|
Hallo Ihr Lieben, hier mal wieder etwas aus
meiner frühesten Jugend. Als ich das schrieb, ging ich noch zur Schule. Ich war
wohl nicht älter als 16. Ein Klassenkamerad, der ein sehr begabter Musiker zu
werden schien und herrlich auf dem Klavier improvisieren konnte*, wollte es
einmal vertonen. Leider ist er, als ich für einige Monate nicht in Deutschland
war, gestorben (ich weiß bis heute nicht, woran). Als ich wieder zurück war,
fand ich einen schwarzumrandeten Brief vor, der schon eine Weile dalag und mich
vom verstrichenen Termin seiner Beerdigung in Kenntnis setzte. Ich hatte damals
nicht den Mut, mich mit seinen Eltern in Verbindung zu setzen, die ich kaum
kannte. Es hieß nur "nach kurzer, schwerer Krankheit verstorben". Ich hielt den Text lange
Jahre für meinen besten. Mal sehen, was ich selbst nach dem Abtippen finden
werde. * Ich wollte einmal eine
Geschichte "Vom Haar dem Komponisten" schreiben, da er einen
ausufernden, wuschelig-lockigen Haarschopf trug. Leider gibt es von diesen
"Reisen in ein magisches Land in das Haar des Komponisten" nur ein
paar fragmentarische Kapitel. Was mir sonst von ihm
geblieben ist - einige Portraitaufnahmen, weil ich mal im Zeichenunterricht ein
"Portrait meiner Klasse" fotografierte - und irgendwo vielleicht noch
Tonbandbandaufnahmen seines Klavierspiels, die ich mal suchen muß. Ich denke, dieser Text paßt
nach TINTENFASS, mal sehen, wie er Euch gefällt. PS.: Die Kleinschreibung war
mein damaliger Spleen - also bitte keine Kommentare hierzu (hier darf man sich
das ja verbitten - {;-))). Die gelegentlichen "Double Spaces" sind
Bestandteil der Typographie. PPS.: "Tintenfass" muss wohl in den 80er-Jahren eine Mausgruppe gewesen sein - ein früheres von Enthusiasten betriebenes Mailboxnetz (ich hatte auch so ein System laufen), bevor das Internet alles plattmachte ... ode an das menschliche
dasein ich war ein schweigen und
stand in den sternen als erde ich war eine erde und über
mir standen die sterne ich war ein stern und stand
über der erde wir waren sterne und standen
über der erde um zu warten was geschieht
wenn wir sterne sind und über der erde stehen und warten wir waren eine erde und
schwiegen und wenn etwas geschah und
wir vergessen waren und trieben als sand über der erde dann warteten wir auf das
schweigen und warten ein schweigen zu sein über der erde zu stehen und zu warten zuerst war es dunkel und dann wurde es heller ein schein breitete sich über
den himmel aus der schein trank langsam das
dunkel aus bis es verschwunden war dann war es hell so hell daß man sehen konnte und die sterne starben damit
man etwas sehen konnte ein schein breitete sich aus
und zeigte den nebel und man sah daß es kalt war zuerst in einer ecke und dann rundherum bis es
überall kalt war dort wo die ecke gewesen war war es am hellsten und dort
sah man daß es nebel gab der nebel war der vorhang
hinter dem sich die sonne anzog im vordergrund und rundherum
war es hell und kalt aber hinter dem nebel war die
sonne und es war hell und kalt und
nebliger morgen und plötzlich stieg in der
ecke des himmels ein goldener lichtruf auf eine wolke und verkündete
den tag der tag war rot und golden
von einer wolke über der ecke des himmels und ein vogel antwortete dem
lichtstrahl etwas das man nicht verstand aber die anderen vögel
begannen darüber zu diskutieren und es war ringsherum himmel
und vögel und wolken himmel vögel und wolken hinter dem vorhang war die
sonne aber nicht still sie rief wieder und immer
lauter die wolken erschienen auf dem
himmel und der nebel schrie auf das licht sang so laut daß man nicht mehr
hineinsehen konnte rundherum waren wolken sie zogen vorwärts und
beiseite und am rande stieg vergessen
die sonne herauf und als die vögel den tag
beschlossen hatten da war er längst da die sonne zog blühende wege den wolken zuliebe des windes wegen den wolken zuliebe dem tag zu gehorchen die gräser zu wiegen die wellen zu lehren die blätter zu treiben der bäume lied zu
spielen die äste zu küssen den mund zu suchen mit den wimpern zu zucken den augen zu spielen immerfort zu spielen das
wilde süße spiel des lebens und der welten gan zu spielen zu leben das leben zu suchen es festzuhalten zu laufen bis weit in den
horizont so kommt ein mensch das leben zu suchen die welt
zu finden so kommt er in die welt eine
treppe herunter steht einsam in einer großen
wirren halle voll zähem stimmenvakuum er irrt umher in aller
weisheit der welt die strudelnd um ihn fließt er muß sich treiben lassen in
aller weisheit der welt die strudelnd um ihn fließt und er sieht nicht was
geschieht und weiß es nicht ganz langsam wacht er leise
auf und pendelt gegen den strom er sucht die flimmernde
orientierung und findet fesseln und verbote erfährt leicht vage auskünfte
und ist ganz verwirrt und weiß es nicht er will nicht auffallen und weil alle schreien und
niemand hört schreit er auch und hört
nicht mehr nur die unsichtbaren wirren
fesseln werden tausend laufende unbekannte spinnenfäden klebrig würgend als alptraumartige verdrängte angst sind täglich schweigend
enger immer lauter schreien ihre
fesseln und es kommt auf ihn zu und fordert lenkt bremsend in wirre zackige bahnen das bunte licht geht aus wird grau und lau es währe längst dieser mensch
vertrocknet hängend in staubigen
spinnweben in einer ecke vergessen würde er nicht weiter träumen
von goldener welt voll sonne mit wiegenden gräsern mit süßen roten liebesblumen singenden blüten filigranen ästen wild glühendem abendrot und goldenem morgen voll kaltem klammen tau immerwieder zerreißt der
nebel den glanz er träumt ja nur die wahrheit vergessen weinend spielen ein paar
tränen aber heimlich nur ganz für sich allein in
einer hellen ecke mit künstlicher maske und fadem gesicht in grauem regen ohne sturm und sonnenglut geordnet diktiert bequem im sessel vor dem
fernsehgerät und so vergißt er zufällt eine tür die sonne erlischt das licht schweigt wozu wohin wie lange niemand weckt es auf es träumt nur nüchternheit kalkulierend die
singende sonne vergißt den jagenden wind die flüsternde spannung den leisen hauch von süßer
angst vergißt und fort und fern und verloren und nun beginnt der ernst des
lebens er ist froh für geld und kino und kinder und sorgen und sünden und gnade und gerechtigkeit er küsst beglückt die
spinnweben und tanzt berauscht auf
schmalen besenstielen und sitzt bequem auf einem
knäuel staub und wenn dann jemand kommt zerreißt die fäden wirr und dumm
durcheinanderläuft nichts versteht alles träumt und haltlos
phantasiert dann schüttelt er den kopf mit recht führt kriege ganz begeistert
und warnt davor und flickt das graue netz und
wirft es helfend über das kleine wesen - es lassen
zu leben und die traumtür fällt zu der lichtspalt wird abgehackt der wirre lärm verstummt die sonne steigt allein sie zieht die bahn wohin wozu wer fragt danach die wolken nicht die äste singen die wiese tanzt die wellen reisen und küssen den sand die blumen blühen die vögel balzen niemand sieht die kleine erde
unten wie sie tränenlos und stumm
mit starrem gesicht in sich hineinweint vorbei vergessen die bäume tanzen der sarg vermodert das leben schweigt ich war ein schweigen und
stand in den sternen als erde ich war eine erde und über
mir standen die sterne ich war ein stern und stand
über der erde wir waren sterne und standen
über der erde um zu warten was geschieht
wenn wir sterne sind und über der erde stehen und warten wir waren eine erde und
schwiegen und wenn etwas geschah und wir vergessen waren und
trieben als sand über der erde dann warten wir auf das
schweigen und warten ein schweigen zu sein und
über der erde zu stehen und zu warten. Johannes Leckebusch |
| Bitte wählen Sie einen Text oder die Ausgangsseite im Inhaltsverzeichnis links! |
|---|