Blackdot

Der Nightbyter


(Klammer auf:) "Nightbyter" war mal in 80er-Jahren eine Kolumne von mir in der verflossenen Zeitschrift "computer persönlich" von Markt&Technik - na, ganz am Anfang all diesen Wahnsinns in der alten BRD. Ach ja - und überhaupt in den alten Tagen, als wir unsere Webseiten noch mit <hr size=3> gestalteten - war da alles nicht noch komplizierter oder nur genauso schlecht wie heute? (Klammer zu)

Zücksels Nachtgesang

Ich möchte nicht wissen, wie viele Ärzte spontan ihren Beruf aufgeben würden, wenn sie, zu einem Patienten gerufen, vor Situationen gestellt würden wie unsereiner.

Kollegin M. hatte mich in seit Wochen gewachsener Verzweiflung zu sich gebeten. Nach Feiertagen, Krankheit und Urlaub erhielt ich endlich für acht Uhr abends Audienz, um zu beweisen, daß ich der digitalen Künste mächtig sei. M. saß noch mit dem gerade vier Jahre alt gewordenen Töchterlein Nessrin vor dem PC. Die beiden Frauen (gewesene und künftige Frauenrechtlerin, ich wette) waren gefesselt von "Mein erstes Lexikon", und die Kleine wollte partout nicht ins Bett. Doch das war nicht das Problem, dessentwegen man mich bestellt hatte, auch nicht, daß der Multimedia-PC nur kaum hörbare Töne von sich gab - es fand sich ein Rädchen auf der Seite, mit dem man das ändern konnte, und der Vater, ziemlich unwirsch ob der unpädogischen abendlichen Verführung, entfernte sich mit dem greinenden Töchterlein, das zuvor noch mit wissenslüstern blitzenden Augen unserem Disput über die Vorführung auf dem Bildschirm gelauscht und noch ungelenk an der Maus geschoben hatte.

Nach all den beunruhigenden Vorgesprächen hatte ich erst mal gar nichts weiter mitgebracht - in der Annahme, es wäre dann eh das falsche gewesen und ich hätte Stunden mit nutzlosem Kopieren verbracht und Geld für Zubehör verpraßt, das dann doch nicht gebraucht werden würde. Murphy kennen Sie ja? Es waren da: Ein MacIntosh, Ziel der Sehnsucht von ISDN und Internet. Ein ISDN-Telefon ("geht nicht, und das Kabel habe ich auch falsch angeschlossen und krieg's nicht wieder raus" - ich verlangte nach einer Haarnadel oder Nähnadel ...). Ein (versuchen Sie nicht, das auszusprechen) ZyXEL Elite 2864ID, völlig verpackt und "unitialisiert" (was ich als Anfangshypothese glaubte, um mich dadurch erst in den ganzen Schlamassel so recht reinzureiten), ein Multimedia-PC für Windows (an dem vorher die Tochter ...) zum Initialisieren des Zücksel, ein grauer Kasten an der Wand, Telekom, ISDN-Anschluß. Nationales ISDN! Dagegen hatte ich vorher schon protestiert - wer denn nur auf so eine abwegige Idee kommen könne!? Ja, der Verlag wollte eben sparen, und das sei billiger als Euro-ISDN.

Während M. sich für eine Weile zurückzog, dem Töchterlein ein Fläschchen herzurichten und uns ein Abendbrot, studierte ich aufmerksam das Handbuch des ISDN-Telefons "FMN ISDN200". Es beschrieb auf fast 30 Seiten alle Schalter, Displays, Knöpfchen, Stecker und Funktionen, garniert mit den beliebten Stummfilmbildchen (Pictogrammen - ein schräger Hörer sollte wohl besagen: Heben Sie den Hörer ab), weigerte sich aber partout, eine in gewöhnlichen Sätzen abgefaßte Anleitung aufzuweisen, was man nacheinander tun sollte, um das Ding in Gang zu setzen. Ein Extra-Beiblatt "Hinweise zur Bedienungsanleitung" forderte mich unter Punkt 1. kategorisch auf: "MSN Bei der Erstbetriebnahme des FMN ISDN 200 ist zuerst - unmittelbar nach dem Anstecken an So-Bus - die zugewiesene MSN einzutragen."

Na schön - vielleicht tat es deshalb noch keinen Mucks, weil das noch niemand gemacht hatte. Aber wie geht das denn, bitteschön? Im Inhaltsverzeichnis keinerlei Hinweis auf sowas profanes wie "MSN eintragen". Dafür gelang es mir, dem Kapitel "Menüsteuerung" zu entnehmen, wie man das Telefon dazu bringt, zu piepsen und die Lautstärke dieses postmodernen Läutwerks zu beeinflussen. Irgendwann wollte es dann gar nicht mehr aufhören, weiterzuklingeln, so daß ich verzweifelt das Kabel aus der Wand riß.

Endlich hatte ich mich durch Abschnitte wie "Wichtige Elemente der Menüsteuerung" durchgeblättert zu einem Kästchen am Fuße der Seite "Servicemenü/Untermenü": "Es besteht die Möglichkeit (sic!) der Eingabe von bis zu drei MSN (multi subscriber/Mehrfachrufnummer) und Gültigmachen der MSN durch Drücken der Bestätigen-Taste. Die Anwahl der Eingabe der zweiten und dritten MSN erfolgt durch Drücken der Weiter-Taste."

Aha. Es besteht die Möglichkeit! Kein Zweifel. Aber wo und wie? Alle meine Versuche, irgendwelche Ziffern in das Display des Telefons zu tippen, ignorierte dieses standhaft. Hielt ich den Hörer zu lange abgehoben, erschien schließlich die lautlos mahnende Aufforderung "Hörer auflegen!". Langsam begann ich zu glauben, daß ich schon zu alt sei, um jemals ein ISDN-Telefon bedienen zu können. Aber dann entdeckte ich, daß ich das Stummfilmbildchen der Service-Taste mit dem der entfernt ähnlich besymbolten Shift-Taste verwechselt hatte, und damit erwachten meine Bastlerinstinkte wieder, und schließlich hatte ich durch fleißiges Probieren mit den Tasten "Bestätigen" und "Weiter" wirklich drei Nummern eingegeben.

Doch wählen oder amtstonen wollte das Telefon immer noch nicht. Außerdem stand irgendwo, daß es sofort nach dem Anschließen und ohne weitere Programmierung bereit sei, zu wählen. So!? M. erschien wieder und hielt mir erneut den Zettel von der Telekom mit den Durchwahlnummern unter die Nase. Da fielen mir an zwei Stellen gedruckte schlichte Feststellungen auf: "Das FMN ISDN200 ist für den Einsatz an Euro-ISDN-So-Basisanschlüssen für Mehrgeräteanschluß (Punkt zu Mehrpunkt) bzw. an S0-Nebenstellenanschlüssen vorgesehen."

Da ich den Patienten nicht heilen konnte, entschloß ich mich, ihn für tot zu erklären und meinte, an M. gewandt: "Das geht nicht. Das Telefon geht nur an Euro-ISDN-Anschlüssen. Ich sehe nirgends, wie man es auf nationales ISDN umschalten könnte." Meine liebe Freundin war dem seelischen Zusammenbruch nahe. Wir packten dann das Telefon wieder in eine Tüte und einigten uns, daß ich es mit nach Hause nehmen sollte, um es an meinem Euro-ISDN-Anschluß auszuprobieren.

Zwischenzeitlich gingen wir zum Abendessen hinunter und fachsimpelten über HTML 2.0 und 3.0 und Netscape, wobei ich - da ich mich erst vor kurzem damit zu beschäftigen begonnen hatte - immer wieder Fragen stellte und mich schließlich der triumphierenden Feststellung Ms konfrontiert sah: "Es freut mich ja mal, zu erleben, daß ich mich mit einem Computerthema vor Dir beschäftigt habe!" Ich grinste und mußte lachen.

Aber dann ging's wieder nach oben und ich sollte erneut meinen Digitus stehen.

Indes erwies sich die Situation mit dem Zyxel auch nicht als aussichtsreicher als die mit dem ISDN-Telefon: Erstens hatte der Multimedia-PC einen 9-poligen Anschluß für die serielle Schnittstelle, dem Modem lag aber nur ein 25poliges "Male-to-Female-Plug"-Kabel bei (M. amüsierte sich über die Bezeichnung Männlein und Weiblein für die Stecker und erklärte dies in feministischer Logik für "chauvinistisch", doch konnte ich den Finger auf die Stelle im Handbuch legen, wo wirklich von male und female plugs die Rede war). Half aber nichts. Das Handbuch schien nicht nur vorauszusetzen, daß der Anwender gewärtig war, ein Programm (die sogenannte "firmware") an das Modem zu senden und diesem dazu allerlei Befehle zu erteilen, sondern daß er auch die dazu notwendige Software besaß. Immerhin hatte man die Wahl, German nationales ISDN oder Euro ISDN hochzuladen, auch von "Control of Endgeräteauswahlziffer (EAZ)" wußte das englische Handbuch zu berichten. Aber das betreffende Terminalprogramm, mit dem man dies würde tun können und sollen, und wie man das bedient, gell, das wußte man schon selbst.

Nun hatte das Modem ja auch einen Parallelanschluß, und mit dem 25poligen male-to-female-Kabel konnte man es durchaus an die Parallelschnittstelle des Multimedia-PCs anstöpseln - nur war in dem einzigen verfügen Terminalprogramm von Windows von einer Einstellung auf die Parallelschnittstelle weit und breit nichts in den Menüs und Dialogboxen zu finden. Und ich hatte ja wohlweislich nicht meine gesamte Wohnungseinrichtung mitgebracht, in der es natürlich ... aber lassen wir das. M ließ in einem aus Befriedigung und Trost gemischten Tonfall die Bemerkung fallen: "Es erleichtert mich ja, daß auch Du das nicht alles in einer halben Stunde in Gang setzen kannst."

Schließlich probierten wir das Modem noch am Mac, an dem ja ein Kabel von den speziellen Mac-Steckern oder Buchsen (ich habe jetzt nicht nachgeschaut, wes Geschlechtes) auf eine profane 25polige RS-232-Verbindung vorhanden war. Als ich das Netzteil des Modems eingeschaltet hatte, leuchtete triumphierend eine Vielzahl grüner LEDs auf, und irgendwie reagierte es auch auch die Befehle, die ich ihm über das Mac-Terminal-Programm schickte. Aber alles, was es auf meine "Attention"-Befehle und Statusabfragen zu melden hatte, war schlicht und ergreifend "4". "Es sagt immer nur ´Vier´" meinte ich zu M. Wenn es wenigstens "42" gesagt hätte ... aber naja. Komisch - keinem von uns kam zu dieser späten, schon nachmitternächtlichen Stunde der tiefere Sinn der Antwort des Modems in den Sinn: Nessrins Alter!

Wir einigten uns darauf, daß ich das Modem mit nach Hause nehmen sollte, zu meinen 1001 Kabeln, Adaptern, Terminalprogrammen und meinem Euro-ISDN. So fuhr ich also, moralisch geschwächt, aber durch Käfer-Brot und Leberpastete und guten Wein physisch gestärkt durch Nacht und Nebel wieder ab nach Bayrischzell, heim in die Berge. Noch in derselben Nacht stöpselte ich das FMN ISDN200 in meine selbstverkabelte Euro-ISDN-Busdose. Und siehe da, es gab einen Amtston von sich, rief meine Nebenstellenanlage an und läutete (nachdem ich meine MSN einbestätigt hatte, was ich ja inzwischen beherrschte), wenn ich es von einem meiner anderen Telefone aus anrief. Befriedigt begab ich mich zu Bett. Doch noch nicht zu alt. Am nächsten Tag werden wir weitersehen.

Epilog: Tatsächlich funktionerte das Zyxel-Modem, als ich es mit passenden Kabeln an meinen PC anstöpselte und mit einem DOS-Terminalprogramm ansprach, sofort und weitestgehend klaglos, es wählte sich per ISDN in meine Maus-Mailbox ein, ein daran angeschlossenes Telefon konnte wählen und angerufen werden. Es lag also zunächst nur am Kabel. Warum es am Mac zunächst nicht funktionierte, ist wohl eine andere Geschichte, die ich erst noch erleben werde.

(C) by Johannes Leckebusch


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