Blackdot

Die Surrealität der Beziehung an sich

für Sposalina


Als sie sich sonnte

Um 1992

Als sie den Strand hinunterlief, bemerkte er, daß sie mit den Armen so ruderte, daß es aussah wie bei badenden Frauen von Picasso am Strand. Etwas Weibliches, dessen in sich liegende Natur er erst erkannte, als er es in Bewegung sah - obwohl das Bild ja die Bewegung gemeint hatte. Die Gesichter der jungen Mädchen, die aus dem Picasso-Museum in Paris strömten, verwandelten sich ihm in von Picasso gefertigte Frauenportraits, zerfielen in Nasen, Wangen, Augen, Gesichtspartien. Sie liefen ihm immer noch zu, die jungen Frauen. Neugierig umschwärmten sie die karrikierten Portraits ihrer hinverblühten Geschlechtsgenossinen. Ob sie sich auszumalen vermochten oder versuchten, wie sie von ihm dargestellt worden wären?

Der Computer bewährte sich auf dem Campingplatz am Meer nicht. Erst fehlte die Arbeitslust, dann spuckte er für ein s oder d immer ein "sd", für w oder e ein "we", für p ein "pü" und so weiter, das Phänomen zog sich in Mäandern über die ganze Tastatur hin. Erst zweimaliges heißes Anblasen mit dem elektrischen Föhn brachte es zum Schweigen. Dann begann er stattdessen auf dem Campingcomputer mit dieser Geschichte, ohne zu wissen, daß sie so enden sollte. Unter der ersten Fassung stand als Menetekel: To be continued.

Hin und wieder glich sie der Massigkeit der Frauen aus jener Periode des P. Dann wieder war sie Kunstsachverständige, die ihm mit geduldigem Wohlwollen vortrug, dann ein auf die Vorrechte des Mannes eifersüchtiges Mädchen, das auch einmal das Feuer zum Grillen ganz alleine und ohne seine Mitwirkung entzünden wollte. Nach dem Schwimmen im Atlantik wollte sie im Zelt geliebt werden; er hatte ihr am Strand den Büstenhalter von den Brüsten gezogen und die Warzen massiert, daß sie unheimlich groß und starr wurden (wie bei einer Negerin, dachte er, sagte es aber nicht, weil es ihm dumm vorkam), was ihn anmachte; das Gummi trug seinen Geruch bei, war aber nicht zwischen ihnen. Ich hätte es sehr schön gefunden, wenn Du z. B. mal eine Bemerkung über meinen Körper gemacht hättest - ((eine Negerin ist doch toll!!))

Er versuchte zu arbeiten, schob das nicht arbeiten mögen auf die hygienische und psychische Situation am Campingplatz. Sie erkundigten sich nach Privatzimmern, fanden diese aber zu öde, laut und muffig, entschieden für den billigen Campingplatz und gutes, selbstgekochtes Essen. Der Computer streikte nach dem Aufbau, wie oben geschildert.


Unglück mit Thunfisch

Sie kauften zwei Scheiben von jeweils gut 400 Gramm, es war teuer. Sollte ein Festessen werden. Kam aus der Idee, Fisch zu grillen (die Feuerstelle hatte man schon, und nochmal Grillspieße wären öde, und nach leichtem Zwist und Spannung schien etwas gemeinsam festlich zelebriertes angebracht). Sie bereitete lange und mit viel Sorgfalt die Fischscheiben vor, und er buk ein perfektes Grillfeuer, von Steinen umfaßt, mit dem extra gekauften Grillgitter. Erst war alles gut, er witzelte diesen ganzen Tag und war nicht so gries und grämig, wie sie es zunehmend beklagte, nicht einmal melancholisch, nur von leicht aggressivem Spott. Bis er die eine Fischscheibe in den Sand warf beim Wenden, selbst noch ganz ruhig blieb, aber unter ihren verhaltenen Kommentaren "Das Experiment hätte jetzt nicht sein brauchen" explodierte, sie anbrüllte. Er lief weg, sie lief weg. Er kam zurück, sorgte sich um den Fisch und die Soße auf dem Gasherd, ehe er sie suchen wollte. Nicht weil der Fisch wichtiger war als sie, sondern weil er nicht wollte, daß der Tag mit einem verbrannten Essen in völliger Sinnlosigkeit enden sollte. Sie kam bald wieder. Sie vertrugen sich mühsam, dann gefaßt. Der Tag war grandios; wie ein erlesenes Stück Keramikgeschirr mit einem Sprung. Den Tag danach roch alles nach Fisch, selbst die Bratwürste, das Auto unterwegs. Aber das machte nichts, denn es war ein großartiger Fisch gewesen (mehr noch der Teil, der nicht im Sand gelandet und abgewaschen worden war).

Der nächste Tag brachte nach dem gemeinsam Schwimmen im Atlantik die Liebe im Zelt am Nachmittag, und alles schien wieder gut. Sobald er sie geliebt hatte, war sie für einen Tag oder zwei versöhnlich, fürsorglich, fast fügsam, wohlwollend. Nicht "krätzig". Sie liebte sich selbst wieder in seiner Gegenwart.


Camping am Ufer der Seine und RER

Paris lag hinter ihnen. Sie hatten auf einem Campingplatz einen Platz direkt am Ufer der Seine bekommen. Etwas eng, aber von Büschen abgeschirmt. Teuer, aber Ambiente. RER, Metro, Seine, Paris. Der Eifelturm tauchte in der Ferne auf, wurde vom Centre Pompidou herab besichtigt. Filmisch die Fahrt mit der Rolltreppe an der Fassade des C. P., erst über den Platz empor, dann überraschend die Flanke der Hausdächer überwindend, Blick über Paris. Sonnenuntergang mit Eifelturm und Baukränen. Gesehen von den im Freien aufgestellten Plastiken von Matisse aus. Der Japaner, der sich von ihm vor der Froschfigur knipsen ließ, der er so furchtbar ähnelte, daß sie sich nachher vor Lachen ausschütteten.

Sie traktierte ihn damit, daß sie ihm im Ton einer Gouvernante die Metro erklärte und ihn abfragte, daß er sich lächerlich vorkam. Zu lächerlich, um dagegen zu protestieren. Sie hielt ihn für jemand, der sich äußerstenfalls mit dem Fahrrad zum Marktplatz seines bayerischen Heimatdorfes findet. Bis sie sich einmal in Amsterdam fast verliefen und er schließlich die Navigation mit dem Stadtplan an sich riß. Aber sonst fand er es bequem, sich von ihr führen zu lassen, und sie vermißte seine männliche Führung.

Er hatte eine Woche gebraucht, um einen Artikel für die Zeitschrift zu verfassen, unterbrochen von halben Ausflügen nach Paris, Centre Pompidou, Musée Rodin (schwer zu fassende Eindrücke), dann, nach dem Werk, einmal, zweimal Picasso. Picasso nach Lektüre der kritischen Biographie über den Chauvinisten. Das Bild des schlechten Mannes verblaßte nun wieder hinter dem des Genies. Picasso. Picasso. Picasso. Noch einmal. Was denkt sich eine Frau, die von Picasso portratiert wird? Olga Kochlowa dachte und sagte, es wäre ihr lieber, von Boldini, dem beliebten Pariser Portraitmaler, portraitiert zu werden. Picasso habe kein Wort gesagt, sondern nur eine frische Leinwand geholt und ihr wenige Minuten später ein Portrait in dem von ihr gewünschten Stil geschenkt, das er mit Boldini signiert hatte. (Den näheren Umständen nach kann sich dies nicht auf das Portrait Olgas in einem Sessel, 1917, Musée Picasso Paris, beziehen, aber das paßt dazu). Als wir vor dem Bild standen, waren wir uns einig, daß er damit seine damalige Frau verarscht habe, und sie bemerkte, er habe sich offensichtlich beim Malen sehr viel mehr für den Fächer und das Muster ihres Kleides interessiert als für ihr Gesicht. Im Musée ist das Foto, von dem Picasso abgemalt hat, in einer Glasvitrine ausgestellt. Der Text zum Bild bemerkt nur dümmlich: "Das bewußte Unvollendete des Sessels, die grobe Skizzierung des leeren, neutralen Hintergrundes stehen im Gegensatz zu der klaren Zeichnung und der sorgfältigen Detailgestaltung, insbesondere bei der Transparenz des Kleides, dem Blumenmotiv, dem Fächer und dem Schmuck. Die Figur wirkt ausgeschnitten und auf einen Hintergrund geklebt, von dem sie durch Schatteneffekte getrennt ist. (...) Übrigens hat Picasso absichtlich die Sesselbeine und die Füße des Modells weggelassen, das im Verhältnis zur Fotografie in Knöchelhöhe abgeschnitten ist." Die Ausstellungsbesucher könnte ja beunruhigt darüber sein, daß Picasso dem Foto gegenüber etwas weggelassen hat...

In der Umsteigestation der Metro stahl jemand ihren Beutel mit Ausweisen und 200 Francs. Diesmal war sie tief getroffen von den Widrigkeiten des Lebens, sie, die sonst alles mit Leichtigkeit vor sich herschob, sich nicht dauernd um das Morgen sorgte wie er. Noch einmal in diese Überstadt, vergessen die Angabe des verlorenen Führerscheins (noch ein Stich), dann ein letztes Mal in´s Centre Pompidou, die moderne Kunst. Lang, immer noch mehr, viele Picassos, wieder. Die Frankreichs mit ihr wurden zu Picassos mit ihr, schon im vorigen Sommer in der Provence und bis Nizza (ja, sie hatten Waldbrände gesehen, aber nur aus der Ferne, und sie mahnte wie eine besorgte Mutter den immer dummtollen Mann, ja nicht da hinzufahren), und sie verwandelte sich peripher in eine Picassofrau. Oder auch nicht. Nein. So schien Picasso seine Frauen nicht gesehen zu haben - höchstens Françoise. Er kaufte zwei von den Kunstkarten mit einer Zeichnung "Portrait de Françoise", fand aber schließlich niemanden und keine, sie zu verschicken. Er hatte an M. gedacht, die mit 40 zum zweitenmal ihr erstes Kind erwartete, aber es ergab sich nicht.

Auf der Fahrt von Paris in die Bretagne war ihm nach Weinen zumute und er wollte ein Gedicht schreiben - im Singsang von Französisch. Er sagte zu ihr: "Ich wollte, ich könnte auf Französisch ein Gedicht schreiben". Sie: "Würdest Du eines schreiben wollen?" Er: "Ja, jetzt, auf der Stelle, aber ich kann es nicht."

Sätze, wie sie sie manchmal bildete: "Sie hievte sich". Angeblich aus Absicht. Warum auch nicht. Skuriles Sprechen.

Diesmal grillte sie die Würste, machte allein das Feuer, und es war ein gutes Feuer. Gespräch über Valentin als den bayerischen Surrealisten.

Sie sonnte sich. Das war vorher. Jetzt ging sie mit der Papierrolle nach einer der drei bis fünf Minuten entfernten Toiletten. Im Dunkeln. Hatte sie die Taschenlampe mitgenommen? Sie hatte immer gespottet, wenn er Taschenlampen einpackte oder hervorkramte, aber hier war es ihr auch zu dunkel zwischen den koniferen Dünen. Der Atlantik spendete kein Licht, nur Wogenlärm.

Die Details des Lebens. Wie kann man sie erfassen? Sie kam, wollte auf den Bildschirm schauen, was er schrieb, er zierte sich, sie schaute nicht. Respekt. Später fiel ihm ein, daß sie das verstand, weil sie auch nicht wollte, daß man ihr zusah, wenn sie ein Bild malte. Das kannte er von seinem Vater. Später, in Spanien, war er überrascht gewesen, daß es diesen nicht störte, wenn man ihm zusah, wie er Eisen für eine Plastik mit der Flex zerschnitt und die Stücke elektrisch mineinander verschweißte. Die witzigen Eisenplastiken. Daran mußte er später bei Picassos Stier aus einem Fahrradlenker denken. Nein, vorher, das war ja in Paris gewesen. Die Zeiten lösten sich ineinander auf. Dies war auf dem romantischen Strandcampingplatz, hinter den Dünen im harzenden Kieferngewäld. Ihm oblag das Spannen von Wäscheleinen und Lampendrähten, das Holen von Wasser im Kanister, sie räumte und kochte und wirtschaftete. Manchmal machte er den ganzen Abwasch.

Alice: Es ist auch wirklich sehr schwer für Frauen, die ja immer nur Gast in der Männergesellschaft sind, durchzuhalten. Um das langfristig zu schaffen, muß ich authentisch sein, mir meiner Wurzeln bewußt. Das heißt: Ich habe erkannt: "Ich bin eine Frau." Und diese Erkenntnis gilt es zu überleben. Denn in ihr steckt enorm viel Erniedrigung. Man kann nicht Jude sein in einer antisemitischen Gesellschaft und sagen, Jude, na und, spielt für mich keine Rolle. (...) Ja, bei manchen Frauen meiner Generation, die dieses neue Denken bei Männern ja erst in Gang gebracht haben, zeigt sich jetzt eine große Naivität. Und bei vielen entdecke ich eine gefährliche Tendenz zum Selbstbetrug. Diese Frauen erlebten ein böses Erwachen, als sie in den Achtzigern plötzlich sehen mußten: Es geht wieder alles gegen uns. Und die Männer an ihrer Seite, die haben früher vielleicht mal ganz nette Sachen gesagt, aber diese netten Sachen nicht eingelöst. (Aus: Süddeutsche Zeitung Magazin, 31. 10. 91)

In "Alice lebt hier nicht mehr" sagt ihr 13jähriger Quälgeist-Sohn kurz vor dem Abspann über den Typen, mit dem sie zum Happy End zusammenbleiben will: "Du hast mal gesagt, man kann mit jemandem streiten und ihn trotzdem mögen". Kann ein Mann mit einer Frau, die sich von ihm losgesagt hat, trotzdem gut Freund bleiben?

Alice in "Through the Looking-Glass" diskutiert über Wörter:

"When I use a word," Humpty Dumpty said, in a rather scornful tone, "it means just what I want it to mean, neither more nor less." "The question is," said Alice, "whether you can make words mean so many different things". "The question is," said Humpty Dumpty, "which is to be master - - that's all."

Er versucht, das zu übersetzen.

"Wenn ich ein Wort gebrauche," bemerkte Humpty Dumpty in ziemlich verächtlichem Tonfall, "bedeutet es einfach das, was ich damit sagen will, und nichts anderes." "Es ist nur die Frage," erwiderte Alice, "ob Du Wörter so verschiedenes bedeuten lassen kannst." "Die Frage ist," erwiderte Alice, "ob Du mit Wörtern so verschiedenartiges sagen kannst." "Die Frage ist," gab Humpty Dumpty zurück, "wer hier das Sagen hat - ganz einfach."

Am Gardasee, im vorvergangenen Februar, taufte er sie Sposalina - von Spose, Eheweib (nachdem sie sich darüber amüsiert hatten, was er einstens im Duden entdeckte: "Weib, das; althochdeutsch wib, viell. eigtl. = die verhüllte (Braut) od. die sich hin und herbewegende (Hausfrau)." Wie er sie doch bei der ersten Fahrt an den Gardasee in die Wohnung von Bekannten mit der Videokamera filmen konnte, als sie ein Bild malte. Wie sie eines Abends in einem schwarzen Dessous erschien und sich von ihm vor dem Kamin mit dem brennenden Olivenholz fotografieren ließ. Auch mit Pfeife im Mund, was ihr etwas Dämonisches gab. Auf einer Aufnahme sieht sie nach rechts und links oben sieht er auf der Portraitskizze, die sie Tags zuvor von ihm gezeichnet hatte, nach links, beide mit Pfeife.

M. sagte ihm einmal, er sei ein ganz gewöhnlicher Chauvi, und bis heute hat sie dieses Verdikt nicht aufgehoben. In gewisser Weise hat sie auch Recht. Zwar formuliert er inzwischen: Heute sehe ich die Frauen gelassener - und auch mit mehr Nachsicht. Aber ich schätze auch ihren kritischen Blick auf meine Eigenheiten, Mängel und Fähigkeiten. Doch entdeckt er mehr und mehr "typisch männliche" Ressentiments in sich. Zuerst schrieb sie ihm: "Es hat mich direkt umgehauen - kein Streit, kein Schreien, keine Abrechnungen." Weil er so besonnen reagierte - zuerst. Oder so betäubt. Sie kennte es nicht anders als Gewalt und Drohung von Seiten eines Mannes, den sie verläßt. Aber später wird er wütend, schreibt einen Brief mit Beschwerden über sie, der sie sehr verletzt. Merkt er, daß er es nicht einfach hinnehmen kann, daß sie den Entschluß des Endes ausgesprochen hat. Es kommt zu Briefen von ihr, in denen sie ihm ihre Depressionen schildert, von Verbundenheit spricht, dazu eine Karte mit dem Motiv von Escher mit den aus einer einzigen spiraligen Girlande in Form eines weiblichen und eines männlichen Kopfes bestehenden Gesichtern als Einstieg in einen langen Brief schickt, in dem sie die Frage aufwirft: Kämpfen wir in Briefen umeinander? Und er muß nach mehreren quälenden Ansätzen schroff schreiben: Nein, ich nicht, wenn Du etwa daran denkst, alles noch einmal zurückzunehmen, sage ich nein. Ich will nicht mehr. Und kann tagelang nichts arbeiten, nur immer über diese Situation nachgrübeln. Will einen zweiten Brief schreiben, läßt es wieder, beschließt, sie anzurufen, bevor der erste Brief sie erreicht, tut es doch nicht. Ist stundenlang wie gelähmt, dann nach Selbstgesprächen wieder befreit: "Ich habe jetzt damit abgeschlossen", und dann geht es wieder von vorne los. Bis er selber schreit: Ich will nicht mehr, ich kann das nicht mehr ertragen, ich muß wieder arbeiten, ich will weiterleben...

Es hat etwas erniedrigendes, an sich als Mann genau die Reaktionen zu beobachten, die einem von der Frauenliteratur vorgeführt werden.

Einmal, am Gardasee, beschloß sie, etwas allein zu unternehmen, nochmal in jenes Tal der Papiermühlen zu spazieren, ohne ihn. Er war erleichtert, einmal allein, ging an den Pier hinunter, setzte sich mit Lektüre zu einem Artikel (der nie geschrieben wurde) und seinem Tagebuch hin. Auf einmal kam sie zurück, schon nach einer halben Stunde. Erzählte von einem Mann auf einem Mofa, der sie verfolgt und geängstig hatte.


Der bretonische Hund

Sie hatte noch nie den andalusischen Hund gesehen. Er nannte den Film einen Studentenulk. Sie: "So siehst Du das?" Er: "Ja - ein begabter Ulk, freilich." Das war im Kino im Centre Pomp (le chien andalous). Am letzten Tag auf dem Platz unter den harzenden Pinien belästigte sie ein hinkender, abgemagerter Hund. Sie verscheuchten ihn, gaben ihm nichts. Er hinkte davon. Kurz danach kam er wieder, starrte. Hinkte wieder weg. Kam wieder vorbei und starrte sie an, mit dem Blick des verachteten Lebens. Es war zu spät, als sich in ihm das Gewissen gegenüber der verstoßenen Kreatur rührte. Fünfmal war der Hund vorbeigehinkt und hatte sie lange und hoffnungslos bescheiden bittend angestarrt. Versuchte sich hintenrum um´s Auto anzuschleichen, wich in krummen Sprüngen aus, als sie ihn scheuchte. Nun kam er nicht mehr wieder. Er wußte, daß er sich das für den Rest seines Lebens nicht würde verzeihen können. Er konnte ihn nicht mitnehmen, aber er hätte ihm einmal etwas zu Essen geben können. Versuchte sich zu trösten, daß der Hund sicher wo anders etwas auftreiben würde. Aber er machte den Eindruck einer Kreatur, die sich längst aufgegeben hatte. Er hinkte, weil er noch laufen konnte, bittend umher. Vielleicht hatte er einen schlechten Tag, oder war des Fressens von Müll überdrüssig. Er hatte ein Halsband. Die Hunde in Spanien - gesteinigt von ihren Besitzern. Spanien. Andalusien. Die weißen kubistischen Dörfer. Nein, nicht mit ihr. Sein Bild eines unter Atommeilern am Horizont verdämmernden spanischen Dorfes ("Über spanische Dörfer"). Würden sie je Spanien sehen? Wohl nicht. Nicht sie beide.

Über spanische Dörfer


Amsterdam

Das van Gogh Museum. Sie äußern sich einander vor den Bildern über dieselben. Nach dem 1. Stock mit der Geschichte von v. G.´s Malerei der zweite mit Japanischem. Er will nach einem halben Rundgang von den japanischen Holzschnitten nichts mehr sehen und geht in die untere Etage. Dann sucht er sie, und sie kommt ihm die Treppe herab entgegen und meint aufgeregt: Wenn Du Dir den obersten Stock nicht ansiehst, entgehen Dir wunderschöne van Goghs! Van Goghs? Aber ja! Und sie begleitet ihn vor den Gegenüberstellungen japanischer Holzschnitte und den dadurch beeinflußten Bildern von V. v. G. Sie ist ganz Partnerin, die es nicht ertragen kann, daß er sich selbst um wichtige Eindrücke bringt (das ist etwas, was er als höchste Stufe menschlicher Bewußtwerdung kennengelernt hat - wenn ich im anderen bedauere, was diesem an Erfahrung mangelt - wie es mich schmerzte, wenn ich zusehen müßte, was mir selbst für mich leidtun würde. Das Mitbewußtsein für den anderen). Und er ist ihr dafür dankbar und fühlt sich mit ihr gleich. Hat er es ihr gesagt, ihr dafür gedankt, daß sie ihm die Bilder noch zeigte? Nicht deutlich genug, wahrscheinlich. Oder er hat es nur gedacht. Aber Frauen können auch nicht Gedanken lesen. Jedenfalls nicht immer.

Und dann der Bummel in Amsterdam mit dem Zwist, weil sie ihm immer den Weg abschnitt, hin und her lief, als sei er gar nicht da, daß er abrupt ausweichen mußte, um nicht über ihre Füße zu stolpern. Es sei ihre Stadt, erklärte sie, und eigentlich wollte sie dort allein sein, er störe nur. Er findet das nicht in Ordnung. Sie kann ja die Woche, die sie noch bleiben will, Amsterdam für sich alleine haben, aber wenn sie zustimmt, daß sie mit ihm Amsterdam für einen Nachmittag besichtigt und mit ihm zusammen in die Ausstellung geht, kann sie doch respektieren, daß er da ist. Er versteht sie nicht, vor allem nicht, daß sie auf den Vorwurf hin ihr Handeln trotzig verteidigt - wie ein ungezogenes Kind, das sagt: Mir doch egal, daß Du da bist - ich bin hier für mich, und nur für mich. Da kommt im Gespräch die Formel von der Beziehungspause auf.

Anderntags nennt er sie "seine Beziehungspause" und sie meint: Eine lila Pause, so wie die Schokolade. Das versteht er nicht, meint, darüber müsse er drei Tage nachdenken. Abends will sie einen Kuß - er: Ist das denn in der Beziehungspause erlaubt? Weiß ihre Antwort nicht mehr, irgendeine Umschreibung von Ja. Das klang alles nicht nach Abschied.

Als er sie in Huisen verläßt, ihrer Schwester einen Blumentopf geschenkt hat und keine Gulden mehr für sie übrig, um eine Blume zu kaufen, und auch keine schöne in dem Supermarkt zu finden ist, malt er ihr auf ein kariertes Blatt Papier eine Sonnenblume in Kugelschreiber. Und sie ist sehr gerührt. Und dann stürzt er sich alleine in die 800 Km nach München. Holland, das flache, bleibt zurück. Die putzigen Häuschen, freundlich in ihrer bescheiden gepflegten Art, der Raum dazwischen für die Kinder, die nicht immer wohlriechenden, aber allgegenwärtigen Kanäle, der kaputte erste Gang in Jaks Auto, das Erlebnis des Jugendkonzertes in der Kirche, wo ein gemischtes Programm von Dvorak bis Bernstein recht gekonnt aufgeführt wurde.


Entführung

Sie ruft zweimal an aus Holland. Er denkt bei sich: Soso, Beziehungspause, hältst es keine Woche aus, ohne mich anzurufen! Er bleibt kühl. Er versucht, sich klarzuwerden. Aber er wird sich nicht klar. Er wartet. Die meiste Zeit des Lebens scheint darin zu bestehen, daß man darauf wartet, wie es nun weitergeht. Oder daß man ungeduldig abwartet, nachdem man sich gemüht und abgerackert hat, ob es denn geholfen hat, ob es gelingt, ob der Artikel gedruckt wird, ob die Beziehung wieder heilt, ob die Mühen anerkannt werden, ob es sich als gut oder schlecht erweist, was man voller Selbstzweifel mit allen Kräften und der sorgfältigsten Mühe gemacht hat. Wie Camille Claudel ihre Plastiken, die vergebens waren, oder Rodin die seinen, die gekauft wurden. Das Musée Rodin - welch ein Erlebnis! Mit ihr! Wie sie ihn vor der Alten von Camille, der das Fleisch nur noch in Runzeln von den Knochen hing, deren Altweiberbauch so gnadenlos in Stein gebracht war, nach seinem Eindruck fragte. Wie er einfach sprachlos war, sprachlos vor dieser Bitternis der Ehrlichkeit, vor diesem Genie, in der Plastik die gefällige Pose zu überwinden und das nackte und grausige Leben an sich wahrzunehmen, zu fürchten und darzustellen. Ob man denn dazu jetzt etwas sagen müsse... Er sah, daß Camille über Auguste hinausgegangen war, und weinte noch einmal trocken über sie. Er verstand nicht, warum man diese wunderbaren Frauen, die es zu allen Zeiten gegeben haben mußte, unterdrückt hatte. Eine begabte Frau ist mehr als ein begabter Mann, weil der Mann nur der Geist ist, aber die Frau ist dann Geist und Leben. Der männliche Samen ist ein abstraktes Gebilde, ein Codeträger, ein Auslöser, wie der Mann schlechthin der Auslöser ist - von Kriegen, Stereoanlagen, Automobilen, Zentralheizungen... die Frau ist aber das ganze Lebensprinzip, denn wenn sie die Natur nicht auf den Mann beschränkt hätte - in sonderbar künstlicher Weise - dann würde sie zeugen und gebären. Das aber ist ein Rätsel, das besagt, daß das Menschsein etwas anderes ist - denn es ist in der ausweglosen Spannung, zwischen den Geschlechtern und anderswo. Es ist Unsinn, was ich gerade aufschrieb - die Frau ist das ganze Lebensprinzip, weil... die Frau ist Frau, weil es Männer gibt, und umgekehrt. Der Mensch ist das Unglück zwischen sich und der übrigen Welt (einschließlich der anderen Menschen). Daher ja auch die Melancholie... Sie schreibt später, wieder in Salzburg, nein, das sei kein Unsinn, sie fände das gut. Stimmt aber auch der Betrachtung über die Abgrundlosigkeit zwischen den Geschlechtern zu. Er findet, sie spricht manchmal in feministischen Gedanken, handelt aber wie eine in sich selbst unfreie und beziehungsunfähige Person. Nachträglich fällt ihm auf, daß sie immer die Verantwortung für das gemeinsame gescheut hat. Sie wollte nie, daß etwas gemeinsam angeschafft wird - nicht einmal ein Lexikon der Kunstgeschichte (in dem Camille Claudel nicht vorkommt, nur Rodin). Sie sprach - am Anfang ihrer Begegnung - schon von den Zänkereien, wenn man auseinandergeht - von ihren früheren Trennungen.

Sie verabredet sich aus Holland mit ihm in der alten Wohnung zur Umzugshilfe - will ihn wecken am Mittag nach ihrem Rückreisetag. Aber er übernachtet doch schon in der neuen Wohnung. Sie ruft nicht an, während er in der alten noch packt. Er holt sie bei ihren Eltern ab. Sie fährt mit ihm nach Tölz, in die neue Wohnung, hilft das Auto ausladen und begeistert sich für die Wohnung, deren bayerische Umgebung sie während der Theaterzeit in Feuchtwangen so panisch bekrittelte. Sie war überrascht darüber, abgeholt zu werden, bezeichnet es "praktisch als Entführung". Sie fährt wieder nach Salzburg, zu ihrem Studium.


oder

Ins Alleinsein verzogen

Erste Anzeichen: Wenn sie am Ende der Telefonate keine Schmusekußlaute mehr abgibt und auch nicht darauf anspricht. Wenn ihre Stimme sich kühler nach seinem Tageslauf erkundigt, wenn in ihre Anteilnahme etwas von der Attitüde einer Sozialarbeiterin einfließt.

Verwirrend: Sie putzt in seiner alten Wohnung, richtet in der neuen voller Eifer die Küche ein, lackiert mit ihm ein Rohholzregal in feuerrot, mißt seine Fenster, um vielleicht einmal Vorhänge zu nähen - ist das Sacheifer wie Männer ihn Stereoanlagen gegenüber entwickeln, die sie ihren Bekannten aufbauen, weil sie ja doch für die Technik und deren Gebrauch einstehen (und sich für die von diesen verursachten Übel und Gebrauchsschwierigkeiten schuldig fühlen) und weil sie das einfach gerne tun? Da sie doch, nach dem Brief zu schließen, schon seit zwei Wochen unausgesprochen mit sich rumtrug, was sie ihm nun geschrieben hatte. Oder verstellen sich Frauen gerne? Sie scheint es aus Fürsorge getan zu haben - sie will ihn verlassen, aber es soll ihm dadurch möglichst wenig Leids geschehen, und sie will ihn in ordentlichen Verhältnissen zurücklassen. Sie schrieb: "So möchte ich mich sozusagen als ´ Partnerfrau´ verabschieden und lösen und bin aber (von meiner Seite) aus ziemlich sicher, daß unser ´ Freundschaftspotential´ sehr hoch ist und (wenn Du es auch willst) sicher, daß wir uns trotzdem auf einer anderen, neuen Ebene wieder treffen können."

Sie bekrittelte seine alten "50er-Jahre-Vorhänge". Ein andermal meinte sie, er käme ihr "sehr viel älter als sie selbst" vor. Und er fragt sich darauf, ob er sich als nächstes lieber eine Frau in seinem Alter suchen soll. Solche Gedanken kommen eben. Stellen in Frage, was war. In den Supermärkten in Tölz kommen ihm beim Einkaufen Tränen, weil das an die gemeinsamen Einkäufe in den französischen Supermarchés erinnert. Woran man halt so hängt, in der Erinnerung.

So besorgt ist sie, daß sie am zweiten Tage nachforscht, ob er den Brief schon bekommen hat, ruft ihn in der alten Wohnung an, wo er gerade atemlos eine Bücherkiste in´ s Auto geschleppt hat. Das irritiert. Es ist, als wolle sie sich vergewissern, daß er sich nichts antut. Er ist nicht vorbereitet. Er hat den Tag damit verbracht, ihren Brief zu bekommen, zu öffnen, die Seiten zu überfliegen, den Schluß zu lesen, ihn dann ganz zu lesen, zwischen Toilette und Morgen-Mittagskaffee auf der heute wieder sonnigen Terasse, dann einen Brief an sie zu schreiben, zu denken, zu denken, ohne irgendwas vernünftiges denken zu können.

Er will jetzt nicht mit ihr telefonieren. Vielleicht später. Heute aber nicht. Er hat ihr einen langen Brief geschrieben. Durch ihren Anruf wird es erst zur Wirklichkeit: Er ist wieder allein. Wie schnell das geht. Er hat geschrieben, daß er sich jetzt Duschen wird, daß er ihr die Waschmaschine nach Salzburg bringen wird, und daß auch das Problem mit dem Anschluß seiner eigenen gelöst sei, und daß somit ja wieder alles in´s Reine käme, und daß er vielleicht ein bißchen weinen würde. Weinte er? Ein bißchen, ja. Einige Male an dem Tag. Fast.

Die Dia-Tonbildschau, die er erst über seine Portraitphotographie, dann nur über Photos, die er von ihr gemacht hatte, dann über sie und ihre Arbeit als angehende Bühnenbildnerin, dann mit ihr zusammen machen wollte. Wie sie in Salzburg eine Auswahl ihrer Bilder und Entwürfe aufnahmen. Wie sie ihm Texte dazu diktierte, die er als gesprochene Kommentare oder für Zwischentitel verwenden wollte. Wie sie zusammen ihr Bühnenmodell fotografierten. Wie sie zusammen den Ablauf der Show besprachen, Dias sichteten, über Musik berieten. Wie dann keine Zeit mehr war. Vergeblich.


Schwangere Frauen fotografieren

Wie sie immer, wenn ein Geburtstag oder ähnliches droht, ein Bild malt, so verschenkt er des öfteren Fotografie. Oft sogar Fotografie, die noch gar nicht gemacht ist. Das ist wie ein Reisebüro, das mit Zeitreisen handelt. Ungewiß. Er schenkte M. zu ihrem Geburtstag, den sie hochschwanger und voller hochbanger Erwartung des Kindes begeht, im engsten Kreise von kaum mehr als einem Dutzend Bekannten (immer lästern...), schenkt er ihr Fotos einer Schwangeren, von ihr selbst. Und sie machen aus, daß sie sich verabreden wollen, um die Fotos zu machen, die er ihr geschenkt hat. (Noch ist SW in. Also wird es irgendwann wieder out sein?) M. sagt, sie wolle Bilder solo und mit Partner - also mit J.. Der hat das gar nicht mitbekommen - nun wird er also posieren müssen. Ob ihm, J., das liegt? Er, der Protagonist, spürt, daß die Aufgabe dieser Fotografie schwierig ist. Er stellt sich immer Aufgaben, an denen er fast scheitern muß - oft scheitert er auch, manchmal nicht. Wenn er weiß, daß er nicht scheitern kann, quält ihn die Langeweile, so daß er aus Überdruß oder Faulheit scheitert. Das sollen andere tun. Also erforscht er immerzu nur seine Grenzen (und kommt sonst zu nichts im Leben). Aber das interessiert die Frauen wenig. Sie wollen auf der Autobahn nicht den sich leerenden Tank überlisten, wie "die Männer", die immer noch eine Tankstelle verstreichen lassen. Aber sie wollen den Mann, der den Tank überlistet - tss, tss.

Sie, die S., hat er öfter fotografiert als jede andere Frau bisher in seinem Leben (oder irgend einen Menschen). Und vielseitiger. Es gibt ein hängendes Projekt - ein filmisches Diaportrait von S. und ihrer Arbeit. Sie wollten es zusammen vollenden. Und nun? Es gibt ja Manuskripte - ungesprochen - und hunderte von Dias - ungeordnet, unsortiert.

Er besucht M., sechs Stunden, nachdem er den Brief von S. bekommen, gelesen, unverdaut beantwortet hat. Beim Eintreten erschrickt er über das Bild, das sie zu M´s Geburtstag produziert hatte, und das auf dem Fensterbrett angelehnt steht. Eine rote Aktfrau. Er hätte sich gefreut, daß M. es für so wichtig nimmt, daß es dem Besucher gleich sichtbar entgegentritt, aber jetzt erschrickt er über die Gegenwart der nicht mehr Gegenwärtigen, die es vermittelt. Es ist wenig Zeit zum Reden (er weiß auch nicht, ob er jetzt reden will - er will es nur mitgeteilt wissen. Komisch). "Die Männer" kommen zurück, und vor denen will er nicht über seine sechs Stunden alte neue Lebenslage geredet und zerredet wissen. "Ihr erschient mir doch als ideales Paar - ich würde das nicht einfach so hinnehmen...", sagt M., die alte Aber-Ja.

Nicht einfach so hinnehmen - was für ein Gedanke. Wie soll er das erklären - es ist ja nicht aus heiterem Himmel. Es dräute seit Monaten. Und er hat - eigentlich - wenig getan, es abzuwenden. Er verlegte sich auf´s Warten, auf´s Weitermachen... er wußte selbst nicht, ob er nicht einverstanden wäre, wenn sich das auflöst. Die Tiefe von allem, die vielen Einzelheiten der Selbstverständlichkeiten miteinander - man spürt es erst, wenn es wirklich und radikal in Frage gestellt ist. Später sagt sie ihm, sie hätte in Feuchtwangen, als sie mit einer Entzündung im Krankenhaus lag, so viel nachgedacht und gespürt, daß ihre Liebe für ihn nicht mehr da sei. Und die dumme Affaire mit dem Kollegen (sie hatten darüber gesprochen, und es hatte ihn merkwürdig wenig beunruhigt - aber er hatte doch auch schon gespürt, daß sie ihm entglitt). Warum sie dann noch mit ihm in Urlaub gefahren sei?

Er will keine Partnerin, die ihn nicht will. Er will sich nicht wieder den Kopf blutig stoßen wie an einer Felsenmauer (die Herzen der Frauen waren immer schon härter als ihre Brüste). Wenn eine Frau sich einmal entschlossen hat, zu gehen, dann geht sie - und man soll sie nicht aufhalten. Entweder will sie nicht wirklich gehen - dann geht sie auch nicht... Und er blockiert sich, kapselt sich ab. Jetzt will er gar nicht mehr reden. Soll sie gehen, wie sie eben alle gehen...

Und dann ist da ja noch der Gedanke der Freundschaft. Sie ist eine der ganz seltenen Frauen, mit denen ein Mann befreundet sein kann (nach seiner Meinung liegt es an den Frauen, daß das meist nicht möglich ist. Natürlich liegt es an den Männern auch, aber die meisten Frauen haben offenkundig kein Verständnis für Freundschaften mit Männern, weil sie außer Liebe und Männerhaß keine Zwischentöne kennen. Aber das ist ein schwieriges Thema, und sie begehrt nicht feministisch dagegen auf, daß er das so schreibt. Eigentlich schrieb er es, wie so manches, um Widerspruch zu ernten - der so oft ausbleibt oder auf falsche Weise erfolgt). Die Spanne ist verwirrend. Trotz der tiefen Zweifel, die er selbst immer wieder in den knapp zwei Jahren hatte, ist ihm auf einmal, als wäre ein Teil seiner selbst amputiert. Es fällt von ihm ab, und er ist einen Tag lang irritiert, ob er sich nun in das Wesen zurückverwandelt hat, das er war, bevor ihm dieser seelische Körperteil zugewachsen war - aber die Welt ist nicht mehr dieselbe wie davor, und darum kann er nicht wieder derselbe werden wie damals. Ein Glück. Es ist so viel geschehen. Sie weiß das auch. Aber sie will kein Teil von ihm mehr sein.

Die vagen, variierten, ventilierten Gedanken über Partnerschaft außerhalb der Normen. Wenn sie über die Querelen der Bekannten lästerten, die sich in Ehekonflikten zerfleischten. Das haben wir nicht nötig. Aber sie reden auch nicht über ein Modell, das sie haben wollen. Sie wissen es nicht - oder jeder denkt etwas anderes darüber. Wer weiß.

Sie haben Zeit miteinander verbracht, einfach so, ohne Genehmigung der Form, im Widerspruch zu der Art, wie man das so zu machen hat. Das war vage und nötig und erleichternd und irritierend - zuletzt hat es doch nicht funktioniert...

Hat surreales Schreiben jetzt - 91 - noch irgendeinen Zweck (stehengebliebene Pariser Bemerkung, im Zusammenhang mit den surrealistischen Filmen im Centre Pompidou, le chien Andalous und einige andere)?

Zum Abschied von M. gab es einen angefangenen Disput darüber, ob oder wann beim Ungeborenen das Bewußtsein ausbricht. Er glaubt das nicht. Frauen wollen so etwas glauben. Sie antwortet, sie glaube es auch.


Melancholie zuviel

Vielleicht ist es falsch, einer Frau, die meint: "Du bist so melancholisch, oft, das ist schwer zu ertragen. Und morgens oft so mürrisch - das ist am schwersten auszuhalten" melancholische Gedichte zu schicken.

Manchmal in der lauen Dämmerung
sinken dunkle Flocken aus der Luft,
legen sich als Asche in mein Gemüt,
die Welt verhüllt im Schleier
dieser Stimmung, die alles färbt.

(...)

Mal löst sich im hellen Sommerlicht
die Stimmung wieder auf, läßt Wärme in den Kopf,
dann fällt im Tief der Wolken bleicher Schatten
zurück ins Gewinde meines Hirns,
ich liege psychisch flach, die Seele atmet kurz.

Der Vorwurf kam bei den Gesprächen in Amsterdam. In einer Haschkneipe schrieb er ihr im Gebrüll der Musik etwa folgendes auf einen Papierfetzen:

Wenn einem, der so malen kann, wie Vincent van Gogh, am Ende nichts bleibt, als sich zu erschießen, was soll man dann halten von dieser Welt? Sie steckt den Zettel ein. Hebt sie solches Geschreibsel auf? Es gibt Frauen, die jahrelang Briefe von Männern aufbewahren, denen sie nie Partnerin sein wollen oder können - aber das ist eine andere Geschichte.

Er war erschrocken. Im Musée Picasso äußerte er sich sehr einschränkend über Van Gogh. Aber jetzt hatte er verstanden, daß dieser Mann etwas geleistet hatte, was Picasso aus der verachtend glatten Höhe seines Genies nie auch nur zu träumen vermochte: Er malte aus seiner tiefsten, kafkaesk leidenden und verbundenen Seele heraus die Menschen und Landschaften, die in ihn eindrangen. Picasso karrikierte seine Frauen, van Gogh malte die Musik in den Getreidefeldern und die Kakophonie seiner inneren Gefühle und die ausweglose Einfachheit der Landleute. Picasso imitierte, wen er wollte, er war ein Chamäleon, er bestimmte Kunstrichtungen und ließ sie wieder fallen, wenn sie ihn langweilten. Vincent konnte nur van Goghs malen - aber Picasso hätte es ihm niemals gleichtun können. Picassos Kunst ist intellektuell distanziert - sonderbar, denn Pablo war kein Intellektueller. Eher ein Naiver - als Mensch, als Person. Sein Gehirn muß absolut von den visuell-kreativen Zentren dominiert gewesen sein. Er konnte besser malen als sprechen oder denken. Van Gogh erarbeitete sich mühsam Maltechniken als spätes Genie - und doch ist seine Malerei viel einzigartiger als die von Picasso. Bei Picasso gibt es nichts einzigartiges - er probiert einfach alles, er ist genial, verspielt, und von der Grausamkeit des losgelassenen Gassenjungen beseelt, der Fröschen die Schenkel ausreißt und Frauen das Leben nimmt, indem er sie als Minderjährige von der Straße weg zu seinen zeitweiligen Gefährtinnen macht. Sie meinte: Ohne seine Frauen hätte er ja nicht malen können. Das ist wohl auch wahr. Er malte ja immer seine Frauen - er hatte keine Korn- und Sonnenblumenfelder.

Ich bin Dein Mädchen, sagt ein Mädchen
bei Hemmingway, doch laß mich ein Knabe sein;
was sie als solcher treiben soll,
scheint sie selbst nicht recht zu wissen.
Will mein Mädchen mein Mädchen sein?

(...)

Wer wir sind - wer sollen wir sein,
wer wollen wir sein, wer können wir sein.
Mann und Frau, Frau und Mann - was ist das?
Wie man Mann und frau Frau ist, so -
nein, wollen wir ja auch nicht sein.

Ob sie das verstanden hat? Aber es genügt ihr nicht. Was will sie? Weiß sie es? Sie möchte einen schönen Mann, der ihr in ihrem Lebensgefühl gleicht. Das hat er nicht zu bieten, und die schönen Männer findet er nicht schön, sondern rotzig oder auch dümmlich.

Er schrieb (es war, nachdem sie geklagt hatte, er hätte ihr schon lange kein Gedicht mehr geschrieben, postwendend):

Doch ist, im Seelengrund verankert, ein langes Band
von Freundschaft, menschlicher Begegnung,
die tiefer ruht als Wangenduft und Schenkelfleisch.
Und dennoch könnte dieses starke Band
gebrochen werden vom schwachen Fleisch.

(...)

Ich bin doch nicht Dein Nord -
und nicht Dein Südpol, Du Weibererde.
Ich will auch nicht.
Ich will, wenn wir es können,
Wege mit Dir zusammen gehen,
aber frei für mich, und Du für Dich.
Mal kreuzen sich die Wege,
mal gehen sie getrennt.

Sein Gedicht wußte schon vor ihm, wie es weitergehen würde. Sie schrieb: "Bei mir ist einfach jetzt der Zeitpunkt erreicht, wo ich mir ziemlich sicher bin, daß ich mich von Dir als 'Beziehungsfrau' ablösen will/muß. Auf der einen Seite gibt es so viel, was wir gemeinsam haben und erlebt haben und auch aufgebaut haben - auf der anderen Seite wird mir sehr deutlich, daß es für mich kein wirklich echtes neues Aufflackern von Liebe und Partnerschaft gibt im Rahmen einer Beziehung, wie ich es mir vorstelle."


Die Zeit ist zum Vergehen da.
Das Leben zielt nicht auf das Ende,
zielen tut´s in hohe Himmel,
doch ereilt wird es von hinten.

Manchmal scheint der Mensch nur
ein organisch Anhängsel der Geschichte,
ein überflüssiger Wurm - doch ohne ihn
wäre die Geschichte nicht,
denn Geschichte ist wiederum,
was Menschen sich erzählen.

Wir dauern nicht, außer uns unser Los,
wir leben im Rätsel der Kultur,
und die Kultur wächst als Schimmel
aus unseren Gedärmen -
ach, ich berichtige, unseren Hirnwindungen.
Was macht das schon aus?

Frauen kommen, Frauen gehen -
ich kann´s nicht wirklich anders sehen.
Was ich AberJa noch nicht sagte:
Als ich von ihrer neuen Schwangerschaft
erfuhr, hatte ich einen Moment,
da ich traurig fühlte:
Das kann ich nicht erleben.

Sposalina mit dem Kind der Schwester,
wie sie es zu beruhigen suchte,
mit ihm und mehr noch mit sich selbst
leise singend sich im Zimmer wiegte,
und mir war, als wollte sie einlösen,
wie sie mir einmal sagte oder schrieb:
Du hast mich eben noch nicht mit einem Kind erlebt,
und ich Dich mit keinem noch umgehen gesehen.

Aber sie bedeutete mir, daß ich mich ihr nicht nahen
sollte in diesem langen Augenblick.
Ich war ausgeschlossen von diesem schwesterlichen
Frauenglück, aber ich sah sie mit wohlwollender Wehmut an,
und dachte: So, das kannst Du ja recht gut.
Das will ich akzeptieren, es hat mich überzeugt,
doch gesprochen haben wir darüber dann doch nicht mehr.

Und dann fragte er sich noch, ob mann es sich zur schlechten Angewohnheit machen kann, immer wieder von Frauen verlassen zu werden. Oder ist dieser Satz nun dem Whisky zuzuschreiben? Wie das Leben überhaupt!


Einmal schrieb sie ihm zum Thema Zeit:

"Nothing is so that is so" Shakespeare

Zeitstörung

1/3/90 Zwischen Salzburg und München

Komisches Gefühl zwischen Normalität und Katastrophenstimmung - das Normale ist aus dem Gleichgewicht geworfen; der Orkan zwingt den Zug zum Stillstand. Plötzlich werden die Menschen im Bus zusammengekippt auf engstem Raum - eigenartiges Gefühl von Vertrautheit und großer Fremde.

Ungewöhnliche Ruhe und Aufgeregtheit der Leute, die normale Hektik ist nicht mehr möglich! Die Natur zeigt ihre Zähne und eliminiert wichtige Errungschaften der Technik - neben mir Gestalten wie aus einem Film (irgendwie trist). Wie muß erst die Kriegsatmosphäre gewesen sein, in der der Ausnahmezustand alltäglich war!?

Aufschnappen von Gesprächsfetzen: "Mach die Beine zusammen; Hast du dein Messer, wir machen jetzt Brotzeit." 'Der ganz normale Wahnsinn' und ich bin froh, mittendrin zu sein; wenigstens ein wenig teilhaben daran!

Neben mir eine kleine hektische Hausfrau: "Hoffentlich erreichen wir noch den letzten Zug nach Hamburg."

"Nicht anfassen!"

"Fortfahren, heimlaufen" (Zwei Studenten, die von Triest zwei Tage nach München benötigen)

Schweigen meines rätselhaften Gegenübers; ein bärtiger, hagerer Mann.

"Wieso sind wir nicht nach Milano gefahren? So a nett's Mädle."

Erinnerung an einen Ausspruch von Johannes: "Direktes Anschauen eines Menschen ist eine aggressive Drohgebärde." Wie soll ich zeichnen, wenn ich die Menschen nur verstohlen anschauen kann? Ich muß lernen, schneller Gesichtszüge und Eigenheiten zu erfassen. Vielleicht beginne ich jetzt mal mit einem Mal- und Zeichentagebuch!

Jetzt wird es Zeit, intensiv DA zu sein.

Schreien eines kleinen Kindes, gequält - bin ich in einem absurden Theaterstück? Nein, es ist nur der ganz normale Alltag. Das Weinen des Kindes geht mir durch und durch - diese Tonlage spricht anscheinend das Mutter-Fürsorgebedürfnis instinktiv an. Ist Weinen des Kindes der Tonlage gemäß individuell?

Langsames Warten auf die Fortbewegung.

Rätselhaftes Stehen auf dem Abstellgleis. Der Mensch hat es geschafft, die Natur zu Grunde zu richten. Wie geht das weiter; wie schnell schafft es die Natur, die Technik lahm zu legen?

Und immer noch wird "Bild" gelesen - flache Gespräche.

Genaue Beobachtung meiner Umwelt schärft mein Sehen. Noch ist alles scheinbar normal; das Wasser der Zugtoilette läuft, die Sonne scheint, blauer Himmel, bizarre Wolkenformationen - ich denke unwillkürlich an Beckett und diese Endzeitstimmung. Fin-de siecle - die letzten 10 Jahre bis zum Jahre 2000.

Wahnsinnige Föhnstimmung, unwirkliche Berge ragen in die Landschaft.

Der Schaffner: "Reisen ist immer noch ein Abenteuer! Von Salzburg bis Freilassing nehmen Sie den Schienenbus, von Prien den Zug bis Traunstein, danach ein Bus bis Rosenheim, und von dort verkehrt ganz normal der Zug nach München. Aber alles ohne Gewähr; es ist so vorgesehen, aber man weiß nie..."

Leben ist lebensgefährlich, so ein bißchen Orkan und vieles bricht für einen kurzen Moment zusammen. Werde ich genug Sensibilität für das Kommende haben?

"Never say die!" - den Mut nicht verlieren.


Das Glück in den Heidefelsen

Sie waren beide glücklich, als sie zum erstenmal bei Tageslicht die Küste der Bretagne erreichten, durch die Heide fuhren, an den Steilfelsen anhielten und auf die Küstenrampe spazierten, den theatralischen Blick über Strandstreifen mit kleinen, wagemutigen Menschen genossen, die zwischen schwarzen Felsblöcken umherameisten und den Brechern nicht auswichen. Dann rauchte er bei der Weiterfahrt durch die Heidefelsen eine Pfeife, und das war das vollkommene Männerglück, die Hexenpartnerin zufrieden neben sich, in Erwartung der weiteren Küste und eines Campingplatzes für die Nacht. Das romantische Hotel in einem Park, das sie wieder verlassen mußten, weil es zu teuer und außerdem belegt war. Was bleibt, ist, daß ihm immer, wenn er sich eine Pfeife anzündet, diese Szene einfällt - das ist Strafe genug für alles, was er falsch und ungerechterweise getan haben mag (auch so eine männliche Selbstrechtfertigung).

Zweimal hatten sie in der Wildnis übernachtet - immer mit Regen. Einmal in einem Wald im Elsass, wo sie am frühen Morgen gegen acht Uhr ein Mann mit einem Unimog aufschreckte und mit der Polizei drohte (auf Deutsch, sicherheitshalber), weil Campen verboten war.

Danach, in dem Elsässischen Stadtchen, der Markt. Ein Stand mit Schnulzenkassetten. Sie entsetzte sich, er fragte: "Haben Sie Heintje-Kassetten?" "Ich habe sogar zwei!" antwortete der Händler stolz, er kaufte sie ihm beide ab. Dann erklärte er: "Für meine Schwester, die sich das zum Geburtstag wünschte. Schwer aufzutreiben, sowas!" Muß sie ihr noch schicken. Als er es endlich getan hatte, kam nach etwa zehn Tagen der Antwortbrief in der gewohnt kindlichen Schrift (ganze Zeilen hatte sie mehrfach überschrieben):

Lieber Hansi!
Ich möchte mich für die zwei Casetten bedanken. Ich habe sie Samstag und Sonntag angehört. Sie gefallen mir sehr gut. Deine Karte aus Frankreich habe ich auch erhalten, ich hoffe dein Urlaub war schön. Ich wünsche Dir. daß es Dir in deiner neuen Wohnung gefällt. Da wohnst Du ja in der Nähe bei der Mama. Es grüßt Dich deine Schwester Dorothea.

Seine einzige Schwester, eineinhalb Jahre jünger als er selbst. Seine Mutter sagte immer wieder, man schriebe ihr die Briefe vor und sie würde sie abschreiben - aber dennoch das schreiben, was sie eigentlich mitteilen wollte. Wie oft hatte er sich gefragt, was in ihrem Kopf vorging, wie es sein mochte, zu sein wie sie. Wie sie wohl ihr Frausein erlebte. Aber er konnte sich ja nicht einmal vorstellen, wie es sein mochte, eine gesunde Frau zu sein. Überlegt lange, ob er diesen Satz in diesem merkwürdigen Zusammenhang stehenlassen soll. "Frau als Behinderung" ist ein Zitat, das gerade nicht greifbar ist.

Auf dem Markt im Elsaß. Er litt unter dem fehlenden Schlaf und ging zum Auto, sie blieb, um Gemüse einzukaufen. Als ein heftiger Regenguß kam, verließ er das Auto wieder, diesmal mit dem Schirm, den sie vorher abgewiesen hatte, und holte sie ab. Das freute sie, aber sonst spottete sie immer über ihn, wenn er Regenschirme oder Taschenlampen mitnehmen wollte (etwa: Ein Pfadfinder kennt keinen Regen und sieht wie eine Katze...)

Einmal - die Nacht nach der Anfahrt an die Küste - in einer Schilfwiese im strömenden Regen, wo alles naß wurde, das Vorzelt Wassertaschen bildete, sie fror, aber dennoch mit ihm im Auto ein Abendessen kochte, und verstimmt reagierte, als er Andeutungen über die "Ungemütlichkeit" der Lokalität machte. Er verstand nicht, warum sie das kränkte. Er hätte es trocken vorgezogen, aber es war ein Wildnisabenteuer.

Keine Frankreichfahrt mit Sposalina, ohne einmal einen Campingplatz ohne Bezahlung zu verlassen. Das Glück der Stromerin. Seine kleine ungezogene Hexe.

Wie sie bei manchen Bemerkungen das Gesicht verzog, um ihnen Nachdruck zu verleihen. Wie ein Nachbarsmädchen. Nach ihrem Abschiedsbrief ertappte er sich immer wieder dabei, wie er in seinen Selbstgesprächen auf diese Weise betonend das Gesicht verzog und sich damit wehtat, weil es ihn an die Glücksmomente des Urlaubs mit ihr erinnerte.

Oder als sie am röhrichten Felsen Klempners Traum des Centre Pompidou standen und einer indianischen Singgruppe lauschten, die schwarzweiße Trommelgang im Hintergrund. Als sie ihm den Brunnen von Niki de Saint-Phalle und Jean Tinguely zeigte und er immerfort lachen mußte über die dümmlich-eifrigen Maschinen, die ihre Gartenschläuche schwenkten, als ob sie damit Aufmerksamkeit für ihre Kunstfertigkeit heischen wollten. Die Clowns, die Passanten nachahmten (handwerkliche Straßenschaustellerei). - Später in Amsterdam das südamerikanische Paar mit seinem szenischen Ballett auf Stelzen. Straßenkunst und große Kunst. Im Zelt eine Biographie von Fellini lesen wollen, aber immer darüber einnicken, weil so müde vom Tag (das fällt jetzt ein, weil während des Schreibens auf dem Computerarbeitsplatz in der neuen Wohnung Fellinis Roma im Fernsehen läuft).

Sie war wenig glücklich, weil er sie zu wenig liebte, zu selten, zu kurz. Glück ist eine flüchtige Flüssigkeit, es muß täglich neu gemacht werden. Tagsüber trank er nur alkoholfreies Bier, das es jetzt in Frankreich gab (eine Sorte schmeckte wirklich gut, und einmal hatte sie ihm einen Sechserpack davon aus Paris auf den Seine-Campingplatz geschleppt, manchmal diese ehefraulichen Aufmerksamkeiten, die ihn irritierten, weil sie ihn beschämten), abends eine Flasche Rotwein (oder mit ihr zusammen zwei. Sie trank aber nur zwei Gläser. Mokierte sich darüber, er sei einmal völlig weggetreten ins Zelt gewankt. Machte nur einmal eine Andeutung, daß sie seine Fahne gestört habe).

Sie malte nicht, sie arbeitete nicht. Sie ging in Paris jeden zweiten Tag ins Kino, dazwischen mit ihm auf den Montmartre, der stellenweise ein Klein-Schwabing geworden war. Sie schrieb später, er sei so verschlossen gewesen, habe wohl mehr Zwiesprache mit seinem Tagebuch gehalten als mit ihr. Nach einer Woche wollte sie an´ s Meer, wovon sie schon immer gesprochen hatte. Und dann nach Holland, weil sie immer wieder davon anfing.

Erst später verstand er, er hatte vorher um sie gekämpft. Er hatte den Urlaub vor dem Umzug mit ihr gemacht, sich dadurch einem erheblichen Zeitrisiko ausgesetzt, weil er dachte, es wäre für ihre Beziehung wichtig. Aber es brachte nur das Ende, und später war er, wenn die Depression keine Kraft mehr hatte, wütend darüber. Er sagte zu ihr - verständnisvoll - am Telefon: "Ja, ich akzeptiere Deinen Entschluß. - Ich kann Dir Deinen Hexenbesen ja nicht annageln." Es ärgerte ihn aber, daß sie ihn am Telefon anwies, auch wütend zu sein, das brauche er... Als er dann wirklich wütend wurde und einen bösen Brief schrieb, war sie davon so niedergeschmettert, als ob sie noch in ihn verliebt wäre. Aber sie war es nicht. Mal rief sie an, um sich wegen etwas technischem Rat zu holen, mal, weil sie in einer tiefen Depression steckte, sie brachte vor Schluchzen kaum ein Wort hervor. Am nächsten Tag war sie gelöst und freundlich, sprach nur ein paar Minuten mit ihm. Sie brauchte ihn nicht mehr, obwohl auch sie unter dem Verlust litt, so vieles in ihr hochstieg. Gegenseitige Verstiegenheit der Erinnerungen. Sie hievten sich noch ein wenig...

Die Bemerkung in einem Reiseführer, die geraden Landstraßen von Frankreich seien "etwas Römisches". Daran muß er jedesmal denken, wenn er vor Bad Tölz nach München auf der Landstraße die sinnlose erst nach rechts, dann peitschenartig nach links zwischen flurbereinigten Feldern ausschlagende Kurve nimmt. Frankreich hat zu viel Erde, darum spannen sie die Straßen möglichst abkürzend zwischen den wenigen Ereignissen oder Orten. - Da fällt ihm ein, wie oft er davon gesprochen hat, mit ihr einmal nach Südspanien zu fahren. Noch nie ist eine Frau mit ihm nach Südspanien gefahren. Dort ist es wieder ganz anders. Kurven, aber keine Orte - immer nur Landschaft, rasch wechselnd (nur in Andalusien, seiner tiefsten nachpubertären Liebe).

Verstand er eigentlich sie? Hatte er sie je verstanden, wenn sie plötzlich in einer Kneipe mitten im Gespräch in Tränen ausbrach? Auf einem Spaziergang am Maisinger See urplötzlich davonlief, weinte, umherstreifte und ihm später stockend und bruchstückhaft erzählte, sie habe auf einmal an eine frühere Sache mit einem Mann denken müssen. Es kam dahin, daß er darauf reagierte, als sie in einem Brief schrieb: "Hast Du auch manchmal Brücken gebaut?", indem er sie darauf hinwies, wie er geduldig ihren Ausbrüchen zugehört hatte. Warum sagte er so etwas?

Nein - erkannte er plötzlich auf einem Spaziergang am herbstabendlichen Kochelsee, er hatte sie in ihrer Einsamkeit nicht erreicht. War nicht über die Schranke gestiegen, die sie zwischen sich und all ihren wilden, vergangenen Männerbekanntschaften errichtet hatte. Hatte nur in sein Tagebuch geschrieben - ohne von dieser Schranke zu wissen. Er hatte sich daran gestoßen - im Dunkeln, ohne zu wissen, woran. Hatte sich irrigerweise damit zufriedengegeben, daß sie nicht mehr aus heiterem Himmel weinte oder weglief. Bemerkte nicht, daß sie sich wortlos davongestohlen hatte. Vielleicht würde man/frau sich doch noch einmal an dem begonnenen Portrait versuchen.


Keine Austern, aber Pommes Frites

Auf der Suche nach Holland die Normandieküste entlang. Sie schwärmte vom Muschelnessen und von rohen Heringen, die sie auf dem Schulweg schnabuliert hatte. Es war wie zuvor - er verzog das Gesicht, aber weil sie nicht davon aufhörte, doch auch nicht nicht sagte, er solle anhalten, hielt er an. Er wollte doch seiner Hexe ihre Muscheln nicht mißgönnen. Er könnte ja eine Ladung Pommes verschlingen. Sie inspizierte den Muschelstand, fand aber, es gäbe nur Austern und andere, die sie nicht kannte. Er verstand es nicht - aber diese Muscheln wollte sie nicht, weil sie nicht die waren, die sie kannte. Dann aßen sie zusammen eine große Portion Pommes und sahen, auf einem Sandabbruch sitzend, über das Watt. Dann zog das Ufo weiter die Küste entlang. Viel später, tief im Land, gegen 10 Uhr abends, rief sie - noch vor Belgien - ihre Schwester in Holland an und kündigte das mögliche Eintreffen um zwei Uhr nachts an. Das war die Austern-Pommes-Reise nach Holland. In Amsterdam aß sie ihren Hering auf vertrautem Boden und er eine Portion Calamare an einem Straßenstand in der Fremde, deren Sprache er nicht verstand. Sie war es leid, für ihn zu dolmetschen. Diese eine Frau gehen lassen, aber nicht sich selbst aufgeben.


Knabenbesuch

Er besucht sie, sieht einen überraschend hübschen und jungen Knaben in ihr, wie in einer irrealen Kindvergangenheit; bringt die geliehenen Lautsprecherboxen endlich zurück, holt seinen Wohnungsschlüssel. Das ist traurig, bemerkt er/sie. Was?, fragt er. Den Schlüssel abgeben, meint er/sie. Kocht ihm ein Essen. Läßt sich die Lautsprecher anschließen. Er fragt nach den Namen von Nicki de Saint-Phalle und Jean Tinguely, die er nicht mehr weiß, die sie auswendig parat hat, aber doch zur Sicherheit in einem Buch nachschlägt. Diskutiert über die Quelle der Bemerkungen zu Olgas Portrait - nein, sie hat die Picasso-Biographie von Arianna Stassinopoulos Huffington nicht mehr, aber sie erinnert sich an die Stelle - wenn auch nicht mehr ganz genau. Er umarmt sie linkisch. Seine Spannung löst sich. Die ganze Heimfahrt schweigt er und hört nicht Radio. Hat einen Freund gewonnen?

Sie schreibt einen weiteren traurigen Brief mit der Bemerkung: Soviel zum Thema "nicht mehr brauchen". Manchmal habe ich das Bedürfnis, aufzuschreien und zu sagen: Halt, nein, was Du manchmal von mir schreibst, trifft nicht zu - ich bin jemand anders, meine Gefühle sind anders! Zum Beispiel Amsterdam. Es überrollt mich die Vergangenheit - eine Vergangenheit, deren einer Teil voll von glücklicher Selbständigkeit ist, endlich sich als beginnender Künstler fühlen, genau gefunden haben, nach was ich mich jahrzehntelang sehnte. Der andere Teil zutiefst von Düsternis - vor einem "Hinabsteigen in höllenähnliche Erlebnisse" - totale Manipulationen eines Mannes, gröbste physische + psychische Verletzung. Mit diesem Erinnerungsschwall ging ich durch die Straßen, fühlte nur, daß ich es Dir nicht mitteilen konnte, weil ich sonst mitten in den Straßen gleichzeitig schreien und lachen hätte müssen - und ich war einfach wahnsinnig beschäftigt, das alles zu fühlen -

München, Paris, Amsterdam

Im Hexenschritt und Ufoflug
auf Paris und die Bretagne.
Den Eifelturm vermieden,
auf´s Röhricht rollgetreppt,
den Straßenkünstlern applaudiert.
Nichts gegeben, nur Museen gezahlt.
Herumtouriert, gestaunt,
abends Banken aufgesucht.

Mit Métro hin, den Arc de
schaudernd angeschaut,
Soldaten abgelichtet,
und den Blick aufs
Schachtelmonument.
Morgenmittags ein Croissant,
die teuren Stylecafés beguckt,
vom Supermarkt ein Cola
auf der Straßenbank getrunken.

Picasso und Rodin,
Camille und van Gogh.
Die Schlösser nicht gesehen
im Tal Loire, nicht Versailles.
Eilig weiter an die Küste,
zu den Austern und den
Pommesbänken.
In die Dünenkiefern,
die das Zelt beharzten.

Thunfisch gegrillt
und Würstchen auf
französisch.
Zelt gebaut, über´s
Lila disputiert,
zu selten sich geliebt,
sich auseinandergeschlafen.

No, je ne regrette rien.

(C) Johannes Leckebusch


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