Woher kommt das Blau des Himmels?
An Mr. David J. Chalmers c/o Spekturm der Wissenschaft Zu dem Artikel "Das Rätsel des bewußten Erlebens" in Spektrum der Wissenschaft, Februar 1996 (bislang unabgeschickter Brief) Überarbeitet am 10. 3. 1996 nach einer philosophischen Diskussion mit meinem Vater, und mit Zitaten aus einem Buch, das ich vermutlich nie schreiben werde, mit dem Titel: "Woher kommt das Blau des Himmels"
Sehr geehrter Herr Chalmers, ich freue mich, einmal an kompetenter Stelle etwas über Überlegungen zum Bewußtsein zu lesen, die denen ähneln, die ich vor langer Zeit angestellt habe. Ich möchte zunächst ein paar Punkte hervorheben, in denen ich mit Ihnen übereinstimme bzw. die ich für wesentlich halte. Dreh- und Angelpunkt ist, daß unser Bewußtsein über sich selbst und die in ihm auftauchenden Eindrücke und Qualitäten etwas weiß, während diese von außen nicht direkt zugänglich erscheinen, und auch diesem selbst in seinem Versuch, die Welt um sich herum wissenschaftlich zu begreifen, sich in einem merkwürdigen Widerspruch zu entziehen scheinen. Auf keinen Fall, meine ich, sind diese Phänomene, die ja für uns vor der naturwissenschaftlichen und mathematischen bzw. informationstheoretischen Vorgehensweise stehen, "reduktionistisch" erklärbar. Vielleicht hat dieses "davor stehen" einen eigenartigen Zusammenhang damit. Ich teile aber die Vermutung, daß eine Theorie des Bewußtseins und der Empfindungen möglich ist, nicht aber, daß sich diese im herkömmlichen Sinne "erklären" lassen. Ich habe auch viel über die Farbwahrnehmung beziehungsweise Farbempfindung nachgedacht. Sie scheint das Rätsel besonders exemplarisch vorzuführen, ja, den Finger darauf zu legen.
Doch glaube ich, daß die isolierte Betrachtung eines solchen Phänomens uns nicht weiterbringt - es ist nur ein Hinweis darauf, daß da etwas im Busch ist. Übrigens möchte ich zu der Neurologin des 23. Jahrhunderts einige ironische Anmerkungen machen. Sie haben ausgesagt, sie habe niemals Farben gesehen (angenommen, dies ließe sich strenggenommen physiologisch/physikalisch realisieren), gehen aber nicht näher darauf ein, ob sie Farben würde wahrnehmen können, wenn man ihr eine zeigen würde, weiter haben Sie nicht explizit ausgeschlossen, daß sie eventuell farbig träumen könnte. Oliver Sacks berichtet in "Eine Anthropologin auf dem Mars" von einem Maler, der infolge eines Autounfalls und der damit offenbar verbundenen neurologischen Schädigung farbenblind geworden war - nein, der das Vorstellungsvermögen für Farben verloren hat. Ich neige zu der Ansicht, daß das Farbempfinden angeboren ist, aber was geschähe mit dem zugehörigen "Erlebnisapparat" eines Menschen, der von Kindheit an nie Farben gesehen hat, weil er immer in einer rein schwarzweißen Umgebung gelebt hat (eine ähnliche Situation kann man ja zeitweilig herbeiführen, wenn man sich in ausschließlich monochromatischem Licht aufhält). Würde auch das Vermögen, sich an Farben zu erinnern, mit der Zeit nachlassen? Im Kasten "Warum die Neurowissenschaft das Bewußtsein vielleicht doch erklären kann" wird ja auch darauf eingegangen. Der nächste Punkt ist die eigenartige Frage, warum wir eigentlich ein bewußtes Erleben haben, warum es vielfältige Erlebnisqualitäten gibt etc. Einfach gesagt: Was hat es für einen evolutionären Nutzen, daß der Himmel uns blau erscheint. Natürlich ist es klar, daß der biologisch/physiologische Aspekt der farblich differenzierenden Wahrnehmung uns hilft, die Umwelt besser zu erkennen, reife Äpfel von unreifen zu unterscheiden und so weiter. Wir stoßen hier auf einen eigenartigen Punkt, der Ansichten untermauern könnte, die wir beide wohl nicht teilen wollen. Wäre es so, daß die psychische Welt irgendwo "überwirklich" neben der physikalischen existiert und in letztere eingreift, daß also unsere Gedanken, Überzeugungen und Wahrnehmungen einen fremden Einfluß auf unser Nervensystem ausüben und den Neuronen so zu feuern befehlen, daß wir sinnvoll handeln, dann wäre es klar, wozu wir diese Wahrnehmungsqualitäten brauchen: Sie codieren eben für bestimmte Zustände in der inneren Welt, die Interpretationen oder Hypothesen über die äußere Welt bilden, sie dienen dazu, reife und unreife Äpfel (begrifflich) auseinanderzuhalten, oder, präziser ausgedrückt, sie dienen dazu, Qualitäten zu unterscheiden, identifizierbar und "einzigartig" zu machen, deren Verbindung mit gewissen Dingen wichtig ist. Um im seelischen Empfinden eine Farbe zu erkennen, muß sie eine empfindungsmäßige Eigenart haben - ich werde auf diese Bemerkung zurückkommen. Würden wir nur alles schwarzweiß sehen und auf den Äpfeln nur die Wellenlängen des Lichtes in Ziffern aufgedruckt sehen, die sie bevorzugt absorbieren und remittieren, so wäre es sicherlich viel anstrengender, sich zurechtzufinden (außer, man ist ein Genie im Behalten und Kombinieren von Zahlen). Offenbar ist es einfacher, den Äpfeln eine "Qualität" anzukleben, durch die man "sieht" bzw. "empfindet", ob sie reif sind oder nicht. Angemerkt noch, daß die Empfindungsqualität Purpurrot, das ja keine spektrale Identität besitzt, ein Indiz dafür ist, daß die Farbqualitäten eine Konstruktion, ein Artefakt der Seele, sind. Bei Liebe und Trauer zweifeln wir ohnehin nicht daran, daß sie keine physikalischen Gegenstände sind, sondern Konstrukte, die nur im Rahmen des menschlichen (oder eines ähnlichen) Seelenlebens einen "Sinn" haben, bei den Farben ist das vielleicht nicht ganz so offensichtlich. Umgekehrt, lassen wir die Frage nach der unerklärten Natur dieser Qualitäten einmal beiseite, leuchtet ihre Notwendigkeit dennoch ein: Es ist einfach nützlich, die Farbe eines Apfels von der des Grases und Laubes unterscheiden zu können. Also bedarf die Existenz solcher Wahrnehmungskategorien ebensowenig (oder ebensosehr) einer Rechtfertigung wie die von Knochen oder Verdaungsorganen oder Zähnen. Nachdem es nach der Verhaltensforschung eine Phylogenese der Instinkte und angeborenen Fähigkeiten gibt, muß es wohl auch eine Phylogenese der Gefühle und des Bewußtseins geben. Was scheinbar die Annahme stützt, Gefühle müßten sich ebenso in Computerprogrammen einsetzen lassen wie der Umgang mit Kraft und Hebel in der NC-Steuerung eines Roboters, der Teile für eine Maschine fräst und bohrt in Entsprechung eines Fließbandarbeiters, der ähnliches mit seinen Muskeln, Knochen und Gelenken leistet, die von neurologischen Regelkreisen gesteuert werden. Damit wird uns das Argument wieder aus der Hand genommen und wir bleiben mit dem Rätsel des Erlebens ... aber lassen wir dieses für eine Weile so stehen. Daß der Fortschritt der Neuro- und Kognitionswissenschaften gleichzeitig zu untermauern scheint, daß alle Empfindungen physiologischen Vorgängen korreliert sind, zugleich aber den Umstand der Wahrnehmungseigenart etc. immer rätselhafter und ungreifbarer machen, überrascht mich nicht - das hatte ich erwartet! Ich wage sogar zu prognostizieren, daß sich dieser Zwiespalt weiter verschärfen wird.
Ich stimme zu, daß die Suche nach neuen physikalischen oder neurologischen Phänomenen oder Sachverhalten als Erklärung für bewußte Wahrnehmung nur in die Irre führt. Insoweit stimme ich auch zu, daß gemäß den Gedankenexperimenten etwa des stückweisen Ersatzes von Neuronen durch technische Schaltkreise die spezielle Natur der physikalischen oder physiologischen Grundprozesse relativ, vielleicht auch gänzlich irrelevant ist, solange sie gewährleisten, daß die informationellen "Spielregeln" aufrechterhalten werden. Ich habe diese Idee so weit getrieben, mir ein Brettspiel aus binären Legesteinen vorzustellen, das dann eigentlich auch ein Bewußtsein und eine Farbwahrnehmung erlangen können müßte - aber darüber könnte man viel streiten. Jedenfalls ist die Suche nach neuen, bisher unbekannten physikalischen Phänomenen wie die Reihe von Erklärungen, warum die Erde, die ja eine Scheibe sei, nicht abstürze - weil sie auf einer gewaltigen Schildkröte ruht. Und warum stürzt die Schildkröte nicht ab - weil sie auf zwei gewaltigen Elephanten steht. Aber warum ... der konzeptionelle Sprung zu der Idee, die Erde sei eine Kugel, und man falle auf der anderen Seite nicht herunter, weil man auf dieser Seite auch nicht herunterfällt, beziehungsweise weil uns die Erde "anzieht" scheint mir ähnlich wie dem, den man in der Frage des Bewußtseins vollziehen muß. Die zentrale Frage, ich zitiere aus Ihrem Artikel, scheint: "Warum ist das Ausführen dieser Funktionen von bewußtem Erleben begleitet?" Aber ist diese Frage so wirklich richtig gestellt? Ich glaube, daß das Problem des Bewußtseins schon etwas mit Struktur zu tun hat, nur gibt es in gewissen Strukturen etwas, das wir noch nicht entdeckt haben, wofür uns der Begriff fehlt, obwohl es die ganze Zeit schon da war und dauernd vor unseren Augen liegt. Eigenartigerweise gelangte ich vor rund 25 Jahren, als ich versuchte, mir so eine Theorie des Bewußtseins vorzustellen, auch zu der Überzeugung, man müsse einfach annehmen, daß bewußtes Erleben so etwas wie, ich zitiere jetzt die Formulierung aus Ihrem Artikel, "einen fundamentalen, irreduziblen Wesenszug" darstellt. Später erinnerte mich das an Poppers Formulierungen über seine drei Welten. So wie Erkenntnisse und Gedanken (im rationalen Sinne) existieren, ohne sich auf Physik reduzieren zu lassen, existieren sie mit diesen zusammen in einer gemeinsamen Welt, in der man gewisse Ebenen oder - wie ich sagen möchte - Aspekte unterscheiden kann. Inzwischen bin ich von dieser radikalen Auffassung wieder etwas abgekommen, obwohl sie sicherlich wesentliche Dinge "bemerkt". Unbefriedigend erscheint mir folgende Forderung: Wenn subjektive Phänomene eine eigene, eigenständige Realität besitzen, und man für sie, wie Sie es formulieren, psychophysikalische Gesetze entdecken kann, dann müßten diese Gesetze auf eine "notwendige" Weise mit den rein physikalischen Gesetzen kongruent sein. Es kann ja nicht sein, daß wir etwas denken, was zum Feuern unserer intellektuellen Neuronen im Widerspruch steht oder sich im neurokybernetischen Modell des Gehirns nicht abbilden läßt. Wenn die Physiker verschiedene Theorien für dieselbe Sache haben, etwa über das Licht, dann versuchen sie, diese Theorien zu vereinigen, sie suchen nach der gemeinsamen Natur von Welle und Teilchen, die sich zwar verschiedenartig beschreiben lassen, je nachdem, wie die Situation geartet ist, in der man mit ihnen zu tun hat, für die es aber "eine" Theorie geben sollte, die beide Aspekte aus einem Guß erklärt - oder jedenfalls in einem konsistenten Formalismus angibt, wann welcher Aspekt (scheinbar oder tatsächlich) hervortritt. Sie schreiben ja schließlich auch "Vielleicht werden theoretische Physik und Theorie des Bewußtseins sich sogar eines Tages in den Rahmen einer übergeordneten Theorie der Information fügen." Aber gleich formulieren Sie wieder eine Frage, die erkennen läßt, daß Ihnen wichtige Aussagen dieser Theorie noch unbekannt sind. "Selbst ein Thermostat verkörpert ein wenig Information, aber ist er sich ihrer bewußt?" Das klingt, als würden Sie unterstellen, daß überall da, wo Information ist, auch schon Bewußtsein - oder eine Vorstufe davon - sein müßte. Dennoch scheint mir, daß der Thermostat kein ganz dummes Modell ist, um etwas wichtiges zu erkennen, das uns hier weiterhelfen könnte. Der Thermostat ist eine Struktur (oder Form), die sich als physikalische Anordnung erschöpfend beschreiben läßt, durch die dennoch etwas entsteht, wovon die Physik eigentlich nicht spricht: Ein Regelkreis, gebildet durch negative Rückkoppelung. Beschrieben durch die Kybernetik. Die Kybernetik beschreibt ausschließlich Systeme, die sich physikalisch und mathematisch vollständig beschreiben lassen, deren Verhalten in keinerlei Widerspruch zu diesen "Beschreibungsebenen" steht, dennoch weist sie auf etwas hin, was in solchen Systemen neu entsteht, und zwar aus deren Struktur - eben die Regelung. Würden Sie nun fragen, ob überall da, wo ein Schalter, ein elektrischer Leiter oder sonst etwas ist, das geeignete Eigenschaften hat, um daraus einen Regelkreis aufzubauen, auch schon ein Stück von Regelprinzip stecke? Vermutlich nicht. Zudem spielt es gar keine Rolle, ob ein Schaltelement elektrische oder vielleicht pneumatische oder mechanische Eigenschaften in dieses "Neue" einbringt - es gibt ja auch rein mechanische Regler. Dementsprechend möchte ich betonen, daß die Beinhaltung von Information zwar, wenn wir sie betrachten, Eigenschaften eines Systems beschreibt, um die die Physik sich eigentlich (bisher jedenfalls) nicht kümmert, und daß vermutlich ein wahrnehmendes System oder Subjekt nicht ohne Information auskommen kann, die Information aber - im herkömmlichen Sinne - weder physikalisch ist, noch bewußt oder "qualitativ". Trotzdem entsteht in wahrnehmenden und empfindenden Systemen etwas, das man auf eine neue Art beschreiben kann und muß, das in den herkömmlichen Beschreibungen dieses Systems (physikalisch einschließlich Neurophysiologie und informationstheoretisch) nicht aufscheint, obwohl es da ist. Information ist ein abstrakter Begriff - man kann sie nicht wiegen, aber dennoch messen - jedoch auf eine abstrakte Weise. Ich würde nicht sagen, daß "nur manche Informationen einen Erlebnisaspekt" haben. Ich würde sogar sagen, daß Information, wie die Informatik sie begreift, überhaupt niemals einen Erlebnisaspekt hat. Ich würde vielmehr sagen, daß Erlebnisaspekte nur dann auftauchen, wenn gewisse Anordnungen und Abläufe von Systemen vorliegen, die man auch informationell beschreiben kann. Das neue ist da, aber die informationelle Beschreibung erfaßt es nicht. Lassen Sie mich am Schluß auch etwas phantasieren und Hypothesen aufstellen oder Andeutungen machen, die einen Eindruck davon geben sollen, wie ich mir die Theorie vorstelle, die bewußtes Erleben (und vielleicht auch den Rest der Welt) beschreiben kann. Wir brauchen also eine neue Beschreibung, neue Begriffe, oder auch eine neue Auffassung von Begriffen oder Gewißheiten, die wir schon haben. Ich stelle mir vor, daß Erlebnisqualitäten etwas sind, das von einem System definiert und verarbeitet wird, das dazu konstruiert ist, Erlebnisqualitäten zu verarbeiten. Ich meine dabei mit "Erlebnisqualitäten" zunächst eine rein abstrakte Größe, so wie etwa "die Regelgröße" im Regelungskreis. Wir müssen dazu aber annehmen, daß diese abstrakten Größen sich ohne das Gesamtsystem (oder Teile davon) nicht definieren lassen. Nun kann man ärgerlicherweise, wenn man einen Regelkreis betrachtet, der etwa eine elektrische Spannung oder eine Temperatur konstant halten soll, den Begriff der Spannung oder der Temperatur auch ohne den Regelkreis definieren, und es scheint für das Verständnis der Regelung in Bezug auf diese Regelgröße keiner zusätzlichen Definition zu bedürfen, was eine Spannung oder eine Temperatur ist - ausgenommen, wann diese Temperatur gut oder schlecht ist. Leider läßt sich das eindimensional festlegen, was die ganze Sache wenig aufregend zu machen scheint. Versuchen wir es einmal mit den Farben. Farben sind offenbar geordnete Erlebnisqualitäten. Sie gehören einem bestimmten Erlebnis-Raum - dem Farbraum - an, und sie sind an sich mit anderen Erlebnisräumen wie etwa Tonhöhe, Härte/Weichheit, Sinn- oder Unsinn (ich würde eine sinnliche Qualität für Sinn propagieren ... aber das führte jetzt zu weit) nicht vereinbar. Oder anders ausgedrückt: Sie sind davon unterschieden. Daß Farben auch mit anderen Qualitäten verknüpft werden, oder daß gewisse Begrifflichkeiten zugleich mit Farben und anderen Qualitäten (etwa: Diese braune Birne fühlt sich matschig an) assoziiert werden können, lassen wir dabei einmal außer Acht. Farben gehören aber ebenso wie Hitze, Kälte, Liebe, Kummer zur Gattung der Erlebnisqualitäten, also gibt es einen noch abstrakteren Raum der Erlebnisqualitäten, in dem einzelne Qualitäten ihren Dimensonsraum haben. Übrigens stimmt es nicht, daß sich Farben erschöpfend durch einen dreidimensionalen Raum beschreiben lassen. Es gibt eine optische Empfindungsqualität "Gold", und obwohl ein professioneller Maler den Goldglanz eines Armreifes durchaus durch die geschickte Anordnung matter Farben zu illusionieren vermag, verlangen naive Menschen kategorisch nach "goldenen und silbernen" Stiften oder Farbtöpfen in ihrer Palette, und der Käufer eines BMW mit Metallic-Lackierung wird Ihnen wohl auch die Behauptung, eine Farbe "Metallic" gäbe es gar nicht, nur schwerlich abkaufen. Dazu kommen Qualitäten wie "Licht", "Schatten" - aber darauf will ich nicht näher eingehen. Reduziert man Farbe auf die Empfindung Farbton, so ist deren augenscheinlich dreidimensionale Qualität in der Tat bestechend.
Sie fragen immer noch nach dem "wie geht das". Ich stolpere auch immer wieder in diese Frage - obwohl ich längst beschlossen hatte, sie als unbeantwortbar abzuweisen. Wir fragen immer: Wie kommt es, daß Rot rot aussieht, und nicht blau, und sieht mein Gegenüber Rot auch rot oder vielleicht eher lila oder grün? Ich bin mir nicht sicher, ob Rot für alle Menschen unter vergleichbaren Umständen immer gleich aussieht. Wir lernen, was wir sprachlich als "Rot" bezeichnen - mehr wissen wir darüber nicht, was unser Gegenüber anbelangt. Gewisse Beobachtungen - wie die eingangs zitierte von Sacks über den blind gewordenen Maler - legen die gespenstische Auffassung nahe, daß durchaus nicht jeder ein Rot so sieht wie ich. Es ist zwar offensichtlich, daß die Erlebniswelten durchschnittlicher Menschen einander so ähnlich sind, daß diese sich darüber unterhalten können und daß man Liebesromane nicht für jeden Leser anders formulieren muß. Dennoch wissen wir, daß jeder von uns viele Dinge in Nuancen oder sogar entscheidenden Punkten anders erlebt als ein anderer. Wenn wir einen Gegenstand durch eine komplexe Menge von Aussagen (wichtig, unwichtig, schön, häßlich, arrogant, elegant) beschreiben können, so vermögen wir uns mitunter sogar über solche Differenzen zu verständigen. Es scheint aber irgendwie grundsätzlich unmöglich, herauszufinden, ob meine Freundin, die mit mir in der Sonne am Strand sitzt, den roten Eimer des Kindes da drüben genau so rot sieht wie ich oder nicht. Ich glaube zwar, daß dies grundsätzlich der Fall ist, daß ihre Rot-Empfindung aber nicht notwendigerweise mit der meinen identisch ist. Es könnte ja auch sein, daß sie eine grüne Brille aufgesetzt hat. Oder, daß sie diese eine Zeit lang getragen hat und jetzt plötzlich abgenommen hat. Nun werden wir zwar ganz aufgeregt und erklären eifrig, daß dieser Unterschied ja ein ganz anderer sei. Also müßte man schon abstrakter fragen: Gibt es im Farberlebnisraum meiner Freundin einen Ort für das bestimmte Rot, das ich gerade sehe (empfinde), der die genau gleiche Empfindung bedeutet? Ich würde diese Frage fast verneinen und allenfalls zugestehen, daß es bei ihr wahrscheinlich sehr ähnliche Empfindungsabstufungen gibt. Das ziemlich entschiedene Nein rührt von der Überzeugung her, daß ein qualitatives Empfindungssystem die Eigenart (Einzigartigkeit) von Empfindungen immer nur in sich selbst definiert - es kann sie nicht veräußern. Außerhalb des aktuell subjektiv empfindenden Systems gibt es die Empfindung Rot nicht, und in einem anderen System nur so, wie jenes es sie für sich definiert. Das mag sich ziemlich verworren anhören, ich meine indess, es ist eigentlich sehr klar - nur schwierig zu verstehen. Ich würde also zunächst einmal eine Empfindung in ihrer Empfindungsqualität an sich definieren als: So, wie das empfindende System, das sie empfindet, sie empfindet. Das klingt reichlich tautologisch. Ich gestehe gewißlich zu, oder vermute, daß nicht nur die Möglichkeit angeboren ist, Rot oder Blau zu sehen, sondern auch, wie rot und blau "sich ansieht" (zu: sich anfühlt). Irgendwie glaube ich aber, daß dieses "sich ansieht" nur durch das Sehen als Erlebnis erfahrbar ist. Es läßt sich vergleichen durch Erinnerung an frühere Rot-Wahrnehmungen, oder auch durch Nebeneinanderlegen mit anderen Rot-Tönen. Ich kann mich auch mit jemandem darüber verständigen, daß jenes Rot bläulicher und dieses gelblicher sei. Man könnte Ihr Gedankenexperiment über das stückweise Ersetzen von Nervenzellen durch Siliziumchips anhand folgender Überlegung variieren: Wir nehmen an, daß auch viele Tiere Farben sehen, ähnlich wie wir. Da nun manche Tiere andere Wellenlängen als "Farbe" zu sehen scheinen als wir, liegt es nahe, anzunehmen, daß die Art, wie wir Farben empfinden, genetisch auch anders hätte ausfallen können. Stellen wir uns hypothetisch eine Menschenrasse vor, die Ultraviolett oder Infrarot sehen könnte, dabei aber Farbqualitäten empfinden würde, die wir nicht kennen, und die wir uns ebensowenig vorstellen, geschweige denn beschreiben können wie ein Farbenblinder unsere Farben. Dann könnte man genauso annehmen, daß es Menschen geben könnte, die zwar in demselben Wellenlängenbereich wie wir sehen und Farben wahrnehmen, diese aber anders empfinden. Sie könnten zum Beispiel statt nur drei vier Grundfarbenrezeptoren haben, und daher einen vierdimensionalen Farbmischraum erleben. Schließlich könnten sie auch nur drei Grundrezeptoren haben, aber sowohl die Grundfarben als auch deren Mischung anders erleben (vielleicht, weil sie auf einem Planeten leben, auf dem der Himmel rot, das Blut grün und Tomaten blau sind - nur daß sie das Rot nicht als unser Rot, das Grün nicht als unser Grün und das Blau nicht als unser Blau erleben). Nennen wir sie die Rothimmelweltler (obwohl das Rot ihres Himmels für sie nicht so ist wie für uns das Rot unserer Rosen). Nun können wir uns wirklich mit Fug und Recht fragen, was müßten wir an unserem neurologischen System ändern, damit wir das Rot des Himmels der Rothimmelsweltler erleben können. Das scheint zunächst eine vernünftige Frage zu sein, wenn wir davon ausgehen, daß die seelischen Empfinden Qualitäten eines Systems sind, das durch die Physik zwar präzise (also auch neurophysiologisch ...) beschrieben wird, auch wenn die Physik nicht erklärt, was Rot oder Grün ist. Man müßte ja dann den physikalischen (oder neurophysiologischen) Unterschied zwischen dem Nervensystem und Gehirn der Rothimmelwelter und der Blauhimmelweltler beschreiben können. Das könnte man sicher, aber man würde damit den Unterschied zwischen Himmelsblau und Himmelsrot nicht erklären. Es kommt aber noch schlimmer. Im Erlebnisraum der Blauhimmelsweltler gibt es das Himmelsrot nicht. Würden wir nun das System des Blauhimmelsweltlers verändern, so würden wir auch seine Persönlichkeit und seinen gesamten Empfindungsraum verändern. Könnte ein Blauhimmelsweltler nach dieser Änderung gleichzeitig Himmelsrot und Rosenrot sehen? Wüßte er überhaupt noch, was Rosenrot ist? Oder, wenn er eine neue Farbe sieht, die er zuvor noch nie gesehen hat und sich weder vorstellen konnte noch davon träumen, und von der man ihm sagt, das sei Himmelsrot, woher weiß er, ob er dieses genauso erlebt wie der Rothimmelsweltler sein Himmelsrot? Sollen wir glauben, daß seelische Qualitäten etwas sind, das sich absolut definieren ließe? Das heißt, daß sich menschliches Himmelsblau in einem System definieren ließe, in dem man zugleich das Ultraviolett einer Biene definieren kann (angenommen, Bienen haben Farberlebnisse)? Oder den Klang des Ultraschallechos, das eine Feldermaus wahrnimmt, in demselben System, in dem wir den Klang eines Klaviers oder einer Trompete beschreiben können? Glauben Sie, daß Fledermäuse Klaviermusik und Trompeten so hören wie wir? Ist nicht die Erwartung, man könne aus der vollständigen Kenntnis der Systemstruktur eines Menschen dessen Empfindungsqualitäten "wissenschaftlich" beschreiben, bezeichnen und einordnen, damit identisch, man könne mit demselben System das Bewußtsein eines Affen oder einer Fliege beschreiben? Also auch das Bewußtsein und die Empfindungen aller möglicherweise in diesem Universum existierenden, existiert habenden und existeren werdenden Lebewesen? Oder auch aller Lebewesen, die denkbar wären, aber nie existiert haben und nie existieren werden? Das glaube ich nicht. Ich glaube es deshalb nicht, weil ich glaube, daß die Identität von Erlebnisqualitäten etwas ist, was nur dem jeweiligen empfindenden System innewohnt. Warum sollte das so sein? Ich will durchaus annehmen, daß die Erlebnisräume verschiedener Menschen einander sehr ähnlich sind. Jeder weiß, was Haß oder Liebe ist. Sonst kämen wir auch in unserer kriegerischen Welt nicht zurecht; und es könnten keine Romane für jeden Leser geschrieben oder Filme gedreht werden, die in jedem Land der Erde gesehen werden können (oder Theaterstücke ...). Das ist soweit klar. Aber gibt es irgendeine biologische oder soziale Notwendigkeit, daß Affen oder Löwen genauso Haß und Mitleid empfinden wie wir? Vielleicht kennen Löwen und Katzen, die vor unseren Augen Vögel schlagen, den seelischen Begriff Mitleid gar nicht, aber Affen vielleicht eine Vorform davon. Vermutlich haben wir mit Affen und anderen Säugetieren viele Empfindungsqualitäten genauso in "ähnlicher Form" stammesgeschichtlich gemeinsam wie unseren Knochenbau oder die Art und Anzahl unserer inneren Organe. Wir wissen andererseits, daß die "eigentliche Natur" der Erlebnisqualitäten artefaktisch ist. Das heißt, die Indizien legen überzeugend nahe, daß dem so ist. Dafür spricht die Empfindung einer scheinbar spektral reinen Farbenpalette zwischen Rot und Violett (die man, wüßte man es nicht besser, ebenso Lichtwellenlängen zuordnen möchte wie den Übergang von Rot über Gelb nach Grün), oder die Empfindung von endlos ansteigenden Tonfolgen oder "unmöglichen" geometrischen Objekten. Hier zeigt sich, daß unsere Erlebniswelt Konstruktionen enthält, die uns zwar wohl im evolutiven Sinne helfen sollen, unsere Umwelt so zu interpretieren, daß wir uns darin irgendwie behaupten können, die sich aber, nähme man sie für die äußere Realität schlechthin, beinahe samt und sonders als von Irrtümern zumindest durchsetzt erweisen. Die Evolution der Wahrnehmungsqualitäten hat erfunden und bisweilen geirrt - aber die Irrtümer waren oft nicht von Belang, ehe der Mensch anfing, Naturwissenschaft zu betreiben. Es ist sicher richtig, daß Erlebnisqualitäten eine irgendwie faßbare neurophysiologische Codierung haben müssen, sonst könnten sie wohl nicht existieren, Konstanz und Erinnerbarkeit aufweisen (abgesehen davon: Wer kann sich präzise an eine Farbnuance erinnern?). Ich glaube eher, daß wir Nuancen erleben können, die wir nicht zu erinnern vermögen - aber das ist schon wieder eine Detailabschweifung. Versuchen wir nun, die ganze Geschichte umzudrehen. Nehmen wir einmal unsere Erlebniswelt als die objektiv gegebene Realität und die Erkenntnisse der Naturwissenschaften als abstrakte Erkenntnisse. Kehrt sich dann nicht eigentlich Offensichtlichkeit und Abstrusität um? Warum vermögen wir Einsteins Relativitätstheorie oder die Quantenphysik als gewöhnliche Sterbliche nur so schwer oder gar nicht zu begreifen? Doch wohl offenbar, weil sich die Evolution des Erkenntnisapparates nicht dafür interessiert hat, Begriffsräume für diese Dinge zu schaffen, weil sie nicht zum Erfahrungsraum einer biologischen Art gehören (und Menschen können von Natur aus weder zum Mond fliegen noch Atome sehen oder mit Lichtgeschwindigkeit laufen). Es ist also eigentlich nicht verwunderlich, daß uns die physikalische Welt im Gesamten rätselhaft erscheint. Warum erscheint uns dann das eigene Erleben rätselhaft? Ich glaube, das ist eine Täuschung. Rätselhaft erscheint es uns, wie man mit Hilfe der Physik, die eine uns entlegene Erfahrungswelt beschreibt, die sich nur instrumentell und mit kulturell entwickelten Techniken wie der Mathematik erschließt, das unmittelbare Erleben beschreiben könnte. Wenn wundert das? Die Physik beschreibt die nicht sinnlich erfahrbare Welt (ok ok., ursprunglich war das nicht so krass, aber heute trifft es zu). Wenn wir die klassische Physik nehmen, die mehr oder weniger den Erfahrungsraum von Muskeln und Tastsinn beschreibt, wenn man auch beliebig groß, schnell, leicht, schwer usw. sein könnte, warum sollte eine Theorie über Muskelbewegungen (Hebelgesetz) in der Lage sein, Liebe zu beschreiben? Als ich zum erstenmal auf die Idee kam, daß man - jedenfalls theoretisch - die Frage nach dem Bewußtsein in "künstlichen Systemen" auch auf Brettspiele ausdehnen könnte, konnte ich mich - und das dauert bis heute an - eines Gefühls des "das glaube ich einfach nicht" nicht erwehren. Aber was beweist das? Oft denke ich, wenn ich in Spektrum d. Wissenschaft etwas über quantenphysikalische Experimente bzw. deren Ergebnisse lese, auch: Das glaube ich einfach nicht - aber nachdem es in S. d. W. steht, wird es wohl nicht einfach Humbug sein. Zumindest sage ich also: Das ist aber sehr erstaunlich! Wenn Sie meine Behauptung: Empfindungsqualitäten sind innerhalb eines Systems wohldefiniert, aber außerhalb desselben nicht existent, mit einem "das glaube ich nicht" quittieren wollten ... so what? Ich denke, unser Problem beruht auf der Vermischung von Ebenen oder Kategorien. Das rationale Erforschen der Welt, wie es die Naturwissenschaft betreibt, bildet innerhalb unserer subjektiven Welt eine abstrakte Ebene der "Objektivität", die anscheinend besser geeignet ist, gewisse äußere Ereignisse zu beschreiben als Quellengeister und Donnergötter. Dieses "objektive System" scheint aber unfähig, von außen an das physiologische Gehirn angelegt, unser Erleben zu beschreiben. Ich könnte mir vorstellen - hier werde ich in meinen Behauptungen vorsichtiger - daß sich folgendes ergeben könnte: Eines Tages kann man mit hinreichender Gewißheit den neuralen Zustand beschreiben, der mit der Empfindung von "Rot" oder "das ist süß" einhergeht, wobei vielleicht sogar unterscheidbar sein mag, ob ein Bonbon oder ein niedliches Mädchen gemeint ist. Und dennoch wird es nicht gelingen, das "Rot" oder "Süß" an sich zu definieren, oder überhaupt eine Qualität, außer deskriptiv durch Relationen, also eben durch die in-Beziehung-Setzung zu anderen Qualitäten oder Symbolqualitäten. Bedeutung ist immer Bedeutung in einem Bedeutungsraum. Oder anders gesagt: Rot wird immer etwas bleiben, das ein Wesen, das Rot empfindet, empfindet, wenn es Rot empfindet; und es wird dieses niemals einem Wesen erklären können, das nur Grün und Blau kennt, außer einem Symbolkybernetiker dieser Art, indem es ihm mitteilt: Rot ist eine einzigartige Sinnesqualität, die wir Rotseher haben, die ihr aber nicht kennt. Und mehr wird der Symbolkybernetiker der Nur-Grün-Blau-Seher auch nie darüber erfahren, selbst wenn er lernen kann, aus einer Hirnstromkurve der Rotseher abzulesen, wann diese Rot sehen. Er müßte ein Rotseher sein, um es zu "verstehen", aber dann würde er nicht mehr begreifen, wie seine Situation war, als er als Nur-Grün-Blau-Seher nicht verstand, was Rot ist.
Man könnte das vielleicht auch als "Theorie der semantischen Inkomtabilität zwischen inkommensurablen Begriffssystemen" bezeichnen. Den Ausführungen von Francis Crick und Christof Koch möchte ich vielleicht noch, wenn sie schreiben: "Es wäre nützlich herauszufinden, welche Eigenschaften ein neuronales Netz (...) haben muß, um Bedeutung zu erzeugen.", hinzufügen, daß meiner Auffassung nach "Bedeutung" nicht etwas ist, das an sich oder absolut erzeugt werden kann. Bedeutung ist immer nur innerhalb eines Systems, das mit "Bedeutungen" arbeitet, mit irgendeinem Code verknüpft, der nur in Relation zu allen anderen Codierungen interpretierbar ist. Wenn jemand einen "Code knackt", indem er etwa eine Chiffrierung oder eine fremde Sprache enträtselt, so versucht er eine Abbildung des mutmaßlichen fremden Bedeutungssystems auf sein eigenes. Das kann auch bedeuten, das eigene Bedeutungssystem zu erweitern, wozu wir als Kulturwesen Mensch imstande sind, indem wir uns fremde Sprachen und Gebräuche vertraut machen. Ich glaube aber nicht, daß eine Abbildung von fremden Empfindungssystemen auf das eigene ebenso einfach möglich ist. Wir können nicht lernen, die Farben der Bienen zu sehen oder die zehn verschiedenen Arten der Verliebtheit von Marsmenschen zu empfinden. So wird uns auch niemals ein Studium der Symbolkybernetik der Empfindungen von Marsbewohnern an der Zentraluniversität von Marsopolis in die Lage versetzen, trotzdem wir mit einem Marselektrografen diagnistizieren können, welche Art von Verliebtheit bei einer jungen Marsfrau vorliegt, zu verstehen oder nachzuempfinden, was das "bedeutet", oder besser, "wie es sich anfühlt". Ich glaube, daß wir einerseits sehr wohl lernen können, "Liebe" neurophysiologisch bei uns selbst zu definieren und zu diagnostizieren, daß uns das aber niemals auf naturwissenschaftlicher Ebene wird verstehen lassen, wie das Gefühl der Verliebtheit zustandekommt - und zwar aus demselben Grunde: Weil es bedeuten würde, Liebe außerhalb des Systems der emotionalen Bedeutungen zu definieren - in Begriffen der Physik, Neurophysiologie etc. - dort ist es aber weder definiert noch definierbar. Dem steht etwas scheinbar entgegen. Ich sagte: "Um im seelischen Empfinden eine Farbe zu erkennen, muß sie eine empfindungsmäßige Eigenart haben" und versprach, auf diese Bemerkung zurückzukommen. Wenn wir Empfindungsqualitäten unabhängig davon betrachten, wie sie subjektiv empfindbar sein können, leuchtet ein, daß die Evolution von Wesen mit differenziertem Sozialleben und komplizierter (von der Evolution selbst geschaffener) Umgebung eine möglichst klare Differenzierung von Empfindungen begünstigen muß, die sich eindeutig bestimmten Lebenssituationen zuordnen lassen. Mit Sicherheit hat der Empfindungsraum von Menschen mit ihrer komplizierten Sozialstruktur und deren stammesgeschichtlicher Entwicklung zu tun. Das ist aber nur dann plausibel, wenn die genetische Disposition auf irgendeine Weise die Gefühlswelt "ordnen" kann, oder ihr zumindest Mechanismen an die Seite zu stellen vermag, die eine solche Ordnung herstellen. Das heißt also, daß die Empfindungen von Individuen einem bestimmten, artspezifischen Repertoire zugeordnet werden können, das sich gegebenenfalls zusätzlich nach individuell vermittelten Erfahrungen bewerten läßt. Beim Menschen kommt als Komplikation die kulturelle Entwicklung, insbesondere der Sprache, hinzu, die ja auch Emotionen transportiert, was aber offenbar nur sinnvoll sein kann, wenn überwiegend alle Individuen einer Gemeinschaft die transportierten Botschaften intern (internal) effektiv abbilden können. Es kann also eine Sprache, die gefühlsmäßige Inhalte übermittelt, eigentlich nur geben, wenn gewährleistet ist, daß das Gefühlsleben aller Individuen in einem gewissen (hohen) Maße kompatibel ist - übrigens auch zwischen den Geschlechtern, selbst wenn es da typische Unterschiede gibt, die zu typischen Mißverständnissen Anlaß geben mögen. Sicherlich ist es aber so, daß die Sprache erst auf dem Konsens der artspezischen Bedeutungs- und Empfindungswelt aufsetzt, gleichwohl ist sie ein Indiz für die Übermittelbarkeit von seelischen Inhalten (Qualitäten). Sprache mag den Empfindungsraum des Menschen erweitert haben, geschaffen hat sie ihn sicher nicht. (Ich meine, daß Sprache erst entstehen konnte, nachdem es etwas gab, worüber man sprechen konnte, bzw. worüber sich zu verständigen dringender Anlaß gegeben war - und das dürfte das komplexe System aus sozialen Empfindungen und Beziehungen der Individuen in einem Primatenstamm gewesen sein. Oder zumindest konnte Sprache erst dann die Explosion der menschlichen Kultur katalysieren, nachdem diese die Basis sozialer Komplexe, die wir anscheinend mit gewissen Affenarten in hohem Maße teilen, bereits besaßen.)
Übrigens schließen alle diese Überlegungen durchaus die Vermutung ein, daß ein absolut exakter Klon einer Person (ob nun im Sinne eines duplizierenden Beamens á la Enterprise oder als Computermodell) eventuell deren gesamte Empfindungswelt erneut in die Welt setzen würde, ohne daß es jemals gelingen könnte, diese "wissenschaftlich zu definieren", in dem Sinne, sie allgemein nachvollziehbar aus deren Strukturbeschreibung abzuleiten. Dabei kommt mir gerade eine Idee, die ich so noch nicht hatte. Worauf beruht die "wissenschaftliche Verifizierbarkeit" denn? Doch darauf, daß jemand in seinem Labor eine Anordnung aufbauen kann, die in entscheidenden Merkmalen mit der meinigen übereinstimmt, um dort ein von mir beschriebenes Experiment zu wiederholen, um anschließend eine Aussage darüber zu machen, ob er es nachvollziehen kann (ich hatte Recht) oder nicht (ich hatte nicht recht oder er hat geschlampt). Nun müßte, wenn jemand nachprüfen wollte, ob die bestimmte neurophysiologische Repräsentation von "wie ich Mary liebe" zutreffend und hinreichend sei, genau alle relevanten Aspekte der Person, die auf diese besondere Weise in Mary verliebt ist, nachbilden. Wahrscheinlich aber müßte er, so meine ich, sogar in entsprechendem Maße selbst diese Person werden, weil sich ja das Gefühl an sich als Bedeutung oder subjektive Qualität außerhalb des betreffenden Bedeutungssystems nicht darstellen läßt. Ich glaube auch nicht, daß ein Neuron für ein Gesicht, ein Gefühl oder eine Bedeutung "codiert". Dafür codiert im Sinne der reduktionistischen Korrelation der Gesamtzustand des relevanten Systems - also aller Neuronen, die irgendwie bei den mit diesem Bedeutungsraum involvierten Aktivitäten von Belang sind. Diesen Zustand kann aber nur das Subjekt selbst als solchen voll erfassen oder erleben. Ich glaube auch heute nicht mehr, daß es auf technischem Wege möglich wäre, Gedanken oder Empfindungen aus dem Gehirn einer Person in das einer anderen zu übertragen - trotz der für notwendig erachteten Postulation von inhärenter Ähnlichkeit zwischen beiden. Daß ich denke: "Die Rose ist rot" und das zu dir sage, und du dann auch denken kannst: "Die Rose ist rot", heißt nicht notwendigerweise, daß man in meinem Kopf jedem Neuron, das für diesen Gedanken zuständig ist, eine Sonde einpflanzen kann, um deren Signal in das passende Neuron deines Gehirnes zu übertragen, so daß du dasselbe denkst. Selbst dann nicht, wenn man feststellen kann, welche Neuronen in meinem Gehirn mit welchen Erregungsmustern bei diesem Gedanken aktiviert werden, und welche in deinem. Vielleicht sind es bei mir 129 Neuronen, und bei dir 213, und einige davon sind bei mir in Gebieten für "Rot" und andere in Gebieten für "Rose" vorhanden, aber du hast da noch ein paar Neuronen im Gebiet "Gartenarbeit", und ich einige im Gebiet "Blumenläden", außerdem kenne ich gar nicht alle Töne roter Rosen, die dir als Gärtnerin vertraut sind, und du denkst vielleicht bei diesem Gedanken bevorzugt an eine Rosensorte, die ich nicht von irgendwelchen beliebigen anderen Rosen unterscheiden könnte, während ich als Maler an das Rot der Tube "Rosenrot" denke, das dir überhaupt kein Begriff ist. Irgendwie könnte man schon das "Rot" aus meinem Gehirn in Deines übertragen, aber es wäre nicht ganz dasselbe, und selbst wenn es gelänge, trüge es nichts zu einer physikalischen oder naturwissenschaftlichen Erklärung der Empfindung "rot" bei, es sei denn, die Psychophysiker würden sich auf einen Normgeist mit nach DIN festgelegter Anzahl Neuronen einigen, in dem die Empfindung Rot durch den Erregungszustand 102868260987345r0987xa der beteiligen Neuronen nach Liste 124 definiert ist. Nur, daß es niemanden gibt, der dieser Norm entspricht. Wenn man dies verallgemeinert und annimmt, daß eben zur Wesenheit von Empfindungen ein weitreichender Gesamtzusammenhang des jeweils empfindenden Systems gehört, dann folgert daraus, daß man so etwas komplexes wie ein bestimmtes Gefühl im Labor nur dadurch nachbilden könnte, indem man ev. exakt die betreffende Person, die angeblich diese Empfindung hat, nachbildet und sie in denselben Gemütszustand versetzt, mit denselben Erinnerungen, Erfahrungen und Konditionen ausstattet - was letztlich auf die Tautologie hinausliefe: Was ich empfinde, ist genau das, was genau ich genau jetzt empfinde. Wir kommen damit allerdings auf ein neues Dilemma: Könnte ein Experimentator tatsächlich einen solchen Frankenstein-Klone in seinem Labor erschaffen, so könnte er immer noch nur diesen befragen - und wüßte nicht, inwieweit er sich auf diese "Meßergebnisse" (Aussagen) seines "Instrumentes" verlassen kann (wobei er sich ein Instrument geschaffen hätte, das sich selbst messen soll). Er müßte also selbst zu diesem Klone werden ... wobei dann als letzte unlösbare Frage die übrig bliebe, ob das physikalische Duplikat einer Person (etwa wenn Enterprise jemanden wo hinbeamt, der aus Versehen zugleich an Bord bleibt) mit dieser in allen Empfindungen identisch wäre - was sich letztlich auch nicht nachweisen läßt. Es mag scheinen, daß ich letztlich die Frage danach, wie "Empfindungen zustandekommen" beiseiteschiebe. Ich glaube aber, daß es tatsächlich keine Antwort darauf gibt - in dem Sinne, in dem es auch keine Antwort auf die Frage gibt, was der Sinn der menschlichen Existenz in diesem riesigen Universum ist. Es ist, versucht man das naturwissenschaftlich anzugehen, eine falsch gestellte Frage. Empfindungen lassen sich nur aufgrund von Empfindungen von einem empfindenden Wesen beschreiben - womit allenfalls dieses Wesen etwas anfangen kann, wenn es seine früheren Tagebucheintragungen nachliest, oder ein sehr ähnliches Wesen, das dieses Tagebuch in der Taschenbuchausgabe gekauft hat. Ich würde daher die zentrale Frage: "Warum ist das Ausführen dieser Funktionen von bewußtem Erleben begleitet?" lieber umformulieren: "Warum erscheint dem Naturwissenschaftler das bewußte Erleben (das in seiner Differenzierung so vollkommen einleuchtend ist, wenngleich es manchmal Irrtümer impliziert) so unverständlich." Man könnte nach all dem die beliebte Frage, ob es möglich ist, Computerprogrammen ein Selbstbewußtsein und Gefühle einzuhauchen, so beantworten: Im Prinzip ja, aber wir wüßten nie, wie die Empfindungen von Computerempfinder X "sich anfühlen", und vielleicht könnten wir sogar niemals definitiv entscheiden, ob ein Programm, das ausgibt: "Ich liebe Dich so sehr" dies wirklich empfindet oder nur eine - fühllose - Simulation dieser Empfindung darstellt. Ich möchte die These in den Raum stellen, daß diese Frage aus Gründen unentscheidbar ist, die denen ähneln, die manche Aussagen der Quantenphysik oder Mathematik so rätselhaft machen. Sinn, Schönheit und Bedeutung liegen im Auge des Betrachters. Wir könnten vermutlich durch umfassende Inspektion aller Parameter des Programms angeben, ob seine Aussage "Ich liebe Dich" aufrichtig ist und es wirklich "verliebt" ist, oder ob dies eine heuchlerische Behauptung ist, die aus Berechnung erfolgt, damit der Sysop das Programm nicht abschaltet. Was wir nicht entscheiden können, ist, ob der Zustand wahrer Liebe oder der Heuchelei "wirklich" oder "nur eine Simulation" ist. Und das gilt - aus wissenschaftlicher Sicht - genauso für die Einschätzung unserer Mitmenschen. Denen möchten wir gerne "glauben", dem Computer(programm) vielleicht nicht - oder gerade doch. Objektiv entscheidbar ist es nicht, weil die Empfindungen, die das Computerprogramm zu haben behauptet, nur innerhalb von dessen Empfindungsgeschehen "definiert" oder "existent" sind, einem menschlichen Beobachter aber nicht zugänglich sein können. Dennoch können wir möglicherweise präzise angeben, welche Programme sicherlich nichts empfinden können (verliebter Thermostat? Unmöglich!), und welche möglicherweise nach ihrer eigenen Selbsteinschätzung doch. Das Dilemma ist ja, daß nur das Programm selbst entscheiden kann, ob es wirklich verliebt ist oder nur eine Simulation von Liebe darstellt - aber würden wir seine Aussage vor Gericht anerkennen, wenn der Programmierer diese bestreitet? Oder umgekehrt? Ich meine, die Situation ist in doppeltem Sinne verrückt: Nicht nur, daß wir nicht entscheiden können, ob ein Computerprogramm "wirklich" etwas empfindet - selbst wenn wir diese Frage beantworten könnten, würde uns das nichts nützen, weil wir dennoch nicht erkennen könnten, ob ein Computerprogramm, das infolgedessen qualifiziert wäre, etwas zu empfinden, dies auch tatsächlich tut oder nur simuliert. Ich nehme an, dieses Resümee ist schwer verdaulich. Schließlich besagt es, daß da etwas in dieser unserer Welt ist (nämlich wir selbst), das wir zwar fühlen, aber mit unserem Verstand nicht begreifen können, obwohl es sich gleichwohl abstrakt beschreiben läßt. Ob es eines Tages Wissenschaftlergenerationen geben wird, die mit dieser Disparität aufwachsen und sie als selbstverständliche und klare Einsicht erleben, wage ich nicht zu prognostizieren. Es heißt unter anderem nicht mehr und nicht weniger, als etwa, daß sich die Frage nach dem Sinn der menschlichen Existenz in kosmologischem Sinne gar nicht stellen läßt, daß dies aber keinen Einfluß auf die Beantwortbarkeit dieser Frage im Rahmen des menschlichen Individuums und der Kultur, in der es lebt, haben kann. Daß aus physikalischer Sicht das menschliche Leben "sinnlos" ist, ist einerseits eine sinnlose Aussage, weil es in der Physik den Begriff "Sinn" gar nicht gibt, andererseits eben deswegen völlig irrelevant. Ob mein Leben sinnvoll ist, kann mir kein Physiker und keine Physik beantworten. Ebenso meine ich, daß Bewußtsein und Gefühle existieren, wenngleich die Physik sie nicht fassen kann; und daß dies irrelevant ist, weil die Physik sie nicht fassen kann, daß dies aber keineswegs bedeutet, Bewußtsein und Gefühle seien etwas "überirdisches" oder "jenseitiges", denn die Physik ist eigentlich nur ein Teilbereich des menschlichen Denkens. Letzteres ist aber - mitsamt Empfindung, Wahrnehmung, Sinngebung - ein lokales Ereignis in diesem Kosmos, das sich nicht in diesem insgesamt widerspiegelt oder wiederfindet. Wir können den Sinn des Daseins nicht in der Quantenphysik oder Urknalltheorie finden, weil er dort nicht herkommt. Andererseits ist es ziemlich fraglich, ob die allumfassende Kosmologie - also die Frage nach Ursprung und Zukunft des Universums - im Rahmen und Begriffsraum des menschlichen Denkens irgend einen "Sinn" hat. "Sinn" an und für sich ist ein geistiges Produkt der Evolution der Arten auf diesem Planeten. Mag sein, daß es auf anderen Planeten in dieser oder anderen Galaxien auch Lebewesen gibt, die nach dem Sinn ihrer eigenen Existenz und von allem fragen, oder solche, die das nicht tun. Im Menschen hat sich das Konzept der Frage nach Sinn und Zweck über die biologische Lebensnotwendigkeit erhoben, sie gesprengt. Vielmehr hat es immer wieder seine eigenen Grenzen erkannt, und wann immer es eine Grenze fand, diese selbst zu einem Objekt seines Fragens gemacht. Das ist lange Zeit sehr erfolgreich gewesen und hat uns elektrische Eisenbahnen, Atombomben, die Quantenphysik und die Urknalltheorie beschehrt. Nun richtet sich das menschliche Erkennen - nicht zum ersten Male - auf sich selbst und entdeckt dabei eine Grenze. Eine Grenze, die es zum Gegenstand seines Fragens macht: Warum verstehe ich nicht, warum ich etwas empfinde, denke, verstehe!? Doch diesmal führt dies, fürchte ich, auf einen endlosen Regress. Das Denken kann sich nicht verstehen, weil es einen biologischen Ursprung hat, dessen pragmatischer Zweck war, reife von unreifen Äpfeln zu unterscheiden (oder jagdbares Wild von nicht jagdbarem). Dafür ist es gemacht. Es war nie Zweck des menschlichen Denkens, die Kosmologie zu ergründen - mag sein, daß es diese, indem es sich selbst "mißbraucht" oder erweitert, dennoch in gewissem Maße erfassen kann - und vor allem war es nie Zweck der biologischen Kognition, die Kognition zu begreifen. Schließlich kann man Gedanken nicht anfassen. Nun beschäftigen wir uns dennoch mit dieser Frage und stolpern darüber, daß sich deren Antwort unserem Nachdenken seit Jahrtausenden wie ein Derwisch entzieht. Oder vielleicht darüber, daß es die Frage gar nicht gibt. Es ist ein Dogma der Evolution, daß alles einen Sinn haben muß. Dieses Dogma ist nicht auf die außerevolutionäre Welt anwendbar. Planetensysteme haben keine Ziele oder Absichten, und der Physiker kann nicht fragen, welchen Sinn es hat, daß Elektronen existieren oder daß ein bestimmtes Atom aus diesen und jenen Teilchen besteht. Er kann nur feststellen, daß es so und nicht anders ist, oder daß er nicht herausfindet, wie es ist. In technischen Apparaten kann man fragen, welchen Sinn dieser oder jener Schalter oder Draht hat, was sich aber letztlich nur aus dem Zweck des Apparates begründen läßt, den dessen Erfinder gesetzt hat. Wir können aber nicht aus kosmologischer Sicht nach dem Sinn des menschlichen Daseins fragen, wenn es keinen Konstrukteur oder Schöpfer der Menschheit gibt. Dem Kosmos ist nicht nur der Mensch egal, er ist sich selbst egal, nein, nicht einmal das, da er das Konzept "Sinn" nicht enthält, kennt er auch kein "egal". Daraus folgt unmittelbar, daß die kosmologische "Sinnlosigkeit" der Menschheit ebenso wenig existiert wie ein kosmologischer Sinn des Menschen - anders gesagt, die Antwort liegt nicht im Weltall, sondern nur in uns selbst. Und das heißt eben nicht, daß aus der Nichtexistenz eines sinngebenden Schöpfers folgen würde, wir selbst hätten keinen Daseinssinn. Wir haben ihn dann oder dann nicht, wenn wir ihn in uns selbst finden oder nicht finden. Tragisch, daß sich unser Sinnfragen auch außerhalb unserer Sinnwelt umsieht und dort - nichts findet. Denn es gibt keinen Sinn außerhalb eines semantischen Systems, das "Sinn" in sich, für sich und nur für sich definiert. Kurios ist natürlich die Einsicht, daß, wenn Sinn etwas ist, das die Evolution geschaffen hat, und die Evolution (der Arten auf unserem Planeten) etwas ist, das im Kosmos vorkommt (wobei es eigentlich keine Rolle spielt, ob das nur auf diesem einen oder auch auf zahllosen anderen Planeten geschieht), daß dann Sinn etwas ist, das im Kosmos vorkommt. Es ist nur so: Es ist etwas, das nur lokal vorkommt. So, wie Planeten nur in winzigen Teilbereichen des Kosmos vorkommen, so kommt auch Sinn nur in bestimmten, mikrobenhaften, besonders komplexen Organismen vor, die sich wie Schimmel auf der dünnen atmosphärischen Oberfläche mancher Planeten gebildet haben. Genauer gesagt kommt es nur im System zur besseren Daseinsbewältigung einer bestimmten Unterart dieser Mikroben vor, das diese selbst als "Denken und Philosophieren" oder auch "gesunder Menschenverstand" bezeichnen - die restlichen Mikroben ignorieren dieses Konzept und vermehren sich ungeachtet dessen so gut sie können. Es sollte uns vielleicht kalt den Rücken herunter laufen bei der Erkenntnis, daß die Beherrschung von Naturwissenschaft und Technik durch den Menschen eigentlich nichts anderes ist als ein fauler Trick, um sich einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Spezies zu verschaffen. Die Dramen von Shakespheare, Goethe oder Heiner Müller? Vielleicht nur müßiger Luxus einer Art, die sich das nun einmal leisten kann. Nein, darüber müßte man mehr und anderes reden. Aber es ist doch nicht zu bestreiten, daß die Technik ein Organ ist, mit dem sich der Lebenssaft aller anderen Arten, selbst derer, die seit Äonen schon vergangen sind - Erdöl - anzapfen läßt. Daß menschliche Technik ein paar Kerle auf den Mond geschickt hat, war ein verzeihlicher Irrtum, wie er auch Kolumbus hätte unterlaufen können - hätte er festgestellt, daß es in Amerika nichts zu beißen gibt, sondern nur unbelebten Staub und Gestein. Daher wurde ja auch Amerika besiedelt, wohingegen man aufgehört hat, auf den Mond zu fliegen - nicht einmal einen Lunapark gibt es da oben. Das braucht uns nicht davon abzuhalten, weiter die Wunder von Semantik und Sinnhaftigkeit und Wahrnehmungsqualitäten zu erforschen. Noch haben wir keine Computer, die aus einer menschlichen Sprache vernünftig in eine andere übersetzen können - wer weiß, was wir über uns selbst notwendigerweise erkennen werden, falls uns das eines Tages gelingen sollte. Und vielleicht stärkt das irgendwie den Glauben an den Sinn unserer eigenen Existenz. Aber ich denke, es wird uns keine Antwort auf die Frage nach dem Sinn der Existenz des Universums geben, denn eine solche Frage hat keine anwendbare Definition, weil es außerhalb der Geisteswelt des Menschen, die nur eine Schimmelhaut auf diesem komischen blauen Planeten bildet, das Konzept "Sinn" gar nicht gibt. Mit freundlichen Grüßen Johannes Leckebusch |
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