Blackdot

Wer ist Ich?

BUCH I

24. 11. Montag

Heute in der Arbeit ziemlich langweilig, aber jede Menge Streß wegen alberner "Meetings". Abends habe ich mir Spaghetti mit Hackfleischsoße und viel Knoblauch gekocht - hoffentlich riecht man das morgen nicht mehr. Muß sehen, dass ich morgen einfach anständig essen gehe in der Mittagspause. Habe mich geärgert, weil im Tagebuch Seiten herausgerissen sind und ich mich nicht erinnern konnte, wann und weshalb ich die rausgerissen habe. Auf der Fahrt total neblig, sowohl in der Früh als auch am Abend - und immer diese bescheuerten Drängler!

25. 11.

Dorle hat mich heute beim Essen ziemlich blöd angemacht. Wir kamen in Streit über das Thema "fremde Kulturen", ich verstehe immer noch nicht, warum ... ich dachte, wir hätten uns erst neulich gesagt, dass wir da ganz und gar einer Meinung seien - aber sie behauptet, sich an kein solches Gespräch erinnern zu können. Typisch Weiber ... naja, muß man doch mal sagen dürfen!

26. 11.

Als ich vorhin die Notiz von vorgestern las, war ich irritiert und habe nach der Stelle gesucht, wo Seiten herausgerissen sein sollen - konnte sie aber nicht finden. Sitze im Bräustüberl und warte auf mein Essen. Mal sehen, was heute im Fernsehen kommt. Hoffentlich endlich mal was Positives über die Integrationsbemühungen.

Zu Hause: In unserer Newsgroup ein paar ziemlich alberne Anmachen von Robert über angebliche Behauptungen von mir. Ich konnte die sehr knapp zitierten Mails von mir auf meinem Rechner nicht finden, im Netz auch nicht, war mir dann zu blöd, weiter danach zu suchen. Hat mich aber ziemlich sauer gemacht.

28. 11. Freitag

Endlich scheint die Sonne wieder, auch am Wochenende soll das Wetter schön bleiben. Freue mich auf einen Spaziergang in der verschneiten Landschaft.

29. 11., Samstag

Habe eine längere Wanderung im Inntal gemacht. Herrliches Wetter, aber schneidend kalt. Sitze jetzt in dem kleinen Gasthaus in Niederndorf, das ich letzten Spätsommer entdeckte, kurz bevor sie Betriebsferien machten, so dass alle Tische und Stühle schon aus dem kleinen "Biergarten" weggeräumt waren. Hatte mich zuerst geärgert, dass ich nicht mehr draußen sitzen konnte, fuhr dann auf der Suche nach was anderem herum, bis die Sonne unterging und kehrte schließlich doch wieder da ein. Gutes und preiswertes Essen. Kellnerin nett, aber ein bißchen Verständigungsschwierigkeiten wegen ihres Dialektes. Damals las ich doch in "Wir waren fünf" von Viktor Mann, ich dachte, ich hätte dazu etwas aufgeschrieben, finde es aber nicht.

Nun habe ich eine Weile im Tagebuch geblättert und diese komische Eintragung gefunden:

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10. 11. Montag

Ich fühlte mich heute nach dem Aufstehen irgendwie merkwürdig, konnte aber nicht verstehen, warum. Zuerst dachte ich, ich hätte was komisches geträumt, konnte mich aber nicht erinnern. Dann war ich verwirrt, weil ich im Ankleidezimmer meine Sachen nicht fand und im Bad einige Sachen ganz wo anders waren als ich meinte, dass sie sein sollten. Ich habe dann eine Weile umgeräumt - ich weiß, es ist reichlich banal, das aufzuschreiben, aber ich war so beunruhigt - ohne zu verstehen, weshalb. Und dann habe ich ewig nach meinem Tagebuch gesucht - und es endlich nur zufällig unter dem Kopfkissen gefunden anstatt auf dem Tisch neben dem Bett. Muß wohl gestern darüber eingeschlafen sein ... allerdings gibt es von gestern gar keinen Eintrag. Nun ja, inzwischen schreibe ich ja nicht mehr so oft was rein. Und dann war da noch so ein gelber Zettel auf einer der Seiten irgendwo mittendrin, mit der Notiz "Schau mal ins ..."; ich kann mich nicht erinnern, wann oder warum ich den geschrieben und da reingeklebt habe und was er bedeuten soll.

Und dann im Büro - ich fühlte mich eigenartig, so als wäre ich lange in Urlaub gewesen und alles wäre subtil verändert. Manche Kollegen kamen mir zunächst völlig fremd vor, obwohl sie mich nett und harmlos begrüßten - ich weiß, mein Namensgedächtnis war immer schon schlecht, aber es war mir so peinlich, dass ich erst mit ein paar Tricksereien ihre Namen herausfinden mußte. Unheimlich. Allmählich glaube ich, ich habe gestern einfach zu viel gesoffen, obwohl sich ein Kater anders anfühlt. Außerdem finde ich keine leeren Flaschen ... Aber es war mir furchtbar peinlich, als sie mich nach meinen Vorschlägen für das Integrationsprojekt fragten - ich hatte einen totalen Blackout und mußte aus dem Stegreif irgendwas daherfabulieren - war wohl ein fürchterliches Gestammel. Bin unheimlich sauer auf mich selbst.

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Kann mich nicht daran erinnern, auch nicht an diesen gelben Zettel. Am 24. steht was über herausgerissene Seiten, es gibt aber keine herausgerissenen Seiten. Seltsam. Ich kann mich ziemlich genau erinnern, was ich die Woche über gemacht habe - jedenfalls nicht zu viel getrunken. Eigentlich wüßte ich gar nicht, wann ich ... wieder dieses komische Gefühl des Unwirklichen. Ich weiß aber nicht, woher das kommt. Eigentlich wollte ich über meine Arbeit nachdenken und am Wochenende ein bißchen was daran tun, damit ich nächste Woche sozusagen auftrumpfen kann. Andererseits fühle ich mich müde und hätte Lust, einfach mal einige Tage gar nichts zu tun. Außer Spazierengehen, vielleicht ein bißchen fotografieren, an meiner Website basteln ...

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1. 12. Montag

Heute den ganzen Tag Kopfschmerzen und Ärger im Büro. Einige Leute, mit denen ich mich doch längst auf das neue Projekt geeinigt hatte, taten in der Besprechung so, als wüßten sie gar nicht, wer ich bin. Arschlöcher! Wahrscheinlich hat man ihnen von der oberen Etage aus bedeutet, sie sollten die Sache boykottieren - solche Feiglinge und Arschkriecher! Anstatt dass mir der Leiter das selbst sagt, wenn er die Sache nun doch nicht durchziehen will, benutzt er die anderen ... absolute Schweinerei.

Ich konnte mich nicht erinnern, was ich am Wochenende gemacht habe und wollte nachlesen - aber alle Seiten ungefähr seit dem 8. 11. sind herausgerissen - wie ist das möglich? Ich habe überall gesucht, aber nichts gefunden, nur einen eigenartigen Zettel im Papierkorb mit der Notiz - ich klebe es mal hier herein:

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Schau mal ins ...

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Ins was? Ist meine Handschrift, aber ich weiß nicht, wann ich das geschrieben haben sollte.

Als ich Eve heute zum Mittagessen einladen wollte, fuhr sie mich nur an: "Was bilden Sie sich ein?" und ließ mich einfach stehen. Ich war total platt - vor allem, weil sie mich siezte. Die andere Kollegin saß an ihrem Tisch und sah mich seltsam an. Ich wußte ihren Namen nicht, hörte dann aber, wie sie jemand "Dorle" nannte. Sieht nett aus, aber es war mir zu peinlich, sie stattdessen anzusprechen ... ging dann alleine nur zum Schnellimbiß und danach rasch wieder ins Büro, weil ich das Gefühl hatte, man würde mir sonst mangelnden Arbeitseifer unterstellen können. Dann suchte ich die Unterlagen des Projektes und konnte sie nicht finden - sehr merkwürdig.

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BUCH II

5. 12. Freitag

Ich habe mir jetzt dies neue Tagebuch gekauft, weil das alte seit einer Woche oder so verschwunden ist. Ich habe mir tagelang den Kopf darüber zerbrochen, wo ich es liegengelassen haben könnte - vergeblich. Sitze im Bräustüberl, heute etwas früher aus dem Büro weggefahren, um am Wochende die Unterlagen über die Ablehnung dieses dämlichen Integrations-Projektes zu Hause durchzuarbeiten.

6. 12. Samstag

Wieder im Bräustüberl. Mir ist ziemlich übel, bin schweißgebadet. Ich hatte mich, auch um mich vor der Arbeit zu entspannen, dazu durchgerungen, mal wieder staubzusaugen, und fand schließlich unter dem Bett - ziemlich eklig verdreckt - das alte Tagebuch. Erst habe ich es nur abgeklopft, mir die Hände gewaschen und es in meine Tasche gesteckt.

Und nun blättere ich darin herum - und das Blut steigt mir zu Kopf. Ich begreife nicht, was da für Sachen drinstehen ... als wäre ich jemals für dieses Multikulti-Projekt gewesen! Und diese eigenartigen Bemerkungen über Seiten, die angeblich herausgerissen seien - die sind ja vorhanden, aber darin steht so peinliches Zeugs! Es ist meine Schrift - scheint jedenfalls so - aber diese Argumentationen über die Integration fremder Kulturen durch Toleranz und Annäherung - geradezu verblendet! Wieso habe ich so einen Scheiß geschrieben?

Und dann diese Andeutungen über die Kolleginnen "Dorle" und "Eve" - als ob ich jemals was mit denen gehabt hätte - ich kann sie ja beide nicht ausstehen, auch wenn mich besonders die erstere anzumachen versucht hat.

Ich muß sagen, ich sitze jetzt beim vierten oder fünften Bier hier - habe den Überblick verloren - und versuche, mir das zusammenzureimen. Und wenn ich an die Arbeit denke, die ich heute und morgen (wenn auch Samstag-Sonntag) hatte machen wollen, bricht mir wieder der Schweiß aus, weil ich mich wie gelähmt fühle. Hätte ich nur dieses blöde Buch nicht gefunden! Gespenstisch ist nur - ich kann mich überhaupt nicht an all das erinnern, was da drinsteht - im Gegenteil, es kommt mir vor, als hätte das ein völlig Fremder geschrieben, mit dem ich mich nur so bis aufs Blut streiten würde, säße er mir gegenüber.

Tatsächlich war dann in der Saugdüse des Staubsaugers noch ein Papierchen, das sich verfangen hatte und fürchterlich fiepte - ein gelber Haftzettel mit einer nur noch undeutlich erkennbaren Beschriftung "Schau mal ins ...". Sieht auch aus, als hätte ich das geschrieben - und verrückterweise steht darüber mehrfach was in dem eigenartigen Tagebuch - langsam habe ich das Gefühl, es kann gar nicht mein verlorenes Tagebuch sein - ich frage mich, ob ich überhaupt in den letzten Monaten ein Tagebuch geschrieben habe.

6. 12., Sonntag

Konnte kaum schlafen. Habe es mit blöden Fernsehserien auf der Schlafzimmerglotze versucht, mich abzulenken, aber ich konnte mich nicht von meinen Grübeleien lösen. Nun habe ich mir Frühstück gemacht, aber der Gedanke an den morgigen Montag macht mir Angst, mir ist übel und ich kann gar nichts essen. Ei schon kalt. Ich habe immer wieder dieses verrückte Buch durchgeblättert - Teile davon abgeschrieben und die Schrift verglichen - es sieht wirklich aus wie in meiner Handschrift geschrieben. Dann habe ich die ganze Wohnung auf den Kopf gestellt - und an allerlei abstrusen Orten diese gelben Zettel gefunden. Das machte mich so narrisch, dass ich an immer abwegigeren Orten suchte - Schränke wegrückte, die seit Jahren da standen - erst nichts, aber dann fand ich noch einen Zettel, auf dem stand: "Schau mal ins Morgen", und außerdem noch mehr verdreckte Tagebücher mit blödsinnigen Eintragungen.

Da sitze ich nun. "Schau mal ins Morgen". Konkret würde das bedeuten: Schau mal in den Montag. Albern. Hätte ich den Papierfetzen gestern gefunden, hätte es auch heißen können "Schau mal in den Sonntag". Aber eigentlich ist das ja eine abstrakte Wendung, die nicht unbedingt einen konkreten Tag bezeichnet. Wenn ich nun wirklich diese Zettel geschrieben haben sollte - an die ich mich überhaupt nicht erinnern kann - warum sind die so undeutlich? Ich meine, wenn man sich, weil man weiß, dass man vergesslich ist, selber Zettel schreibt, versucht man doch, das so zu tun, dass man hernach noch kapiert, was man sich selbst damit hatte sagen wollen. Obwohl - manchmal rätsele ich ja eine ganze Weile an meinen eigenen Einkaufszetteln herum, wenn ich sie nicht sowieso zu Hause habe liegenlassen.

Eines stimmt - in dem Tagebuch stehen immer wieder seltsame Eintragungen an Montagen - als hätte ich da das Wochenende so durchgesoffen, dass ich danach Filmrisse hatte und mich nicht mehr zurechtfinden konnte - nur dass da immer wieder merkwürdige Sachen stehen, völlig widersprüchlich. Zum Beispiel ...

"Wir müssen versuchen, andere Kulturen nicht nur zu akzeptieren und ihre Regeln zu respektieren, wenn wir ihnen auf ihrem Gebiet begegnen, sondern auch, wenn sie uns auf unserem Territorium gegenübertreten. Gleichzeitig müssen wir aber auch von ihnen, das heißt, ihren Angehörigen, verlangen, dass sie sich unserer Kultur gegenüber ebenso verhalten. Neben der Toleranz gegenüber abweichenden Auffassungen muß aber auch ein Konsens über globale Wertmaßstäbe, Rechte und Verhaltensweisen erzielt werden, der ein friedliches Zusammenleben aller Kulturen auf diesem Planeten gewährleistet, ohne dass einzelne davon benachteiligt werden."

Was für eine globalistische Scheiße! Und dieses Gequatsche über Gegensätze und deren Akzeptanz! Schließlich bin ich immer nur dafür eingetreten, dass sich die zurückgebliebenen Gesellschaften der modernen Weltkultur und ihren Regeln unterordnen müssen! Wo kommen wir hin, wenn die wieder anfangen, hier zu Lande ihre Schafe in den Badewannen zu schlachten und ihre Frauen nur verschleiert aus dem Haus zu lassen? Ganz abgesehen von den Unterschlüpfen für terroristische Aktivisten in diesen undurchsichtigen Kulturgettos, in die sich kein normaler Bürger ohne Gefahr für Leib und Leben hineinwagen kann.

Außerdem fehlen manche Wochen komplett. Das irritiert mich. Ich versuche, mich zu erinnern, wie regelmäßig oder unregelmäßig ich eigentlich Tagebuch geschrieben habe. Auf dem Computer finde ich nichts komisches - da stehen nur die seit Wochen angesammelten Argumente gegen dieses unpatriotische Integrationsprojekt - wie konnte ich dann in der gleichen Zeit so absurdes Zeug schreiben, als wäre ich Feuer und Flamme dafür gewesen, dieses "Integrationsprojekt" in die Tat umzusetzen?

Es ist schon später Nachmittag. Ich blättere in den mitgebrachten Arbeitsunterlagen herum, die ich seit Freitag nicht mehr angerührt habe. Was ist bloß los mit mir?

Eigentlich kann das nur eine globalistische Verschwörung sein ... die haben das ganze Zeug in meiner Wohnung versteckt. Die Fälschung der Tagebücher ist allerdings raffiniert. Wieso bin ich nicht gleich darauf gekommen? Allerdings - wie haben sie mich eigentlich dazu gebracht, überhaupt nach dem Mist zu suchen? Hätte ich mich ganz normal an dem Wochenende meiner mitgebrachten Arbeit gewidmet, hätte ich das alles doch gar nicht bemerkt - naja, das verstaubte Tagebuch, das ich gestern beim Saubermachen unter dem Bett aufstöberte. Wie oft und wann mache ich da eigentlich sauber? Höchst selten. Zufall. Aber was soll das Gelaber über "Dorle" und "Eve" - das ergibt für mich keinen Sinn.

Ich denke über meine Arbeit der letzten Wochen und Monate nach und versuche schließlich, das anhand der Computerdateien nachzuvollziehen. Allerdings ist mein Gedächtnis recht schwach - eigentlich kommt mir alles, was ich ab voriger Woche da eingetragen habe, zwar vertraut, aber doch irgendwie neu vor - als würde ich was lesen, das zwar meiner Auffassung entspricht, das ich aber noch nie zuvor zu Gesicht bekommen habe. Sind diese Eintragungen auch verfälscht?

Uh! Ich hätte nicht so viel Bier trinken sollen. Nun muß ich mir überlegen - ich sage halt am Montag, ich hätte mich am Wochenende nicht gut gefühlt - leichte Grippe im Anzug, wie es scheint, aber jetzt geht es wieder, und ich würde mich sofort wieder voll engagieren.

So müde! Fange an, mich auf's zu Bett gehen vorzubereiten, stelle mir den Wecker, lade die Kaffeemaschine. So leicht kann ich mich aber von den komischen Aufzeichnungen nicht lösen. Zu absurd das ganze ... wenn ich wieder nüchtern bin, werde ich über mich selbst lachen. Witzig wäre nur - wenn ich mir irgendwo eine Notiz für Montag hinterlassen würde, mit diesen Aufzeichnungen - so, dass ich mit Sicherheit darüber stolpere, dass sie aber die üblen Agenten nicht finden und beseitigen können. Das ist natürlich total albern, aber manchmal kann ich mich von solchen theoretischen Problemen nicht lösen - besonders nicht, wenn ich eigentlich einschlafen will.

Außerdem beschäftigt mich die Frage, wieso man mir eigentlich gefälschte Aufzeichnungen unterschieben sollte, die vortäuschen sollen, ich hätte früher ganz anders gedacht als heute - ich meine, als ich in Wirklichkeit schon immer dachte. Was hätte das für einen Sinn? Oder hätte das ganz jemand anderer finden sollen - um mich dann wegen subversiver und unpatriotischer Umtriebe aus dem Weg zu räumen? Dann sollte ich das ganze am besten schnell verbrennen oder ins Klo spülen - ich stehe wieder auf, sehr beunruhigt. Ja, was ist, wenn am Montag eine Polizeitruppe meine Wohnung stürmt und all dies Zeug findet? Wobei natürlich unklar ist - wie das gerichtlich bewertet wird. Schließlich kämpfen wir immer noch um unsere Wahrheit und müssen uns gegen unterschiedliche Mehrheiten in den diversen Parlamenten beziehungsweise dem Bundesrat durchsetzen, während diese beknackten Globalisten ja immer noch eher als verwandte Seelen der herrschenden öffentlichen Meinung gelten.

Ich stapele alle die verrückten Artefakte auf einem Haufen und setze mich davor. Wie kann ich das beseitigen? Vielleicht draußen im Garten verbrennen - auf dem Grill. Mag zwar um diese Jahreszeit etwas merkwürdig wirken - aber weg ist weg. Oder ich setze mich ins Auto, fahre in irgendeinen Nachbarort und kippe es ... ach nein, meine Handschrift und alle diese persönlichen Details - das muß man schon richtig unkenntlich machen - also doch verbrennen. Mir kommen alle möglichen Krimis in den Sinn, in denen aus den leistesten Ausdünstungen eines Haares im Wald oder am Strand noch der Täter ermittelt werden kann ... lieber Gott, langsam werde ich wirklich verrückt. Täter - in Bezug auf welche Tat?

Ich lege mich wieder ins Bett. Eigentlich müßte ich das alles überschlafen und mir morgen oder nächstes Wochenende noch mal vornehmen, mit mehr Fassung, um vielleicht doch noch herauszukriegen, was das bedeuten könnte. Wenn ich nun allerdings einschlafe und morgen ist alles wieder verschwunden? Wieso wieder?

Ich stehe wieder auf, gehe in die Küche und schaue nach irgend etwas leckerem im Kühlschrank. Dann gehe ich mit einem Paprikasalamibrot wieder ins Schlafzimmer und greife mit der linken Hand wahllos in den Stapel, schlage ein Tagebuch auf. Es ist mir fremd. Ich verstehe nicht, woher es kommt und wieso man es versteckt hat - aber so, dass ich es schließlich doch finden mußte.

Eigentlich denke ich Unsinn. Peinlich wäre zwar, wenn mein Chef das zu Gesicht bekäme - aber wie sollte er? Doch wer sollte es dann hier versteckt - meine Gedanken beginnen, sich im Kreise zu drehen. Ich sollte wirklich schlafen und morgen entscheiden, was ich mit dem Mist mache. Außerdem ist das doch alles völlig krank - ich sollte versuchen, bald mal Urlaub zu machen und vielleicht eine nette Frau kennenzulernen ... ich lasse das jetzt alles hier liegen und gehe endlich schlafen. Was läuft denn jetzt noch für ein Mist im Fernsehen? Diese Serie über ...

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Buch II

8. 12. Montag

Dämlich, dass ich mein altes Tagebuch verschmissen habe. Jetzt fange ich halt ein neues an. Ich habe in der Früh nicht mehr danach suchen können, weil ich verspätet mit so einem Brummschädel aufwachte. Jetzt bin ich wieder daheim und habe mir Spaghetti mit Hackfleisch und viel Knoblauch gekocht. Essen gehen ist nicht dauernd drin - kriege doch keine Gehaltserhöhung. Anscheinend habe ich am Wochenende wenigstens mal wieder gestaubsaugt - nur vor dem Bett war so ein komischer Bereich mit Staubflocken um ein Rechteck herum - als hätte da längere Zeit irgendwas dreckiges gelegen. Weiß aber nicht mehr, was.

Sie haben mich wieder zurückgestuft. Aber ich darf auf die Fortbildung. Irgend so ein Seminar über "Testweises Persönlichkeitsreplacement zur Erforschung der Auswirkungen unterschiedlicher Grundüberzeugungen und der Verknüpfung von Erinnerung und Identität.". Hoffentlich wird das nicht zu anstrengend. Scheißwetter - wenn es wieder schneit, ist es kein Spaß, mit dem Auto nach Mannheim zur Tagung zu fahren. Schluß für heute.

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