Blackdot

Das Jahr der verständigenden Emigration

Mein diplomatisches Jahr bei den Extraterrestrischen Kidnappern

Kidnapping

Ich wurde gekidnapped, entführt. Eine absolute Paniksituation. Und irgendwie unheimlich. Ich wusste zuerst nicht, was eigentlich daran das Unheimliche war. Schließlich ist eine Entführung in unserer Gesellschaft etwas beinahe alltägliches - wenigstens alle paar Wochen werden von Bankräubern Geiseln genommen. Man nimmt dank der Medien sozusagen persönlich daran teil. Es ist nicht so spektakulär, dass man sich nicht vorstellen könnte, es würde einem einmal zufällig widerfahren.

Doch das war schon der erste Haken. Ich war nicht in einer Bank. Ich spazierte nachts im Wald. Aha, also will man jemanden durch meine Geiselnahme erpressen! Ich bin aber kein Millionärssohn. Ich bin ein seit Jahren dahinvegetierender selbstständiger Journalist und - so steht es jedenfalls auf den Visitenkarten, die ich mir gedruckt habe - Autor und Übersetzer. Ich schlage mich so durch, habe ein paar Schwierigkeiten mit meiner Bank, die mich ins Gebet genommen und - etwas gegängelt - vorerst noch einmal hat davonkommen lassen. Ich hoffe, irgendwann - vorzugsweise möglichst bald - durch irgendein tolles Buch oder eine andere heroische Unternehmung so viel Geld zu verdienen, dass ich nicht mehr zum täglich angestrengten Geldverdienen gezwungen sein werde. Mein Vater war ein gescheiterter Religionslehrer und - zumindest kommerziell - erfolgloser, sich nicht um Selbstvermarktung bemühender Künstler. Meine Mutter ist über 75 und in bescheidener Rente, sie malt immer noch, verkauft aber kaum je etwas. Ihr Haus in Bayrischzell wäre wohl kaum eines Erpressungsversuchs wert - außer jemand ist ein ganz kleiner und ein wenig verschrobener, aber immerhin findiger Gangster. Ich bin politisch völlig inaktiv, gehöre nicht einmal einer Partei an, habe niemanden umgebracht, auch keinen meiner Freunde oder Bekannten wissentlich so gekränkt, dass er oder sie mir etwas so drastisches würde antun wollen. Oder etwa doch? Nein, zu fantastisch. Es ergibt keinen Sinn. Vielmehr doch: Es muss sich um eine Verwechslung handeln. Man hält mich für jemanden, der in irgendeiner Hinsicht bedeutend genug ist, entführt zu werden.

Aber vorerst kann ich das nicht aufklären, da niemand mit mir spricht. Es spielte sich so ab: Ich konnte nicht schlafen. Zum Arbeiten war ich zu müde, auch ein wenig zu nervös, wegen des Termindrucks meines momentanen Übersetzungsauftrages - etwas aus dem Bereich Computertechnik und Neurophysiologie. Zudem hatte ich andere Aufträge angenommen, die auszuführen ich eigentlich kaum die Zeit hatte - um nur ja endlich aus dem großen, tiefen Tal in meinem Konto herauszukommen.

Daher gehe ich, es ist schon weit nach Mitternacht, zum See hinunter, schleiche im winterlichen Halbmondlicht den Spazierpfad hinunter und will eben die Seestraße zum "Paradies", der parkartigen Erholungsanlage am Ufer, überqueren, als ich zurückschrecke, weil im Dunkeln ein unbeleuchtetes Auto mit quietschenden Reifen losfährt und auf mich zuschießt, als hätte es genau darauf gewartet, dass ich hier über die Straße gehe. Allein das belegt, dass ich gar nicht gemeint sein kann, denn von meinem um diese Nachtzeit völlig unüblichen Spaziervorhaben weiß niemand - ich selbst wusste vor einer halben Stunde nichts davon, ich hatte mich spontan dazu entschlossen, als ich merkte, dass ich nicht schlafen kann.

Ich kann mich gerade noch an den Straßenrand retten, da hält das Fahrzeug mit lautem Reifenschrillen direkt mir gegenüber an. Wäre es nicht so finster gewesen, hätte ich vielleicht angenommen, in die Dreharbeiten zu einem Tatort hineingetappt zu sein. Die Beifahrertür - oder was ich dafür halten muss - wird aufgestoßen - das Fahrzeug kam von links, aus Richtung Starnberg. Ich werde so schnell, dass mir keine Zeit zu irgendeiner Fluchtreaktion bleibt, gepackt und ziemlich brutal ins finstere Wageninnere gerissen. Zuerst bin ich so im Schock, dass ich nur undeutlich wahrnehme, dass das Fahrzeug, etwas weniger heftig, aber doch ziemlich drastisch anfährt und mich in einen bequemen, festen Sitz drückt. Absurderweise realisiere ich: Kein Mittelklassewagen, eher was nobles, dem Sitzgefühl und der Beschleunigung nach zu urteilen, die mich ziemlich heftig in den Sitz drückt und nahezu fesselt. Dann bin ich erst einmal darüber entsetzt, dass das Fahrzeug auch jetzt die Scheinwerfer nicht einschaltet, sondern ins Dunkel hineinschießt. Mein nächster Gedanke ist: Das werde ich nicht überleben, spätestens in der engen Kurve durch Possenhofen fahren diese Typen mit vollem Karacho gegen die Mauer oder die Leitplanke. Ich versuche in Panik, mich irgendwo festzuhalten und fühle geradezu einen Zwang, mich anzugurten. Ein in meiner Lage freilich mehr als aussichtsloses Vorhaben. Dann spüre ich, wie die Beschleunigung nachlässt. Eine scharfe Kurve, erst rechts, dann links. Possenhofen. Ich kann überhaupt nichts sehen, als wäre die Windschutzscheibe schwarz zulackiert. Als die Fahrt nun etwas ruhiger wird, bemerke ich ein schwaches Schimmern wie von irgendwelchen rätselhaften Instrumenten. Mir fällt auf (was einem alles unwichtiges auffällt in so einer Lage!), dass ich kein Schalten spüre, nicht einmal das charakteristische Rucken einer Automatik. Ich höre eigentlich auch kein Motorengeräusch. Das muss ein ziemlich teures Auto sein. Aber wieso der Fahrer etwas sehen kann, verstehe ich immer noch nicht. Vielleicht ist wirklich der Teil des Wagens, um den Beifahrersitz herum, durch Vorhänge oder dergleichen abgedunkelt. Ich starre angestrengt nach links, wo meiner Erfahrung nach jemand in der Funktion eines Fahrers, Lenkers dieses eigenartigen Automobils sitzen müsste. Kann ich da einen Schemen erkennen - oder ist es nur Einbildung? Unerklärlicherweise habe ich das deutliche Gefühl, dass sich außer mir noch mehrere andere Personen in dem Fahrzeug befinden. Vielleicht einfach aus der Überzeugung heraus, dass einer allein nicht so waghalsig sein könnte, in völliger Finsternis mit einer eventuell zu Gegenwehr bereiten Geisel eine derartige Höllentour zu unternehmen. Doch ich denke vorerst nicht daran, um mich zu schlagen, sondern verhalte mich ruhig, ja fast halte ich den Atem an. Nachdem die Burschen (ich stelle mir meine unsichtbaren Entführer, deren Gegenwart ich scheinbar spüre, als zu irgendetwas finsterem, aber irrsinnigem entschlossene junge Männer vor) zunächst mit mir losgefahren sind wie die Henker, wird die Fahrt immer ruhiger und ruhiger. Das Auto scheint über die Straße zu schweben. Einen Moment habe ich das Gefühl, es muss ganz allmählich angehalten haben, aber jetzt ist ein leises Pfeifen zu hören, wie durch den Fahrtwind verursacht, das sich sogar noch steigert. Mir wird plötzlich ein bisschen übel, und schlagartig fällt mir ein, wie ich zum ersten Mal in meinem Leben geflogen bin - von Málaga zurück nach München, nach meinem knappen halben Jahr in Spanien. Ich habe auch auf unbestimmte Weise den Eindruck, es ginge bergauf. Es kommen keine Kurven mehr, was mir ebenso rätselhaft ist wie das ganze absurde Unterfangen dieser unbekannten Frechlinge, denn ich kenne die untere Seestraße recht genau. Wenn man die zügig fährt, wird man ganz schön in die Kurven gedrückt und muss sich stark auf die Straße und den Gegenverkehr konzentrieren, außerdem geht es ständig auf und ab. Nichts davon ist zu spüren, aber das Luftpfeifen wird langsam immer heftiger, und ich fühle wieder eine Beschleunigung, die mich rückwärts, oder sogar ein wenig nach unten, in den Sitz drückt.

Ich denke bei mir: Das kann einfach nicht sein. Wahrscheinlich träume ich, dass mich ein Ufo entführt. Das Ding muss fliegen, oder ich bin bewusstlos und habe einen halluzinatorischen Traum. Die Beschleunigung nimmt immer noch zu, und jetzt höre ich - zum ersten Mal überhaupt - so etwas wie ein Motorengeräusch. Eigentlich mehr ein Sirren, wie von einer Turbine. Es ist nicht laut, denn ich höre mich selber atmen, ziemlich heftig. Ich spüre zwar keine Panik mehr, aber ich bin aufgeregt. Dazu liegt auch aller Grund vor, denke ich. Dann überlege ich plötzlich, ob mein Gefühl, es müssten mit mir noch mehrere Personen an Bord sein, davon herrühren könnte, dass ich sie atmen oder sich leise bewegen hörte. Ich höre aber nichts, und das Sirren und das Luftpfeifen werden immer noch etwas lauter. Das Gefühl, nicht allein zu ein, bleibt aber.

Soll ich umhertasten? Davor, nach links zu greifen, wo ich immer noch den Fahrer - oder auch Piloten, oder was auch immer - dieses Gefährtes vermute, habe ich zu viel Angst. Das könnte mir schließlich als Angriff ausgelegt werden. Außerdem - ob es nun fliegt oder nicht - das Ding ist offenbar in schneller Bewegung, und als Autofahrer empfinde ich in der ungewohnten Beifahrer-Situation die übliche Panik, die einem Nichtautofahrer oder jemand, der das Fahren nicht sportlich und sinnlich erlebt, völlig unbegreiflich ist. Mit anderen Worten, das Ehegattensyndrom - schweißnasse Hände, wenn die eigene Frau am Steuer sitzt.

Ich sehe jetzt ganz deutlich links so etwas wie Instrumente schimmern, in einem sehr fahlen Purpur oder Violett. Sowas habe ich noch nie gesehen - Autoinstrumente sind grün, manche auch betulich rot oder blau erleuchtet. Diese aber sind viel zu dunkel, um sie deutlich ablesen zu können - es sei denn, sie sind optisch so geartet, dass sie nur dem Fahrer hell erscheinen. Die komisch violett-rötliche Farbe erinnert eher an eine sehr düstere Diskothekenatmosphäre - oder einen besonders makaberen Abschnitt einer Kirmes-Geisterbahn. Mir kommt es auch mehr so vor, als wären das ein paar kleine Bildschirme, jedenfalls erkenne ich schwach scharf rechteckige, ungewiss violett schimmernde Felder.

Wie lange dauert diese Wahnsinnsfahrt schon? Zehn Minuten, oder nur fünf, oder länger? Die Beschleunigung lässt sanft, aber deutlich nach, und das Luftpfeifen verändert sich wieder - jetzt aber wird es eigenartig fahl, es klingt hohl und weniger kräftig. Das Turbinensirren wird etwas tiefer und leiser, hält aber an.

Zum ersten Mal merke ich, dass meine Kehle vor Angst trocken ist und dass ich fast an einem Schleimpfropf zu ersticken drohe, so bin ich gezwungen, mich zu räuspern. Das erschreckt mich ein wenig, denn das müssen die, diese Burschen oder wer auch immer, wohl hören. Vielleicht macht sie das nervös, oder sie erwarten, dass ich eine Rede halte. Ich atme tief, und überlege wirklich, ob ich irgendetwas sagen soll. Ich kann nichts außerhalb des Fahrzeugs - wenn es überhaupt eines ist - erkennen. Verdammt, es fuhr mit laut quietschenden Reifen auf mich los, also kann es nur ein vermaledeites Auto sein. Meine Ignoranz gegenüber der Automobilseite in meiner Süddeutschen Zeitung geht nicht so weit, dass ich nicht davon wissen müsste, wenn Autos neuerdings fliegen könnten. Ein Flugzeug? So eine Art Batmobil, das auf der engen Straße plötzlich Flügel ausklappt und abhebt? Soviel immerhin habe ich gesehen, mit dunkelgewöhnten Augen nach dem fünfminütigen Spaziergang durch den Wald im fahlen Mondschein, dass das Ding zunächst keinerlei Ähnlichkeit mit einem Sportflugzeug oder Hubschrauber oder etwas dergleichen gehabt hatte. Es war ein verdammtes Auto, ein Japaner wahrscheinlich, oder jedenfalls eines der Autos, die heute so aussehen wie alle anderen Autos auch, die man kaum mehr voneinander unterscheiden kann. Ein Flugzeug würde einen lauten Lärm mit seinem Propeller machen, und ein Düsenjet begnügt sich auch nicht mit dem Sound eines Spielzeugufos. Langsam fange ich wirklich an, über das Ding als eine Art Ufo statt eines Autos zu denken. Zwar sind Ufos bekanntlich rund und ähneln zwei konvex aufeinandergelegten Untertassen. Und noch nie hat einer der sattsam unsäglichen Ufo-Experten oder "Schon-mal-vom-Ufo-Entführten" davon gesprochen, dass ein Ufo mit laut quietschenden Reifen auf einer eng gewundenen Landstraße losprescht und sich - anfangs zumindest - mächtig in die Kurven stemmt. Wenn das Ding aber fliegen kann, wieso sollte es zuerst durch die enge S-Kehre bei Possenhofen hindurchpreschen, als säße ein Halbstarker hinter dem Steuer, der sich seine automobile Potenz beweisen muss?

Ich schaue immer wieder nach links und auch mal - zaghaft - nach links hinten. Jetzt ist mir, als könnte ich ganz undeutlich Gestalten erkennen. Aber in diesem albernen Purpurlicht kann ich fast nichts sehen. Es ist auch mehr Grau als Purpur - scheint mir jetzt. Vielleicht, weil meine Augen auf die Farbe adaptiert haben. Kein Mensch kann in so einem Licht vernünftig sehen - der Gedanke erschreckt mich, kaum dass er mir unvorsichtigerweise gekommen ist - damit bin ich ja wieder bei der Ufo-These. Vielleicht sind's Außerirdische, die es bevorzugen, ihre Vehikel in magisches Ultraviolett zu tauchen!

Allmählich finde ich, dass diese Entführung - verglichen mit den Kidnappings in der Tagesschau oder einem Thriller - ein wenig langweilig abschneidet. Außer dem leichten Pfeifen und Sirren und dem - vielleicht vorgetäuschten - durch die Luft Fliegen geschieht einfach gar nichts. Niemand sagt etwas zu mir, wie es anständige Entführer tun, nicht einmal "Verhalten Sie sich ganz ruhig, dann passiert Ihnen nichts", oder so. Selbst als Geisel hat man doch ein Recht auf eine gewisse Ansprache. Nichts dergleichen. Das Pfeifen ist kaum mehr zu hören, und das Sirren wird auch immer leiser. Mir wird wieder schwindelig, diesmal, weil ich mich immer leichter werden fühle. Oh Gott, das verdammte Ufo wird doch nicht abstürzen, weil der Treibstoff alle ist? Plötzlich geschieht etwas. Ich zucke zusammen, als jemand mir über die Schulter greift, mich leicht am Anorak streift. Rechts neben meinem Kopf, in der Höhe des Türholms, wird etwas genestelt, dann umgreift mich ein Arm auch von links. Man schnallt mich plötzlich an! Das erschreckt mich. Bei der Höllenfahrt durch die Possenhofener S-Kurve hielten die Herrschaften das nicht für nötig, was also macht den jetzt eintretenden Fahrt- oder Flug- oder Weiß-ich-was-Zustand so bedrohlich, dass ich angeschnallt werden muss?

Sehen Sie, ich weiß nicht, ob Sie gerne SF-Romane lesen. Es ist zwar richtig, dass manche Science-Fiction-Autoren entweder von Physik keine Ahnung haben oder, sollte diese doch in einem gewissen Ausmaß in ihren Köpfen vorhanden sein, sich achtlos aber bestimmt darüber hinwegsetzen. Über solche Romane ärgere ich mich dann. Woraus Sie entnehmen können, dass ich der gleichen schon mal häufiger lese. Sei es, dass ich mich dessen schäme - andere Leute lesen sicher Krimis und geben es nicht zu, oder gar schlimmeres - sei es, dass mein überzeugter Unglaube im Hinblick auf alles, was ich mit freudscher Psychoanalyse, Astrologie und Ufo-Spinnerei in einen Topf der Unwissenschaftlichkeit und des Aberglaubens werfe, in mir einen gewissen Stolz, mit Abwehr verbunden, etabliert hat: Ich kam mir ziemlich lächerlich vor, obwohl ich den Gedanken nicht laut äußerte, als mir die mit der zwingenden Logik eines einsteinschen Fahrstuhl-Versuches plausible und einzig schlüssige Erklärung in den Kopf schoss: Das Ding ist tatsächlich, Reifenquietschen hin oder her, eine Art Raumtaxi, und es nähert sich einer Satelliten-Umlaufbahn, vermutlich der Parkbahn des Mutterschiffs. Der Schluss auf das "Mutterschiff" fiel mir wahrscheinlich deshalb ein, weil er die naheliegendste Begründung dafür bildete, dass man es überhaupt für nötig erachtete, mich in eine Umlaufbahn zu bringen. Das Verschwinden des Luftpfeifens bedeutete, dass wir außerhalb der Erdatmosphäre angelangt waren. Das fatal kitzelnde Gefühl in den Hoden, das Knaben beim heftigen Schwingen auf einer Schaukel kennenlernen, wenn es im fast freien Fall abwärts geht, und meine vor Fallpanik klitschnassen Hände bedeuteten, dass wir in die schwerelose Kreisbahn eintraten - dazu passte auch das Aufhören des turbinenartigen Geräusches, es war kein Antrieb mehr nötig, weil das Gerät die Umlaufgeschwindigkeit erreicht hatte. Das konnte man sich als Zuschauer in einem futuristisch perfekten Gruselkino mit gewissem - ich deutete es schon an - SF-Fachwissen so rasch und folgerichtig zusammenreimen.

Das mit dem Mutterschiff, so tickerte mein nicht abzustellender lästiger Verstand weiter, war natürlich eine überzogene und eher unwissenschaftliche Zusatzannahme. Vielleicht wollte man mich bloß im freien Weltraum aussetzen (eine weniger angenehme Alternative, lieber doch ein Mutterschiff), oder einfach nur - da ja entführt - hier verstecken. Wer würde schon eine Geisel in dem Gewirr aus Wetter-, Spionage- und Müllsatelliten nebst eventuellem Raumfährenabfall vermuten und finden. Vielleicht war das Raumtaxi (die Bezeichnung gefiel mir jetzt besser als Ufo) zu klein oder irgendwie strahlungsmäßig getarnt, sodass es keinem Astronomen auffallen würde. Der Haken an dieser Theorie war nur, oder die Haken - eine ganze Garderobe - dass weder das amerikanische Space Shuttle noch das russische nach meinem besten Wissen und Gewissen in der Lage sein sollten, durch die Possenhofener S-Kurve zu jetten und dann von dieser kurvigen Buckelpiste am See durch die Baumwipfel durchzustarten zu einer kleinen Space-Seeing-Tour (wobei noch das Fehlen jeglicher Aussicht zu beklagen wäre). Außerdem traute ich es nun wiederum selbst den größten Gangstern nicht zu, ein solches Ding, dessen bisher offenbar völlige Geheimhaltung sogar vor dem Spiegel, dem Stern und der Bildzeitung gelungen war, zu klauen. Oder wenn doch, wären sie wohl umgekehrt nicht so blöd, aus Versehen mich zu entführen statt den, den sie entführen wollten (offensichtlich hatten sie die Absicht gehabt - und auch in die Tat umgesetzt - jemanden zu entführen). Und dass die Amis oder die Russen mich armen Lohnschreiberling zu irgendwelchen wissenschaftlichen Zwecken und ohne vorherige formelle Einladung zu sich in eine ihrer engen Raumstationen herauf"bitten" sollten, bei meiner nicht ganz zu vernachlässigenden Leibesfülle, war die bei weitem schlechteste Hypothese. Oder etwa nicht?

Unsinn. Entweder hatte ich wirklich einen Albtraum, oder das ganze war vielleicht ein besonders ausgeklügelter Werbegag, gleich würde es hell werden, Abenteuermusik würde aufrauschen und eine blähbassig aufgenommene Werbesprecher-Stimme würde irgendwas von der Camel-Space-Trophy oder dergleichen verkünden, die ich ahnungsloser Pfeifenraucher gewonnen hatte, und man würde mich aus diesem verdammten mies beleuchteten Geisterbahn-Simulator aussteigen lassen. Ich hatte allerdings verdammt mit meiner Übelkeit und der Fallpanik zu kämpfen.

Als hätte ich das laut gedacht, legte sich mir von hinten eine Hand oder etwas Ähnliches wie zur Beruhigung auf die Schulter. Ich hörte einen seltsamen, an ein Tierknurren oder Gurren erinnernden Laut, etwas klickte leise und es kam ein bisschen Schwerkraft zurück, zugleich ein wenig Turbinengesäusel. Machte man sich etwa über meine Fallangst Sorgen, Mitgefühle? Oder gehörte das zum Andockmanöver?

Ich hätte beinahe laut (und irgendwie triumphierend) aufgelacht, als ich, wie als wären meine Gedanken dem Geschehen endlich um Sekunden vorausgeeilt, einen leisen Ruck verspürte und ein sattes, gedämpft metallisch oder keramisch klingendes Geräusch hörte.

Die nächsten Dinge geschahen so rasch und prosaisch, als wären sie einstudiert oder tausendfache Routine, fast zu rasch, als dass ich sie alle so recht hätte auffassen können. Es zischte kurz und leise, wie gedämpft und von außerhalb meines Behältnisses. Das fahle violett-rötliche Instrumentenbrett links erlosch, rings um mich herum gingen zwei oder drei Autotüren (oder Ufotüren?) auf, und mir schien, als huschten mehrere Gestalten im Dunkeln hinaus. Ein kühler Lufthauch und schwache hallende Geräusche verrieten mir, dass das Fahrzeug jetzt offen wahr und dass es in einer Art Halle, Bunker oder Hangar stehen musste. Mir war, als entfernten sich leise klickende Schritte. Und dann ging da draußen einfach das Licht an und mit einem satten, förmlich zufrieden-beschwichtigenden Klicken öffnete sich auch meine Tür, zugleich fühlte ich etwas über meine Brust rutschen - mit einem schwachen Schnurren und einem endgültigen "Klack" glitt der Sicherheitsgurt von mir weg und gab mich frei. Ich fühlte mich annähernd normal schwer, aber mir war immer noch übel. Das Licht da draußen war hell, aber sanft, nicht blendend, und freundlich gelblich, etwa wie Glühlampenlicht. Ich schaute in eine kleine Halle und sah, dass neben mir und dann noch ein Stück weiter hinten noch drei so grauschwarze Space-Bmzedes parkten. Zu sehen war niemand. Kein Empfangskomitee, niemand, der eine Pistole auf mich anlegte. Oder lauerten die hinter den Weltraum-Schlitten? Jetzt verstand ich auch - oder vielmehr, verstand auch wiederum nicht - wieso ich unterwegs nichts gesehen hatte: Die Karossen hatten die Form eines modernen Autos, mit einer ziemlich kurzen Schnauze, und einer Art Windschutzscheibe, die aber weder glänzend noch durchsichtig, sondern mattschwarz schimmerten. Eine ziemlich exzentrische Form jenes Hangs zu getönten Scheiben, zu dem höhere Manager und Konzernvorsitzende, aber auch Zuhälter, arabische Scheichs und mittlerweile gutsituierte Familienväter zu neigen pflegten. Wann kamen denn nun endlich die Leute von der Camel-Werbetruppe und beglückwünschten mich? War die Show immer noch nicht zu Ende? Sollte ich aussteigen? Ich meine, das war eine mehrschichtige Frage: Wollte irgendjemand dass ich ausstiege, und sollte ich dies tun oder doch lieber nicht tun?

Dann hörte ich plötzlich hinter mir ein Geräusch - etwa wie von einem elektrischen Kinderwagen oder einem großen elektrischen Modellauto auf Vollgummireifen. Ich wandte mich irritiert um und spähte durch die ebenfalls noch weit offenstehende Fahrertür. Hätte ich es doch gleich ahnen sollen: Ich war doch in die Dreharbeiten zu einem Film geraten! Was da mit putziger Anmut heranrollte und schwungvoll um einige weitere, etwas anders geartete Spacemobile kurvte, war ganz eindeutig ein Roboter, einer von der eher niedlich-ironischen (eisenherzigen) Sorte. Er fuhr nicht auf Gummirädern, sondern, wie ich jetzt sah, auf einer Art glatter Gummiketten, also wie eine Kinder-Planierraupe, jedoch hatte man die Profilstege, welche die Kettenglieder andeuten sollten, weggelassen - zugunsten eines besseren Fahrkomforts, nahm ich damals an. Sicher nicht geländetauglich, schloss ich sogleich. Das Ding hatte offenbar das Bestreben, um mein Taxi herumzukurven und mich von rechts anzugehen. Ich verfolgte das ein wenig bange, so weit es möglich war - durch die Windschutzscheibe konnte ich ja nichts sehen - aber fast mehr mit Neugier als mit Furcht, denn von den handelsüblichen Laserkanonen war an dem Ding nichts zu entdecken. Es tauchte bereits im Blickfeld meiner rechten Tür auf und rollte jetzt langsamer. Der Aufbau war rundlich und eher vertrauenerweckend als martialisch gestyled. Oben saß eine kleine Kuppel, und sonst war außer ein paar Knöpfen oder Sensoren nichts daran zu erkennen. Man hatte das sonst hierorts bevorzugte mattschwarze Design bei dieser Kreatur durchbrochen und ihr ein freundlich goldmetallic-schimmerndes Äußeres gegeben. Der Robotling hielt mit einem leichten Ruck an, verharrte kurz und sagte dann mit etwas blecherner, aber netter Stimme: "Ich heiße dich willkommen."

Sonst nichts. Ich schwieg einen Moment und brach dann in zwanghaftes, nicht endenwollendes Lachen aus. Es schüttelte mich nur so auf meinem Sitz. Der Gag war zu gut, zu trocken - mir stiegen die Tränen in die Augen. Endlich gelang es mir, von weiteren Schluchzern des nicht zu bändigenden Lachens unterbrochen, dem Gerät in betont höflicher Weise zu antworten: "Also - ich kenne zwar das Drehbuch nicht, aber ich denke, es könnte passen, wenn ich deinen Willkommensgruß erwidere."

Dann musste ich erst mal nach Luft schnappen. Die Bandraupen-Kreatur verharrte eine Weile stumm, was den Eindruck erweckte, als beobachtete sie mich - vielleicht ein wenig überrascht (was ja auf Gegenseitigkeit beruhte). Dann sagte sie: "Deine Reaktion überrascht mich. Ich meine, das, was du ein 'Lachen' nennen würdest. Aber es freut mich, dass du nicht mehr in Schrecken versetzt bist."

Ich verstummte abrupt, mein Gesicht wurde ernst, und ich starrte den Räupling an. Die Stimme klang eigentlich nicht nach Computerstimme, auch nicht nach jener dümmlichen Variante, die aus einer elektronisch verzerrten menschlichen SF-Film-Roboter-Stimme besteht. Aber die Betonung der Sätze war ein bisschen merkwürdig - auf eine Art, die ich nicht auf Anhieb hätte beschreiben können. Das Wort "Lachen" hatte er - oder es oder was - so abgesetzt gesagt, dass die Anführungsstriche noch in der Luft zu schweben schienen. Dann fragte ich nüchtern: "Warum - ich habe schließlich Humor."

Jetzt trat auf der Gegenseite eine bedenklich lange Gesprächspause ein, es schien mir, als fände irgendwo eine hektische Beratung zur Ausdeutung meiner Antwort statt. Ungeduldig sprach ich den Räupling wieder an: "Kommt schon, Jungs, es ist irre spannend - aber nun lasst doch endlich die Katze aus dem Sack. Was wird hier gespielt?" Kleine Pause, keine Antwort. "Ist das ein Werbegag? Oder vielleicht Rudi Carell mit der versteckten Kamera? Tut mir leid, ich sehe diese Art Sendung nicht so oft, aber mit der Dekoration hier habt ihr euch wirklich Mühe gegeben."

"Wir sind keine Jungs." entgegnete das Blechwesen nun zu meiner Verblüffung.

"Nicht? Wieso nicht? Ist das ein feministischer Trip?"

Diese etwas unbotmäßige Äußerung hatte wieder eine längere unsicht- und unhörbare Beratung zur Folge. Ich wollte gerade aussteigen, als mich ein unbestimmtes Gefühl zurückhielt und in betont sachlichem Ton fragen ließ: "Kann ich eigentlich mal aus diesem Rennmobil aussteigen?" Im Bruchteil einer Sekunde antwortete das Blechwesen wie aus der Pistole geschossen: "Selbstverständlich, du unser Gast. Verzeih, dass ich dich noch nicht darum gebeten habe."

Man zog eine vertrauliche Anrede sichtlich vor, also ging auch ich darauf ein (abgesehen davon, dass es mir nicht im Traum eingefallen wäre, eine eindeutig, ja förmlich absichtlich als Roboter erkennbare Gestalt mit Sie anzureden): "Danke. Warte ein bisschen - mir war ziemlich schwindlig. Ist das hier jetzt normale Erdenschwere?"

Die letzte Bemerkung entschlüpfte mir einfach - sogleich kam sie mir töricht vor. Aber warum nicht weiter auf ihr Spiel... der Räupling unterbrach meine Gedanken: "Ja, es hat knapp ein g. Das verstehst du doch, was das heißt?"

Ich stand unsicher auf den Beinen und sah ihn - oder es - an. Nickte. Konnte er das sehen?

Nunmehr schien die Beratung über meine vor einigen Sätzen gemachte Bemerkung abgeschlossen und der Blechvogel teilte mir höflich und mit aufklärerischem Tonfall mit: "Nein, mein Gast, man könnte dies hier sicherlich nicht als 'feministischer Trip' bezeichnen. Es wäre übrigens auch nicht als eine 'Rudi Carell mit der versteckten Kamera' zu nennende Situation zu bezeichnen."

Mir fiel zum ersten Mal auf, dass der Bursche trotz seiner durchaus gepflegten und akzentfreien Aussprache eine gewisse merkwürdige Schwierigkeit mit der Feingrammatik meiner Muttersprache zu haben schien, die ich nicht deuten konnte - nicht so, dass ich es als Ausdruck einer fremden, mir aber vom Hören vertrauten Muttersprachlichkeit erklären konnte. Eher schon - also doch? - als einen Mangel an Sprachgefühl, wie er eine Maschine kennzeichnen könnte. Ich verstand nicht, wieso er so am Konjunktiv klebte, aber irgendwie hatte ich den Eindruck, dass er manchmal einfach Zitate aus meinen Äußerungen in sein Palaver einflocht, die er nicht deklinieren oder konjugieren mochte oder konnte.

Impulsiv entschloss ich mich, ein wenig die Initiative zu ergreifen: "Hör mal, mein Name ist Johannes. Kann ich deinen Namen erfahren?"

"Das könntest du nicht direkt, das bedeutet, es ist nicht klar, wen du mit 'deinen' meinst. Die Gerätschaft, die du vor dir stehen siehst, ist eine einfache maschinelle Vorrichtung, die du als Roboter bezeichnen würdest. Das Agens jedoch, welches die Unterhaltung mit dir führt, ist nicht in dieser maschinellen Vorrichtung vorhanden, sondern es befindet sich in einer Installation, die du als 'Dialog-Vermittlungs-Zentrum' bezeichnen würdest. Ich möchte meine Rede beschließen mit dem Hinweis, dass dieses Agens, von dem ich soeben sprach, nicht genannt wird. Weil es aber den Gebräuchen gemäß ist, die wir für angemessen und freundlich gesonnen halten, geben wir ihm einen Namen. Dieser Name sollte 'Samuel' sein."

Die einfache maschinelle Vorrichtung verfiel wieder in regloses Schweigen. Nach einigem Grübeln fiel mir eine meiner persönlichen Meinung nach ziemlich intelligente Frage ein: "Gut, Samuel. Mir fällt auf, dass du einmal das Wort 'ich', und ein andermal in deiner letzten Rede das Wort 'wir' gebraucht hast. Bist du - ich meine, das Agens, mit dem ich zu sprechen die Ehre habe, eher eine Einzahl oder eine Mehrzahl, oder kann man das vielleicht nicht so genau sagen?"

Das Ding schwieg kurz, fasste sich dann aber sein Blechherz und entgegnete tapfer: "Ich erfasse deine Kritik an meiner mangelhaft deutlichen Ausdrucksweise. Wir möchten uns zugleich mit mir dafür entschuldigen. Es wird noch etwas an deiner Sprache gelernt, das ist auch einer der mehreren Gründe, aus welchen wir dich zu uns bitten würden oder möchten. Bitte lass mich noch etwas fortfahren." - er fuhr ohne Pause fort, ich machte auch keine Anstalten, seine einigermaßen interessanten Ausführungen zu unterbrechen - "Das Agens, mit dem du unmittelbar sprichst, könnte vielleicht als eine singuläre Instanz bezeichnet werden. Darauf referiere ich, wenn ich 'ich' zu dir sage. Wenn ich aber 'wir' zu dir sage, dann spricht das Agens, welches sich 'ich' nennt, stellvertretend für eine Mehrzahl von Individuen, die du als Personen bezeichnen könntest, wenn du dies gestattest."

Die etwas geschraubte, orientalisch anmutende letzte Bemerkung irritierte mich ein wenig, aber meine Aufmerksamkeit war von einer anderen Aussage des 'Agens' gefangengenommen worden: "Sag mal - du hast gerade gesagt, ihr - also diese Individuen, nehme ich mal an - wolltet mich zu euch bitten." Ich machte eine Pause, fuhr dann aber fort, um diese nicht zu bedeutungsvoll erscheinen zu lassen, in bemüht mildem Tonfall: "Ich hatte zu Anfang unserer Begegnung mehr den Eindruck, es handele sich um eine Entführung."

Ohne Besinnung erwiderte der einfache Blechräupling: "Es handelte sich auch um eine Entführung. Dies hatte sich leider nicht vermeiden lassen. Wir möchten dafür um Verzeihung bitten. Dennoch ist es unser Wunsch, dich um deine Einwilligung für deinen Aufenthalt bei uns zu bitten."

Ich trat einen Schritt zurück und setzte mich seitlich wieder in den Autositz. Ich musste mich einfach setzen. Gerade wollte ich weitere Erkundigungen anstellen, als das Agens mir vermittels seiner einfachen Vorrichtung mitteilen ließ: "Es erscheint uns höflich, das weitere Gespräch in eine dafür besonders vorbereitete Räumlichkeit zu verlegen. Wir haben diese für deine Bequemlichkeit vorbereitet. Du würdest dieses Gebiet hier als Depot oder ähnlich für Nahverkehrs-Vorrichtungen benennen, und es ist nach unserem Wissen nicht höflich, dich länger hier festzuhalten. Ich möchte dich bitten, mir einen kurzen Weg, der dir sicher nicht beschwerlich sein wird, zu folgen, um die vorher erwähnte Räumlichkeit aufzusuchen." Nach einer kleinen Pause, vielleicht, weil ich nicht gleich reagierte, setzte es noch hinzu: "Oder möchtest du noch ausruhen?"

Ich seufzte ergeben - weil ich es vorläufig aufgegeben hatte, die ganze Situation zu deuten. Tatsächlich hatte dieses Tiefgaragen-Gespräch etwas unbehagliches - vielleicht wegen dieser unfreundlich schwarzen Limousinen. Ich erhob mich also wieder und sagte freundlich und ein wenig ergeben: "Ich werde dir folgen, bitte fahre voran!"

Die einfache Vorrichtung begnügte sich mit einem knappen "Danke" und wendete dann sofort mit einem leisen Gummiquietschen ihrer Raupen auf der Stelle um 180 Grad. Ich versuchte, einen neuen Lachanfall zu unterdrücken. Das Ding fuhr mit einem leichten Ruck an, beschleunigte bis auf ein gemächliches Fußgängertempo und fuhr auf eine Öffnung in der Garage zu, die mir bisher nicht aufgefallen war.

Das Empfangsbüro

Ich habe mir später angewöhnt, 'die Räumlichkeit', in der unser nächstes Gespräch stattfand, als das 'Empfangsbüro' zu bezeichnen. Das deshalb, weil der Raum auf eine rührend und doch irgendwie lächerlich wirkende Weise den Eindruck machte, dass sich da jemand große Mühe gegeben hatte, ohne über den Gegenstand seiner Bemühung allzu großen Sachverstand zu besitzen. Der erste Eindruck war so verblüffend, dass ich wohl einige Minuten im Eingang zu dem etwa 15 Quadratmeter großen Raum starr stehenblieb und ungläubig umhersah. Das Zimmer war wohl gut zwei Meter hoch. Den Boden bedeckte etwas, das verdächtig nach einem imitierten orientalischen Teppich aussah (ich verstehe so gut wir gar nichts von solchen Teppichen, nebenbei bemerkt).

In allen vier Ecken stand je ein Gummibaum, mit je einem Blumenkübel im Gefolge. Ich konnte nicht gleich erkennen, ob diese Pflanzen echt oder künstlich waren. Etwa in der Mitte des Raumes, aber nicht genau in der Mitte, ein Holztisch - oder jedenfalls etwas, das einem Chefschreibtisch aus braun gebeiztem Holz höchst ähnlich sah. Auf der mir zugewandten Seite stand ein schwerer Bürostuhl mit schwarzem Lederbezug und Armlehnen, so dass ich von hinten auf ihn blickte. Mir gegenüber gab es keine Sitzgelegenheit, sondern ein merkwürdiges flaches Podest, auf welches die mit der Stimme von Samuel sprechende einfache Vorrichtung unverzüglich hinaufrollte, um darauf wiederum jene gummiquietschende 180-Grad-Drehung auf der Stelle zu vollführen, mir also seine Schokoladenseite zukehrend (die, wie ich später herausfand, aus quasi nostalgisch-gastfreundlichem Bemühen heraus, Sams optische Sensorik enthielt, dh. der Rolli konnte nach hinten nichts sehen - ein vom Standpunkt meiner Gastgeber aus unnatürlicher Mangel, den sie jedoch aus Höflichkeit in Kauf zu nehmen für angebracht hielten - aber ich schweife ab).

Im Hintergrund stand ein - ich kann es nicht anders sagen - schreiend kitschiges Plüschsofa in mehreren einander grauenhaft beißenden Rosa, Pink- und Orangetönen, davor ein niederes Tischchen mit Rauchglasplatte. Auf diesem befand sich ein weiteres, bescheidenes Blumenarrangement, das ich, soweit ich davon etwas verstehe, als orchideenartig einordnete. In einer Ecke stand ein riesenhafter Erdglobus in rustikalem Messinggestell - oder etwas, das wie Messing aussah. Entschuldigen Sie die Vorgriffe auf meine späteren Zweifel an der Eigenart aller Materialien, die mir jeweils als etwas Bekanntes wie "Holz", "Messing", "Teppich" oder dergleichen erschienen.

Das lächerlichste aber waren die Bilder an den Wänden. Es war eine ziemlich zufällige und von keinerlei geschmacklichem Vorurteil oder einheitlichem Niveau, geschweige denn stilistischem Dogmatismus, beeinträchtigte Kollektion. Direkt über dem Sofa hing, in protzigem Goldrahmen, der bekannte röhrende Hirsch - bemerkenswerterweise jedoch auf dem Kopf stehend! Weiter rechts, in respektlos geringem Abstand, mein Lieblingsbild von Klee - Ad Parnassum. Es sah verdammt danach aus, als hätten sie das Original gemopst und hier heraufgebeamt. Bedauerlicherweise hatte der Innenarchitekt dieses Werk - aus offensichtlichen Platzproblemen - jedoch hochkant aufgehängt, und zwar so, dass die orangerote Sonne links oben stand. Ich bemerkte zu meinem Erstaunen, dass es auch in dieser irrigen Hängung eine spannende Komposition darstellte, irgendwie aber doch falsch wirkte.

Ein Stück weiter rechts war eine jener blassen und uneinprägsamen Rötelzeichnungen eines Knabengesichtes zu erkennen, wie man sie im Wartezimmer eines sich selbst für kultiviert haltenden Nerven- oder Zahnarztes zu finden erwartet. Es hing übrigens als Einziges richtig - erst später ging mir auf, dass der Grund dafür vermutlich der war, dass es ein klar und naturalistisch wiedergegebenes menschliches Gesicht darstellte und dass sie irgendwie schon vor meinem Besuch herausgefunden hatten, dass für uns ein Gesichtsausdruck in falscher Orientierung schwer zu deuten ist. Der Knabe grinste nämlich in jener berückenden Manier, die auch von Berufsfotografen abgelichtete Bürgersprößlinge zu zeigen angehalten werden.

Ganz rechts an dieser Wand hing irgendetwas mir nicht so vertrautes von Kandinsky, ziemlich sicher falsch rum, ohne dass ich sagen konnte, wie herum es gehört hätte (es hing auf jeden Fall hochkant). Die rechte Wand wurde von einer Vielzahl von Landschaftsstillleben in diversen Techniken, wie Aquarell, Öl, Tusche, Bleistift etc. beherrscht, die samt und sonders fälschlich hochkant hingen. Paradoxerweise fielen mir dazu die dogmatischen Äußerungen der Mitglieder der Starnberger Fotogilde ein, die penetrant darauf bestanden, in einem "richtig" gestalteten Diavortrag dürfte nie ein Hochformat vorkommen. Mich beschlich eine Art kaltes Grausen. Diese "Wesen", die ich - wenn ich es zu tun geneigt wäre - als Personen bezeichnen könnte, wie sie mich formell hatten wissen lassen, schienen eine sonderbare Gleichgültigkeit für die Orientierung bildhafter Wiedergaben zu hegen. Umso paradoxer, mit welcher - wenn auch irregeleiteten - Akribie sie sich bemüht hatten, eine Atmosphäre zu schaffen, von der sie offensichtlich dringend hofften, sie sollte als mir zur Ehre gereichend wirken und die Seriosität ihrer ferneren Absichten vermitteln. Der Raum hatte keine Fenster. Die linke Wand wurde von einer riesenhaften, zwar kopfstehenden, korrekterweise aber quer gehängten Komposition beherrscht, die mir ebenso vertraut wie sonderbar fehl am Platze erschien - es handelte sich nämlich eindeutig um ein Filmplakat von "Odyssee 2001", das die Doppelring-Raumstation mit dem Shuttle im Anflug auf den rot erleuchteten Landeschaft darstellte, mit Milchstraßen und Planeten im kubrikschen Gegenlicht im Hintergrund und einer Teilansicht der Erdsichel unten (vom Kompositeur zweifellos absichtlich "oben" gedacht). Allerdings bin ich mir heute nicht mehr sicher, ob es dieses Filmplakat wirklich gibt oder ob es nicht vielmehr eine aus Versatzstücken solcher gebildete Eigenkomposition meiner Gastgeber darstellte.

Ich konnte ein missbilligendes Atemgeräusch nicht vermeiden, das einem Designlehrer wohl entfahren würde, begutachtete er zum ersten Mal das total misslungene Arrangement eines seiner hoffnungsvollsten, aber auch unzuverlässigsten Schüler, als ich nun hereintrat, um auch die Eingangswand in Augenschein zu nehmen. Sie schnitt nicht besser ab. Sie zeigte Rembrandts Mann mit dem Goldhelm - kopfstehend, versteht sich, die Mona Lisa - bedauerlicherweise quer, dazwischen einige Clowns von Picasso, teils rosa, teils blau - sonderbarerweise alle quer, obwohl sie im Hochformat gemalt waren, und - weil diese Zusammenstellung ja noch als vergleichsweise ausgewogen hätte durchgehen können - zur Durchbrechung dieses Prinzips, einem Sammelsurium von, ich möchte einmal sagen, "Print Art", als da waren - ein Schlussbild mit dem Wildschweinfressen aus irgendeinem Asterix-Band, natürlich hochkant, einem seriellen Andy-Warhol-Motiv, einem Playmate, das - in diesem Fall konnte man das durchgehen lassen - quer auf dem Rücken angeordnet war, obwohl das Model eigentlich stand, ein mir nicht näher bekanntes Cover der Zeitschrift "Das goldene Blatt", einem Cover einer der letzten Ausgaben - ich traute meinen Augen kaum - der Byte (jener auch bei uns hochangesehen amerikanischen Zeitschrift für Computerfreaks) und, ich wage es kaum zu sagen, einem vermutlich einer katholischen Kirche entstammenden Altarbild - der Ausgewogenheit halber quer und aufrecht.

In einige der aufgrund der inkomensurablen Gemäldeformate und trotz der artistischen Hoch- und Querhängerei verbliebenen Lücken hatten sie noch - mir stockte wahrhaftig der Atem - eine Anzahl von 18x24 Farbabzügen in hervorragender Qualität (Cibachrom, dachte ich zunächst) aus meinem Diavortrag "Camping en las nubes - camping in the clouds", vorzugsweise von den beiden Mädchen am Strand, also die Aktserie, hineingequetscht. Diese Reproduktionen, deren Antreffen in dieser Umgebung mich wie ein Schlag unter die Gürtellinie traf, waren brillant und - alle aufrecht gehängt, jedoch sämtlich seitenverkehrt, zudem waren sie alle aus unerfindlichen Gründen auf ein quadratisches Format beschnitten, was einige der Kompositionen zu meinem grämlichen Missfallen zerstörte - andere wiederum, zugegebenermaßen, vielleicht sogar leicht verbesserte. Aus Pietät habe ich nie nach dem Grund für die quadratische Beschneidung gefragt, wiewohl ich dazu einige Vermutungen habe, die ich aber später äußern will, da sie an dieser Stelle nicht verständlich wären.

Übrigens war das meiner persönlichen Meinung nach gelungenste Porträt von Flavia (der braunhäutigen Brasilianerin), das ich mit "Brasilian girl, reading Kafka" betitelt hatte, dabei, und zwar - leider auch seitenverkehrt und am Buch und an Flavias Rücken auf ein Quadratformat beschnitten - als Einziges in ein schlichtes weißes Passepartout gesetzt, wie ich es - allerdings rechteckig - einmal für den Quartalswettbewerb "Aktfotografie" der Fotogilde - vorbereitet hatte, bei dem ich übrigens, wie bei allen Quartalswettbewerben der Gilde, jämmerlich abschnitt. Was nicht zuletzt auf das dritte oder vierte meiner Dias zurückzuführen war, welches das dicke spanische Mädchen mit den großen, freien Brüsten, dessen Namen ich nicht mehr weiß, zeigte, jedoch nur noch ihren Pferdeschwanz mit dem rosafarbenen Gummiring und dem angeschnittenen Haarteil des Kopfes und ihrem nackten Ohr - was nach Auffassung der Gilde-Dogmatiker schlechterdings kein "Akt" mehr war (trotz der vom Halbakt und in Großaufnahme über ihre eindrucksvollen Brüste hinwegschwenkenden und zoomenden Serie). Es war ebenfalls quadratisch beschnitten und seitenverkehrt reproduziert. Wieso aber hatten sie ausgerechnet zwei der Fotos ausgewählt, die ich persönlich für meine vielleicht individuellsten und meinen rebellischen Stil am deutlichsten ausdrückenden des ganzen, über 250 Dias umfassenden Vortrags hielt - und dies bei einem so offenkundigen Unvermögen, damals jedenfalls, menschliches Stilempfinden zu beurteilen?

Ich war wie erschlagen und stand starr, als mich die Stimme der einfachen mechanischen Vorrichtung aus meiner Trance riss: "Ich teile dir mit, dass wir, deine Gastgeber, in großer Sorge sind, dass wir bei der kulturellen Ausgestaltung dieser Räumlichkeit Fehler begangen haben. Wir schließen dies aus deiner wenig kommunikativen Haltung. Bitte nimm vorsorglich unsere Entschuldigung an, falls diese Befürchtung sich als richtig erweisen sollte." Die Stimme schwieg.

Ich drehte mich langsam auf dem Absatz zu Samuels Rolli um, wie ich die "einfache mechanische Vorrichtung" später zu nennen mir angewöhnte, und sagte in würdevollem Ton, da mir allmählich ein Gefühl oder eine Gewissheit zuwuchs, ein zwar unfreiwilliger, aber vielleicht mit einer sehr wichtigen Mission betrauter Abgesandter zu sein: "Ach, das ist nicht so wichtig. Einige der Bilder hängen nicht ganz richtig, aber das - kränkt mich nicht. Ich danke euch für die große Mühe - und bin sehr überrascht, dass ihr - dass ihr mir die Ehre erweist, einige meiner Fotografien zwischen bedeutenden Meisterwerken der - Kunstgeschichte aufzuhängen." Sprachs und schritt zu dem offenbar für mich gedachten Bürosessel und setzte mich - verhältnismäßig entspannt.

Rolli entgegnete sogleich: "Es tut mir leid. Ich könnte die 'nicht ganz richtig hängend seienden' dieser bildlichen Wiedergaben sofort nach deinen Wünschen korrigieren, wenn du mir bitte die Korrekturen mitteilen würdest."

"Ach lass nur - das ist nicht so wichtig - das kann später geschehen" seufzte ich, wohl nicht ganz überzeugend, denn Rolli bemerkte noch: "Ich bedauere unsere Irrtümer." Außerdem bereute ich selbst meinen Verzicht auch sehr bald, weil mich das hochkant hängende "Ad Parnassum" neben dem kopfstehenden röhrenden Hirsch während des ganzen folgenden Gesprächs ungemein irritierte und ablenkte, umso mehr, als ich sie ständig im Hintergrund meines mechanischen Gegenübers im Blickfeld hatte. Erst sehr viel später wurde mir die Humorlosigkeit meiner Irritation bewusst, denn man hätte dieses Arrangement ja auch als einen perfekt inszenierten Bravourakt antibürgerlicher Aktionskunst oder Kunstverspottung auffassen können. Noch ein witziges Detail - in der anderen Ecke, ich meine, gegenüber dem Globus, links unter dem Kubrik, befand sich ein Objekt, das mir damals vermutlich gar nicht bewusst aufgefallen ist. Ich wurde erst später darauf aufmerksam und vermute, dass es von Anfang an da gewesen ist. Ich habe monatelang gerätselt, was es sein könnte, bis ich beim Blättern in einem Katalog, den sie mir auf meinen Wunsch zur Verfügung gestellt hatten, beschämt erkannte, dass es die - allerdings wundersam mumifizierte - Wiedergabe eines Boysschen Fettobjektes war, sonderbarerweise stark verkleinert, etwa auf das Ausmaß eines Fußschemels. Mir fällt das im Nachhinein an dieser Stelle ein, weil ich immer der Meinung war, dass Boys den bürgerlich/antibürgerlichen Kunst"verstand" bewusst und absichtlich verarscht hat, und zwar in einer Weise, derzufolge ich ihm Respekt zollte.

Kaum hatte ich mich gesetzt, bemerkte ich, dass sich der Sessel - wiewohl bequem - eigenartig klebrig anfühlte, und dass der Schreibtisch unter der Platte ein Fach hatte, in dem Papier und Schreibzeug (und zwar ein Exemplar meiner einzig bevorzugten Kugelschreibermarke 'Parker' nebst einem Duplikat des billigen (19,50 DM) schwarzen Plastikfüllers mit vergoldeter Feder, den ich einmal impulsiv und wenig bedacht bei einem Bucheinkaufsbummel in Schwabing erstanden hatte) bereitlagen. Mich beschlich das Gefühl, diese "Personen" müssten mich seit langer Zeit mit einer sonderbaren Mischung aus verständnisvoller Aufmerksamkeit und missdeutender Einfühlung auf Schritt und Tritt beobachtet haben - wie intim mochte diese Beobachtung gewesen sein? Offenbar mussten sie meinen nächtlichen Spaziergang nach langer Geduld (?) abgepasst haben.

Die einfache mechanische Vorrichtung eröffnete nun ein offenkundig diplomatisch angelegtes Gespräch: "Lieber Gast. Wir wünschen dir und uns, dass dein Aufenthalt bei uns, so weit es in unserer leider begrenzten Macht steht, so angenehm und von unserer Seite zuvorkommend wie nur möglich gestalterisch eingerichtet werden wird. Wir möchten dich durch unser Agens, welches wir zu deiner Bequemlichkeit mit der Benennung 'Samuel' versehen haben, fragen, ob du zu einem ersten Gespräch bereit bist." und schwieg dann erwartungsvoll.

Ich holte tief Luft und versuchte nachzudenken. Soweit ich mich erinnern kann, hatte ich zu diesem Zeitpunkt alle Hypothesen, es könnte sich bei dem ganzen Geschehen um irgendeine Form von kommerziellem Gag oder dergleichen handeln, bereits aufgegeben, und war demzufolge völlig ratlos, ob ich nun eigentlich träumte oder wachte, und wenn Letzteres, wo und wie und warum. Also rang ich mir die Frage ab: "Ich möchte gerne wissen, wo ich eigentlich bin - ich habe nämlich nicht die geringste Vorstellung davon, wo ich mich seit meiner, äh, -Entführung - aufhalte." Ich bedauerte sogleich, dass ich den Umstand der 'Entführung' schon wieder ins Gespräch gebracht hatte, aber es war schon heraus - ich war ja als Diplomat ein blutiger Anfänger. Zu meiner Entschuldigung kann ich nur anführen, dass ich persönlich eine heftige Abneigung dagegen habe, entführt zu werden - auch und obwohl dies bis dahin und seither das einzige Mal war, dass mir dergleichen widerfahren ist.

Sehr rasch, so als hätte er diese Frage erwartet, erwiderte Samuel (ich lernte bald, aus den Verzögerungen seiner Antworten gewisse Schlüsse dahingehend zu ziehen, wie schwierig ihm die Beantwortung meiner Fragen jeweils fiel): "Wir bedauern die Entführung. Du befindest dich in einer komplexen Vorrichtung, die ich dir gerne erläutern möchte. Ich muss dich dazu jedoch um einige Erlaubnisse bitten."

Erstaunt antwortete ich: "Als da wären?"

"Diese Antwort habe ich nicht verstanden. Bitte lass mich meine Frage erneut formulieren. Ich möchte dich bitten, dass du mir die Erlaubnis gibst, dass ich gewisse Dinge tue oder einrichte, die ich dir sogleich erläutern werde."

Ich sah ein, dass eine flapsige Redeweise uns mehr aufhalten denn unterhalten würde, und bemerkte daher formell: "Bitte trage deine Bitten vor."

"Zuerst eine Frage, die sich auf das optische Spektrum in dieser Räumlichkeit bezieht. Ich glaube, du verstehst, was ich damit meine. Ist es dir so angemessen und vorteilhaft, wie du es hier vorfindest?" Ich zog aus dieser etwas gewundenen Ausführung den Schluss, dass Sam wissen wollte, ob mir die Beleuchtung hier angenehm wäre. Zugleich beschlich mich der Verdacht, dass ihn die Sorge quälte, irgendetwas an der Atmosphäre, Einrichtung etc. unseres Konferenzortes könnte mein Missfallen erregen oder mir gar Schaden zufügen. Ich dachte ein bisschen nach und sagte dann, mich allmählich als geschickter Diplomat fühlend: "Das Zögern meiner Antwort bedeutet nur, dass ich versuche, den Sinn deiner Frage richtig zu erfassen und dir so zu antworten, dass du mich nicht missverstehst. Soweit ich es beurteilen kann, ist das Licht in diesem Zimmer angenehm und - von sehr guter Qualität für mich. Ist es das, was du wissen wolltest?"

"Ja. Nun meine erste Bitte. Ich möchte gerne einen Vorgang verwenden, um auf etwas zu deuten oder etwas anzuzeigen. Da meine mechanische Vorrichtung, wie du sehen kannst, keinerlei Gliedmaßen besitzt, möchte ich dazu einen gebündelten elektromagnetischen Strahl benutzen, den du als Laserstrahl bezeichnen könntest. Die Energie beträgt 3 Milliwatt, und die Frequenz ist etwa 600 Nanometer. Ich weiß, dass du diese Energieform nach persönlicher sensorischer Rezeption in deinem Empfindungsschema als 'Rot' bezeichnen würdest. Ich werde diesen Laserstrahl auf keinen Fall in deine Augen richten, sondern nur auf Objekte, die sich in deinem Sichtfeld befinden. Willst du mir gestatten, dass ich dies demonstriere?"

"Ja." sagte ich nach kurzem Zögern. Sams Rolli ließ sogleich einen feinen roten Lichtstrahl aufblitzen, der einem der knopfartigen Vorsprünge seiner Oberfläche entsprang und, wie ich ziemlich rasch bemerkte, da er sich in der anscheinend leicht staubigen Luft in unserem Empfangsbüro abzeichnete, auf die Darstellung der Raumstation aus Kubriks Film gerichtet war. Sie hatten sich also doch etwas gedacht bei der Zusammenstellung der kulturellen Exponate!

"Kannst du erkennen, worauf ich deute?"

"Ja," sagte ich, den Kopf zu dem Filmposter gewandt, dessen Kopfstand sich, sachlich betrachtet, nur aus dem Kopfstand des in einer Ecke sichtbaren Metro-Goldwyn-Mayer-Signets herleiten ließ.

"Ich möchte dich nun bitten, ein paar Fragen zu beantworten. Dies soll nicht geschehen, um deine Frage abzuwehren oder deren Antwort zeitlich zu verzögern. Es hat den Grund, dass ich vergewissern will, dass ich uns richtig unterrichte. Bitte warte einen Moment."

Es entstand eine ziemlich lange Pause, die mir bis heute rätselhaft ist, obschon man sie durch die nach einigen Minuten (!) erfolgten Bemerkungen gedeutet sehen mag. Übrigens bin ich in der Lage, alle unsere Gespräche wortwörtlich anzugeben, da sie mir darüber vollständige Aufzeichnungen zur Verfügung gestellt haben. Da ich begreiflicherweise wenig Lust verspürte, mir die Aufzeichnungen eines vollen Erdenjahres anzuhören, habe ich mich oft damit begnügt, die Gespräche aus meinem Gedächtnis wiederzugeben bzw. mich nur oberflächlich durch Abhören des Akustprot (wie sie das nannten) zu berichtigen. In diesem Fall habe ich das aber getan, weil er so merkwürdig war.

Endlich sagte die mechanische Vorrichtung: "Bitte entschuldige. Ich habe einen Fehler in einem Gebiet der grammatikalischen und semantischen Vorrichtung entdeckt, die meine letzten Sätze verunstaltet haben. Ich versuche es noch einmal: Ich möchte dich nun bitten, uns ein paar Fragen zu beantworten. Dies soll nicht geschehen, um deine Frage abzuwehren oder deren Antwort zeitlich zu verzögern. Es hat den Grund, dass ich mich vergewissern will, dass wir uns richtig unterrichten."

"Bitte - sprich weiter" meinte ich gespannt.

"Kannst du mir sagen, worauf ich deute?"

Ich sah wieder zu dem kopfstehenden Filmposter hinüber. Darauf konnte ich eine Menge von verschiedenen Antworten geben - zum Beispiel: Auf ein Filmplakat. Auf einen farbigen Siebdruck. Auf eine Raumstation. Auf das Abbild einer Raumstation. Auf eine Szene aus einem utopischen Film - den ich sehr mag. Oder noch viele andere. Da ich annahm, dass uns dieses Prozedere meiner vorigen Frage näherbringen sollte, wo ich mich befände, entschloss ich mich zu der Version: "Auf eine Weltraumstation."

Als hätte er das vorausgesehen, fragte Sam prompt weiter: "Gibt es diese Weltraumstation?" Ich war ein wenig verblüfft und dachte wieder eine Weile nach, Sam schwieg geduldig (ich habe erst sehr viel später begriffen, als sie anfingen, meine Gedanken hin und wieder rücksichtsvoll zu unterbrechen, dass sie damals einfach kein Gefühl dafür hatten, was für mich eine "lange Zeit" oder eine "kurze Zeit" sei, und insbesondere, welche Bedeutung Gesprächspausen hatten. Das ist insofern verwunderlich, als Sam sich immer wortreich entschuldigte, wenn sich die Beantwortung einer scheinbar einfachen Frage an ihn seinerseits über langwierige terminologischen und kontextmäßige Abklärungen hinzog. Offenbar hatte er zur Zeit, in der - zumindest von einer Seite - nichts geschah, ein ganz anderes Verhältnis als zu dem Aufwand an gewechselten Argumenten. Ein Umstand, den ich nie intuitiv begreifen lernte, war, dass er sich nie entschuldigte, wenn er mich durch langes Schweigen auf eine Antwort warten ließ. Anfangs störte mich das nicht, weil die Situation einfach so faszinierend war und ich außerdem genug zum Grübeln hatte, um die Pause zu überbrücken. Später wurde ich oft ungeduldig und fragte dann etwa: "Macht dir meine Formulierung Probleme, soll ich sie anders wiederholen." Das führte dann regelmäßig zu einem langen und breiten teils diplomatischen, teils linguistischen Palaver über die Gründe und Hintergründe meiner Zwischenfrage, sodass ich mir dies tunlichst wieder abgewöhnte. Einmal haben wir uns darüber unterhalten, dass unsere Zeitempfindungen sehr verschieden sind - aber ich schweife schon wieder ab).

"Gibt es sie - es gibt sie nicht wirklich, denn das Bild da an der Wand ist eine Szene aus einem utopischen Film - einer Art Fantasiegeschichte." Oh je - das war sicher viel zu kompliziert ausgedrückt? Überraschenderweise fuhr Sam jedoch ohne Pause fort: "Wir wissen, dass es die Weltraumstation, auf deren Abbild ich deute, in einer Umlaufbahn um die Erde nicht gibt." Dann trat eine kleine Pause ein, bis er forfuhr:

"Ich glaube, du verstehst, wenn ich sage: Meine nächste Antwort ist eine Annäherung an das, was ich dir sagen will."

"Hm" machte ich, was er korrekterweise als Signal zu deuten schien, in seiner Argumentation fortzufahren:

"Ich habe schon gesagt, dass du dich in einer komplexen Vorrichtung befindest, die ich dir erläutern will. Die erste Annäherung ist: Diese komplexe Vorrichtung ist eine Weltraumstation von uns!"

Mannomann! Diese schlichte Antwort warf eine Menge Fragen auf (abgesehen von ihrer Glaubwürdigkeit, obwohl es - aus diplomatischen Erwägungen heraus - zunächst nicht die Zeit und der Ort (?) schien, Zweifel an der gegenseitigen Glaubwürdigkeit ins Spiel zu bringen). Ich entschloss mich zu ein wenig mehr Spontanität: "Eine Raumstation in einer Erdumlaufbahn?"

"Ja."

"Hm - aber die hätten unsere Astronomen und - Raumfahrtbehörden doch schon längst bemerkt."

"Nein."

"Nein? Weshalb nicht?"

"Das ist sehr schwer zu erklären - jedenfalls für mich. Du verstehst, dass ich damit sagen will, ich habe den Willen, dir das kurz und schlüssig zu erklären, aber ich weiß nicht, wie dies getan werden könnte!"

"Hm - ist sie in irgendeiner Weise unsichtbar?"

Er grübelte etwas und stellte dann einige Rückfragen: "Meinst du mit 'unsichtbar', dass ihr sie mit euren Augen nicht bemerken könnt?"

"Nein - nicht nur, ich meine - warte bitte einen Moment!" Ich musste erst nachdenken. "Ich meine - ob es besondere Gründe gibt, dass wir sie auch mit unseren Instrumenten nicht bemerken können."

"Welche Instrumente meinst du?"

Nanu? Ich hätte bisher angenommen, dass sie über unsere gesamte Technik recht gut bescheid wussten. "Na ja - zum Beispiel Fernrohre, optische Teleskope, Radarteleskope - einfach alle Geräte, die wir zur Himmelsbeobachtung verwenden - ich meine - oh, ich weiß nicht, verstehst du, was ich gerade gesagt habe?"

"Zum Teil." Er schwieg. Angesichts der bisher eigentlich unglaubhaft flüssigen Unterhaltung - wenn das ganze tatsächlich kein gigantisch inszenierter Medienscherz war, in dem ich eine Staffagenrolle spielte - sah ich nicht recht ein, wieso die Klärung dieses Punktes so große Probleme bereitete.

"Es gibt Vorkehrungen, die bewirken, dass ihr unsere Raumstation nicht bemerkt."

"Ach - also - das heißt, ihr habt sie getarnt?"

"Das ist ein Begriff aus dem militärischen Semantikbereich, nicht wahr?"

Diese Rückfrage bereitete mir Unbehaben. "Ja" sagte ich tapfer.

"Insofern - möchte ich darauf nicht einfach mit Ja antworten, aus Gründen, die ich, wie ich glaube, dir erst sehr viel später werde wirklich erklären können. Ich bin mit dem semantischen Feld des Begriffes 'getarnt' nicht ganz einverstanden."

Uff! Ich seufzte und rang mich dann zu einem Kompromissvorschlag durch: "Könnte man sagen, ihr habt die Raumstation versteckt? Mit 'versteckt' meine ich jetzt keinen militärischen Ausdruck - man kann auch - im zivilen Leben, im Spiel, etwas verstecken..."

"Ich weiß." Lange Pause. Dann: "Ich bin vorläufig mit diesem Begriff einverstanden. Wir haben die Raumstation versteckt, daher könnt ihr sie nicht bemerken."

Ich fühlte mich etwas erschöpft und wollte daher diesen Punkt nicht weiter verfolgen, andererseits aber doch meine Neugier noch weiter befriedigen. Es entstand eine merkwürdige Situation, die sich nur aus dem erklären lässt, was ich vorhin schon einmal, in einer Abschweifung, über unser und ihr Verhältnis zum Zeitempfinden, insbesondere bei Gesprächspausen, anzudeuten versucht habe. Ich dachte nämlich nach, oder besser gesagt, in meinem Kopf rasselten tausend Fragen, und ich konnte mich nicht recht entscheiden, welche ich davon jetzt stellen und welche ich für später aufschieben sollte. Oder sollte ich erst einmal versuchen, etwas über die zeitliche Perspektive dieser Begegnung herauszufinden - knallhart gefragt, ob man eine bestimmte Vorstellung von der zeitlichen Dauer meiner Entführung hätte. Das wäre aber doch wieder undiplomatisch gewesen... andererseits, nun ja. Es ist übrigens merkwürdig, auf welche Weise wir sehr viel später zu einer Übereinkunft über diese Frage fanden - aber das wäre wieder ein Vorgriff, der an dieser Stelle nicht verständlich wäre. Nach einer Weile hatte ich das unangenehme Gefühl, mein langes Schweigen könnte irgendwie unhöflich oder missbilligend oder sonstwie negativ wirken. Hätte ich einem menschlichen Gesprächspartner gegenübergesessen (und zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits so etwas wie die eigentlich irrwitzige Überzeugung, dass dies tatsächlich nicht der Fall sei), so hätte dieser sicherlich seinerseits ein Bemühen gezeigt, die Situation zu überbrücken, zum Beispiel durch die Frage: Kann ich Ihnen/dir etwas zu trinken anbieten, möchtest du etwas essen? Dieser Gedankengang brachte mir schlagartig zu Bewusstsein, dass ich sehr durstig war und eigentlich sogar hungrig. Andererseits gilt es unter Menschen, falls sich Gast und Gastgeber nicht sehr vertraut sind, etwa so wie enge Freunde, wohl eher als unhöfliche Geste, den Gastgeber auf seine mangelnde Zuvorkommenheit aufmerksam zu machen, wenn man frisch von der Leber weg fragt: Könnte ich vielleicht mal was zu trinken haben. Trotzdem beschloss ich innerlich, ein wenig direkter zu werden. Der ganze Aufwand, warum auch immer er getrieben worden war und betrieben wurde, legte es nahe, dass dies ein etwas ausgedehnteres Geschäft zu werden versprach, und es könnte dem Fortgang der Angelegenheit wohl nur förderlich sein, einfach und direkt ein paar pragmatische Fragen zu klären.

In diesem Moment fiel mir eine vorher gemachte Beobachtung wieder ein: Ich holte unter meinem (unserem?) Schreibtisch Papier und den Kugelschreiber hervor (übrigens hatte ich meinen eigenen in der Hemdbrusttasche stecken, da ich die schier manische Angewohnheit habe, nie ohne Schreibgerät außer Haus zu gehen, was so weit geht, dass ich es als höchst unangenehm empfinde, wenn ich das einmal - was selten aber dennoch vorkommt - vergesse).

Mir war bewusst oder ich unterstellte einfach, dass mich mein Gastgeber (oder meine Gastgeber?) mit klinischer Aufmerksamkeit beobachteten. Einstweilen konnte ich mich nur dadurch revanchieren, dass ich die akustischen Äußerungen (und linguistischen Missgriffe) jener "einfachen mechanischen Vorrichtung" verfolgte. Ich schrieb auf mein Blatt (der Kugelschreiber funktionierte prompt und so, als sei die Mine bereits angeschrieben, wie mir aus unabstreifbarer Professionalität heraus auffiel):

Erfrischung/Trinken/Essen

Rolle des 'Rollis'

Gastgeber sehen?

Zurückstellen von Fragen - andeuten, dass ich viele Fragen habe

und dann, nachdem ich das Blatt mit seinen mageren Einträgen eine Weile wie in Trance angestarrt hatte:

Telefon/Rückkehr

Ich blickte auf. Rolli verharrte mir gegenüber in insektenhafter Starre - ich konnte nicht ahnen, was in den Geistern, die wohl hinter ihm verborgen waren, vor sich ging.

"Du hast gesehen, dass ich mir Notizen gemacht habe..."

"Ja." kam es prompt und unbetont zurück.

"Ich habe sehr viele Fragen, weiß aber nicht, welche ich zuerst stellen soll. Es scheint, dass manche davon - zur Beantwortung sehr lange brauchen" (mir wurde plötzlich bewusst, dass Sams Äußerungen, trotz ihrer linguistischen Auffälligkeiten, nie wie die stöpselhafte situative menschliche Rede klangen, sondern immer wie etwas Gedrucktes, das abgelesen wurde - er formulierte seine Sätze, ehe er sie sagte, ich formulierte meine oft erst, nachdem ich sie schon angefangen und in eine bestimmte, manchmal im Nachhinein sich als unerwünscht erweisende Richtung gelenkt hatte. Ob es ihm oder ihnen wohl auffallen würde, wenn ich manchmal einfach abbräche und meine Äußerungen 'neu formulierte', was er ja auch oft tat? Dh. er brach sie nicht ab, sondern widerrief sie manchmal im Nachhinein und brachte sie dann etwas perfektioniert in einer neuen Version vor...

Sam schien auf ankündigende Feststellungen nichts zu erwidern, wie etwa "Hm", "Ja", "Bitte..., ich höre..." usw. Ich hatte zunehmend das Gefühl, dass das, was ich (intuitiv) auf seinen Vorschlag hin für mich als Sam bezeichnete, jene Instanz, die er/sie als 'ich' definierten, zumindest so etwas ähnliches wie ein Computerprogramm sei. Ich sprach aber nicht "nur mit einem Computer", dieser war vielmehr nur der Vermittler für das Gespräch mit jenen "Personen", obschon er im Gesprächsfluss häufig eine autonome Eigeninitiative zu besitzen schien. Was würde wohl mein Freund Wolfgang, der Linguist, aus dieser Situation für Schlüsse gezogen haben? Sicher hätte er viel klüger und präziser viele meiner Verständigungsprobleme überwinden können - allzu oft, muss ich - etwas beschämt - eingestehen, ging dabei die Initiative mehr von meinen Gegenübern als von mir aus.

"Hm - ich möchte ein paar Fragen kurz anschneiden. Ich bin ziemlich durstig. Verstehst du, was das bedeutet?"

Die Antwort darauf werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Ohne die geringste Verzögerung antwortete Sam freundlich: "Möchtest du ein Bier? Ich kann es dir eisgekühlt anbieten, wie du es gerne hast." Ich war einfach sprachlos. Das konnte doch alles nur eine getürkte Situation sein. Ich sah mich unwillkürlich im Zimmer um, vermochte aber niemand hinter den Kulissen grinsend und kichernd zu entdecken! Mit etwas Zittern in der Stimme (ich hab' mir die Stelle oft abgehört!) nahm ich das Angebot an: "Ja, sehr gerne. Und... ist es unverschämt, wenn ich auch um - ein Käsebrot bitte?"

"Das ist ganz sicherlich nicht unverschämt, denn es ist unsere vornehmste Pflicht und unser teuerstes Bestreben, dir deinen unfreiwilligen Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen."

Diese ohne Verzögerung auftauchende Äußerung festigte in mir die Überzeugung, dass Sam (also das, was ich hypothetisch einmal als das Konversationsprogramm zwischen ihnen und mir betrachtete) über einen gut sortierten Phrasenkatalog verfügte, und dass er oft in einem erstaunlichen Maße den Kontext der Situation verfolgte und auch antizipieren konnte. Teilweise funktionierte er wie Joseph Weizenbaums Eliza, wenn auch sicher auf bedeutend höherem Niveau. Ich gewann bald die Überzeugung, dass diejenigen seiner Äußerungen, die subtile feingrammatische oder, sagen wir, stilistische Irrtümer oder Mängel offenbarten, die eigentlich oder gar einzigen "intelligenten" waren - mein Gespür dafür verschärfte sich rasch. Manchmal glaubte ich sogar, zwischen seinen autonomen Äußerungen und Eingriffen von "ihnen" deutlich unterscheiden zu können - bei dem missgebildeten Satz vorhin zum Beispiel, als er einen ganzen Halbdialog nach einer kleinen Pause als missgebildet diagnostiziert und dann sogleich in perfektioniertem, wenn auch immer noch etwas gestelztem Stil, neu formulierte, schien eine dritte Instanz eingegriffen zu haben. Ich war noch lange Zeit auf diese sehr indirekten Vermutungen darüber angewiesen, wann ich eigentlich wirklich mit meinen Gastgebern sprach und wann nur mit ihren Dolmetschern. Dass es einen derartigen Unterschied gab, das hatte mir Sam selbst ganz zu Anfang unserer Begegnung deutlich zu verstehen gegeben.

Ich schrak aus meinen Überlegungen hoch, als hinter mir ein Geräusch ertönte, das mir vertraut erschien, das ich aber nicht in meinem Rücken erwartet hätte: Das leise quietschende Rollen von glatten gummiartigen Raupenbändern. Ein zweiter Rolli! Er jonglierte auf seinem flachen Rücken, so dachte ich zuerst, wie ein mechanischer Kellner, ein Tablett. Tatsächlich war sein Rücken ein Tablett - eine leicht vertiefte Wanne. Darauf befanden sich, oh welch bequeme, zuvorkommendste Köstlichkeit, ein von der Kälte beschlagenes Glas helles Bier und eine Anzahl von mit Käse belegten Broten. Rolli-2 hielt in bequemer Stellung links der Armlehne meines Sessels an. Gesagt hat er nichts (obwohl ich später herausfand, dass es zahllose Rollis gab, die alle genauso gut sprachen, hörten und sahen wie Rolli-1). Das alles war übrigens hübsch mit Bierdeckel, Servietten und sogar Messer und Gabel und kleinen (Schein-)Holzbrettchen garniert. Ich habe übrigens wochenlang darüber gebrütet, wieso sie eigentlich nicht auf die Idee kamen, diesen Rollis diverse Tentakel, Greifarme oder dergleichen zu verpassen, anstatt einen Haufen Spezial-Rollis zu meiner Bedienung zu konstruieren. Es war mir unheimlich peinlich, als sich diese Sonderbarkeit endlich aufklärte: Sie betrachteten es als einen Akt der Höflichkeit und demonstrativen Defensivität! Keiner dieser Rollis hätte mir auch nur das Geringste antun können, während ich ohne weiteres in der Lage war, sie aufzuhalten (der Antrieb ihrer Raupenbänder war nicht sehr stark und ihr Gewicht nicht sehr groß), hochzuheben und umzukippen. Mehr als einmal geschah es, dass Sam mich in Gestalt eines intakten Rollis aufsuchte und freundlich, aber mit gewisser Dringlichkeit bat, ihm zu helfen. Er führte mich dann irgendwohin in dem Bereich der Station, der mir zugänglich war, und dort befand sich ein Rolli, der durch irgendeinen Umstand, sei es nun ein Steuerfehler oder mehr oder weniger unvorhersehbare Umstände, die meist mit der Tücke der Objekte zu meinem Lebensunterhalt zusammenhing, umgefallen oder eingeklemmt war. Einer war zum Beispiel unter einem Haufen von heruntergefallenen Büchern eingeklemmt, einer sogar einmal - ich weiß nicht, warum - in dem Swimmingpool gefallen, den sie mir später einrichteten. Es fiel mir schwer, ihn herauszuheben, weil er durch das ins Gehäuse eingedrungene Wasser unerwartet schwer geworden war. Sam erklärte mir, wie ich eine Klappe seines Leichtmetallgehäuses öffnen konnte, sodass das Wasser herauslief. Wieder auf festen Grund gesetzt, rollte er triefend und ein wenig gurgelnd, aber anscheinend nicht ernsthaft beschädigt, von dannen. Nach einer Weile kam ich zu dem Schluss, dass Sam mich deshalb um so prompte Hilfe für die Rollis bat (manchmal, sehr selten, weckte er mich sogar nachts dafür auf, allerdings nur, wenn sich gleich mehrere von ihnen irgendwie verheddert hatten), weil sie sozusagen seine Sinnesorgane in meinen Teil der Stationswelt waren. Ich nannte meinen Aufenthaltsort bald "die Station", obschon es mir nie gelang, wirklich absolute Klarheit über deren Natur zu gewinnen.

In dieser Situation geschah wieder sehr rasch zweierlei, dessen Erklärung langatmig wirkt, mir aber doch von genügend großer Bedeutung erscheint, um es nicht zu unterschlagen. Ich wollte zuerst impulsiv nach dem Bier greifen - und hielt dann plötzlich inne. Sekundenbruchteile danach sagte Sam etwas. Was er sagte, werde ich gleich erklären. Es bewies, dass er in diesem Fall den - sagen wir einmal - sozialen Kontext erfasste und vielleicht sogar antizipierte, also voraus-schaute. Und er ergriff spontan die Gesprächsführung, was er - zu meinem Befremden - nie tat, wenn ich in einer Gesprächspause stumm und still dasaß. Es schien, als ob es ihn ermunterte, etwas zu sagen, wenn ich mich bewegte, irgendein deutbares Verhalten zeigte. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, dies zu deuten - zum Beispiel die, dass er sich, wenn ich nur stumm dasaß und grübelte, in keiner sehr viel besseren Position befand wie ich, wenn ich eine seiner insektenhaft starr und stumm dastehenden "einfachen mechanischen Vorrichtungen" anstarrte, in dem vergeblichen Bestreben, dadurch seine "Gedanken" oder Erwägungen erkennen zu können. Ich glaube, das ist nicht die richtige Deutung. Die richtige Deutung hat, glaube ich, wieder mit der Verschiedenartigkeit unserer Zeitauffassung zu tun. Für ihn ist Zeit in weitaus höherem Maße ereignisbestimmt als für uns Menschen. Wir langweilen uns, wenn nichts geschieht, und die Zeit verstreicht im Fluge, wenn sehr vieles und abwechslungsreiches auf uns einströmt. Ich kann es nicht beschwören oder beweisen, aber ich bin im Laufe der Zeit zu der Auffassung gelangt, dass für ihn, vielleicht auch für sie, die Zeit stillsteht, wenn nichts geschieht. Selbst wenn wir im Gespräch uns mitten zwischen zwei Sätzen eine Stunde lang anschwiegen, ist das für ihn nur ein winziger Augenblick, der nichts bedeutet. Bemerkt er aber, dass ich zahlreiche Äußerungen tue, etwa ohne etwas zu sagen, dann schließt er daraus, dass für mich viel Zeit verstreicht und ich erwarte, dass er etwas sagt oder irgendwie an meinem Er-Eignis-Leben teilnimmt. Umgekehrt bemerkt er, wie ich schon sagte, nicht, wenn mich sein Schweigen ungeduldig macht (obwohl sich dabei irgendetwas abspielen muss, zum Beispiel ein Dialog zwischen ihm oder ihnen. Manchmal habe ich auch den unfeinen Verdacht, dass sie sich in einer unklaren Situation lange beraten und ihn dabei einfach anhalten, bis sie ihm wieder Instruktionen geben, was er mir gegenüber sagen soll - sodass es einfach Zeiten gibt, in denen mich meine Gastgeber schlicht vernachlässigen. Das geschah ganz gewiss nicht aus Nachlässigkeit oder Unhöflichkeit. Es ist mir nie gelungen, ihnen den Begriff der menschlichen "Langeweile" klarzumachen. Einmal, als ich versucht hatte, ihnen dies auseinanderzusetzen - viel viel später, als wir viel vertraulicher miteinander waren als an jenem ersten Tag - führte dies dazu, dass sie eine Art Timer in Sam installierten, der mir wahnsinnig auf die Nerven ging. Das hatte nämlich die Konsequenz, dass mich Sam, wenn ich nachdachte, oder gar, wenn ich nur ausruhen oder einschlafen wollte, präzise alle zehn Sekunden ansprach - wie ein geistloser Automat. Er sagt dann etwa: "Langweilst du dich? Möchtest du dich unterhalten?", machte auch gelegentlich Themenvorschläge. Wenn ich dann versuchte, ihm zu erklären, ich sei jetzt müde und wolle mich eine Weile nicht unterhalten, begehrte er zu wissen: "Wie lange wirst du müde sein? Wann soll ich wieder etwas sagen?" Es war schier zum Verzweifeln - er benahm sich - aus meiner naiven Sicht - wie ein geisteskranker Idiot, der einem durch stereotype und völlig kontextlose Bemerkungen oder eifriges Erzählen auf die Nerven geht. Ich brachte ihn zunächst dazu, mich nur noch alle 10 Minuten zu fragen, ob er etwas sagen sollte. Voller Verzweiflung erklärte ich schließlich, die ganze lang und breit diskutierte Geschichte sei ein Verständigungsirrtum, an dem ich die alleinige Schuld trüge, und er möge doch bitte, falls das irgend machbar wäre, wieder zu seinem früheren Verhalten zurückkehren - was er, Gott sei's gedankt, dann auch willig tat. In solchen Situationen, deren es verschiedene gab, die sich manchmal tagelang hinzogen, konnte Sam mich zur Verzweiflung treiben, ja, manchmal hasste ich ihn regelrecht - was ich aber auch nicht ohne weiteres sagen konnte, wie später noch deutlich werden wird.

Doch zurück zur aktuellen Situation: Ich griff nach dem Bier - und zog die Hand zurück. Mir war mittlerweile bewusst, dass die Materialien, die mich umgaben, nicht unbedingt das waren, was sie zu sein schienen. Sam bemerkte dies und sagte prompt: "Hab keine Angst. Das ist Bier, wie du es echt nennen würdest, und Brot, wie du es echt nennen würdest, und Käse, wie du ihn echt nennen würdest. Nur die Holzbrettchen sind nicht Holz, wie du es echt nennen würdest, und die Messer nicht echt, wie du sie echt nennen würdest, aber du kannst sie benutzen. Ich schließe das daraus, dass du nach meinem Wissen die Holzbrettchen nicht essen und die Messer nicht essen willst, sondern nur zum Zerteilen dessen, was du wirklich essen willst. Wir sind sehr zuversichtlich, dass dies richtig ist, was ich dir gerade versichert habe. Jedoch bitte ich dich, mich sofort auf einen Irrtum aufmerksam zu machen."

Ich sah ihn fassungslos an, griff dann wieder nach dem Bier, kostete es misstrauisch, schlürfte und spülte es im Mund umher - und nahm dann einen herzhaften Zug. Nichts böses geschah mir deswegen. Ich vermute, dass es für sie einen ungleich höheren Aufwand bedeutete, mir "echte" Substanzen als nur kulissenhafte Surrogate zur Verfügung zu stellen, und dass sie sehr sorgfältig darauf bedacht waren, korrekt zu entscheiden, wann nach der Ergonomie und gesundheitlichen oder sonstigen Notwendigkeit das eine oder andere angebracht sei. Sie schienen unheimlich viel über meine Biologie (und die der Erde schlechthin) zu wissen, verblüffend viel über unsere Technik, und erbärmlich wenig über unsere Kultur. Umso erstaunlicher, wie gut sie es einzurichten wussten, mit dem ersten Menschen in seiner Sprache zu sprechen. Das hat sicher etwas zu bedeuten - ich kann aber zum Teil nur sehr unzureichend darüber spekulieren, was.

Als ich mich einigermaßen gestärkt hatte - die Brote schmeckten ausgezeichnet, es schien sich um zumindest perfekt inszenierte Nachbildungen von Pfisterbrot und gewissen Käsesorten zu handeln, die ich mit Vorliebe einkaufte - kam ich auf die übrigen Punkte meiner Liste zu sprechen:

Zuerst auf einen mehr persönlichen Punkt: "Sag mal, Sam... könnte ich in absehbarer Zeit, ich meine, zum Beispiel morgen, einmal - mit der Erde telefonieren?"

"Ja, das kannst du". Diese Antwort bestürzte mich, denn ich hatte die ganze Zeit geglaubt, ein zwar wohlbewirteter, nichtsdestotrotz aber unfreiwilliger Gefangener zu sein.

"Könnte ich morgen auch zur Erde zurückkehren, wenn ich das wollte?"

"Nein" antwortete er unbewegt.

"Auch nicht - für einen kurzen Besuch - um - etwas aus meiner Wohnung zu holen, zum Beispiel?"

"Wir können dir alles beschaffen, was du brauchst." Pause. "Und alles, was du wünschst, unter gewissen Beschränkungen, die zu erklären sehr langwierig wäre."

"Und ich kann einfach - meine Freundin anrufen - oder einen Zeitungsredakteur - oder einen Rundfunkjournalisten - oder darf ich das nicht?"

"Das kannst du alles tun. Wir verbieten dir nichts. Es ist jedoch so, dass du vorläufig nicht zurückkehren kannst."

"Was heißt 'vorläufig'?"

"Wenn ich es richtig verstehe, bedeutet der Begriff 'vorläufig' eine jetzt beginnende Zeitspanne, deren Ende gegenwärtig nicht definiert ist."

Ich muss wieder etwas einfügen. Wahrscheinlich verwirren meine philosophischen Betrachtungen über ihr und unser Zeitempfinden den Leser mehr, als sie ihm etwas erklären. Es bestand niemals ein Problem, uns über die messbare Zeit zu verständigen. Ich brauchte es ihnen nicht zu erklären - genauso wenig wie alle unsere physikalischen Maßbegriffe. Sie wussten, was ein Meter ist, ebenso, was eine Sekunde, eine Minute, eine Stunde, ein Tag, ein Monat, ein Jahr sei - das heißt, sie konnten es messen, und wir konnten uns darüber verständigen, was da zu messen wäre, also welche Qualität oder physikalische Eigenschaft, und welches die Maßgrößen seien.

Was jedoch in dem ganzen Jahr meines Aufenthaltes niemals gelungen ist, war die Verständigung über die subjektive Zeit. Ich bin mir nicht einmal mehr sicher, ob es mehr an ihnen lag, mein Zeitempfinden nicht zu begreifen, oder mehr an mir, dass ich das Ihre nicht erfassen konnte. Ich werde später ausführliche Gespräche darüber wiedergeben. All diese Vorgriffe mache ich, weil sich nur so zahlreiche Merkwürdigkeiten meiner Situation - oder besser gesagt, der sozialen Situationen zwischen mir und ihnen - verstehen lassen, und auch, weil ich ehrlich gesagt, befürchte, dass der Leser, wenn überhaupt, nur durch lange Erklärungen und immer wieder in Variationen wiederholte praktische Beispiele und theoretische Spekulationen in der Lage sein wird, wenigstens ansatzweise zu verstehen, was dabei eigentlich das Problem war. Ich habe selbst gewiss unheimlich viel, unerwartet viel, über das menschliche Zeitempfinden gelernt und verstanden, aber wohl kaum etwas (oder vielleicht gar nichts, ich bin mir nicht sicher) über das Ihre.

Aber ich hatte noch eine andere wichtige, vordergründige Frage: "Sam, du kannst mich sehen. Ich meine - mich tatsächlich, äh - mich als das Objekt, das ich wirklich als mich selbst bezeichnen würde. Oder das echte ich selbst. Verstehst du das?"

"Das ist korrekt und ich verstehe, was du sagst."

"Gut. Ich kann deine 'einfache mechanische Vorrichtung' sehen und - wahrscheinlich anfassen. Richtig?"

"Das ist richtig."

"Na schön. Aber ich kann dich selbst nicht sehen!"

"Nein."

Ich wartete eine Weile, bis mir klar wurde, dass er nicht geneigt schien, diese Restriktion von sich aus näher zu erläutern. Sollte ich im Augenblick Zeit damit verschwenden, hier weiter nachzubohren? Viel wesentlicher als Sam schienen doch "sie" zu sein - sollte ich aber mit der Tür ins Haus fallen? Seufzend, und im Bewusstsein einer sich allmählich aufgrund der anstrengenden Gespräche und der fortgeschrittenen Stunde - auf meiner Armbanduhr war es mittlerweile nach halb zehn Uhr vormittags, ich war also die ganze Nacht auf! - wagte ich es dennoch: "Außer dir - also Sam, dem Agens, dem ich - gibt es da noch diese 'wir', für die ich bisher überhaupt keine Namen, keinen - personalen Begriff habe, obwohl du, glaube ich, vor einiger längerer Zeit von diesen 'wir' als etwas gesprochen hast, das ich als 'Personen' bezeichnen könnte - verdammt, manchmal ist die Unterhaltung noch ein wenig mühsam, scheint mir." Ich nahm, mich innerlich selbst ob dieses Ausbruchs tadelnd, einen Schluck Bier, und wollte eben weitersprechen, als Sam antwortete: "Ich, Sam, bin die vermittelnde Instanz. Die 'wir' sind andere Entitäten - oder Individuen. Mein Gattungsbegriff ist 'Dialog-Vermittlungs-Zentrum', wie ich schon einmal gesagt habe. Ich kann nicht bestimmen, was du mit 'vor einiger längerer Zeit' meinst, aber ich glaube, dass das nicht relevant ist. Du meinst vermutlich unser Gespräch über ich und wir vor fünf Stunden und 13 Minuten. Nach unserer Auffassung könntest du, so wie du dich als Person bezeichnest, und andere die sind wie du, aber in der Pluralität, als Personen, auch uns als Personen bezeichnen. Jedoch sind wir Personen, die sehr verschieden sind von den Personen, die ihr seid. Ich weiß, dass 'verdammt' von der semantisch-sozialsprachlichen Kategorie 'Fluch' ist, doch können wir derzeit nicht genau bestimmen, was diese semantische Kategorie ist. Du hast offenbar den Eindruck, dass unsere Unterhaltung mit einem sehr hohen Aufwand verbunden ist. Wir vermuten, dass dich dies ermüdet hat."

Es begann mir, ein wenig auf die Nerven zu gehen, wie er computerhaft eines meiner Argumente nach dem anderen abhandelte, anstatt mal spontan eines davon zu bevorzugen und nur auf dieses zu antworten, wie gewöhnliche, normale, nervende und sterbliche Menschen dies meist zu tun pflegen. Ich schloss aus dieser meiner Missempfindung, dass es wohl angezeigt wäre, um ein Nachtlager zu bitten. Aber da war noch etwas ungeklärt: "Jaja, also, diese - wir, diese Personen, die - ihr seid. Haben die einen Namen - eine Benennung? - Also, wir, wir nennen uns Menschen. Verstehst du die Frage?" Es erfolgte eine der mittleren Verständigungspausen, dann fuhr er fort: "Wir sind die Wesen. Sam ist kein ursprüngliches Wesen. Er ist unser Vermittler, aber wir haben ihn gestaltet, so wie wir diese Räumlichkeit gestaltet haben. Wir sind die ursprünglichen Wesen. Wir sind keine Menschen. Ich glaube nicht, dass wir das sehr bald werden erklären können. Wir glauben, dass wir jetzt sehr viel Material haben, um unser Verständigungssystem zu verbessern, aber das bedeutet einen großen Aufwand." Sie sagten nicht, es würde "längere Zeit dauern", bis sie die fraglichen Verbesserungen vorgenommen hätten, ich verstand es aber so, außerdem war ich verdammt müde! "Könnte ich hier irgendwo schlafen?" "Ja, das kannst du. Bitte folge mir." Zum ersten Mal nach Beginn unseres langen, ersten Gespräches in unserem Begrüßungsbüro rührte sich Rolli Nummer Eins wieder, er fuhr mit leisem Quietschen von seinem Podest herunter (ich bemerkte jetzt, selbst noch sitzend, dass er ohne dieses mit seinen Sensoren-Knöpfchen kaum über den Tischrand blicken konnte) und rollte langsam und ohne weitere Bemerkungen auf die Eingangstür, oder wie ich sagen sollte, Eingangsöffnung des Raumes, zu. Denn eine Tür gab es da gar nicht. Hatten sie das vergessen? Oder widersprach es ihren Sitten? Ach, ich war zu müde, mir weitere Gedanken zu machen, folgte nur Rolli 1, der mich zu meinem Nachtlager führte.

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