Blackdot

Ende einer Fahrt

Die alte Frau sah ich oft im Ort mit ihrem beigen VW Variant fahren. Oft mitten auf der Straße kam sie mir manchmal entgegen, fuhr sehr unsicher. Sie wohnt nur ein paar hundert Meter vom Tengelmann entfernt am Ortseingang, denn da stand das Auto oft halb auf dem kaum einen halben Meter breiten Gehweg. Manchmal auch in einer Einfahrt zwischen anderen Autos.

Im Supermarkt ging sie mühsam am Stock. Es war offensichtlich, dass ihr der Fußweg zum Einkaufen zu beschwerlich war. Manchmal, wenn ich sie fahren sah - immer nur im Ort - wurde mir Angst und Bange. Und bisweilen fragte ich mich: Wie kommt sie eigentlich zum Tanken - fährt sie dann doch auf der Bundesstraße mit dem oft rasenden Verkehr, oder hat sie jemand, der das für sie erledigt? Und mal in die Werkstatt? Gesehen habe ich das Auto da nie. Eine andere alte Frau, die immer mit ihrem elektrischen Rollstuhl unterwegs war, habe ich schon lange nicht mehr gesehen.

Heute war ich zu Fuß beim Arzt, auf dem Rückweg davon. Uns gegenüber ist der "Streinhof" der Pritzels, Malermeister mit drei Buben. Sie engagieren sich bei der freiwilligen Feuerwehr, besonders der Älteste, der scheint da eine leitende Funktion zu haben, oft sehe ich ihn am Parkplatz der Wendelsteinseilbahn, zwei Kilometer außerhalb, wenn dort die Feuerwehr mit jungen Freiwilligen Übung abhält. Rechts vom Streinhof ist der Bahnhof, und davor ein großer Parkplatz, auf dem auch Müllcontainer für Glas und anderes Material stehen. Die Zufahrt zwischen dem Pritzl-Grundstück und dem Bahngelände ist kurvig und abschüssig, öfter kommen da im Winter die Busse ins rutschen und rammen schon mal den Zaun unseres Nachbargrundstücks auf dieser Seite der durch den Ort führenden Straße.

Nach langem "Frühherbst" war heute zum zweitenmal wieder sonniges Wetter am Abend. Ich komme gegen Viertel nach Sechs auf dem Gehweg gegenüber dem Bahnhofsgelände daher, und bemerke das beige Auto der alten Frau. Sie war wohl bei den Wertstoffcontainern. Mir fällt auf, dass sie, anstatt der Kurve zu folgen, seltsam in Richtung auf den hohen Bordstein fährt, hinter dem sich ein Stück Grasfläche, vielleicht einen Meter breit, und dann der Zaun und eine Hecke auf dem Pritzl-Grundstück befinden. Ich denke noch, die wird doch jetzt nicht den Bordstein rammen, da heult der Motor auf und das Auto beschleunigt enorm, rast in den Zaun und die Büsche. Der Motor heult noch eine Weile, dann geht er aus. Ich laufe die paar Meter hinüber. Das Vorderteil des Autos hat sich mindestens einen halben Meter durch den Zaun gebohrt, ein langes Zaunbrett und andere zerbrochene Holzteile liegen herum und keilen es zum Teil regelrecht ein.

Ich mache die Fahrertür auf, die wird von einem Brett blockiert, das sich aber wegzerren läßt. Die alte Frau scheint verwirrt: "Oh je, was ist denn da passiert." Ich spreche sie an, ihr selbst scheint nichts passiert zu sein. Sie sagt, die Sonne habe sie geblendet. Sie läßt den Motor wieder an und will zurückfahren. Inzwischen sind der alte Pritzl und zwei seiner Söhne aufgetaucht. "Ja Marie, was machst Du denn - was fährst Du denn in meinen Zaun?" Ich nenne sie jetzt Marie, der genaue Name ist etwas anders. Ein paar andere Leute stehen herum. Ich versuche die alte Frau zu beschwichtigen - es sei besser, das Auto rauszuschleppen. Einer von den Pritzls sagt, er werde sie rausziehen ... die haben da ohnehin ihre Firmenfahrzeuge stehen. Schließlich läßt sie sich bewegen, auszusteigen, aber es müssen noch weitere Bretter weggezogen werden. Der Motor läuft noch. Ich sage, sie sollte doch besser den Motor abstellen, schließlich macht sie es. Das Auto hat ein Automatikgetriebe, aber weiter kenne ich mich damit nicht aus. Es dauert, bis sie ausgestiegen ist, sie zittert, aber vielleicht gar nicht so sehr vor Schreck, sondern einfach nur vor Alter. Später erfahre ich, sie ist 95. So ganz hat sie anscheinend noch gar nicht realisiert, was passiert ist, wundert sich über ein Brett, das unter dem Auto steckt. Ich ziehe auch das weg - teilweise stehen auch noch Nägel heraus, davon könnte ja einer beim Rausschleppen noch in einen Reifen stechen. Es dauert, bis sie herausgekommen ist, ihren Gehstock hervorgeholt hat. Der alte Pritzl erzählt mehrmals, grade noch ein paar Minuten vorher sei er an der Stelle gewesen und habe Rasen gemäht. Äußerlich ruhig, ist er doch wohl schockiert, sie hätte ihn ja auch umfahren können.

Einer der Pritzl-Buben kommt mit einem Firmenfahrzeug und einem Seil. Der Älteste setzt sich in das Auto der alten Frau. Beim Herausziehen wird noch ein Zaunpfahl mitgeschleppt, den ziehe ich dann von der anderen Seite auch noch heraus, nachdem ich gerufen und an die Scheiben geklopft habe. Schließlich schleppen sie das alte Auto ein paar Meter rückwärts wieder neben die Wertstoffcontainer. Nun sieht man, dass die vordere Stoßstange rechts eine tiefe Einbuchtung hat, da hat sie wohl einen Zaunpfahl getroffen - der hat sich da in voller Dicke hineingedrückt, ehe er umgerissen wurde. "Ach je - die Stoßstange" ruft die alte Frau. "Ach, das ist ja nicht so schlimm ..." meine ich.

Die alte Frau steht da. Eigentlich möchte sie mit ihrem Auto nach Hause fahren, aber mir schien, das eine Vorderrad stünde merkwürdig schief. "Das kam mir auch so vor", meint der älteste der Pritzl-Söhne, und nachdem er unter das Auto gekrochen war: "Da steckt auch irgendwas in den Bremsleitungen ... nicht dass sie dann nicht mehr bremsen kann."

Ich frage: "Soll Sie jemand nach Hause fahren?". Schließlich macht das einer der jungen Söhne. Ich gehe dann erst einmal die 50 m nach Hause, komme aber kurz darauf selbst noch einmal zu den Wertstoffcontainern, und weil mir das alles noch im Kopf umgeht und ich die Pritzls weiter hinten noch stehen sehe, gehe ich nochmal hin und frage: "Was wird denn jetzt mit der alten Frau? Kümmert sich jemand um sie."

Es heißt, sie habe drei Töchter am Ort, und zu einer davon habe man sie gefahren. Und es werde jemand kommen und das Auto abschleppen. Wir reden ein wenig. Wie leicht hätte sie eine andere Frau mit Kinderwagen treffen können, die im Ort ja häufig unterwegs sind. Nun müssten sich halt die Töchter um sie kümmern. Und es wäre wohl besser, sie würde nicht mehr fahren. Aber wie kommt sie dann zum Einkaufen? Mir geht das noch lange im Kopf um. Das Auto, sehe ich dann noch, hat TÜV bis 2007 (es sah schon vorher so aus, dass man das kaum glauben mochte). Es mag ja noch zu reparieren sein ... aber besser wäre wirklich, sie würde es nicht mehr benutzen. Und was dann?

Der jüngste Pritzl-Sohn sagte mir zuerst, er habe sie zu ihrer "Mutter" gefahren. "Mutter?" frage ich entgeistert. Schließlich korrigiert er sich: "Oh - das wäre ja noch besser. Nein, ich meine, zu ihrer Tochter." Die sei übrigens Polizistin. "Na, das passt ja ..." scherzen wir. Sie sagen mir auch, dass sie schon 95 ist, die alte Frau. Aber offenbar hat sie noch ihre eigene Wohnung und ihre Eigenständigkeit, indem sie eben zum Einkaufen und anderen Besorgungen mit ihrem Auto fuhr.

Ich weiß nicht, ob die Pritzls ihren Zaun einfach stillschweigend reparieren werden, oder versuchen, von der Versicherung der alten Frau Schadenersatz zu bekommen. Ich glaube eigentlich eher, letzteres werden sie nicht tun.

Kurze Zeit später ist das Auto der alten Frau schon weggeschleppt, ich weiß nicht, wo hin. Erst jetzt sehe ich die Reifenspur, die ein paar Meter vor dem Bordstein beginnt - da muss die alte Frau wohl, obwohl sie wahrscheinlich bremsen wollte, das Gaspedal voll durchgetreten haben, so dass die Räder durchdrehten und ihr Auto mit voller Beschleunigung in den Zaun und die Büsche raste.


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