Blackdot
das ist ein alter Text, den ich noch in der Schule mal als "Stimmungsbild" geschrieben habe

Das ist ein alter Text, den ich noch in der Schule mal als "Stimmungsbild" geschrieben habe.



ein beispiel prosa: ausschnitt eines abschieds

 

Maja sprach von einem silbernen Relief.

Es klebt umgekehrt am Himmel, sagt sie. Siehst du, ein umgekehrtes silbernes Relief. Da ist ein Auge. Das ist die Sonne.

 

Ich betrachte den Widerschein des wassergrellen Auges auf Majas Gesicht.

 

Das Auge zwinkert. Dann wendet Maja sich ab und geht davon. Ihre kleine zierliche Gestalt windet sich in dem abgestoßenen Violett des Maxikleides durch die Menschenmenge. Ihre Füße trippeln geschäftig, selbstgefällig in den staubigen Schuhen.

 

Unter dem Relief hängt unruhiges Treiben schwarzer Schatten. Kleine dunkle Flocken in einem hin und hergeschwenkten Rhythmus. Sie peitschen ab und zu gegen die Wolken. Ihr Schwenken enthält immer wieder bedeutsame Aussagen, dazwischen ein unruhevolles Auflösen in einer sackartigen Kehrtwendung, ein nervös abgefangenes Zerstreuen. Die Schatten pendeln zurück. Sie klatschen gegen herabgebrochene Stücke des Wolkenreliefs, die von dem wässrigen blinselnden Sonnenauge mit pulsenden Lichtfällen überschüttet werden. In eines dieser silbernen Wolkenkinder wird Maja steigen und den silbernen Nachtstaub des Himmels aufsuchen.

 

Das Kreisen Treiben der Vögel mischt sich mit trägen grauen Gedankenwirbeln der Menschenmenge auf dem Platz. Hinter den Spuren der Leute zerstreut der Wind krause Wirbel aus Zigaretten, Papier, Asche, Blättern. Bonbonpapiere hüpfen über die alten Zeichnungen, hier ein Ägypten, dort ein Rom oder Griechenland, ein Steinzeithöhlenbild, ein Inkareich.

 

Kleine Kinder werden an den Händen fortgerissen, weinen, tauchen unter mit ihren großen Herrchen im zerknitterten Urwald Leute, stumpfgrelles Licht sieht zu, Leute kauen Kaugummi, lauschen abgewandt gespannt in Funktelefone, lassen gelbe, braune, grünliche Zigarettenschachteln fallen, Mütter richten sich auf vom Niederknien, mit dem sie die Unterhosen kleiner Mädchen zurechtrückten, Hunde jaulen an der Leine auf, die sie von den Stories der Gerüche fortreißt, zwei - drei - sieben Jungen heulen über die Ebene zwischen den wandelnden Bäumen des Urwalds Leute hindurch, alte graue Mütterchen zerknittern weiter ihr Gesicht in Mißbilligung, Väter drohen, ein Betrunkener schleicht durch seine unscharfe, matt schwankende Welt.

 

Eine Taube, die ich Mirabella nenne, nickt in mein Auge. Nein - sie nickt auf etwas anderes: Meine Hand erwacht und hält immer noch zerknüllt den Toast aus dem glotzäugigen Automaten. Die Taube nickt das orangegraue Etwas an. Ich winke leise mit dem Stück Zwieback, ich nicke in das Nicken der Taube zurück, alle Leute nicken und schweben wie in säuerlichem Aspik um uns herum. Ich werfe in singender Trance Krümel schwebend in die Welt, hinüber zu dem Nicken Taube.

 

Das kleine Auge der Taube glitzert fremd im diffusen blendenden Licht. Pick macht die Taube. Alle ihre Bewegungen picken.

 

Sie pickt meine Toastbrösel zwischen trockenen verhungerten Grashalmen heraus, die sich auf einem ungepflegten ausgesparten Grünfleck im bebilderten Marmor des Fußbodens aufhalten. Die Taube wischt nickend die Grashalme beiseite, Schinkenfetzen, die sie in zuckenden Bewegungen fortschleudert, werden grau und unansehnlich vom dürren Lehm. Auch die Taube ist staubig und grau, ich fühle ihr Nicken Zucken elektrisch auf der Haut.

 

In einem Traumfunken Vergessen lasse ich das Geschehen aus den Augen, das Nicken verschlingt alle Krümel und sieht mich fremd klar fordernd an. Ich vergesse.

 

Ich tauche in einen weiten leeren Schrecken, als ein Windjammern quietschender Flügelschläge sich auf den Erker meiner Arme schwingt.

 

Ich beobachte das Ballett eines fotobehängten Männchens, das sich in verkreuzten Figuren um ein unsichtbares Motiv windet. Mit drehenden Verrenkungen wechselt er die Stellung, immer wieder von den Klicks seiner Kamera unterbrochen. Er schält sich in einem Slalom Wichtigkeit von den krausen Wirbeln der anderen ab. Unaufhörlich strömen seine hastenden Blicke durcheinander, tasten nach dem, was ich nicht sehe.

 

Die Taube hat mir das in der Hand zuckende Brot entrissen, naiv ungläubig verlangend glotzt sie wechselweise mit dem einen oder anderen ihrer bohrenden Augen in die Tiefe.

 

Das andere Auge starrt blind empor in Majas Relief. Der Fotograf macht wilde Gymnastikübungen, schlenkert seine Taschen, wühlt atemlos nach einem anderen Objektiv. Plötzlich springt jemand aus dem Wühlen der Menschen auf ihn zu und gestikuliert verlangend hektisch auf ihn ein. Der Fotofritze nickt grimmig, schraubt mit grotesken Ellbogenspielen ein langes neugieriges Tele auf sein dunkles Klickauge. Dann kniet er sich erstarrend nieder und saugt sich an seinem immer noch unsichtbaren Ziel fest.

 

Durch die pausenlos prasselnde Menge wehen sehnsüchtig abgerissen die Klagelaute eines Zeitungsverkäufers. Ich habe vergessen, wo Maja hingegangen ist.

 

Meine Taube Mirabella weht wieder auf den Boden hinunter. Sie zerhackt eifrig fortnickend die letzten Überbleibsel meines Toasts, die sich allmählich mit dem grauen Lehmgras vermischen. Der Fotograf steht auf einmal ganz still da und schraubt mit bedächtigen präzisen Bewegungen das lange Objektiv von seiner Kamera.

 

Der gestikulierende Eindringling scheint ihn vergeblich zu neuer Hast aufstacheln zu wollen. Langsam verschwindet der dunkle Schaft in einer schwarzen Ledertasche. Der Fotograf nimmt mit zärtlich gespitzten Lippen die Auslöserschnur von dem Nabel seiner Kamera. Sie senkt sich zögernd in eine andere Tasche. Der Gestikulator zerglüht fast in der Luft. Der Fotograf zieht ein paar Filter und einen Kameradeckel aus der Hosentasche. Ich glaube den Geruch von Kunststoff, Glas und Filz zu vernehmen, der aus dem Inneren fotografischer Instrumente zu dringen pflegt. Der Fotograf zieht den Belichtungsmesser hervor und läßt ihn geruhsam verschwinden. Sein Peiniger wedelt dicht auf sein Gesicht ein, fuchtelt mit der Armbanduhr in den Gedanken des plötzlich Unerschütterlichen herum. Die Riemen mit den Taschen baumeln langsam ja und nein.

 

Unweit des Fotografen reckt sich ein trauriger kahler Baum aus einem stumpfen Auge im Marmor. Darunter lehnt die hinfällige Bude eines Würstchenverkäufers. Der Duft der letzten Häppchen, die er unwilligen Managermägen andreht, macht die Hunde im Umkreis nervös. Mirabella zerstört ihren Toast endgültig. Der Fotograf wendet sich widerspenstig zum Gehen, hinter seinem Zugpferd hertrottend umrundet er die Menschensäule vor der heiseren Stimme des Würstchenverkäufers. Maja wird plötzlich wieder an die Oberfläche der Menschenpfütze gespült.

 

Sie hastet hüpft zuckelt mit maxigehemmten Füßen auf mich zu, Licht im Gesicht. Sie spult geschwätzig eifrig eine lange Rede ab über irgendwelche Bürokratien Papiere. Ich höre nicht zu und krame hervor gebe ihr das Verlangte. Der Zeitungsverkäufer hat uns entdeckt und jammert sich auf uns zu.

 

Ich weiß nicht, wo Mirabella geblieben ist -

"Vorhin war eine Taube da - was - ja, gleich. Ich hab' ihr den Toast gegeben und - was - gelb? Achso, du meinst den Gepäckschein - sie war ganz verrückt ..." wahrscheinlich ließ sie mürrisch ihre kahle Grasprärie im Stich, als Maja so hektisch antanzte.

 

Maja kramt jetzt in dem leicht verhüllt chremefarbenen Portemonnaie.

"Hast du nicht 20 Pfennig?"

Es klirrt und raschelt in der trockenen Hand des Zeitungsverkäufers. Ein buntes Hologramm auf der Titelseite saugt den Blick zwingend in seine imaginäre Tiefe.

 

Es ist dunkler geworden, ich krame einen Spiegel hervor. Die Vögel treiben sich dichter über den Hügeln jenseits des weit gähnenden Platzes.

 

Maja verschönt ihr gläsernes Gegenüber ein wenig. Ihr Gesicht schwebt mir geneigt entgegen, kleines Amüsiert in den Augen, das Traumtrunkenheitweh aus meinen saugt, fettiger Lippenstiftgeschmack. Sie steckt den Spiegel jetzt selbst ein.

 

Sie schielt in die Zeitung, über ihrem Haar türmen sich dunklere Wolken. Für einen Augenblick teilen sich die vergessenen Ungeräusche aus Werbespots, Musik, Marktgeschrei, die wolkenumschatteten Hifi-Tonwerfer walzen den Platz mit dem dumpfen Bellen irgendeines Countdowns, die schwimmenden Köpfe der Menge zucken gegen Uhren, andere legen zwei gespannte Falten Eile zu. Eine winzige grüne Spinne kriecht über meine Haut.

 

Sie ruft mit einem feinen vergessenen Kitzeln, das sich winzig in die Nervenrauschspannung der Haut drückt. Ein Wischen der anderen Hand macht eine kleine grüne Spur daraus, ein kleines Fragment, ein unleserliches Zeichen. Maja steht genau auf dem Geschlechtsteil einer verquer gezeichneten ägyptischen Schönen. Das flache, seitwärtsgeneigte Gesicht auf dem Boden ist nur eine wölfische Maske. Majas Kopf wirft in einem kurzen Zwinkern des Reliefauges einen nassen Schatten darauf. Über den Köpfen der aufmarschierten Diener spannt sich etwas wie ein Deckenbalken, die schmale Steinschwelle zu Mirabellas Garten. Zwei Italiener kommen, einander an den Ärmeln zerrend, schnell vokalisierend auf einem der Augenblickspfade durch die lose geballt fließende Menschenmenge.

 

Eine der silbernen Wolken im Westen taucht unwirklich im Widerhall leeren Schreckens aus ihrer Trance, verblüffend, als werde eine versilberte Pappattrappe von einem Gummi hochgerissen wirft sie sich brutal in den Himmel. Die Vögel sind längst daran gewöhnt, lauthals gegen das nachhinkende Grollen zu protestieren. Kaum jemand starrt in den nach Sekunden im Himmel ertrinkenden Punkt.

 

Ein dünner, fahler Rauchfaden steigt aus der Würstchenbude bis über den singenden Fleck Sonne im unterirdisch beleuchteten Wolkenrelief. Die andere Seite Himmel murrt stampft marschiert schwarz hustend auf den Platz zu. Ein kleines Mädchen deutet weitausgestreckten Armes mit zwei sich uneinigen Fingern auf etwas, unsichtbar im Menschenbrei - Maja lacht spitz über irgendetwas in ihrer Zeitung - wie das verborgene Motiv des Fotografen. Er selbst ist längst untergerührt, verschwunden, aus den Seienden gestrichen worden.

 

Nur bauchige Touristen mit pampfigen Teiggesichtern tragen auf ihren vorwitzigen Bauchnäbeln kleine braune Täschchen, unter denen sich der einzelne magere Busen ihrer Klickkameras abzeichnet.

 

Schlingpflanzen Menschen hängen aufbruchschwanger lose dasitzend auf einer steinernen Bank. Nervös trügerisches Dasitzen Gemütsruhe verzehrt ein Familienpicknick. Die Mutter schlägt nach einem kleinen plärrenden Kind, das sich in die Zeitungsruhe des Vaters bohrt. Spuren des Zeitungsverkäufers. In lügenhafter Perspektive starrt mich ein Gebäude aus dem Hintergrund irgendeines Delegiertenaufmarsches in einem schrägen Blatt von Majas Zeitung an.

 

Eine Skandalschlagzeile, die sich bei jeder leisen Bewegung schillernd verfärbt, vermischt sich mit dem unbehaglichen Gackern meines Armbandfunkgerätes. Ich schalte es nur ab und betrachte ein lachendes junges Paar. Sie werfen sich einander zu, lachen, reden, küssen flüchtig zerstreut berauscht, deuten in die Szenerie, lachen wieder, reden. Hinter ihnen schlurft ein eingetrockneter alter Mann.

 

Seine Haare sind graue rußige Papierfäden, das Gesicht dunkle Pappmaché, verborgen gefaltet. Undeutliche Schwarzgraumuster begleiten seine Jacke, seine welke Hose, seine Schuhe.

 

Ihre staubige Unfarbe krümmt sich auf einer überirdisch coloren Szene ... Babylon ... Mesopotamien ... Nil ... irgend so ein versunkener Name ist sicher dafür zuständig. Die Schuhe krallen sich krumm an die matte Oberfläche, sie knirschen grell.

 

Der alte Mann strebt der Würstchenbude zu und kommt hinter dem tanzenden Paar zum Halten. Die Dampfsäule der Würstchenbude schlägt unruhig, als habe sich Mirabella in sie verwandelt.

 

Maja drückt mir ihre Utensilien in die Hand und strebt wortsprühend von mir fort - "... und hör auf den Countdown!" Die Zeitung schreit mich an, aber als ich in einer Zeile hängengeblieben bin, stößt mich jemand an, sie schwimmt zu Boden. Ich beuge mich nach dem exotischen Vogel, falte die bunten plastischen Bilder zusammen - eine tiefe Straße - knick - die Hügel auf dem Gesicht eines Filmstars - knick. Es ist kühler geworden. Die Säule über der Würstchenbude nickt stärker. Eine Orange rollt in mein Blickfeld.

 

Ein kleiner stiller Junge schwebt ihr bleich nach. Seine Augen sind ruhig in meine gehängt. Seine abwartenden, weich fließenden Bewegungen, die manche sanfte Kinder auszeichnen, nähern sich träge dem orangen Fleck. Im Hektiktrommelwirbel quirlender Füße schläft er langsam auf sie zu, erreicht sie ganz zaghaft. Die ganze Zeit sieht er mich verhalten an, als habe ich durch das auf mich Zukullern der Orange irgendwelche Rechte auf sie erworben, als könnte ich irgendwelche Einwendungen zwischen seine träumenden Bewegungen werfen. Die Orange weicht seinen verschlafenen Händen eine Weile kullernd aus, dann fängt er sie zart ein, sie schwebt langsam über das frühgeschichtliche Pflaster emport, ein Undeutbares füllt sein Gesicht, breitet sich in rasendem Kriechen darin aus, ein saugendes Lächeln strahlt sanft still blendend auf seinem Gesicht. Er lächelt ruhig. Er steht ganz still zwischen den hastenden jagenden Leuten, mit beiden Händen den großen Ball Orange haltend, lächelt mich still an. Lächelt durch die Regentrübe Sonnenglut, das Aschgrau Transparent des Himmels. Keine Möwen ziehen mehr um Majas Relief, aber nicht unweit von mir nicken zwei Tauben. Ich merke plötzlich, daß mein Kopf watteartig in saure Schmerzen gewickelt ist.


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