gleichermaßen scharf ist, kann ein Ideal sein, muß es aber nicht. Oft möchte man ein kleines, zartes Motiv wie eine Blume gerne deutlich gegen einen optisch verwirrenden Hintergrund (Gräser) abheben: eine große Blende läßt alles dahinter in sanfter Unschärfe verwischen. Oder man hat die Kamera auf ein Stativ geschraubt, fotografiert unbewegte Gegenstände und möchte möglichst alles scharf haben, wobei die Länge der Belichtungszeit (die sogar mehrere Sekunden betragen kann) ziemlich gleichgültig ist. Also wünscht man sich die kleinstmögliche Blende (auch wenn die Automatik aus Leibeskräften wegen angeblicher Verwacklungsgefahr protestiert). Umgekehrt kann (zum Beispiel in der Sportfotografie) die Bewegungsschärfe (kurze Belichtungszeit) im Vordergrund stehen. Der kreative Fotograf möchte aber vielleicht gerade die durch Bewegung des Motivs bewirkte Unschärfe zur Bildaussage machen ... all dies kann eine Automatik nicht für uns entscheiden.

Man könnte natürlich fragen: Wozu all diese Umstände - wenn ich sehe, kümmert mich auch nicht, wie groß meine Pupille ist oder welche Belichtungszeit meine Netzhaut im Auge hat. Wohlan - dann schaut halt mehr fern! Fotografie ist eben (eigentlich) eine abstrakte Kunst, die Zeit und Bewegung sowie räumliche Tiefe einfriert und auf eine zweidimensionale Ewigkeit reduziert (in Schwarzweiß oder Farbe, die wiederum ein sehr subjektives Element ist), und man kann sich damit beschäftigen oder es bleibenlassen - und ein reiner Urlaubsknipser sein (wogegen ja nichts einzuwenden ist, ich esse auch oft bei MacDonnalds).

Wenn man nun nicht alles von Hand einstellen will (oder kann), ist eine Blenden- oder Zeitvorwahl-Automatik wünschenswert. Beim Blendenprogramm stellt der Fotograf die gewünschte Blende ein, und die Kamera ermittelt mit ihrer Meßautomatik die passende Belichtungszeit. Bei der Zeitvorwahl ist es umgekehrt - der Fotograf wählt die gewünschte Belichtungszeit und die Kamera ermittelt die passende Blende. Die Nikon Coolpix 950 erlaubt beides, die Canon PowerShot Pro70 nur Blendenvorwahl.

Die folgenden Bildbeispiele sollen den Einfluß der Blende demonstrieren - wozu ich sagen muß, daß diese Beispiele einerseits durch die technischen Möglichkeiten der Kameras beschränkt sind, andererseits durch Zeit und Wetter sowie Verfügbarkeit der Testkameras. Ich hätte natürlich auch Laborbeispiele bringen können - aber das Fotografieren in der Natur (und sei es nur unser Gartenzaun ...) ist doch viel lebensnäher, oder?

Nikon Coolpix 950

Nikon, Blende geschlossenNahaufnahme in relativer Telestellung mit geschlossener Blende (vermutlich ca. 11). So erzielt man eine große Tiefenschärfe. Die Belichtung ist korrekt und eher knapp, für die weißen Blüten ist sie perfekt. Die Farben sind kräftig und eher warm.
Nikon, Blende offenNahaufnahme in relativer Telestellung mit offener Blende (vermutlich ca. 4). Dasselbe Motiv wie vorhin, aber mit stärker Unschärfe im Hintergrund. Um den Hintergrund ganz verschwimmen zu lassen, reicht die maximale Blende im Telebereich aber nicht aus.
Nikon, Blende geschlossenDies ist eine Aufnahme aus ca. einem halben Meter, hier wieder mit kleinster Blende. Die Belichtung ist sehr ausgewogen, das Blattgrün kommt etwas kühl.
Nikon, Blende offenDasselbe Bild wie oben, wiederum mit voll geöffneter Blende. Der weit entfernte Hintergrund zwischen den Zaunpfählen verschwimmt schon recht stark.

Canon Powershot 70

Canon, Blende 8Bei Blende 8 meistert die Powershot 70 diese Aufnahmesituation nahezu perfekt, wobei die Schatten etwas besser kommen als bei der Nikon.
Canon, Blende 4Bei Blende 4 wird das Bild geringfügig heller, der Hintergrund etwas unschärfer.
Canon, Blende 2,xBei voller Blendenöffnung (vermutlich etwa 2,4) entsteht eine kräftige Überbelichtung. Hier hilft auch keine manuelle Belichtungskorrektur. Ursache ist, daß die Powershot bei hochaufgelösten Bildern (RAW) keine kürzere Zeit als 1/180 laut Display belichten kann (obwohl im Handbuch 1/500 steht). Damit läßt sich das hochlichtstarke Objektiv leider gar nicht ausnutzen.
Canon, Blende 8Bei diesem Motiv liefert die Canon seltsamerweise in allen Blendeneinstellungen eine starke Überbelichtung, was wohl eher auf eine mangelhafte Meßmethode (nicht näher spezifiziert) zurückzuführen ist.
Canon, Blende 4Bei mittlerer Blende (4) wird das Bild noch heller, das recht bläulich blasse Blattgrün noch unwirklicher ...
Canon, Blende 2,x... und bei voller Blendenöffnung würde es wohl so oder so überbelichtet. Man müßte ein Graufilter vor das Objektiv setzen (Filtergewinde ist vorhanden), die TTL (Through The Lens)-Belichtungsmessung sollte diesen dann mit erfassen. Leider stand kein geeigneter Filter zur Verfügung.


Noch Fragen oder Anregungen?

Zurück zur Seite Digital Foto 9