Orlandos Ufo Blackdot

Orlandos Ufo

von Johannes Leckebusch

 

Die Generalüberholung

oder

Die Dauer des Glücks

 

Orlando fliegt das kleinste und schnellste Ufo in der ganzen Galaxis. Es bietet an Bord Platz für knapp eine bis maximal zwei PersonInnen, und es verfügt über den schlitzohrigsten Servicecomputer von allen.

 

Können Sie mir das nachfühlen? Es ist ein verdammt dummes Gefühl, wenn man sein Zuhause aus der Hand gibt. Was werden die Burschen wieder alles vermurksen? Wo werden sie überall ihre Nase reinstecken? Werden sie auch Odysseus, dem Bordcomputer, nichts antun? Schließlich würde er ja auch ein Persönlichkeits-Update erhalten. Hoffentlich würden sie endlich die Schramme am Armaturenbrett ausbessern, die sie mir letztes Mal reingemacht hatten!

Ich hatte mir ein Appartement in der Basis genommen, und weil ich es nicht gewohnt war, in fremden Betten zu schlafen, war ich noch ziemlich benommen. Ich dachte, ich sei am mittleren Vormittag aufgestanden, aber ich war so lange ziellos in der Stadt umhergeirrt, dass ich jede räumliche und zeitliche Orientierung verloren hatte. Und so stand ich nun in der riesigen, lärmenden Geschäftszone und versuchte, den Weg zur Ufowerkstatt wiederzufinden. Leider hatte ich meinen Taschenführer im Ufo liegen lassen - da war er gut aufgehoben! Über meinen Köpfen wirbelten schrill angezogene Touristen in ihren Sackschwebern herum, und es war ein unbeschreibliches Tohuwabohu wie in einem orientalischen Basar. Tatsächlich nannte man diese Meile auch so: Der Basar.

Die wirklich professionellen Besucher - so wie ich - gingen natürlich zu Fuß, denn nur so konnte man alles richtig genießen. Man blieb an jeder Ecke stehen, schaute den schwebenden Händlern zu, guckte in die fliegenden Schaufenster, kletterte mit seinen Flugschuhen die Etagen rauf und runter. Der Grund, warum man sich hier niemals zurechtfand, egal, wie oft man schon da gewesen war, sind eben diese schwebenden Geschäfte: Manchmal existieren sie nur einen Vormittag lang, und selbst diejenigen, die einen Stammplatz haben beziehungsweise zum "festen Inventar" gehören, wechseln - scheinbar oder tatsächlich - ständig ihre Plätze. Auf jeden Fall ändert sich ihre Umgebung täglich. Man nennt so was bekanntlich auch eine fliegende Stadt. Nichts für einen Galaxianer vom Land, d.h. von den Randgebieten, wie ich einer war, wo man so konservativ war, dass man feste Städte auf und unter der Planetenoberfläche bevorzugte und selbst die Raumbasen mit fester Gestalt und langen, tristen Gängen mit richtigen Türen konstruierte (und sogar noch alte Stationen in Betrieb hatte, in denen die Schwerkraft dadurch erzeugt wurde, dass man sie rotieren ließ - aber Sie wissen ja, was für unangenehme Begleiterscheinungen das hervorruft). Nicht so eine Hohlkugel voller herumfliegender Einrichtungen wie Konfetti in einer Lottotrommel. Dies aber war Paradox, die größte fliegende Stadt im Zentrum der Galaxis. Außer dem Namen war nichts an ihr konstant, denn natürlich reisten viele Geschäfte zwischen den diversen fliegenden Städten hin und her. Aber ich schweife ab.

 

Natürlich konnte ich es mir eigentlich gar nicht leisten, das Ufo überholen zu lassen. Sogar die vorgeschriebene Inspektion hatte ich schon um drei Monate überzogen (wenn man die Kommunikationswege der Raumflugbehörde mit ihren inhärenten Verzögerungen kennt, geht das, man muss nur nach einem bestimmten, chaotischen Schema die Galaxien wechseln, die Theorie hat M. N. Olivetree in einem Aufsatz mit dem Titel Das Problem des Fahndungsflüchtlings in Uniscisciousness beschrieben, den Jahrgang habe ich vergessen, aber mein Freund Edwin Disappearer wird ihn wissen), und bedauerlicherweise war mein letztes Buch Verfrühte Memoiren eines galaktischen Einsiedlers ein Flop gewesen. Das Finanzamt meiner Heimatgalaxis hatte eine ziemlich drohende Intermail geschickt, in der sie nicht nur eine umfassende Steuererklärung über die letzten drei Jahre forderten, sondern außerdem einfach mal so dreißigtausend Verrechnungseinheiten, und ferner wollten sie umgehend das Ufo pfänden, dessen Zeitwert ich gefälligst zu berechnen und zu belegen hätte. Ganz zufällig verließ mich drei Tage nach dieser frohen Botschaft meine alte Liebe (die sie, wie sie meinte, nicht mehr sein wolle, weil sie sich eben so entschlossen habe) und die Unicom kündigte meinen Galaccount. Toll. Wie sollte ich da dem Finanzamt meine Steuererklärung durchgeben? Mein alter Freund Edwin, der große Erfahrungen mit solchen Schwierigkeiten hatte, gab mir einen Tipp: Ich sollte einen HoloNewsAccount beantragen und auf diese Weise dem Finanzamt meine pekuniären Verhältnisse persönlich und in 3D vortragen (natürlich über Wormlink, was dachten Sie?). Er wusste nämlich, dass das Finanzamt der Milchstraße noch keine Holoterms hatte (oder doch, aber die Beamten waren noch nicht ausgebildet, damit umzugehen, irgendwas in der Richtung, dessen war er sich ganz sicher), gleichwohl würden sie eine Nachricht erhalten, dass ich in dieser Form eine Steuererklärung abgegeben hätte - bloß konnten sie sie nicht einsehen. Wäre aber nicht mein Problem. Das verschaffte mir schätzungsweise ein paar Monate Ruhe, würde aber wahrscheinlich nicht verhindern, dass sie mein Ufo zur Fahndung ausschrieben. Außerdem würde die Steuererklärung natürlich unwirksam, wenn mir der HoloNewsAccount wieder gekündigt würde, was absehbar war, da ich ihn ja nicht bezahlen konnte. Mein Freund meinte, ich solle mich dann auf ein dreißig Jahre altes, immer noch gültiges Urteil berufen, derzufolge ein Bürger, der sich keine Kommunikationsdienste mehr leisten kann, immer noch das Recht habe, seine Steuererklärung auf papierenen Formularen abzugeben, ich sollte also einen Brief auf Papier schreiben, um die Zusendung dieser Formulare (oder waren es doch beschreibbare CDs?) bitten, was dann zur Folge hätte ... an diesem Punkt erreichten seine Worte meinen Geist nicht mehr, denn ich hatte im Holo-Schnupperaccount etwas entdeckt:

 

Unlimited Personal Voyagers

 

Wir suchen noch Reiseführer mit eigenem Ufo (Umrüstung auf die Bedürfnisse unserer Kunden wird über Unlimited Credits finanziert). Toleranz im Umgang mit fremden Lebensformen erforderlich, mehrjährige Erfahrung bevorzugt, außerdem mindestens 1000 Lichtjahre Flugerfahrung in 10 oder mehr Galaxien erforderlich. Bewerbungen über HoloNews@Andromeda. ... usw.

 

Genau das richtige, um solche Tölpel wie mich reinzulegen. Ich konnte nicht verhindern, dass Edwin mir über die Schulter sah und mich sogleich mit einem Kompendium hilfreicher Ratschläge bedachte.

Aber ich bin dort gewesen (besser gesagt, ich habe sie anholografiert). Und jetzt ...

 

Das Mädchen mit den dunklen Augen

 

... schließlich gab ich mich geschlagen und wollte schon nach der nächsten Infohandlung Ausschau halten, um mir einen neuen Führer zu besorgen, als ich sie sah. Sie studierte grade den ihren, daher bemerkte sie nicht, wie ich sie anstarrte. Nein, förmlich mit den Augen verschlang! Ich war elektrisiert und zugleich gelähmt wie vor Schreck. Endlich traf mich, als sie den Kopf mit der schwarzen Haarmähne hob, ein Blick aus ebenfalls beinahe schwarzen Augen. Und ein spöttisches, abschätziges Grinsen, das eine ganze Weile auf mich herabschwebte. Der Lärm der fliegenden Stadt war auf einmal nur noch ein fernes Rauschen wie am sandigen Strand eines besonnten Meeres, denn sie lächelte mir zu. Diese Städter (so stufte ich sie erst mal ein) haben ein sehr direktes Wesen, sie schwebte auf mich zu und fragte ohne Umschweife: "Wie heißt du?". Aus der Nähe sah ich, dass sie eigentlich nicht hübsch war - nach herkömmlichen Maßstäben. Aber sie hatte irgendwas an sich - und vor allem: Diese Augen! Sie hatte ein Notizbuch in der Hand, und über der Schulter etwas Merkwürdiges hängen, das ich schließlich als eine ausziehbare Staffelei und einen Zeichenblock erkannte.

"Orlando" stammelte ich, und versuchte, mich irgendwo festzuhalten, denn ich hatte begonnen, mich langsam um meine eigene Achse zu drehen. Da fasste sie mich an der Hand und wir schwebten auf eine Plattform - ein fliegendes Café, wie ich benommen erkannte. "Und du? Wie heißt du?"

Sie schürzte die Lippen und überging meine Frage: "Du siehst aus, als hättest du dich verflogen!" meinte sie spöttisch.

"Ich suche die Ufowerkstatt, ich habe mein Ufo zur Generalüberholung gegeben, und wollte es wieder abholen. Das war vor drei Tagen, und es müsste heute fertig sein?"

Sie warf einen kurzen Blick auf ihren Holoführer und bemerkte dann: "In diesem Septanten ist Donnerstag."

 

Die Sache mit der rotierenden Woche war zu viel für mich armen Land-Räumling. In Paradox war ständig eine ganze Woche - gleichzeitig, versteht sich. Die Stadt war in sieben, nicht scharf begrenzte Zeitsektoren unterteilt, die wie ein Mühlrad rotierten und so mit den Tagen von Montag bis Sonntag alle Stadtteile überstrichen (Neuankömmlingen erzählt man gerne die Anekdote von dem Stadtabgeordneten Karl Irrwirr, der einen Antrag eingebracht und aufgrund seines Redetalentes beinahe durchgebracht hätte, die Wochensektoren nach einem Zufallsprinzip fraktal über die Stadt fluktuieren zu lassen. Auf Betreiben der Gewerkschaften wurde er schließlich aus der Bannmeile der fliegenden Stadt verwiesen, da man befürchtete, er könnte irgendwann anderes derartiges Ungemach anrichten). Daher kommt es, dass man in bestimmten Teilen der Stadt niemals einkaufen kann - eben da, wo gerade Sonntag war. Aber Sie können sich vorstellen, dass das niemanden ernsthaft störte - übrigens war es dort immer sehr ruhig, keine herumwuselnden Kunden, keine Touristen, keine Marktschreier - nur Spaziergänger. Nicht der einzige Grund übrigens, warum die Stadt diesen Namen hatte. Jedenfalls war es begreiflicherweise schwierig, eine Verabredung wie diese zu treffen: "Wir sehen uns nächsten Mittwoch im Café Picasso", denn niemand konnte wissen, in welchem Tagessektor sich das fliegende Café Picasso in drei Tagen aufhalten würde - es sei denn, man hatte eine aktuelle Speisekarte zur Hand, in der das - allerdings ohne Gewähr - für ungefähr eine Woche im Voraus angegeben war. Mir wurde etwas mulmig, weil mir einfiel, dass ich den Auftrag gegeben hatte, Odysseus (mein Ufo) mit der neuesten in Paradox erhältlichen SofTech auszustatten... übrigens saßen wir gerade im Café Picasso, wie ich mit Freude bemerkte, als sich der Tisch freundlich nach unserer Bestellung erkundigte.

Das Mädchen mit den dunklen Augen fixierte mich und murmelte halblaut: "Orlando - du bist aber nicht etwa Orlando mit dem Ufo?"

Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen: "Doch, genau der bin ich. Woher weißt du von mir?"

Sie schlug die Augen nieder und bemerkte wie obenhin: "Oh, ich schreibe eine Diplomarbeit über moderne Vagabunden, und da bin ich auch auf deinen Namen gestoßen. Übrigens heiße ich Estrella." (Viele Wochen später entdeckte ich in ihren Sachen ein zerfleddertes Exemplar der Verfrühten - aber das ist eine spätere Geschichte.)

Estrella! Was für ein Name. Wo hatte ich doch neulich von einer Estrella gehört? Es fiel mir nicht ein.

"Wenn du willst, bringe ich dich nachher zu deiner Werkstatt - ich nehme an, es ist Die Raumwerkstatt..."

"Selbstverständlich!" erwiderteich und beobachtete, wie sich die Tischplatte ausbeulte und plötzlich zu einem Caféservice mit einer Tasse dampfenden Kaffees und einer kleinen Platte mit einem Käsekuchen ausformte. Vor Estrella erschien in gleicher Weise ein Cappuccino und ein wunderlich geformtes Törtchen, das einem Frauenkopf mit gewaltiger unförmiger Nase ähnelte. Jeder kennt doch Die Raumwerkstatt von Paradox, das Zentrum der modernen Raumfahrttechnik.

"Was hast du richten lassen" fragte Estrella und rührte in ihrem Cappuccino. "Oh - eigentlich nichts, ich wollte nur mal wieder die neueste Instrumentenausrüstung. Das lasse ich alle zwei oder drei Jahre machen - ich bin ein bisschen ein Freak, was das anbelangt. Allerdings frage ich mich ..." Ich verlor ob meiner Flunkerei irgendwie den Faden.

"Ja?" Estrellas Augen waren ein tiefer, schwarzer Abgrund - nein, zwei, zwei schwarze Löcher, die mich einzusaugen schienen.

"... ich frage mich, ob ich damit noch klarkomme, wenn ich mich hier so umsehe!" Estrella lächelte wieder, und ihr Lächeln würde das Nichts schmelzen lassen, falls die gerade in Mode befindliche physikalische Theorie das zuließe.

Mir machte allerdings im Augenblick etwas anderes Kopfzerbrechen - ich hatte das Ufo am Freitag in die Werkstatt gegeben, und man hatte mir versprochen, dass es Montagnachmittag fertig sein würde. Das war vor drei Tagen gewesen - und nun war heute - oder besser gesagt, hier Donnerstag. Wie mochte das ausgehen? Doch Estrella zerstreute meine Sorgen, indem sie die schillernde Folie ihres Holoführers aus ihrer cremefarbenen Handtasche zog, sie aufklappte und hineinsprach: "Wo befindet sich Die Raumwerkstatt und wie kommen wir da am schnellsten hin". Der Holoführer gab zur Antwort, Die Raumwerkstatt halte sich im Sektor Montagnachmittag auf - also auf einer ganz anderen relativen Position in Paradox, und dass er eine Fahrt mit der Donnerstag-Montag-Metró empfehle, deren 15-Uhr-Station in etwa 10 Minuten die Position des Café Picasso passieren würde - wir bräuchten nur in Ruhe unseren Kaffee auszutrinken und dann einzusteigen. Estrella schien das alles in keinster Weise verwirrend zu finden, und so begab ich mich zuversichtlich unter ihre Führung.

Kaum hatte ich meinen Kuchen aufgegessen und durch Auflegen meines Kreditpasses auf die Tischplatte Estrella eingeladen, als ein zylindrisch-ovaler Kokon auf das Café Picasso zuschwebte, der sich - wohl aus nostalgischen Gründen - Metró nannte. Als er für eine Minute am Café anlegte, entströmten ihm etliche Passagiere, und wir reihten uns in die neu zusteigenden Fahrgäste ein. Das Innere bestand aus einer gemütlichen, einem Bistró ähnlichen Einrichtung mit einer in der Mitte platzierten Bar und einer Anzahl frei herumschwebender Tische und Stühle. Estrella fasste mich an der Hand und strebte einem Tisch zu, auf dem eine Karte stand: "Ausstieg Montag 15.30". Als wir uns zu zwei jungen Mädchen an dem Tisch gesetzt hatten, bemerkte Estrella: "Wie du siehst, dauert die Fahrt eine halbe Stunde, es ist ja praktisch am anderen Ende der Stadt."

Ich wusste zwar nicht recht, was sie mit "anderes Ende der Stadt" genau meinte, verschluckte aber eine diesbezügliche dumme Frage und musterte verstohlen das eine der beiden jungen Mädchen. Vermutlich waren es Schülerinnen, und die rechte hatte ein Kostüm an, das sie durchsichtig erscheinen ließ - ich konnte durch sie hindurch die Tische dahinter und die anderen Fahrgäste erkennen. Das andere Mädchen plapperte darüber, was sie in den Ferien unternehmen wollte. Um den Kopf hatte sie etwas wie einen Nebel in Form der Galaxis, und Estrella erklärte mir halblaut, dass das ein Reiseprospekt sei, sie hätte sozusagen gerade alle möglichen Urlaubsziele der Galaxis "im Kopf" und könnte sich in einer fantastischen Halluzination nach Belieben hier- oder dorthin begeben - und was sie dabei vor ihrem inneren Auge sah, schilderte sie gerade in den lebhaftesten Farben ihrer durchsichtigen Freundin, die hin und wieder kritische Einwände erhob. Offenbar besprachen die beiden eine gemeinsame Ferienreise.

Estrella fing ein Gespräch an, wahrscheinlich, um mich von den beiden abzulenken, und meinte, sie würde mich gerne porträtieren.

„Hast du eine Fotolinse im Auge?" Ich sah ihr kritisch in die Augen.

Sie schüttelte abwehrend und etwas pikiert den Kopf: „Nein, zeichnen - mit der Hand! Auf Papier!!!"

 

Ich konnte nichts davon spüren, ob sich der uns umhüllende Kokon bewegte - durch die Fenster sah man zwar allerlei Sehenswürdigkeiten der Stadt vorüberziehen, aber es schien sich nur um eine Werbeprojektion der Stadtgesellschaft, nicht um eine reale Aussicht zu handeln. Die halbe Stunde war vorüber, ehe ich mich recht gefasst hatte, und Estrella stupste mich an: "Hier müssen wir aussteigen!"

Unser Tisch war an die Wand getrieben, und in der Wand des Kokons, die eben noch einen Blick auf Alices 1000-Wunder-Park gewährt hatte, erschien eine Öffnung, durch die wir auf die Plattform Der Raumwerkstatt hinaustraten. Man muss sich vergegenwärtigen, dass die 15.30-Station des Montag zu einem - äh, anderen Zeitpunkt - vielleicht am Kaufhaus Andromeda oder vielleicht am Holografischen Multimediainstitut liegen mochte. Der Führer hatte aber für uns eine Route berechnet, die uns ohne weitere Fußmärsche oder Umsteigeaktionen direkt zu unserem Ziel brachte. Fragen Sie mich nicht, was für eine Mathematik so etwas bewerkstelligen konnte, wahrscheinlich Bergson der Jüngere, schauen Sie mal in sein zehnbändiges Werk Die Auflösung des Chaos (von dem allerdings erst der zweite, vierte und neunte Band erschienen sind, der erste nach ausführlicher Begründung in der Einleitung des vierten sowieso nicht erscheinen wird, da er wissenschaftlich überholt sein würde, während im neunten Band fortlaufend daraus zitiert wird, und im zweiten Band immerzu von einem dreizehnbändigen Werk die Rede ist, der neunte Band aber als „Nachtrag zur achtbändigen Gesamtausgabe von „Die Auflösung des Chaos" betitelt ist).

 

Selbstverständlich hatte das Ufo die Generalüberholung bereits selbst bezahlt, und es empfing mich in einer der Abholboxen. Zu meiner Erleichterung sah es von außen ziemlich unverändert aus, sodass ich es gleich erkannte. Außerdem hatte es seine Lieblingsfarbe Lila angenommen, die ich ihm auf keine Weise austreiben konnte. "Hallo Odysseus".

"Hallo Orlando" begrüßte mich das Ufo mit seiner gewohnten, sanften Stimme, "wen hast du mitgebracht?"

"Oh - Pardon, das ist Estrella. Sie hat mir den Weg gezeigt - außerdem glaube ich, ist sie neugierig darauf, dich kennenzulernen. Estrella - du sprichst mit Odysseus - nostalgisch gesprochen, dem Bordcomputer!"

"Ich bin das neue Handbuch." kicherte Odysseus kokett und öffnete die Einstiegsluke, und bemerkte dann etwas zögernd: "Um ehrlich zu sein - ich kenne mich selbst nicht wieder!" Ich sah mich ziemlich fassungslos um - denn ich konnte nicht die kleinste Veränderung bemerken. Selbst die Schramme am Hauptkontrollpult war noch da.

"Aber - sie haben ja gar nichts gemacht..." stammelte ich und rieb vorwurfsvoll über die Schramme.

"Das täuscht" bemerkte Odysseus mit einem ironischen Unterton - und die Schramme verschwand vor meinen Augen. "Ich dachte, du findest dich besser zurecht, wenn ich erst einmal den Ausgangszustand - von Montag in diesem Sektor - annehme. Ich habe jetzt eine virtuelle Instrumentierung mit einem Zweijahresvertrag - das heißt, die nächsten zwei Jahre kann ich ohne Aufpreis die jeweils neuesten Instrumente und Techniken annehmen. Ich habe im Augenblick einen Raumantrieb der 9. Generation, und die..."

"Halt halt halt!" unterbrach ich und ließ mich in den Commandersessel fallen. Dabei fiel mir Estrella wieder ein und ich bot ihr den Sessel der Copilotin an.

"Eigentlich brauchst du ja gar keine Instrumente, du sagst mir einfach, wohin ich fliegen soll, und dann..." fing Odysseus wieder an.

"Ich dachte, das Thema hätten wir erledigt! Manchmal möchte ich von Hand fliegen - und nicht mit Automatik! Schließlich bin ich Raumfahrer und keine alte Dame, die Kupplung und Gaspedal nicht auseinanderhalten kann!"

"Ist ja gut!" antwortete Odysseus in besänftigendem Tonfall. "Ganz wie du willst! Sag mir, welche Instrumente du haben willst, und ich nehme sie an."

Mir blieb der Mund offen stehen...

"Ich brauche nur eine Liste der Bordinstrumente. Zum Beispiel einen Metaraumkompass, die Schalter für den Antrieb der 9. Generation, und..." faselte Odysseus weiter. Ich ließ ratlos die Blicke über die Skalen und Bildschirme schweifen, die wie Holoprojektionen vor mir auftauchten und wieder verschwanden.

 


Orlandos Ufo II

Fraktale Zimmerfluchten

 

In Orlandos Ufo wurden variable Räume für die Passagiere nach dem Konzept der selbstähnlichen Verkleinerung eingebaut.

 

Ich hatte meinem Ufo in der fliegenden Stadt Paradox im Zentrum der Galaxis die neueste SofTech verpassen lassen. Bei dem Aufenthalt hatte ich mich verirrt und Estrella kennengelernt, die hier offenbar zu Hause war; ein Mädchen mit schwarzen Haaren und schwarzen Augen, das eine Diplomarbeit über "moderne Vagabunden" schreiben wollte (und mich als solchen betrachtete und außerdem unbedingt von Hand porträtieren wollte). Zusammen holten wir das Ufo Odysseus in Der Raumwerkstatt ab. Verblüfft musste ich feststellen, dass überhaupt nichts an den Armaturen verändert war - sogar eine alte Schramme, die ich dem Kontrollpult mal - äh, in einem Wutanfall - beigebracht hatte, war noch vorhanden (oder war das nicht doch die Werkstatt bei der letzten Inspektion gewesen?). Doch der Schein trog - darauf angesprochen ließ Odysseus die Schramme verschwinden. Und nach einer kleinen Auseinandersetzung darüber, wer eigentlich das Kommando führte - der Bordcomputer oder ich - meinte Oddy (nicht ohne seinen üblichen, frechen Unterton): "Sag mir, welche Instrumente du willst - und ich nehme sie an. Ich brauche nur eine Liste der Bordinstrumente. Zum Beispiel einen Metaraumkompass, die Schalter für den Antrieb der 9. Generation und..."

 

Estrella, die auf dem Sitz der Copilotin Platz genommen hatte, räusperte sich: "Was ist denn das für ein Typ von Computer?"

 

"Äh ..." ich kratzte mich am Kopf. Das war ein etwas spezielles Thema, auf das ich lieber nicht näher eingehen wollte - schließlich kannte ich Estrella erst seit ein paar Stunden, und - was auch immer Oddy war - ein Spirälchen hatte noch nie auf seiner Konsole geklebt. Wenn Sie wissen, was ich meine - die galaktische Zulassungsbehörde für MolCom & InterCom (MCIC, nur echt mit der gelben Spirale).

"... ich müsste jetzt eigentlich meinen Kurs berechnen und..." murrte ich in meinen Bart.

Oddy quatsche schon wieder dazwischen und säuselte: "Das kann ich doch für dich erledigen! Vielleicht möchtest du mit der Dame noch einen Besuch in der Zentrifugalsauna machen?"

"Oddy!"

Estrella klimperte mit ihren dunklen, natürlichen Wimpern und sah mich wieder so an, dass es auf der Stelle ein schwarzes Loch verdampft hätte, wenn ich eins gewesen wäre: "Wohin willst du denn so dringend verreisen, großer Raumfahrer?"

Ich spürte, dass sie mich auf den Arm nahm, aber ich konnte meine Verlegenheit nur schwer abschütteln: "Tja, äh - ich habe da einen Auftrag, von dem ich hoffe, dass ich damit meine Schulden bei der Intergalaktischen Bank etwas reduzieren könnte, und zwar..."

"Bäh. Er hat mich als Taxi verschachert..."

"Sei still, Oddy. Sonst gebe ich dir den Befehl, dich auf Binärfunktionen zu reduzieren!"

"Nicht doch - ich sag ja nichts mehr!" maulte Odysseus und färbte beleidigt alle seine Konsolen dunkelviolett.

"Sei doch nicht so grob zu ihm!" meinte Estrella sanft, und dabei sah sie mich mit einer so bohrenden weiblichen Neugierde an, dass ich beinahe Magenschmerzen davon bekommen hätte. Sie platzte schier vor Wissbegierde, und ich überlegte, was für Konsequenzen es haben mochte, wenn ich ihr verriete, was wir vorhatten. Vielleicht würde sie ja... würde ich das wollen? Es war ohnehin schon eng in meinem Ufo, und mit dem Passagier - dabei fiel mir siedendheiß ein, dass ich ja nicht einfach frei über mich und Oddy verfügen konnte, und dass ich mich außerdem dringend bei meinem Auftraggeber melden musste.

"Ach - ich will dich nicht in etwas hineinziehen, was möglicherweise intergalaktische diplomatische Verwicklungen auslösen könnte, ich meine..."

Irgendwie klang es ziemlich verworren, was ich da gesagt hatte. Verflixt...

Ein ungeduldiges Piepsen ließ mich aus meinen verzweifelten Gedanken aufschrecken. Wenn Oddy beleidigt war und etwas sagen wollte, piepste er wie ein anachronistischer Computer...

"Was ist das?" frage Estrella irritiert und schaute sich um.

"Ich bin das!" platzte Oddy heraus. Und dann flötete er: "Orlaandooo!"

"Was willst du?" fragte ich unwirsch.

"Heißt das, ich darf etwas sagen?"

"Ich habe den Eindruck, das tust du bereits!"

"Ich wollte nur sagen - ich habe - natürlich auf Spesen - ein Fraktalappartement einbauen lassen, und natürlich könnte ich das..."

Estrella runzelte die Stirn: "Was will er uns damit sagen?"

"Oh - " ich stand auf, "Oddy ist indiskret. Aber was er sagen will, ähm -" Ich kniff die Lippen zusammen. Im Gegensatz zu diesem trinären Sperrmüll hatte ich noch einen Rest von Manieren. Aber dann kam mir eine unverfängliche Idee: "Er meint, ob du vielleicht Lust hast, dir meine - tja, bescheidene Behausung anzuschauen!"

Estrella legte in leichtem Misstrauen den Kopf schief und schaute mich abschätzend an: "Ja, gerne, natürlich. Nur scheint es - als würde ich schon alles sehen...".

Dazu muss man wissen, dass Odysseus, von außen betrachtet, einen Durchmesser von etwa fünf Metern hat, die Absorberscheibe nicht mitgerechnet (den dünnen flachen Ring, mit dem er beim Raumflug Energie aus dem Nullraum aufnimmt). Wir befanden uns in der Kommandozentrale, einem runden Labor von etwa 4 Metern Durchmesser, das mit Instrumentenpulten, Bildschirmen usw. vollgepackt war. Daher überraschte es nicht, als Estrella noch hinzufügte: "Wo schläfst du eigentlich?".

"Tja, ich..." Wo war eigentlich mein herunterklappbares Bett abgeblieben? Außerdem hätte er doch huckepack eine Passagierkabine anbauen lassen sollen - davon war von außen aber nichts zu sehen gewesen!

Oddy unterbrach meine Gedanken auf seine unfeine nichtenglische Art: "Wollen wir nicht erst einmal das Foyer besichtigen?"

Foyer? Was meinte er damit? Ich hatte das dringende Bedürfnis, Oddy unter vier Sensoren zu sprechen, aber das wäre sicherlich Estrella gegenüber noch unhöflicher gewesen, als wir uns ohnehin schon betrugen. So lächelte ich gequält und meinte: "Ich weiß auch nicht, was die mir alles eingebaut haben - vielleicht lassen wir es uns einfach mal zeigen!"

Dieses begierige Aufleuchten in Estrellas Augen! Die Frauen sind doch alle gleich ... auf eine gewisse Art, meine ich! Nein, sie sind natürlich alle verschieden - auf andere Art. Ach was.

 

Etwas auf dem linken Ringtischchen zirpte aufgeregt, und ich griff schnell danach, in der Einbildung, Estrella würde es nicht bemerken, um es mir ins Ohr zu stecken. Das mag altmodisch erscheinen, aber ich habe ein eingefleischtes Misstrauen gegenüber Braininterfaces, und wenn Sie Oddy erst einmal näher kennengelernt haben, werden Sie mich sicher verstehen. Also ließ ich mir von ihm in archaischer Manier über den Ohrstecker zuflüstern: "Ich kann so viele Kabinen und - ach - Hallen in mir anlegen, wie ich will - ich meine, wie du willst. Es kostet nicht viel Energie - es ist fraktal, verstehst du?"

Fraktal, fraktal, hämmerte es immerfort in meinem Kopf (und es tönte wie 'fatal, fatal'). Da war doch mal was in einer Vorlesung über theoretische Physik - oder war das Mathe gewesen - aber wie sollte das konkret funktionieren? Oddy flüsterte in mein Ohr: "Hier hinten geht´s in den eingefalteten Raum.", und irgendwie plapperte ich das laut nach, ohne genau zu wissen, was es bedeutete. Jedenfalls schob sich eine Schiebetür mit leisem Surren auf, und zuerst dachte ich selbst, das wäre nun ein neuer Ausgang aus meinem Ufo und wir würden in eine Art Empfangszimmer Der Raumwerkstatt blicken (nein, was hatte dieses dumme Ufo doch für einen schlechten Geschmack. Nun ja, es hatte wohl zu viele Prospekte von Raumschiff-Innenausstattern gelesen). Aber so viel Platz war in der Abholbox, in der mich mein Ufo nach der Überholung erwartete, gar nicht gewesen. Und Gummibaum hatte da schon gar keiner gestanden (Oooodddy!). Wir sahen auf eine (scheinbar) sonnendurchflutete Halle, und ich fasste Estrella mutig an der Schulter, um sie dort hinein zu führen. Ich konnte nichts spüren, aber ich wusste genau, dass wir uns mit dem Schritt durch die einladende Türe um mindestens einen Faktor 10 räumlich verkleinerten (da der Ohrstecker mir das gerade zugeflüstert hatte), und wenn wir durch eine der Türen gehen würden, die von dem - etwas pompösen, ich deutete es schon an - Foyer irgendwo, Gott weiß, wohin, führten, würden wir wieder um einen Faktor 10 verkleinert werden - somit schon 100fach! Und das jedes Mal, wenn wir wieder durch eine Tür "nach innen" schreiten würden. War nur zu hoffen, dass beim Rückschreiten aus dieser fraktalen Rekursion auch die Umkehroperation schmerzlos vonstatten gehen würde!

Interessanterweise merkte man nichts von dem Größentransfer, wenn man von außen hinein oder von innen herausschaute - das heißt, es ist war nicht, als blickte man nach Liliput hinein, oder umgekehrt, wie Gulliver bei den Riesen, in eine Außenwelt hinaus, in der alles zehnfach vergrößert ist. Es schien alles normal bis auf...

 

Jedenfalls, der Gag der Sache ist: man kann so beliebig viele Räume in ein Ufo beliebiger Größe (oder, <hust>, Kleinheit) packen, ohne dass jemals der Platz ausgeht - man läßt nur einfach immer ein Zehntel des noch verfügbaren Raumes übrig und packt da hinein eine um den Faktor 10 verkleinerte Fortsetzung der Räume, wobei man 1/10 vom ursprünglichen Zehntel übrig lässt. Eigentlich praktisch, nicht?

Ich versuchte, das Estrella zu erklären, und sie sah mich mit leuchtenden Augen an. Dann sprang sie immerfort durch die Türen - herein, heraus, heraus herein, und amüsierte sich wie ein Kind. Ich konnte nichts spüren, wenn ich durch so eine "Dimensionsfaltung" hindurchging, aber sie behauptete, es kribble ihr im Bauch und sei ein ganz fantastisches Gefühl. Wenn eine Frau so etwas sagt, bleibt man am besten ganz sachlich. Bloß keine Diskussion darüber anfangen, denn dabei zieht man entweder den Kürzeren oder sie wird richtig sauer und spricht nicht mehr mit einem. Vielleicht spüren sie ja wirklich Dinge, von denen wir Männer nichts ahnen? Manchmal fühle ich mich genötigt, das zu glauben!

Der einzige Haken dabei war, dass... aber ich sollte die Pointe nicht verschenken.

 

Wir saßen in einer gemütlichen Bibliothek, die ich mir blitzschnell ausgedacht und Oddy auf eine verschlüsselte Art mitgeteilt hatte (ausdrücklich ohne Gummibaum). Estrella hatte die Beine übereinander geschlagen und sah mich erwartungsvoll an, während sie an ihrem Drink nippte (etwas gespenstisch irisierendes, Oddy hatte gewusst, wie man ihn zubereitet, obwohl ich noch nicht einmal den Namen kannte).

"Naja - weißt du, das ist so: Ich habe den Auftrag angenommen, einen extragalaktischen Passagier auf einer sightseeing tour durch unsere Milchstraße zu befördern." Dabei fiel mir wieder mein Holoführer ein, in dem ich mir Notizen gemacht hatte, unter anderem über das InterGal-Hotel, wo ich meinen Gast abholen sollte. Der Holoführer musste - das hoffte ich zumindest - immer noch im Kommandoraum in dem Ablagefach unter der Hauptkonsole liegen, wo ich meine Hand- und Logbücher aufzubewahren pflegte. Ich sagte also zu Estrella, dass ich meine Notizen holen wollte.

 

Ist es Ihnen schon einmal passiert, dass Sie in einer fremden Wohnung die Haustür nicht wiedergefunden haben? Man glaubt sich ganz deutlich zu erinnern, dass man durch diese Tür hereingekommen war, stattdessen führt sie in das Schlafzimmer oder eine Besenkammer.

Ich stand also auf und ging aus der Bibliothek hinaus. Die hatte zwei Türen, aber darüber dachte ich erst später nach. Einen Augenblick schien mir, ich hätte mich verlaufen, aber dann gelangte ich in die Kommandozentrale, wo ich ja auch hingewollt hatte. Ich setzte mich in den Pilotensessel und sah leicht irritiert, dass die Schramme am rechten Pult auf einmal wieder aufgetaucht war. Ich seufzte und griff unter die Konsole - tatsächlich, da lag er! Ich zog die hörende und sprechende Holofolie hervor und hörte hinter mir jemand kichern. Zuerst dachte ich, Estrella sei mir nachgegangen - doch als ich mich umdrehte, sah ich ES: Ein weißes Ei, wohl einen Meter von Spitze zu Spitze (1 mSS), schwebte mitten im Kommandoraum. Ich gebe zu, es war eines abgebrühten Raumfahrers nicht ganz würdig, aber ich stieß einen heiseren Schrei aus: "Odysseus!!!"

"Ja? Habe ich dich erschreckt?" Das war das Ei - das mit Oddys Stimme geantwortet hatte! Mir schien, als schwebten Zeichen in der Luft, die sich langsam von hinten her auflösten: {;-))###***

Verärgert sank ich in den Sessel zurück: "Hast du noch mehr solcher Scherze auf Lager?"

"Das ist kein Scherz." entgegnete das Ei/Oddy beleidigt.

"Was denn?"

"Ich hatte einfach mal Lust, mich zu materialisieren, und mit den neuen Möglichkeiten..."

"Spielkind!" knurrte ich und stand wieder auf.

"Wo willst du hin?" wollte das Ei wissen.

"Wohin schon - zurück in die Bibliothek!"

"Zurück? Vielleicht komme ich lieber mit..."

"Ich finde den Weg allein!" fauchte ich und entschwand durch die Tür, die von der Kommandozentrale in das fraktale Innere des Schiffes - äh, Ufos führte. Diesmal fand ich den Weg in die Bibliothek sofort - aber sie war leer!"

"Estrella - wo ist Estrella?"

"In der Bibliothek" sagte das Ei über meine Schulter, das lautlos hinter mir hergeschwebt war. Entgeistert sah ich mich um: "Aber - sie ist nicht da!" Ich blickte unter den Tisch - keine Estrella.

"Natürlich nicht hier - nicht in dieser Bibliothek!"

Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter und ich herrschte Oddy an: "Was hast du wieder angestellt?"

"Ich habe gar nichts angestellt!" Er war tief beleidigt. Einmal hatte er in diesem Zustande geschlagene drei Tage nichts mehr mit mir gesprochen, sondern nur meine Befehle mit "Jawohl - sofort" quittiert. Mir recht, wenn er nur endlich einmal den Mund hielt.

Etwas war sonderbar - der Kamin, in dem vorher ein lustiges Feuer gebrannt hatte (ich schämte mich wegen meiner Grobheit, denn damit hatte Oddy mir einen meiner geheimsten Wünsche erfüllt...), war kalt und leer. Und er lag rechts von der Tür, durch die ich eingetreten war! Ich konnte mich deutlich erinnern, dass ich auf der linken Gesichtshälfte die Glut des Feuers gespürt hatte, als ich hinausgegangen war - durch die Tür da hinten, rechter Hand des Kamins. Irgendwas kribbelte in meinem Nacken. Ich ging an eines der Bücherregale und nahm einen Band von Simone de Beauvoirs 'Das Alter' heraus. Ich weiß nicht, warum ich das tat - und dann machte ich kehrt. Diesmal ging ich durch die Tür links vom Kamin hinaus. Ich wandte kurz den Kopf, weil dort eine Reproduktion von Eschers Lithografie 'Bildgalerie' hing, die mir vorher nicht aufgefallen war. Ich lief zurück zur Kommandozentrale. Diesmal fand ich den Rückweg sofort - und er kam mir sehr viel kürzer vor. War ich nicht das letzte Mal durch diese gelbe Tür rechts gekommen? Ich öffnete sie und sah wieder den langen Gang mit den Blumenkübeln (alberne Idee von Oddy). Ich lief ihn hinunter, öffnete auf´s Geratewohl ein paar Türen - und plötzlich schlug mir der Geruch des brennenden Kamins entgegen. Und dann stand ich wieder in der Bibliothek, und Estrella sah von einem Buch auf.

"Wo warst du?" stammelte ich und sah in den brennenden Kamin. Estrella schloss das Buch und legte es auf den Couchtisch, unter den ich vorher geguckt hatte. Es war "Das Alter" von Simone de Beauvoir.

"Hier war ich - ich habe auf dich gewartet - und was ist das?" Sie deutete über meine Schulter, und hinter mir sagte eine wohlbekannte Stimme: "Ich bin das!"

Ich murmelte so was wie da wird doch das Byte im Ram verrückt und sank neben Estrella auf das Sofa. Dabei legte ich mein Alter neben das von Estrella auf den Tisch. Mir war, als ergäben sie zusammen 62 (addieren Sie ruhig ein wenig)[1].

"Oh!" machte Estrella.

"Odysseus!" Ich gab meiner Stimme jenen Unterton, der ihn, nebst Nennung seines Namens in der offiziellen Form - meistens - zur Raison brachte.

"Ich habe nichts getan!" beteuerte das Ei und schwebte vor dem Kamin hin und her.

"Lass das - und erkläre uns, was hier vor sich geht!".

Und das Ei erklärte uns, dass der einzige Haken bei den fraktalen Zimmerfluchten darin bestünde, dass sich irgendwann die Anordnung von Räumen und Gängen wiederholen muss, wenn man immer wieder nach ´innen´ geht - das dann aber unbegrenzt oft. Fragen Sie mich nicht, warum - lesen Sie lieber ein Buch über die Anwendung der Fraktalmathematik in der praktischen Quantenphysik (z. B. das Handbuch von FraQuant Limited von Theodor Holzapfel, es steht in jeder meiner Bibliotheken auf dem Board über dem Kamin). Es sei aber nicht verboten, die Zimmerflucht beliebig kompliziert zu machen, denn der Zyklus darf auch Reduktionsstufen umfassen, erläuterte Oddy.

 

"Ja aber - müsste dann dort - in dieser Bibliothek weiter unten, wenn ich mal so sagen darf, nicht auch ein Feuer gebrannt haben - und sind dort jetzt auch zwei Bücher von Beauvoir, oder keins mehr?"

"Die Theorie der Fraktale spricht von sich wiederholender Ähnlichkeit - nicht von Identität" erklärte Oddy (als Ei).

 

Wissen Sie - das Einzige, was ich nicht verstehe - wie kam mein Holoführer in die innere Inkarnation der Kommandozentrale? Oddy!!!

Könnten Sie sich daran gewöhnen, dass Ihr PC dauernd durch die Wohnung geistert und dabei ständig seine Gestalt verändert?

"Lass bitte überall diese Gummibäume verschwinden!" befahl ich barsch, um das Thema zu wechseln. Estrella machte "ooch" - und dann, dann, ob Sie es glauben oder nicht, schlug sie mir allen Ernstes vor, Oddysseus bei der Ausstattung der Räume mit Pflanzen zu beraten. Frauen!

 

Natürlich wollte Estrella vor allem endlich erfahren, was es mit unserem Passagier auf sich hatte, und wohin er reisen wollte. Aber das, liebe Leser, ist eine andere Geschichte... wenn es mir erlaubt wird, erzähle ich sie vielleicht nächstes Mal!

 


Orlandos Ufo III

Der Passagier - Androgynos

 

Das Ufo nimmt einen außergalaktischen Passagier auf. Im Ufo wird die Technik der "problemangepassten Konsole" erprobt.

 

Haben Sie schon einmal versucht, sich mit einem völlig fremden Wesen zu verständigen? Ich meine mit einem, das wirklich aus einer anderen Welt stammt, und dem alles menschliche so fremd ist wie - nein, da haben wir es schon: Es gibt keinen Vergleich! Und wenn es nur das "menschliche" gewesen wäre, das ihm fremd war ...

Es war der Tag bevor ich meinen ersten Auftrag antrat (erst sehr viel später habe ich begriffen, dass das nur ein Probeauftrag war). Estrella, die ich in Der Fliegenden Stadt kennengelernt hatte, wo ich Odysseus, mein Ufo, zur technischen Erneuerung hingebracht hatte, wollte unbedingt mit! Natürlich! Und Odysseus, der unmögliche Knopf (besser gesagt: Das schräge Ei!) hatte sofort mit seiner neumodisch-fraktalen Innenarchitektur gespielt. Eigentlich war die dazu da, um in einem Ufo von vier Metern lichtem Innendurchmesser eine Suite für einen außergalaktischen Gast einzurichten. Er aber - um vor Estrella zu protzen - schafft eine in sich rekursive Zimmerflucht mit Bibliothek und flackerndem Kamin... und stellt, der Tor, alles mit Gummibäumen voll. Dies hatte natürlich weibliches Missfallen erregt - und den Wunsch bei nämlichem Wesen, die Bepflanzung des Ufos an sich zu reißen. Infolgedessen Estrella mit großem Gepäck aufwartete - ca. 20 Kartons mit Blumenkübeln. Heilige Galaxis, wenn ich geahnt hätte, dass Estrellas Orchideen beinahe zu schwerwiegenden diplomatischen Verwicklungen geführt hätten...

 

(... hier könnte man das ausgestalten!)

Ich möchte taktvoll darüber hinweggehen, wie sich ihr Einzug abspielte - um nicht zu sagen, hinzog. Aber wahrscheinlich bin ich ja ungerecht - und Estrella meinte, ich sei ja ein ganz harmloser Chauvi, da wäre sie schon mit ganz anderen Kalibern fertiggeworden (ja wirklich, Oddy kann´s bezeugen, dass sie das gesagt hat... er bewahrt alle vielsagenden Sprüche für die Nachwelt auf in seinem holografischen Superspeicher).

 

Ich weiß nicht wie es uns gelungen war, aber wir waren reisefertig. Wir sollten unseren Gast in Dem Hotel in der Fliegenden Stadt abholen. Das Problem war - außer seiner Adresse wussten wir gar nichts. Nicht einmal seinen Namen (Estrella sagte: Ihren Namen). Odysseus gab ein kratzendes Geräusch von sich, so wie wenn man mit einer Gabel unter Wasser auf einem Teller schabt, bei dem es mir an verschiedenen Körperstellen unangenehm schauderte, und behauptete: Das sei der Name des Gastes (der Gästin, korrigierte Estrella). Aber selbst sie nahm dankenswerterweise von jeglichem Versuch Abstand, den Namen nachzusprechen oder ihn mit unserem Geschirr nachzuspielen. Wir wussten auch nicht, wie wir der Gastperson (ich suche, mich aus der femisprachlichen Affaire zu ziehen - wenn ich geahnt hätte...) das Zimmer richten sollten. In den Orders hieß es nur: "Bereiten Sie sich darauf vor, spontanen Wünschen der auftraggebenden Partei zu entsprechen." In diesem Behörden- und Diplomatendeutsch war jedermann/frau gleich eine Partei! Daher hatte Oddy ja kraft seiner kybernetischen Intelligenz entschieden, sich mit Fraktalware auszustatten... Das Spesenkonto lief auf eine Bank, deren Emblem eine liegende 8 war... (Unlimited Intergalkreds).

 

Oddy verursachte eine vorübergehende Krise des Teams, als er den Vorschlag machte, die Gastperson vorläufig als "das Wesen" zu bezeichnen.

 

Aber zunächst bekamen wir es gar nicht zu Gesicht ... sondern nur einen großen, kugelrunden Tank, der mit sonderbaren Armaturen ausgerüstet war und fortwährend gurgelnde und surrende Geräusche von sich gab. Eine zweite kleine Kugel war mit "Diplomatisches Gepäck" deklariert und trug die Aufkleber verschiedener Spiralgalaxien sowie eines blauen Kugelsternhaufens - der Heimatgalaxis unseres Gastes. Irgendwas tickte in meinem Kopf, als ich davon erfuhr, aber zunächst konnte ich mich nicht darauf besinnen ...

Odysseus erklärte: "Unser Gast ist ein Nullschwerkraft-Wesen, und es kann erst im freien Weltraum seinen Container verlassen."

"Wird ihm unsere Atemluft nicht schaden?" fragte Estrella besorgt.

"Die Luft ist ihm ganz egal. Aber es verträgt keine Schwerkraft! Jedenfalls fast keine - nur Mikrogravitation." Das konnte ja heiter werden!

 

Odysseus schaffte es auf magische Weise, das Ding an Bord zu holen - es passte nämlich nicht durch meine Ladeluke. Nicht, weil das Wesen so groß war - aber lesen Sie mal im Intergal-Handbuch nach, wie diese Nullgrav-Container funktionieren - ich habe mit mir Frieden geschlossen, indem ich akzeptierte, dass ich es nicht verstehe. Jedenfalls sind sie sehr groß.

Odysseus legte eine Fraktaltür nach draußen - sozusagen eine riesige Ladeluke. Durch die passte der Container hindurch - und da sich alles, wie ich schon beim letzten Mal zu erklären versuchte, um den Faktor Zehn verkleinert, was durch eine Fraktaltür nach innen tritt - naja, Sie wissen schon. Quatsch. Estrella hat den Vorgang von außen gefilmt. Da ist einfach ein riesiges Tor. Und das führt in einen Lagerraum, der viel größer ist, als das Innere des Ufos in einsteinschen Dimensionen. Aber er befindet sich natürlich nicht im einsteinschen Innenraum, sondern in einer Fraktalfalte. Und zwar auf zweiter Stufe. Dort könnte sich ein Raum befinden, der zehnmal größer als der eigentliche Innenraum des Ufos ist. Ich ging also durch die Dimensionstüren, die Oddy neu angelegt hatte, da hinein und befand mich in einer Lagerhalle, aus der man durch ein riesiges Tor nach draußen (also außerhalb des Ufos) blickte. Versuchen Sie nicht, das zu verstehen, überlassen Sie es einfach Ihren Enkeln, die werden das ganz selbstverständlich finden (oder, wenn Sie es sich wirklich nicht verkneifen können, lesen Sie bei Walter Tiefenberg, Der Tunneleffekt zwischen fraktalen Falten und andere Universalübergänge nach).

 

Und dann sollten wir starten. Ich nahm in meinem Pilotensessel Platz (und Estrella in dem der Copilotin) und sah etwas unschlüssig auf mein altes Schaltpult. Die alte Schramme rechts war schon wieder aufgetaucht - ich würde mich nie daran gewöhnen, dass sie alle naslang vor meinen Augen verschwand und regelmäßig wieder da war, wenn ich eine Weile nicht hingesehen hatte (sicher nur eine Schusseligkeit von Oddy, oder vielleicht ein running SR2-Gag?). Odysseus, der sich als weißes, leuchtendes Ei von einem Meter Längsmesser zu materialisieren liebte, schwebte zwischen uns und gab mit seiner spitzbübisch-sanften Stimme eine Erklärung ab:

"Lieber Orlando, ich werde dir jetzt das Konzept der neuen Schiffssteuerung vorführen. Früher hatte man für alles ein extra Anzeigeinstrument. Das hat die Piloten oft verwirrt, sodass es zu menschlichen Bedienungsfehlern kam, und ..."

Ich murmelte etwas halblaut vor mich hin, das nicht dafür gedacht war, dass es jemand verstehen sollte.

"... das neue Konzept der lokalen, problemorientierten Armaturen sieht vor, dass es zuerst nur einen Knopf gibt ..."

Ich blinzelte. Alle meine geliebten Armaturen schienen sich vor meinen Augen aufzulösen - genauer gesagt, sie wurden weich wie Uhren von Dalí, färbten sich gleichmäßig braun und zerflossen wie Wachs auf einem Ofen - es blieb nur noch ein leerer Tisch aus Nussbaumholz (oder einer sehr guten Imitation). In der Mitte war ein weinroter Knopf. Die Schramme, nebenbei bemerkt, verflüssigte sich auch und war nur noch als geschnörkelte helle Maserung zu erkennen.

 

"Soll ich den Knopf drücken?" fragte ich verunsichert.

"Natürlich - wozu ist er wohl sonst da?"

Ich tat es, und es formte sich wie aus lebendigem Wachs ein kleiner Bildschirm, auf dem einige wenige Anzeigen erschienen: Das Symbol einer stilisierten startenden Rakete mit orangem Feuerschweif, mit einem erhabenen, metallisch glänzenden Rahmen darum und der Inschrift START, sowie ein Symbol mit einem Schraubenschlüssel und CHECK-UP und noch eines, das ich vergessen habe. Instinktiv deutete ich mit dem Finger auf die Rakete. Daraufhin verschwanden die Symbole, es erschien ein allerliebstes miniaturisiertes aufgeschlagenes Logbüchlein in himmelblauem Einband und einer blinkenden Schrift: ZIEL ANGEBEN.

"Sehr stimmungsvoll!" murmelte ich. Unter meinen Fingern kitzelte es, sodass ich erschrocken die Hände vom Pult nahm - da war auf einmal eine Tastatur aus der Holztafel gewachsen. Rechts neben dem geöffneten Logbuch, in dem auf der offenen Seite schon das heutige Datum eingetragen war, lag ein stilisiertes sehr dickes Handbuch, geschlossen, in Leder gebunden, mit der goldgeprägten Aufschrift HELP und darunter einem bordeauxroten schweizer Nanomesser mit Facettenaugen, bei dessen Anblick es mir unerklärlicherweise im Magen drückte!

Estrella kicherte unbeherrscht, ich murrte nur etwas, das hoffentlich keiner verstand.

Ich tippte die Koordinaten einer Stelle im freien Weltraum, da wir ja eine Zone ohne (nennenswerte) Schwerkraft ansteuern sollten, um unseren Gast aus seinem Blechkokon befreien zu können.

Kaum hatte ich das getan (irgendwo blinkte eine grüne Schrift "Pilot durch Fingerabdruck autorisiert"), surrte das Ufo leise, und ich gewahrte durch das Fenster, dass die schwebenden Gebäude Der Fliegenden Stadt blitzartig verschwanden. Halblaut hörte ich den automatischen Check der Raumkontrolle - alles passierte gleichzeitig und rasend fix. Na, wenigstens ein flotter Antrieb! Aber mir wurde schwindlig, und die Konsole versank vor mir im Boden. Doch dann begriff ich, dass ich aus dem Sitz geschwebt war, und ich konnte grade noch mit der linken Hand die rechte Armlehne erwischen, die sich langsam über mir drehte. Irgendwo unter oder über der Decke zappelte etwas und ruderte mit den Armen!

Ich verfluchte meine Nachlässigkeit und befahl Oddy, meine Magnetpantoffeln zu bringen - und ein paar für Estrella (hoffentlich hatten wir welche in ihrer Größe an Bord - doch Oddy hatte vorgesorgt. Verdammt - warum hatte er nicht daran gedacht, er wusste doch, wie schusselig ich war)!

 

"Meine Blumen!" Estrella stieß einen gellenden Schrei aus und fuhr wieder in die Höhe, wo sie erneut ruderte und zappelte. Dann besann sie sich auf ihre weibliche Überlegenheit, reichte mir galant eine Hand, zog sich wortlos zurück zur Decke (wo ich gerade "stand") und stürmte, soweit das bei Nullschwerkraft möglich ist, zur Fraktaltür ins Innere des Ufos. Ich ihr nach, denn ich hatte das dringende Bedürfnis, nach unserem Gast zu sehen.

 

Estrella verfiel sofort in beruhigtes Gangtempo, als sie merkte, dass in den Fluren eine geringe, aber ausreichende Schwerkraft herrschte, um die Blumenkübel am Boden zu halten. Ich hätte mir nur fast das Hirn eingerannt, da ich ja zunächst auf der Decke in den Gang trat ...

 

Und dann sah ich, wie ein Blumenkohl versuchte, mit einer Orchidee Konversation zu machen. Der Blumenkohl, der ein kleines Kästchen umgeschnallt hatte, sagte - durch das Kästchen - soeben: "Wenn Sie mir schon nicht verraten wollen, wie Sie heißen, könnten Sie mir den Weg zum Kapitän zeigen?" Die Orchidee verzog keine Miene. Der Blumenkohl rotierte mit höflichem Nachdruck und piepste (durch das Kästchen): "Bitte!"

Die Orchidee ließ sich nicht erweichen.

 

Ich prallte gegen Estrella (bei 1/10 g eine wenig galante Geste), die wie angewurzelt stehengeblieben war. Als wir uns auf dem Boden wiederfanden, Estrella beinahe mit dem Wesen im Schoß, das ich im ersten Schrecken beinahe für einen Blumenkohl gehalten hätte, sagte der B.... das Wesen (immer noch durch das Kästchen, ich werde das nicht weiter betonen): "Guten Tag. Darf ich mich vorstellen, ich bin Rrrzl$%&zscht! Sagen Sie, ist es bei Ihnen üblich, auf den Fluren zu schlafen, oder spricht ihr Kollege hier eine andere Sprache? Kann mir jemand sagen, wo sich der Kapitän aufhält?"

Estrella deutete mit dem Daumen auf mich, besann sich dann aber auf ihre damenhaften Manieren und erwiderte artig: "Der Kapitän sitzt hinter mir. Und das da ist eine Orchidee, sie spricht nicht."

"Das tut mir aber leid." bemerkte das Wesen mitfühlend. "Wie heißt sie denn?"

"Wie heißt wer?" entfuhr es mir.

"Wie heißt, bitteschön, die Orchidee?"

Ich sah Estrella an, die vor Verlegenheit rot anlief. Jemand interessierte sich positiv für ihre Blumen, und sie hatte vergessen, ihnen Namen zu geben!

"Ja - es ist bei uns nicht üblich, Pflanzen Namen zu geben." stammelte sie.

"Pflanzen - sind das Leute, die nicht sprechen können?" Das Wesen rotierte wieder insistierend.

"Wollen wir nicht in die Bibliothek gehen?" mischte sich da eine weitere Stimme ein, die dem einzigen gehörte, der noch einen Überblick zu haben schien: Odysseus!

 


Orlandos Ufo IV

Yin und Yang

oder

Jagd durch die Dimensionstore

 

Können Sie sich eine Verfolgungsjagd in den Korridoren eines Ufos von 5 m Außendurchmesser vorstellen? Eine Verfolgungsjagd zwischen zwei - äh, außerirdischen Zwillingen oder dem, was einem heterogynen Zwilling am nächsten kommt (versuchen Sie jetzt nicht, diesen Ausdruck zu verstehen) - und einem wildgewordenen Computer in Gestalt eines riesigen weißen Eies?

Wenn ich Ihnen einen ärztlichen Rat geben darf: Versuchen Sie nicht, sich das vorzustellen!

 

Gyne, gynaikós = Frau, aner, andrós = Mann,

Androgynos spaltet sich in ein männliches und ein weibliches (Semizwillings)-Zombie. Diese tollen dann mit Oddy durch die Korridore des Raumschiffes und ziehen die fraktaldimensionalen Türen auf und zu.

 

 

Das Ufo war in den freien Weltraum aufgebrochen - mit einem sehr, sehr fremdartigen Passagier an Bord. Da es sich - zumindest laut dem Handbuch Umgang mit Wesen der Art XLMTRZKCSCH um ein Nullschwerkraftwesen handelte, mussten wir die künstliche Schwerkraft an Bord abschalten - zumindest fast, denn zum Glück war eine minimale Schwerkraft erlaubt, die Estrellas Blumentöpfe so grade auf den Korridorfußböden festhielt. Man musste sie aber sehr vorsichtig gießen, sonst schwemmte man sie weg - außerdem floss das Wasser nur träge wie Honig an den Stängeln und umhüllte sie mehr, als dass es in die Erde eingetreten wäre. Wir forschten noch an der Konstruktion einer Nullschwerkraft-Gießkanne - aber das ist eine andere Geschichte.

 

Estrella hatte die fraktalen Korridore hier und da mit Orchideen ausstaffiert. Als wir unseren Gast zum ersten Mal zu Gesicht bekommen hatten - nachdem er seinen Nullgrav-Container verlassen hatte - trafen wir ihn auf dem Korridor bei dem Versuch, mit der rosaroten Orchidee ein Gespräch zu führen - eine etwas einseitige Unternehmung, obwohl das Wesen, das ich zuerst für einen Blumenkohl gehalten hatte (peinlicher Irrtum) durch ein umgeschnalltes Übersetzungskästchen parlierte. Leider verstehen Orchideen kein Terranisch, geschweige denn, dass sie es sprechen könnten!

 

Wir gaben uns große Mühe, dem Wesen zu erklären, warum man sich nicht mit Orchideen unterhalten konnte, und schließlich begnügte es sich damit, mit uns zu sprechen (durch das Kästchen, versteht sich). Aber es schien nicht ganz überzeugt ... es schien uns für Barbaren zu halten, weil wir den Blumen keine Namen gegeben hatten.

 

Nachdem Estrella mich als Kapitän vorgestellt hatte, gingen - respektive schwebten - wir in die Bibliothek. Ich hatte immer noch etwas Mühe, mich in den weitläufigen und verwinkelten Korridoren zurechtzufinden - und das, obwohl das ganze Ufo nur einen Innendurchmesser von 4 Metern hatte. Aber es waren eben fraktale Korridore mit Dimensionstoren dazwischen, die alles, was hindurchtrat, jedes Mal um den Faktor 10 verkleinerten ...

Das Wesen rollte wie ein Kürbis über den Boden und beschleunigte auf den Geraden erstaunlich - ich konnte nicht genau erkennen, wie es das machte, jedenfalls hatten wir große Mühe, mit ihm Rad - äh, Schritt zu halten.

 

In der Bibliothek wartete es ab, und ich wusste nicht recht, ob ich ihm einen Sessel anbieten sollte. Als wir uns schließlich verlegen rechts und links vom Kamin setzten, nahm es einen kleinen Anlauf und sprang auf die Couch gegenüber dem Feuer.

Wir tauschten ein paar Höflichkeiten aus, in deren Verlauf ich klarstellte, dass ich und Estrella menschliche Wesen wären, und das weiße Ei von 1 m Längsmesser, das sich im Schiff rumtrieb, ein Peripheriegerät von Odysseus, meinem Bordcomputer. Dann wollte das Wesen wissen, wer Estrella wäre.

Ich kratzte mich am Kopf und sah sie erwartungsvoll an: Wer war sie eigentlich?

"Ich bin eine Studentin, und ich möchte diese Reise gerne mitmachen, weil ich - einfach aus Neugier, um etwas zu lernen - über das Leben, auch über andere Lebensformen ..." sie stockte ein wenig.

"Da ist etwas, das ich nicht verstehe," begann das Wesen, "nach meinen Informationen gibt es zwei Menschen. Es heißt aber auch, es gibt nur eine Art Menschen."

Wir sahen es verblüfft an, und ich wollte ansetzen: "Es gibt nicht zwei Menschen, es gibt Billiarden Menschen, alle von der gleichen Art!", aber Estrella wedelte abwehrend in der Luft.

"Ich meine nicht, dass Ihr euch in so viele Exemplare teilt, wenn es euch Spaß macht. Warum sind hier an Bord zwei Menschen - einer würde doch ausreichen!"

 

Ich massierte meinen Skalp, und Estrella kicherte unbeherrscht. Sie schien da etwas zu verstehen, das mir noch nicht aufgegangen war, und ich sah sie bedeutsam an. Schließlich setzte sie zu einer Erklärung an: "Es gibt zwei Formen von Menschen - Frauen und Männer. Sicher, eigentlich - " sie warf mir einen kurzen, vielsagenden Blick zu, der eine Mischung aus Vorwurf und großmütiger Nachsicht beinhaltete " - würde es reichen, wenn es nur Frauen gäbe. Aber so ist es nun mal nicht!"

Das Wesen warf ein: "Ja, ich habe das in meinem Wörterbuch: Menschenfrau, Menschenmann. Aber was bedeutet das?"

Ich richtete mich leicht auf: "Ähm, das bedeutet ...", aber Estrella machte "schscht" und drängte sich wieder vor: "Es macht uns Spaß, zweierlei zu sein - zweierlei Geschlechter. Kennt ihr das nicht?"

Das Wesen schwieg eine Weile, dann wollte es wissen: "Und die Geschlechter, wie ihr diese verschiedenen - äh - Kategorien nennt, sind verschieden?"

Estrella setzte sich in Positur: "Sieht man das nicht?"

Ich musste schmunzeln, das Wesen schien verunsichert: "Für mich sehen alle Menschen gleich aus - so ziemlich jedenfalls."

"Nun siehst du - es macht uns Spaß, verschieden zu sein - nur ein bisschen, nicht zu sehr. Die einen sind so - und die anderen sind anders. Und die, die so sind, die möchten sich gerne mit denen, die ein bisschen anders sind, ergänzen, weil sie Sehnsucht nach Vollkommenheit haben ..." und dann hielt sie einen langen, langen Vortrag, in dem Begriffe wie Yin und Yang und ich weiß nicht was noch alles vorkamen.

 

Als sie geendet hatte, schwieg das Wesen lange, dann stieß es sonderbare Laute aus, die sein Übersetzungskästchen nur zu hilflosem Error-Piepsen brachten. Endlich sagte es - aus dem Kästchen: "Ich finde, das ist eine witzige Idee! Das möchte ich auch probieren!"

 

Sprachs und begann sonderbar zu zittern und zu pumpen. Estrella und ich beobachteten es sehr besorgt, weil wir befürchteten, es könnte durch die ihm so fremden Vorstellungen krank geworden sein. Dann schnürte es sich plötzlich in der Mitte ein und - plop - wie zwei Gummibälle sprangen zwei etwas kleinere solche Wesen auf den Boden, das Übersetzungskästchen purzelte ebenfalls von der Couch und blieb liegen. Die beiden fußballgroßen Wesen aber zirpten aufgeregt, sie tollten herum, flitzten hin und her, und dann schien es, als würde das eine das andere jagen. Das taten sie die nächsten Tage - ununterbrochen. Wir steuerten einstweilen einen beliebigen Kurs, und manchmal stolperten wir in den weiten fraktalen Fluren über die beiden, die immer noch zirpend und quieksend hintereinander herjagten. Ich konnte sie nicht unterscheiden, aber Estrella gab ihnen verschiedene Namen - wen wundert es: Das eine nannte sie Yin, das andere Yang, und das ursprüngliche Wesen Andy (von Androgynos), obschon es gar nicht mehr existierte - denn sie glaubte fest, dass es sich eines Tages, wenn es sich in seiner neuerfundenen Zweiheit ausgetobt haben würde, wieder zu einem Wesen vereinigen würde.

Übrigens schienen die beiden allerlei Entdeckungen zu machen - so fanden sie heraus, dass man an jedem der Dimensionstore zwischen den fraktalen Abschnitten ein Tor öffnen konnte, durch das man direkt - ohne lange Umwege durch gewinkelte Gänge - in jeden beliebigen Raum gelangen konnte, zum Beispiel direkt von der Kommandozentrale in die Bibliothek oder zu einem Swimmingpool und anderen Räumen, von denen ich bisher gar nichts gewusst hatte. Ich fand das sehr praktisch, aber es nervte mich doch nach drei Tagen, als sie immer noch die Dimensionstore laut knallend auf- und zurissen.

 

Etwas anderes machte mir auch noch zu schaffen: Zu viel Gesellschaft. Ich bin es gewohnt, viel allein zu sein - schon als Kind brauchte ich die Möglichkeit, mich jederzeit zurückziehen zu können und für mich zu sein; wenn ich einen Tag oder zwei mit Spielkameraden verbracht hatte, wollte ich unbedingt für eine Weile wieder alleine sein.



[1] 42. Dies ist eine Insider-Anspielung. In einem bekannten parodistischen SF-Roman der Vorzeit ("Per Anhalter durch die Galaxis") wird ein riesiges Computersystem beauftragt, die Antwort auf alle Fragen und den Sinn des Lebens zu finden. Nach Millionen von Jahren dauernden Berechnungen gibt der Computer an, die Antwort laute "42". Um aber die Frage zu finden, auf welches dies die Antwort sei, wird ein neuer Computer konstruiert - der aber ist die Erde. Fünf Minuten, bevor die Antwort fertig ist, wird die Erde zerstört, weil sie einem geplanten intergalaktischen Highway im Wege steht. In diesem Fall lautet die andere Antwort natürlich 20, falls Sie mir folgen können.

 

2 SynReality - nach dem aus Mode kommen der VR (Virtual Reality) Rückkehr zum haptischen Prinzip durch DNT (dynamic nano technic).


Bitte wählen Sie einen Text oder die Ausgangsseite im Inhaltsverzeichnis links!