Blackdot

Die Bahnfahrt


Das Tal der Bahn

Hernach habe ich überlegt, wann ich eigentlich zuvor das letzte Mal mit der Bahn gefahren bin. Oh, ich habe Frauen von der Bahn abgeholt oder hingebracht, ihnen auf Bahnhöfen lange nachgesehen, wie sie von mir wegfuhren, aber selbst? Ich glaube, das muß 1983 oder 84 gewesen sein. Damals fuhr ich Monika mit ihrem Auto von München nach Rottweil, weil sie so in Tränen aufgelöst war, und ich dachte, jetzt kannst du sie nicht allein fahren lassen. Ich weiß nicht mehr, was für ein Kummer das war. Da fuhr ich am nächsten Tag mit dem Zug zurück. Über Stuttgart.

Aber das ist so lange her, daß ich ganz verunsichert war: Wo bekomme ich denn nun auf diesem Provinzbahnhof eine Fahrkarte, oder kann ich sie im Zug lösen, oder nicht? Ich Autofahrertier. Ich sah mich um und entdeckte so einen Fahrkartenautomaten, ganz ähnlich wie in München beim MVV. Bekam auf leicht erklärten Tastendruck so ein Papierticket. Kein braunes Kartonkärtchen mehr, wie früher.

Studiere den Fahrplan. Laut telefonischer Auskunft geht der Zug um 15.59h Richtung Bayrischzell ab. Ich bin in Hausham. Peile die Himmelsrichtungen. Wenn er auf der eingleisigen Strecke von da einfährt, muß es wohl einer Richtung B´Zell sein. Wie oft ich mich in München mit der Straßenbahn verfuhr. Zerstreutes Kind. Das hängt mir nach. Susanne und andere Frauen spotteten über meine Orientierungslosigkeiten. Dabei ... ach, lassen wir das. Hinweistafeln, gar automatisch geschaltete, gibt es nicht. Aber zur Absicherung noch einen Fahrplan mit den Abfahrtszeiten: Hausham, 15.59, Richtung Bayrischzell.

Es war ein Schock. Nicht nur die Bremsbeläge müssen erneuert werden, auch die Bremszylinder. Und diese Teile bekommt die Werkstatt frühestens morgen. Da nicht von diesem und jenem Lieferanten, direkt von Citroen aus München. Wird teuerer. Viel teuerer, als befürchtet. So verläßt mich mein mobiles Refugium, läßt mich einfach hier, 20 Autominuten von meinem Arbeitsplatz und Wohnsitz entfernt, stranden. Rief meine Mutter an, aber die war anscheinend nicht da. Kann also nicht nach eineinhalb Stunden wunderbaren Spaziergangs, ein bißchen wieder mal auf neuen Wegen, in den Hügeln um Hausham, mit meiner rollenden Hütte geschützt wieder heimfahren.

Ich laufe auf und ab, sehe auf die Uhr, ein älterer Mann, ein, zwei Jugendliche auf dem Provinzbahnsteig. Fünf Mark Vierzig kostet die Bahnfahrt. Ist ja nicht schlimm. Aber die Reparatur - werde eben noch mehr arbeiten müssen. Ach, einfach nicht daran denken.

Der Zug fährt ein. Wie schnell der noch ist. Wird er wirklich halten? Er hält. Ich sehe erst vor, dann zurück, dann wieder vor, um zu einer nahegelegenen Wagontür zu gelangen. Etliche ältere Damen steigen herab, mir entgegen, dann kann ich einsteigen. Wende mich nach rechts. Oh, das sieht aber modern aus hier. Schmaler Gang, abgeschlossene Abteile. Raucher? Nein. Will mich schon setzen, aber irgendwie kommt es mir merkwürdig vor. Zu schick. Bis mir einfällt - und wie ich genauer schaue, sehe ich die 1. Ach, Erster Klasse. Daß es sowas noch gibt. Und das auf dieser Strecke - kurz vor dem Ende der Welt! Und auch noch in Raucher und Nichtrauer! Aber das wird wohl mit meinem DM 5,40 nicht gemeint gewesen sein, wie?

Also lieber doch durch die Wagons laufen - man kann ja überall bequem hindurch. Aha, Zweiter Klasse. Aber Raucher. Noch einmal weiter - hier. Sieht eigentlich nicht weniger gepflegt aus. Nur sind die Abteile offen. Und es sind ein paar Reisende da. Mal im Ernst: Wer mag wohl erster Klasse von Hausham nach Bayrischzell reisen? Hätte ich das überhaupt irgendwie am Fahrkartenautomaten drücken können?

Ich suche mir ein freies Paar von Sitzen, breite meine Sachen aus. Wie ich mich doch immer ausbreite - selbst bei so einer kurzen Eisenbahnfahrt. Lederjacke, Tasche, Pudelmütze, Schal - wie warm es hier ist. Die Fenster sind groß, aber etwas schmutzig. Doch sonst wirkt es überraschend neu, sauber. Ich habe den Briefblock dabei. Wollte vielleicht, während ich auf die Autoreparatur warte, in einem Café sitzen und an Lydia schreiben. Aber ich ging ja die ganze Zeit spazieren. Und den Schirm habe ich aus dem Auto mitgenommen - dafür haben sie mir in der Werkstatt extra das Auto auf der Hebebühne runtergelassen - mit den abmontierten, nackten hinteren Felgen. Könnte ja regnen, die nächsten Tage! Wer weiß, wann ich es wiederhabe, das ... na, man weiß schon.

Der Zug fährt längst. Hielt nur ganz kurz, wie eine Straßenbahn. Mir kommt in den Sinn, daß ich mich auf meinen Fahrten und auch auf den Spaziergängen auf dem steilen "Bahnweg" längs der Geleise öfter gefragt habe, wie dieses Tal wohl vom Zug aus aussehen mag. Sicher eine schöne Fahrt. Nun wohne ich da schon eineinhalb Jahre, und bin noch nie ... aber auf dem Wendelstein war ich ja auch noch nicht. Nun werde ich es erleben.

Von der Werkstatt war ich leicht nervös, die Straße nicht mehr zur sicheren Seite mit dem Gehweg querend, zum Bahnhof gehastet. Wo ich dann doch noch minutenlang auf und ablief. Wie ich immer auf und ablief, schon in der Schulzeit, an der Trambahnhaltestelle. Aber das gehört nicht hierher.

Neugierig schaue ich nach draußen. Ach ja, das Geleise geht hier gerade weiter, und die mir vertraute Straße weicht ziemlich weit nach links in den Hintergrund des Tales aus. Hinten um den Schliersee wird sie herumfahren, male ich mir aus. Ich weiß es, denn im letzten Sommer war ich da einige Male, allein, zum Baden, und erlebte die tutend alle paar zig Minuten vorbeikommenden Züge. Wie sie vorsichtig sich vorantasteten, heftig pfeifend, um eventuelle Kühe oder Badetouristen von den Geleisen zu scheuchen. Aber erst mal geht es rein nach Schliersee, in den Kopfbahnhof. Zu Fuß zehn Minuten von Hausham. Auf der gegenüberliegenden Seite sitzt eine ältere Frau, die ich als Hiesige einschätze. Im Abteil dahinter, in Fahrtrichtung, zwei ständig quasselnde, ebenfalls schon im fortgeschrittenen Alter befindliche weibliche Mitmenschen, ziemlich sicher aus Berlin. Die meiste Zeit diskutieren sie über den Fortgang der Zugfahrt und die Haltestellen. Sie wollen nach Bayrischzell. Aber erst einmal, nachdem ich auf ihr anfängliches Gespräch gar nicht gehört habe, fangen sie in Schliersee an, unterschiedliche Theorien zu erörtern, warum der Zug so lange hält. Wähnen, auf dem Nachbargleis (hier gibt es eines, sogar mehrere), könnte ein anderer Zug eintreffen, von dem Passagiere umsteigen wollen. Immer wieder fühle ich mich versucht, mit einer lauten Bemerkung in ihr Gespräch einzugreifen, lasse es aber sein. Wechsele einen Blick mit meiner Abteilnachbarin, wir grinsen beide. Keine Worte.

Dem Leser sei es aber verraten: Es ist nämlich so: Die Strecke von Miesbach (oder was weiß ich, vielleicht von Holzkirchen gar?) ist eingleisig. Und immer, wenn ein ein Zug auf Bayrischzell zufährt, verläßt ein anderer eben diesen Ort. In Schliersee begegnen sie sich. Der eine fährt in den Kopfbahnhof ein, bis der andere eintriff, auf das andere Gleis fährt, wodurch sie sich ausweichen. Dann fährt der erstere wieder los - aber in umgekehrter Richtung. Als dies geschieht, debattieren die beiden auswärtigen Damen natürlich lebhaft darüber. Ob es denn jetzt wieder nach München zurückginge?

Nun bin ich gespannt. Hinten um den Schliersee herum. Da darf man zwar nicht mit dem Auto fahren, aber zu Fuß oder mit dem Fahrrad hin. War ich ja schon oft. Zum Baden, wie gesagt (und dabei an Lydia gedacht). Aber vom Zug aus? Wie weich der Zug anfährt. Das Gespräch mit dem Lokführer, damals in B´Zell, der mir ein wenig die Hydraulik so einer Diesellok erklärte. Sind ja nicht elektrifiziert hier, am Ende der Welt. Aber das sind andere Geschichten.

Ein langer, weit ausholender Schwung um das nach Hausham/Miesbach/Holzkirchen/München weisende Ende des Sees herum. Dieser eine Spazierweg, erst über den Abfluß, dann an den Sportstätten vorbei, dann im Schatten (meist) der Sonne bergauf - jetzt aber rasch herum, zunehmend rascher. Hui, der fährt ja schnell, der Zug. Ich beobachte den See, wie er sich vor mir dreht. Ich hatte mir ja zu Lesen mitgenommen, damit ich mich in keinem Falle langweilen muß, und das Tagebuch, und den Briefblock auch. Aber nun fängt es wieder an: Das Erschrecken über die Landschaft. Gerade so wie die ersten Male, als ich meine ersten Fahrradausflüge im Sommer vor eineinhalb Jahren machte. Allein. Es hatte etwas so beklemmend-faszinierendes, diese enge Tallandschaft, es erschütterte mich so tief - immer wieder dachte ich: Jetzt könnte so eine Lichtung oder ein Bach oder eine Wiese auftauchen - und es geschah, daß ich schließlich meine Mutter fragte, ob es vielleicht in Eisenerz, in Österreich, wo ich die ersten drei Jahre meines Lebens verbrachte, so ähnlich ausgesehen haben könnte. Und sie bestätigte es. Also wußte ich.

Ich stehe gebannt an den Fenstern. Teilweise verläuft das Bahngeleise etwas erhöht am Hang. Quert die Überschritte der Badenden im Sommer, tuut, tuut. Wie schon einmal liegt das gegenüberliegende Ufer mit Schliersee im Bühnenlicht der Sonne, und spiegelt sich diesmal klar und symmetrisch im See. Und die Insel zieht vorüber. Im vorigen Winter konnte ich auf dem Eis zu ihr gelangen, dieses Jahr ist der Schliersee bisher nicht zugefroren. Nur hauchdünne Eisflächen gibt es hier und da. In Gedanken nehme ich das auf Video auf. Die Landschaft wird plastisch, wie ich es einst als Kind mit Wolken erlebte, beim Blick aus dem Autofenster auf der Autobahn. Die seitliche Bewegung, die dynamische Paralaxe schafft puppenstubenhafte Tiefe. Lydia, ich muß es ihr schreiben. Aber der Briefblock, die Tasche, bleiben unberührt. Ich kann mich nicht lösen. Komme mir selber merkwürdig vor. Aus den Augen- und Ohrenwinkeln nehme ich die beiden Berlinerinnen wahr, die weiter über jeden Halt des Zuges debattieren, und ob nun endlich Bayrischzell die nächste Station wäre. Der Landschaft schenken sie keine Beachtung. Ich aber, der ich sie seit eineinhalb Jahren auf dieser Strecke bald in- und auswendig kenne, kann mich nicht lösen von ihrem Anblick, vermerke bald in naher, bald in weiter Ferne die Merkpunkte, die ich vom Autofahren und - je näher wir kommen - auch radfahrend oder spazierengehend kenne. Wie fremd sie aussehen, wie verwirrend - so aus der Höhe und Ferne. Die verschiedenen Gehöfte und Brücken auf der Ebene im Tal vor Bayrischzell, wo man seinen Spaziergang beschließen kann. Gemütlich und doch alles gerafft. Einmal geht es durch eine enge Schlucht, Berge nicht nur links, sondern auch rechts.

Merkwürdige Phantasien befallen mich. Wenn nun dem Zugführer was zustieße, könnte ich in die Lok gelangen und die Fahrt fortsetzen? Aber ich weiß ja nicht einmal so recht, wo überall anzuhalten ist und wo nicht. Wenn ich es noch einigermaßen zusammenbringe: Abfahrt in Hausham, dann Schliersee, dann an Agatharied vorbei, aber Halt in Fischbachau/Neuhaus, dann ... wie hieß das noch ... zuletzt Osterhofen und endlich Bayrischzell. Als es unter der Wendelsteinseilbahn hindurchgeht, halte ich nach den Eisengestellen Ausschau, die ich vom Spazierengehen kenne, und die offensichtlich die Bahn bei einem möglichen Riß der Seilbahn davor schützen sollen, daß deren Drahtseile auf die Geleise stürzen.

Der Zug wechselt von einer Seite des Tals zur anderen. Hinter dem Schliersee fährt er - nach B´Zell gesehen - ganz auf der rechten Seite, macht dann aber einen Abstecher in das links nach Fischbachau führende Tal und durch diesen Ort hindurch, um sodann auf der linken Talseite weiter zum Ende vor dem Sudelfeld zu streben. Mal weitet sich das Tal kilometerweit, und die Autostraße ist rechts nur in der Ferne zu sehen. Dann wird es wieder eng, und Bahn, Straße und Bäche müssen sich mit den schmalen Viehweiden verbrüdern. Der Wendelstein. Lange und zwischendurch mal und mal nicht sieht man ihn, mit seiner Seilbahn, der gewußten Zahnradbahn auf der Rückseite, dem kaum erkennbaren Observatorium und dem Windgenerator. Dem Sendemast des Bayerischen Rundfunks. Manchmal, wenn ich heimfahre, steht der Mond über ihm. Postkarte. Nein. Bastele zwar in Gedanken daran, habe aber hier noch kein Fitzelchen Landschaft fotografiert. Aber ich sehe sie. Irgendwann kommt man in das Alter, da man nicht mehr alles fotografieren muß, aber mit den Augen aufnimmt: Das ist schön. Das wäre eine tolle Aufnahme. Eine Art Frieden, Freiheit. Man könnte, muß aber nicht mehr.

So gerne hätte ich es Lydia geschrieben. Aber später werde ich ihr am Telefon davon erzählen, und sie wird sagen: Ja, Bahnfahren ist schön.

Bei der Einfahrt in Bayrischzell versuche ich, einen Blick auf unser Haus zu erhaschen, das nicht weit vom Bahnhof liegt, verpasse es aber. Als ich dann die wenigen Meter zu Fuß zurücklege, bemerke ich Schulmädchen aus dem Ort, die vor mir vom Bahnhof weggehen. Waren wohl in einem anderen Wagon desselben Zuges. Susanne, die öfter mal erstaunt bemerkte, was für jungen Mädchen ich nachschaue.

Am Tag danach bietet mir meine Mutter von sich aus an, mich nach Hausham zu fahren, um das Auto abzuholen. Aber ich schleiche aus dem Haus, fast ist es mir peinlich, knapp vor 14.11h, nach einem hastigen Mittagsspaziergang, um mit dem Zug nach Hausham zu fahren.

(C) by Johannes Leckebusch


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