Portraitfotografie

Digitale Studiofotografie

(C) by Johannes Leckebusch 2001

P.M.-Logo
Im Auftrag von:
Stand: 23. 05. 2001


Was können digitale Fotokameras heute?

Einfach mal knipsen und Bilder im Format 10 mal 13 auf Papier bringen - das kann eine moderne Digitalkamera genausogut, jedoch schneller als eine einfache Fotokamera mit Kleinbild- oder APS-Film. Es ist nur etwas teurer - vor allem in der Anschaffung. Der ernsthafte Fotoamateur, der bisher mit einer Spiegelreflex-Ausrüstung gearbeitet hat, zögert bislang, ob er umsteigen soll. Daß die Bildqualität bei sorgfältiger Arbeit nach wie vor nur ein Drittel oder Viertel derjenigen guter Filme beträgt, weiß er. Aber meistert die Digitalkamera auch ernsthafte Fotothemen?

Herkömmliche Blitzaufnahme

Eine typische "Blitzaufnahme". Das Licht wirkt kalt und mischt sich hier mit dem Kunstlicht zu bläulichen Glanzeffekten. Die Lichtpunkte in Augenmitte wirken eher stechend - im Extremfall kommt es zu den gefürchteten Kaninchenaugen (etwas Glanz in den Augen wirkt aber gut). Störend sind hier vor allem die bläulichen Spiegelungen auf Kinn und Wangen, die durch das sehr harte Licht genau von vorn entstehen. Die Aufnahme entstand wie alle folgenden mit der DC4800 von Kodak.



Draufhalten und blitzen: das können Digitalkameras genausogut wie die billigen Knipsmaschinen für herkömmlichen Negativ- oder Diafilm. Aber bei Preisen von meist über 1000 DM - sollte da fotografisch nicht noch ein bißchen mehr drin sein? Ich wollte es genau wissen und habe den "Digitalen" zwei anspruchsvolle Aufgaben gestellt: Portraitaufnahmen im Studio mit professioneller Ausleuchtung, und Nahaufnahmen in freier Natur. Für die Portraitaufnahmen habe ich Halogenlampen benutzt - kritisch ist hier die Farbwiedergabe bei Kunstlicht, die richtige Belichtung auch bei kontrastreichem Licht und in der Helligkeit stark abweichendem Hintergrund. Auch die Schärfe muß bei einer Entfernung von etwa 1,5-2 Metern und mittleren Blendenwerten exakt stimmen: Das Gesicht des Modells ist das bildwichtigste Motivelement.

Ausleuchtung mit Fotolampen

Das Modell sitzt am selben Ort wie bei der vorherigen Aufnahme - aber dieses Bild wurde mit Halogen-Fotolampen ausgeleuchtet. Links und rechts vor dem Modell sind zwei 1000-W-Lampen montiert, vor die ich mit Hilfsstativen feine Stoffbahnen (Gaze oder Gardinen) gehängt habe. Dieses sehr weiche Hauptlicht wird durch eine dritte Lampe links hinter dem Mädchen "dramatisiert", die direkt strahlend das Streiflicht erzeugt.



Halbprofil

Besonders bei Aufnahmen im Halbprofil wirkt ein starkes Streiflicht aus dem Hintergrund bezaubernd - sieht dieses Bild nicht aus, als schiene dem Mädchen die Sonne übers Gesicht? Die Weichheit des Hauptlichts entsteht wieder durch dünnen weißen Stoff, den ich vor die Lampen gehängt habe.



Low-Key-Aufnahme nur mit Streiflichtern

Setzt man vor dem dunklen Hintergrund nur von der Seite bzw. seitlich vorn und hinten kommende Streiflichter ein, erhält man eine "dämonische" Beleuchtung und ein insgesamt dunkles Bild ("low key"). Diese Aufnahme zeigt aber auch die isolierte Wirkung zusätzlicher Effektlampen, die bei den obigen Aufnahmen mit im Spiel waren, ohne daß man sie bewußt erkennt. Sie sorgen beispielsweise für zusätzliche Glanzlichter im Haar und der Aufhellung der Wangenpartie rechts.



Die Ergebnisse zeigen zweierlei: Eigentlich haben Digitalkameras heute das Zeug dazu, recht annehmbare Ergebnisse zu liefern - aber der Weg dahin ist dornenreich.

Bei den Portraitaufnahmen mit der DC4800 von Kodak (und anderen Kameras) gab es zwei Probleme:

Die automatische Scharfstellung orientiert sich an der Bildmitte. Sitzt eine Person auf dem Sofa und hält womöglich noch ein Kissen auf dem Schoß, stellt die Kamera darauf scharf - oder gar auf die Knie. Dadurch wird das Gesicht leicht unscharf, was sich bei Vergrößerung des Bildes unschön bemerkbar macht, selbst wenn der Schärfeabfall nur gering ist. Leider hat diese Kamera keine manuelle Schärfeneinstellung. Man könnte höchstens die Kamera nach oben schwenken, so daß das Gesicht sich in Bildmitte befindet, den Auslöser leicht durchdrücken (Schärfespeicher), dann - ohne den Auslöser loszulassen - wieder den fotografisch gewünschten Ausschnitt einstellen und den Auslöser ganz durchdrücken, um die Aufnahme zu machen. Wenn sich die Kamera auf dem Stativ befindet, ein mühsames und wenig akzeptables Verfahren.

Purpurstich

Eigentlich ein bezauberndes Bild - leider hat die Farbabstimmung der DC 4800 bei der Einstellung auf Kunstlicht einen starken Purpurstich erzeugt. Solche Farbfehler lassen sich zwar teilweise mit Bildbearbeitungsprogrammen korrigieren, die Ergebnisse werden aber niemals so gut wie bei einer von vorn herein korrekten Farbabstimmung.


Die zweite Schwierigkeit war die Farbwiedergabe. Trotz Einstellung auf Glühlampenlicht ("Wolfram") wurden die Bilder zunächst stark purpurstichig. Erst bei manueller Einstellung der Farbtemperatur besserten sich die Ergebnisse. Hier muß man ein paar Versuche machen und die Bilder auf einem guten Monitor begutachten. Dabei ergibt sich allerdings das Problem, daß der Monitor selbst erst einmal richtig kalibriert (in der Farbwiedergabe eingestellt) sein muß, und daß selbst dann die Begutachtung der Farbabstimmung vom Umgebungslicht beeinflußt wird. Einerseits hat man mit einer Digitalkamera, wenn sie über entsprechende Einstellungen verfügt, eine viel größere Freiheit - man kann im Extremfall für jede Aufnahme eine individuelle Farbabstimmung einstellen und ist nicht von einem eingelegten Filmtyp und verfügbaren Filtern abhängig wie bei der herkömmlichen Fotografie. Trotzdem bedarf es einer gründlichen Einarbeitung, um Erfahrungswerte zu gewinnen.

Johannes Leckebusch