Blackdot

Anhang, alle (restlichen) Gedichte für Susanne (vollständig)

 

Susanne

 

bin heimgekehrt wie aus einem fernen, nahen land,

von einer sehr weiten reise,

hab mich zum schlafen hingelegt,

bin wieder wach und denke,

muß überschlafen, überwachen, übergrübeln,

überwachsen was dort geschehen ist.

 

habe in meiner nacht gegrübelt,

ob du wohl schläfst oder was du dir denkst,

was man sich halt so denkt unter seiner decke mit sich allein.

am ersten tage war's wie zwischen fremden,

die sich erst langsam zu erforschen

sachlich dinge tun um freunde sich zu werden.

 

es ist so viel zu schnell geschehen,

sich an einem wochende so viel von sich zu sagen,

vom gänzlich unbekannt zu einer ganz kleinen umarmung,

nochmal vom telefon gestört, dann ein zweites mal,

mit einer leisen frage und banger antwort.

 

durfte dich nicht gleich so richtig feste drücken,

weil die haut noch wund von alten bränden ist.

bist scheu, bis leis, bist selbstbestimmt, bist wunschig,

läßt mich endlich ein bißchen an dich ran,

und bleibst doch noch ganz in dir versteckt.

 

du weißt ja, was du willst, weißt nur noch nicht,

was du schon bist und was du werden kannst,

sagst: bin doch nix besonderes nicht,

läßt kaum dich überreden zu einem kleinen kompromiß:

besonders chaotisch wenigstens, ist ja schon was.

heißt aber: ist der anfang vom wirklich wer besondres sein.

 

man kann so schnell sich nicht begegnen,

man braucht so seine, frau die ihre zeit,

weiß nicht gleich, wem man da wieder über'n weg gelaufen,

das geht auch mir nicht anders als es dir ergeht,

doch weiß ich wirklich: dir, dir will ich enger noch begegnen,

will dich suchen und vielleicht finden.

 

Johannes.


 


Vollmondhexe

 

Süße, wilde Hexe, Du bist mein Glück,

mein Ein und Alles, mein Liebeswerk,

mein Lebenstrunk.

 

Wir haben uns so geliebt in dieser Nacht,

und Sekt getrunken, Lachs gegessen

und uns glücklich wie noch nie gefühlt.

 

Ich brauche Dich so, Du bist mir so gut,

bist meine Hoffnung, bist das Salz des Lebens,

bist so klug und auch so stolz!

 

Du sollst immer für Dich einstehn,

sollst frei sein und Deinen Weg für Dich finden,

sollst niemals wieder einsam sein

und nie, nie betrogen werden.

 

Ich will mich immer um Dich sorgen,

mit Dir Glück und Tränen teilen,

und meine Angst ertragen,

Du könntest wieder gehen.

 

Doch auch ich brauche meine

Freiheiten, wie Du die Deinen.

Ich hoffe, wir können sie uns immer

erhalten, ohne uns zu verletzen.

 

Und ich wollte Dir noch sagen,

daß ich immer ein offenes Ohr

haben will für Deine Gedanken,

und daß Du mit mir sprechen sollst

über alles, was Dich bewegt.

 

Es tut mir leid, daß ich Dich

erschreckte mit meinen Reaktionen,

ich will versuchen, behutsamer zu sein

und mehr darauf zu achten,

was Du mir sagen willst.

 

Ich liebe Dich.

 

Johannes



Das Hexengrün.

 

Der Block ist aus, rabäh,

die Hexe wirkt in Rot und Blau,

in Grau und Schwarz, in Gelb,

sie ficht die Farben ins Quartier,

es strömt das Licht,

das Dunkel quillt,

und äußerst ist es Weiß.

 

Die Pinsel fechten mit den Farben,

geometrisch und vertrackt

schwingt sich ein kühn' Gebilde

über´s Bühnenfeld dahin,

wer weiß, wie man das rechnet,

Hauptsach, daß es besticht.

 

Auf einmal aber ist es Aufbegehr,

es kömmt etwas ganz arg verquer,

Herr Wagner schafft viel Ärger,

und weil die Farbe sonst nie ist,

diesmal Peng: ins Grün man sticht!

Es bohrt ins Auge sich

die Rampe quer, von Dali bah,

von Hitchcock auch entlehnt,

grüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüün.

 

Man ist entsetzt, man zweifelt

am Konzept, will es sich fügen,

es soll ja nicht, es sticht

das Grün so arg ins Licht!

Es ist heraus, archaisch grün,

mein Gott, mein Gott,

ob man´s nicht lieber bricht?

 

Die Hexe ist ganz fröhlich,

hat sie nun Farben töhlich,

verquer und hin und her,

sie wirkt in Rot und Blau,

in Grau und Schwarz, in Gelb,

sie ficht die Farben ins Quartier,

es strömt das Licht,

das Dunkel quillt,

und äußerst ist es Grün.

Und Vorhang!



Julia die Föhnhexe

 

(mehr oder weniger ungereimte Fassung - aus einer unvollendeten Geschichte)

 

Die Julia, die Julia, die Julia,

die sitzt am Dach und lacht sich was,

Julia oh Julia, hast Schnee und Blitz,

Donner Regen und Grütz' gehext,

alles kunterbunt, oh Julia, oh Julia!

 

Die Julia, die Julia, die junge Hex,

die reitet auf dem Besen g'schwind,

daß keiner hinterher ihr kimmt.

Die jungen Hexenburschen alle

ham sich schon derrennt, oh Julia!

 

Die Julia, die Julia, die Julia,

saß eines Tages auf der lila Bank,

gar traurig und bedenkelich,

weil sie nämlich für sich fand,

ein Mann muß her, oh du liebe Julia!

 

Die schwarze Katz, die schwarze Katz,

die streicht ihr um die Beine,

die Katz', die will sie trösten,

damit sie nicht mehr länger weine.

Aber a schwarze Katz ist halt kein Mann.

 

D'rauf braust es und es summt gar hexengeisterich,

vom Himmel her darniedersinkt das lila lila Ufo.

Oh Julia, oh Julia, was des wohl wieder werd,

wenn da jetzt einer außersteigt, herrjulia.

Schon geht sie auf, die lila Ufotür!

 

Oh Julia, oh Julia, jetzt kommt'n dicker, dicker Mann daher,

der mit'm Ufo gleich die gelben Petulien zermantscht.

Da wird die Hexe Julia ganz bös' und schimpft,

bitter böse Gewitterhexe, oh Julia!

Dein Beet ist doch kein Ufolandeplatz.

 

Die Julia, die Julia, die Julia,

die hat ein bisserl Angst vor dem;

was kann denn das für einer sein,

der mit'm lila Ufo so mir nix dir nix

vom blauen Himmel aus'm Föhnstrudel kömmt!

 

Vom linken, linken Trödelstern,

meint er, da käm' er her, oh je.

Julia, liebe Julia, bleib wachsam,

der kann ja viel erzählen und beschwör'n,

doch kleine Hexen sind ja auch nicht bläd!

 

Oh Julia, oh Julia, oh Julia,

nimm Dich sehr in Acht, der Dicke der,

der hat auch Hexerkräfte,

jetzt bringst ihm auch a Bier no glei,

Was soll des wer'n, des frog i frei!

 

Die Julia, die Julia, die ist nicht dumm,

die paßt schon auf, und fragt den Fremden aus.

Wer bist, wo kommst'n her, was willst' bei mir?

Kannst' doch net auf'm Petulienbeet glei' parken!

Oh Julia, oh Julia, der Tullimator ist im Arsch!

 

So jammert der, und sagt kein Namen,

weil er meint, den kannst Du nicht verstehn,

ja denkt denn der, die Julia wär' blöd?

Dem wirst's schon zeig'n, dem Hallodri!

Oh Julia, wenn's ihm aber wirklich naß neigeht?

 

Die Julia, die Julia, die is a guade Hex!

Die läßt doch keinen hinten steh'n,

wenn sie ihm auch helfen kann.

Also muß der Ufoklempner her,

doch wie kriegt man den am Hexensonntag?

 

Man muß, so beschließt die Hexe schnell,

mit dem Turbobesen eine Reise tun.

Da jammert er, der dicke Mann, nein nein nein,

auf diesen Besen steig' ich nicht, der hat kein TÜV-Emblem!

Oh Julia, oh Julia, oh Julia, so ein Jämmerling!

 

Du mußt zum großen Klempner Schrullibein,

ich kann ihm heut' nix fexen,

die Hexenpost, die ist im Streik,

und außerdem, glaub' ich, der ist verreist,

hat seinen Urlaub sich genommen, überdreist!

 

Der Schrullibein, der Schrullibein,

der kann Dir alles flanschen,

er hat gar Schrauben viele und auch Schellen,

Rohre und auch Drähte, alles was man Technik nennt,

das ist das, was der genau erkennt.

 

Wir können nur, die Hexe spricht,

auf diesem Besen, da oben steht er,

durch Wald und Luft Erkundung fliegen,

wir fragen alle in dem 1000-Wunder-Wald,

bestimmt hat ihn wer geseh'n, glaub mir's doch!

 

Jammer hier und jammer da, dem Dicken hilf es nicht,

er muß sich auf den Besen wagen, ganz unbequem.

Es sagt die Hexe ihren Zündungsspruch,

der rote Bausch vom Besen glüht, es raucht,

der Besenkraftstoff blubbert schon, ab geht die Rakete!

 

Es klammert sich der dicke Mann ganz fest am Hexenbusen an,

oh Julia, oh Julia, daß er nur keine Ohnmacht kriegt,

und Du gar hexenhafte G'fühle hast,

doch der Wind, der braust und singt,

es geht dahin ganz blitzgeschwind.

 

Hei, wie geht es ab, über Wipfel und die Lichtung,

die helle Schneise lang, über'n Berg hinab,

's wird finster schon, schalt's Besenfernlicht ein.

Der Dicke hält sich wacker, schon kriegt er Spaß!

Oh Julia, oh Julia, wie das noch enden wird!

 

Die Julia, die Julia, die hat noch viel zu tun,

auf ihrer Reise über'n 1000-Wunder-Wald,

doch ihr müßt euch gedulden,

weil dies die letzte Strophe war,

doch weiteres folgt ganz bestimmt!

 

Pah!



23. 9. 1978, irgendwann 1991? Susanne gewidmet

 

Auf ein scharfes Frühjahrsweib.

(Dies ist kein bierernstes Gedicht, obwohl bei seiner Verfassung ernstlich Bier getrunken wurde.

Der Wehtor.) J. B.

 

Ob du's mit den Pferden treibst,

fliegst und schwimmst in Wind und Meer,

oder in dem Frühlingswald

in den welken Blättern schläfst.

Auch, das rote Haar das dort

schreit, und blendet mein Gesicht,

sprich schon, wenn das deines ist,

komm ich gleich und hol es mir.

 

Vom Atlantik stammt das Salz

das ich schmeck in deinem Schopf.

Aus der linken Braue fällt

solch ein rauher weißer Sand.

Sag, in welcher Wüste du

dich geliebt und auch mit wem.

Eifersüchtig würd' ich nicht,

höchstens auf den Sand, mag sein.

 

Schenkst du mir, ich bitte dich,

eine Handvoll Ackerland

von den Hügeln Spaniens her,

deren Farben Sommer sind.

Aus Olivenbäumen stammt

dieses Blatt auf deinem Kopf,

glänzt so hart und auch so schwer,

schmeckt wohl bitter grün.

 

Wälzt du dich im frischen Schnee,

füllst damit den Leib dir an,

forderst dann: So tau mich auf!

Weißt, wie heiß die Männer sind.

Solche Scherze und noch mehr

treibst du immerfort mit uns.

Warte nur, ich setze dann

einen Kessel Wasser auf.



Fingerspiel im Hügelland

 

Wenn Du allein in Deinem Bette liegst,

wer streicht Dein Haar, wiegt Deinen Kopf in seinem Arm,

führt über Stirn und Nas' und Wangen den Finger zu den Lippen,

wer kneift ganz zart das Kinn mit Daumen und dem Zeigefinger,

küßt leise Dich und sucht, was Dich umhüllt,

ganz langsam abzustreifen,

daß sich in Licht und Luft ergibt,

was weich geborgen Dein Leib besitzt.

 

Wer saugt am Läppchen Deiner Ohren, liebkost die Brüste,

fährt zart die Haut hinab, sucht mit dem Finger Berg und Tal

auf Deinem Körper, verweilt im Nabel und kitzelt an der Seite,

läßt nicht entkommen Dich, so sehr Du dich auch winden magst.

Wer gibt den Brüsten Namen, erklimmt der Warzen Gipfel,

wer verbirgt sich in des Bauches Tälern,

streichelt Haut und Speck begierig matt.

Wes' Arm umschlingt erst leis, dann mehr und mehr bestimmt

die Weite Deiner Hüften, streicht an den Schenkeln auf und ab,

hascht nach dem Fuß, zählt rasch die Zehen nach,

wandert lüstern hoch der andern Hand entgegen,

die ganz verwundert noch auf der Schwinge Deiner Hüfte liegt.

greift durstig Deine Hinterbacken fest und kneift hinein.

 

Und dann bedeckt in Deinem Schoß den Venushügel

die eine Hand und drückt ihn sanft und auch begierig,

erforscht und knetet tiefer dann, bedächtig,

währenddes die and're Hand die Fülle Deiner einen Brust

fest umspannt und dort gefangen hält, wo sie erquillt.

Dann reiben zart die Finger jene dort entsprung'nen Lippen,

es wagt sich einer, zart bestimmt und mutig auch,

hinunter in die feuchte Schlucht bei jenem Wald,

um nach der Knospe dort zu suchen,

die im Bauch das Himmelsblau erweckt.

 

Wer hüllt Dich später wonnig ein und horcht auf Deinen Atem,

sucht Deiner Augen Blick und wartet mit Dir ab,

bis sich in Ruhe wiederfindet der warme Körper,

und Du wieder aufgetaucht aus jener tiefen Lust,

die nie vergehen soll, die Dir gehört und mir.



Yin

und Yin und Yang

und Yang

 

Weib, Du Runde,

Du denkst rund, ich denke eckig,

eckig klingt ja wie dreckig,

spitz und scharf, aber auch blank

und glänzend.

 

Sehnsucht, die ich hab'

grad nach Deinem runden Denken,

Deinem runden Sein,

das ich umfassen will,

umfangen und in Dir sein.

 

Weib, Du Lebensschmerz,

Notizbuch der Erinnerungen,

an traurige Süße und süße Trauer,

wärest Du aus meiner Rippe,

könnte ich sagen,

das Weib ist der Schmerz

des Mannes, zu sein.

 

Hohl ist dieser Schmerz,

gebärst Du doch mich

in leiblich feuchtem Weh.

Die Frau ist feucht,

und wenn in höchstem

Liebesrausch sie hechelt,

werden so froschkalt

ihre Lippen.

 

Heiß ist sie hier, kühl ist sie dort,

liebe ich sie hin und lieb' sie fort.

Und rätselhaft, doch ist das Rätsel

die Erklärung, denn wärest Du nicht Weib,

wie wollte Mann ich sein,

ich wüßte ja gar nicht,

daß ich was bin.

 

Ich schrieb, um Dich zu necken,

Der Mann forscht in Zerstörung,

einen Stein zersticht er mit seinem Speer,

zu sehen, was innwendig ihn zusammenhielt.

Du aber nimmst ihn hin,

wickelst hübsch ihn ein

und hast ihn so erkannt,

umhüllt mit Deiner Weiberphantasienweisheit.

 

Weib, Du runde, rundes Wesen.

Indem ich wirklich Dir begegne,

sehe ich meine Ecken, aber auch

sehe ich meine Rundungen,

und auch sehe ich Deine Ecken,

und so ecken und runden wir uns

zusammen und es ist eine gedachte

Einheit in der entzweiten Welt.

 

Von Yin und Yang wie spitzer

Guitarrenklang, schreibst Du nun,

Ich Yang, Du Yin, das klingt so gleich,

ich fühle mich runder mit Dir,

fühlst Du Dich eckiger mit mir?

Du willst doch in Deiner Welt anecken,

nicht lautlos durch sie hindurchgleiten,

unentdeckt.

 

Also habe ich Dich entdeckt!

Nicht nur für mich,

aber für mich auch nur für mich,

denn ich bin ohne ein Weib entdeckt zu haben

eigentlich gar nicht recht auf der

Welt, der dummen, drauf.

 

Wie Du Dich neigst über DeineArbeit,

wie Deine Hände weiblich halten,

und wie Du manchmal männlich schaust,

fast bös, und sagst: Ich denke jetzt.

Und ich denke, wie man als Kind

mir immer hat gesagt,

ich sollte nicht so grimmig schauen,

wenn ich doch bloß gedacht!

 

So habe ich früh begriffen:

Den meisten Leuten ist Denken häßlich.

Du aber denkst, und ich finde es schön,

das Weib soll denken,

und Mann und Weib gemeinsam lenken.

Damit der Weg des Lebens seinen

Sinn und Zweck hat in sich selbst.

Denn der Weg ist das Ziel!

Der gemeinsame Weg das Ziel

des zueinander Findens.

 

Und vielleicht, vielleicht wollen

wir auch einmal über uns hinaus

bewirken, heute malen,

morgen schreiben,

übermorgen mach ich Dir ein Kind,

dem bringen wir dann alles bei.



Auf melancholischen Wegen

 

Für Susanne

 

Manchmal in der lauen Dämmerung

sinken dunkle Flocken aus der Luft,

legen sich als Asche in mein Gemüt,

die Welt verhüllt im Schleier

dieser Stimmung, die alles färbt.

 

Ich bin Dein Mädchen, sagt ein Mädchen

bei Hemmingway, doch laß mich ein Knabe sein;

was sie als solcher treiben soll,

scheint sie selbst nicht recht zu wissen.

Will mein Mädchen mein Mädchen sein?

 

Wer wir sind - wer sollen wir sein,

wer wollen wir sein, wer können wir sein.

Mann und Frau, Frau und Mann - was ist das?

Wie man Mann und frau Frau ist, so -

nein, wollen wir ja auch nicht sein.

 

Mal löst sich im hellen Sommerlicht

die Stimmung wieder auf, läßt Wärme in den Kopf,

dann fällt im Tief der Wolken bleicher Schatten

zurück ins Gewinde meines Hirns,

ich liege psychisch flach, die Seele atmet kurz.

 

Sie schreibt: "Mein Liebster", wie gewohnt,

und von Gewohnheit, "mein Partner",

raus aus dem Trott, beim Frauentreff

geklatscht über das Leben + Lieben +

den Mann im Besonderen, im Allgemeinen.

 

Der allgemeine Mann, die öffentliche Frau

am See, auf der Wiese, mal hell, mal dunkel,

die eine groß, die andre klein, eine dick,

'ne andre dünn, doch die Gesichter

sind alle ohne Bezug zu irgendwas.

 

Sie schreibt: "Eine ganz schöne Mauer habe ich

gegen Dich errichtet" und dann, am Schluß:

Dichtest Du mir mal wieder was??? nach lapidarem Kuß,

die Liebesräusche sind auf der feuchten Wange

dieses irren Sommers recht ermattet, ratlos.

 

Doch ist, im Seelengrund verankert,

ein langes Band von Freundschaft,

menschlicher Begegnung,

die tiefer ruht als Wangenduft und Schenkelfleisch.

Und dennoch könnte dieses starke Band

gebrochen werden vom schwachem Fleisch.

 

Ob wir, in diesem Lebenskarussel,

uns voneinander entfernen,

oder nur in weiterem Kreise umwirbeln,

lesen wir's im Kaffeesatz der Seelenreste,

ahnen wir?

Haben wir uns einander nicht bewährt?

 

Sie klagt vom Schmerz des Einerlei,

und scheint doch mehr in ihren eigenen

Seelenlabyrinthen sich festgeirrt zu haben.

Bin ich ein fester Punkt in ihrer Welt -

mal zu fest, da sie sich nicht verankern will,

mal zu schwach für die wirre Flut,

in der sie treibt?

 

Ich bin doch nicht Dein Nord- und nicht Dein Südpol,

Du Weibererde. Ich will auch nicht.

Ich will, wenn wir es können, Wege mit Dir zusammen gehen,

aber frei für mich, und Du für Dich.

Mal kreuzen sich die Wege, mal gehen sie getrennt.



Die Frau in den Orangen

 

Spazierte einst in einem Hain,

darin Orangenbäume standen,

und sah auf einer Bank sie sitzen,

im blauen Schatten unterm Baum,

die dicke Frau mit ihrem Bauch.

 

Sie saß ganz nackend und,

so sah ich gleich,

sie würde bald ein Kind bekommen.

Ich sprach sie an, wie heißest du.

Susanne mit dem dicken Bauch,

erwidert sie und schaut mich an.

 

Ich bin die Hexe weißnichtwo,

und bald werd´ ich zwei Hexen sein,

die eine wo, die andere nicht.

Was redest du, so warf ich ein,

zwei Hexen sind doch nicht allein.

 

Sie sah mich traurig an,

wie Orangen waren ihre Brüste,

Eine Hexe mit dem Kind,

so sagte sie mit einem Blick,

die geht bald mit dem Wind.

 

Ihre Haare rot, rührten leis

sich in dem Frühlingswind,

und unter den Orangen saß sie da,

ganz still und klein,

und so allein.

 

Da sagte ich: Hör zu,

in meiner Höhle ist es leer,

es ist so leis und ist so still,

da könnte ich zwei Hexen gut vertragen,

zu all´ den andern Plagen.

 

Sie sah mich an, es leuchtet auf

ihr Blick, der Mund wie eine

wilde Frucht, doch zittert sie:

Willst Du wirklich mich,

so eine wilde Hex -

 

Ich sage dann: Hör mich an,

ich bin ein freier Mann,

ich gehe lange schon mal hin,

mal geh´ ich her,

und endlich bin ich´s leid,

such lieber Hexenfreud!

 

Ach ja, die Hexe seufzt,

des Mannes Freud, des Weibes Leid,

doch sag, wenn du mich lieben willst,

so täglich mal, die Woche vier,

und wenn ich hexen darf und malen,

und in deinem Garten graben...

 

Was willst du denn im Garten?

Ach, sagt sie, da pflanz' ich Kräuter und Gemüs',

damit ich uns was kochen kann, was lecker ist,

und Kuchen back ich auch,

Und Bilder mal' ich viel und oft.

 

Und kommen mag ich auch und gehn,

so wie es mir beliebt ...

da siehst du nun, es ist nicht so,

wie mancher denkt:

Die Hexe her, am Herd sie lenkt

und sonst ist Ruh!

 

Weit gefehlt - es raucht im Schorn,

es brutzelt in der Pfann,

es qualmt im Topf,

und hexen muß ich auch -

das wird ein arger Schlauch!

 

Das ist doch alles sehr gescheit,

sag ich drauf, und setze mich zu ihr,

ich dachte schon: Oh wei,

jetzt ist die Höhle ganz entzwei.

Doch wenn du gehst, und wiederkommst

dann hab' ich meine Ruh und doch ein Weib!

 

Und wenn das Hexenkind

dann kommt geschwind,

dann werden wir es schon

mit ihm verstehn, denn so ein

Hexenwesen, das ist doch ganz gewitzt!

 

Da nahm ich sie in meinen Arm,

und ihre Lippen waren tief,

ihre Brüste waren rund,

die Augen waren listig,

und ihr Bauch - ja, der war auch.

 

Wir gingen in die Höhle dann,

unweit von dem Orangenhain,

ich trank ein Fläschlein Wein,

sie sagt nicht nein,

und seither geh ich oft

unter den Orangen und denke

so allerlei in meinem Sinn.

 

Johannes Leckebusch 2´92



Die Ikarinen-Malerin

 

Seit ich sie kenne, malt sie Ikarinen.

In ihrem ersten Brief schickte sie mir eine

besonders leichtfüßige, die mir gefiel.

Damals schon in jenem Rot, das sie immer benutzt.

 

Meistens gefallen sie mir, die Ikarinen,

doch heimlich frage ich mich,

warum malst Du nie etwas anderes, nie?

Aber laut traue ich mich nicht, sie zu fragen.

 

Ist es vielleicht, weil es noch keiner

von diesen gelungen ist, wirklich abzuheben,

den fliegenden Frauen, fliegen wollenden Frauen?

Die immer an der Erde kleben bleiben.

 

Wenn sie aber glaubt, ihrem Glück auf der Spur zu sein,

dann will sie immer allein sein, ohne mich.

Dann störe ich. Auch, wenn sie auf den Spuren

ihres Unglücks wandelt. Und da wandelt sie oft.

 

Zigmal hab´ ich Zeit mir gestohlen, ihr zu Hilfe zu eilen,

will ich einmal Zeit mir gönnen, um sie mit ihr

in einem schönen Traum zu verbringen,

dann will sie nicht, daß ich um sie sei.

 

So bleib denn allein, Ikarinenmalerin, und ich werde suchen,

um zu finden, was oder wen ich eigentlich suche.

Denn Dich, wenn ich Dich nicht finden kann,

habe ich wohl doch nicht gesucht.

 

 


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