Blackdot

Das türkische Mädchen

Eine Nachweihnachtsgeschichte

Ich bin in Eile. Meine Mutter hatte mir einen Zettel hingelegt, wenn ich mal nach Miesbach käme, solle ich ihr Batterien für das Hörgerät besorgen. Schon gestern hatte sie mir lang und breit das Lamento erzählt, dass die vom örtlichen Elektriker nicht richtig funktionierten, obwohl der sie mit seinem Messgerät geprüft habe und sie angeblich noch in Ordnung seien. Es ist Dienstag, gestern war der zweite Weihnachtsfeiertag. Ich möchte auch noch einen Kasten Bier besorgen und Rotwein, und vielleicht ein Hendl zum Abendessen (dass wir noch Rouladen von den Feiertagen übrig haben, hatte ich vergessen). Ich habe auch zuerst nur meine Schwester gefragt, ob sie Lust auf Hühnchen hätte. Dann war ich beim Neukauf vorbeigefahren, um zu sehen, ob der Hendlmann auch da ist an diesem Dienstag, ich fragte ihn, ob er noch eine Stunde da wäre. Er versprach, mir ein halbes Hendl aufzuheben, bis in einer Stunde oder um 18 Uhr. Ich sitze schon wieder im Auto, zweifelnd, ob ich das bis 18 Uhr nach Miesbach und zurück schaffe, als mir einfällt, dass ich ja ein ganzes Hendl hätte bestellen sollen, weil wir ja drei Leute sind statt nur zwei, wie sonst. Ich kehre aber nicht nochmal um ... unterwegs überlege ich, das Tanken und auch die Besorgung einer Uhrenbatterie für meine Schwester aufzuschieben, das kann ich ja auch morgen erledigen, um nachher nur das Hendl abzuholen und über die dann nur noch 7 Minuten lange Fahrt nach Bayrischzell schön heiß mitzubringen.

Ich halte mich also beim Hörgeräte-Akustiker nicht lange auf, frage nur: Nein, Uhrenbatterien hat er nicht, und fahre rasch wieder heim. Ich bin ein bisschen gestresst, weil ich mir durch diese Planung und weil ich erst so spät unterwegs bin, die Möglichkeit vermasselt habe, noch ein paar mehr Dinge auf dieser Fahrt zu erledigen, wenn ich schon so viele Kilometer fahre.

Zwischen Miesbach und Hausham steht eine Anhalterin am Straßenrand. Ich überlege schnell und denke, dass ich die jetzt nicht mitnehme, ich bin in Eile, es passt mir nicht. Ich bin schon an ihr vorbei, da halte ich plötzlich doch an. Mein Beifahrersitz ist nicht so verrammelt wie oft. Es ist kalt. Schneit zwar nicht - aber irgendwie ... vielleicht hat sie mich ja auch gar nicht bemerkt ... aber ich sehe im rechten Außenspiegel, dass sie doch meinem Auto hinterherläuft. Naja, mal fragen, wo sie hinwill, in so einer kalten Winternacht.

Sie sagt etwas wie "Nach Rottach", was mich im Moment etwas verwirrt. Wo war das noch gleich? Sie bittet sehr, mitgenommen zu werden, ich lasse sie einsteigen. Ich frage ein paarmal, wo Rottach denn liege, sie scheint es nicht erklären zu können. Als sie fragt, wo ich denn hinwolle - nach Bayrischzell - nickt sie, ja, das ist ok. Das verwirrt mich noch mehr, weil mir nicht einfallen will, wo von Bayrischzell aus nach einem "Rottach" gehen könnte. Sie wird doch wohl nicht Rottach-Egern am Tegernsee meinen, denn das wäre ja eine ganz andere Richtung?

Schließlich fängt sie an zu schluchzen, beugt sich vor, verbirgt den Kopf in den Händen. Ich solle sie doch bitte, bitte nach Rottach fahren. Ich versuche sie zu beruhigen und erst einmal herauszufinden, was eigentlich los ist. Stelle Fragen. Wo denn dieses Rottach liege. Meint sie vielleicht Rottach-Egern am Tegernsee? Ich glaube, das erstemal reagierte sie nicht darauf. Zwischendurch weint sie wieder. Und antwortet manchmal auf meine Fragen ... oder sagt plötzlich spontan: "Ich bin abgehauen." Aha. Abgehauen. Von wo? Sie sieht sehr jung aus im Halbdunkel, sehr zierlich. Fast wie ein Kind. Dann sagt sie: "Sie bringen mich doch nicht in die Psychiatrie?" Ich versuche wieder, sie zu beruhigen: "Nein, natürlich nicht."

Soll man solche Versprechungen machen? Sie stammelt irgendwas von ihrem Freund, der sie in die Psychiatrie bringen wolle. Aha, vom Freund abgehauen, denke ich. Der böse Freund wollte sie in die Psychiatrie bringen, aber wieso? Einmal frage ich, wie alt sie sei: "23" antwortet sie ohne Umschweife. Viele Fragen beantwortet sie ziemlich bereitwillig, fast eilfertig, obwohl die angesichts einer zehnminütigen Bekanntschaft und der Umstände notgedrungen immer persönlicher werden. Sie verlangt mir immer wieder das Versprechen ab, dass ich sie nicht in die Psychiatrie bringen würde, und ich verspreche es. Ganz ehrlich. Warum sollte ich das auch tun?

Dann fragt sie, ob ich ihr was zu Trinken kaufen könnte. Na klar. Erst etwas später stellt sich heraus, dass sie was Alkoholisches will. Nichts sonst, kein Cola zum Beispiel. Auch nichts essen. Langsam werde ich misstrauisch. Da dies das dritte Mal im Leben ist, dass ich eine ähnliche Begegnung hatte - einmal in Nymphenburg eine Frau, die schluchzend nachts im Dunkeln in einer Baumgruppe hockte und, als ich mich ihr genähert und sie angesprochen hatte, erklärte, ihr Freund habe sie rausgeschmissen (ohne alle ihre Sachen!); später einmal in Pöcking ein junges Mädchen, das nachts an meiner Mietwohnung klingelte, schließlich eine Nacht bei mir verbrachte, mit nichts als den Kleidern auf dem Leibe bei sich, fast nichts erzählte, sich am nächsten Tag verabschiedete und nie wieder etwas von sich hören ließ, obwohl ich ihr meine Visitenkarte gab; ich mußte dann in die Redaktion fahren. Da ich dies also nicht das erstemal - im Abstand von vielen Jahren - erlebe, glaube ich erst einmal an den bösen Freund, vor dem sie flieht.

Das junge Mädchen in meinem Auto entschuldigte sich immer wieder, dass sie so nach Alkohol rieche. Mir fiel allerdings nichts derartiges auf, nur ein leiser Hauch wie von einem zimtähnlichen Parfüm. Einmal wollte sie wissen, ob sie rauchen dürfe - und ich sagte: "Nein, im Auto bitte nicht." Sie ließ es, rauchte aber später bei jeder Gelegenheit, wenn wir anhielten, neben dem Auto, und machte dann, wenn wir wieder einstiegen, die Zigarette sorgfältig wieder aus. Sie hatte außer den Zigaretten oder der einen offenbar gar nichts bei sich, nicht einmal eine Handtasche.

"Kann ich mal telefonieren?". "Ja, natürlich." Ich gab ihr das Handy, das immer im Auto steckt, nachdem ich die Kabel von Ladegerät und Headset abgezogen hatte. Sie versuchte einen Freund zu erreichen, der aber nicht da war. Erst ab sieben Uhr würde er zu erreichen sein.

Sie erzählte, dass sie Wein getrunken habe. Jetzt wollte sie aber keinen Wein, sondern "was anderes". Ich sage, das wäre wohl nicht gut, und schließlich, dass ich das nicht machen werde.

Irgendwann, als ich genauer fragte, von wo sie denn abgehauen sei, sagte sie: "Aus der Klinik in Agatharied."

Ich war zuerst nicht auf diese Idee gekommen, weil ich nicht gewußt hatte, dass es dort eine psychiatrische Abteilung gibt - aber man hat vor Jahren viele Krankenhäuser im Umkreis - bis an den Tegernsee - geschlossen und dafür dieses Zentralklinikum in das Kaff Agatharied gesetzt, so gesehen liegt es fast nahe. Es gibt da wohl so ziemlich alle medizinischen Bereiche für mehrere Landkreise, was man wohl zwischen Unfällen auf der nahen Autobahn und den Schlaganfällen der Alten auf dem Dorf oder im Schlier- oder Tegernsee beim Baden halb Ertrunkener so braucht. Und Selbstmordversuche und Drogensüchtige gibt's eben auch auf dem Land.

Meine Tagesplanung, auf die ich mich endlich wieder besinne, wird langsam kompliziert. Normalerweise setze ich Anhalter, die nur ein Stück in meine Richtung wollen, da wieder ab, wo sie einer anderen Strecke folgen müssen, um zu ihrem Ziel zu gelangen. Aber an der Abzweigung nach Tegernsee sind wir eh längst vorbei. Ich überlege, mein Hendl abzuholen, das zu Hause zu lassen ... vielleicht will sie ja auch was essen - und sie später nach Rottach am Tegernsee zu fahren. Ich erkläre ihr das, und verspreche, sie nach Rottach zu bringen.

Ich denke aber auch, es sei wohl sinnvoll, bis 19 Uhr abzuwarten, ob sie den Freund wirklich erreicht, zu dem sie will.

Es handelt sich offenbar nur um "einen Freund" oder einen Bekannten "ihres Freundes", zu dem will sie ja nicht. Der habe ihr "alles weggenommen". Was?

Ich frage nach ihren Eltern. Der Vater sei gestorben. Wann? Vor einem halben Jahr.Und dann sei sie abgestürzt. Und wollte sich umbringen.

Ich frage nach der Mutter. Die sei in Urlaub. Später sagt sie, sie könne nicht nach Hause, weil sie keinen Schlüssel habe. Die Mutter ist in Urlaub gefahren, hat ihr keinen Schlüssel dagelassen, obwohl sie weiß, wie es ihr geht? Ich begreife ihre Geschichten nicht mehr so recht.

Sie erzählt zwar wirre Dinge und wirkt auch leicht desorientiert, aber nicht direkt geistesgestört. Manchmal erzählen Frauen schwer glaubhafte Geschichten, wie der Freund sie behandelt hat, wie sie am Arbeitsplatz gemobbed werden. Man kann sich das manchmal schwer vorstellen, und vielleicht stimmt auch nicht alles wortwörtlich so, aber da man weiß, dass es solche Dinge gibt, zögert man erst einmal, sie gar nicht zu glauben. Trotzdem frage ich später nochmal, wie es denn sein könne, dass ihre Mutter in Urlaub fährt, ohne ihr einen Schlüssel dazulassen ... erst da erklärt sie bruchstückhaft, sie sei ja bei dem Freund gewesen, ihrem Freund, der ihr alles weggenommen hat und sie in das Krankenhaus gebracht, von wo sie gleich wieder abgehauen ist. Um 17 Uhr sei sie da hingekommen. Man hätte sie gefragt, ob man die Türen zusperren oder offenlassen solle. Nein, bitte offenlassen. Und dann ist sie wieder abgehauen. Nach einer ordentlichen Einweisung wegen Selbstgefährdung, etwa in eine geschlossene Abteilung, hört sich das nicht gerade an. Der Freund habe sie bedroht und verlangt, dass sie in die Klinik gehe.

Ich versuche auch, Zeit zu gewinnen, erkläre, was ich vorhabe, und ob sie nicht was essen wolle. Nein, sie will nichts essen, nur was trinken. Um dann auf die Frage, wann sie denn zuletzt was gegessen habe, zu antworten: Vor zwei Tagen. Noch später erzählt sie, sie leide am "Borderline Syndrom", dazu gehöre bei ihr auch Magersucht. Und zeigt mir Narben an den Füßen. Ich frage, ob sie sich da selbst verletzt habe. "Nein, das kommt vom Borderline. Weil mein Freund mich ablehnt. Davon kommt das."

Ich hoffe, sie würde doch noch Lust bekommen, was zu essen. Als ich bei dem Supermarkt halte, befürchte ich, sie würde mich massiv bedrängen, ihr was alkoholisches zu kaufen - womöglich einen Schnapps, aber sie wartet brav neben dem Auto und raucht wieder ihre Zigarette.

Erst jetzt komme ich auf die Idee, nach ihrem Namen zu fragen. Ich verstehe ihn nicht recht, und wegen ihres leichten, mir eher undefinierbar-östlichen Akzentes denke ich zuerst, sie sei Polin. Erst später, als ich direkt frage, was mir dann schon wieder peinlich ist, sagt sie: Nein, Türkin. Nennen wir sie hier nur S. K.

Ich hole nur kurz das Hendl - es ist leider wirlich nur noch ein halbes da - und dann zwei Brezen bei der Bäckerei im Foyer. Sie wartet, sagt nichts mehr. Fragt unterwegs wieder, ob ich Wein zu Hause hätte. Ich wollte mir ja Wein kaufen ... aber so - lasse ich das. "Nein, habe ich nicht. Nur Bier."

"Nein, Bier mag ich nicht", sagt sie.

Bei mir zu Hause will sie erst nicht aussteigen, lieber im Auto warten, Und bittet wieder - ich solle versprechen, doch nicht die Psychiatrie anzurufen. Nein, werde ich nicht! Versprochen. Noch verspreche ich das immer wieder automatisch.

Ich versuche meiner Mutter zu erklären, was los ist: Ich habe da eine Anhalterin aufgegabelt. Meine Mutter fragt nichts, hat sie noch nicht einmal gesehen, sagt nur: "Ich kann keine Leute über Nacht im Haus gebrauchen." Sie reagiert so auf Fremde. Obwohl sie die Betreffende noch gar nicht gesehen hat. In mir verschließt sich etwas. Ok, meine Mutter ist da raus, es bleibt an mir hängen. Und ich hoffe, es wird nicht nötig sein, sie doch zu überreden ... ich lasse meiner Mutter das warme Hendl da, sage, sie sollten es halt essen, ich müsste wieder weg. Aber mir wird auch langsam klar, wie unklar die Situation ist, und dass es auch noch nicht 19 Uhr ist, um den Freund zu erreichen, zu dem sie will, um klarzustellen, ob der überhaupt da ist. Abwechselnd hatte sie auch erzählt, sie brauche unbedingt bestimmte Tabletten, und ich solle sie zu einem Arzt in Rottach fahren. Sie sprach auch davon, eventuell bei dem zu übernachten. Ich frage, ob sie denn wüßte, dass der da sei. Und ob sie schon einmal bei ihm übernachtet habe. Nein, das nicht. Aber er sei bestimmt da. Ob sie ihn anrufen wolle - nein, der ginge nicht ans Telefon. Sie müsste ihn schon "zu Hause überraschen" und direkt vor der Tür stehen.

Ich kann sie schließlich doch überreden, kurz mit ins Haus zu kommen. "Wenn du ein Bier hast - kriege ich ein Bier?"

"Ja, ist ok", sage ich, obwohl ich es nicht gut finde. Aber besser noch ein Bier als einen Schnaps, oder? Ich biete ihr immer wieder was zu essen an, sie lehnt immer wieder ab. Ich fange an, von dem Hühnchen zu essen und von einer der Brezen, komme aber nicht weit. Ich hole eine Flasche Bier und zwei Gläser. Sie trinkt auch ein wenig von dem Bier, aber nicht viel, höchstens zwei Gläser insgesamt. Zwischendurch muss sie kotzen und ich führe sie zum Klo. Sie schwankt, wie besoffen.

Schließlich will sie doch den Arzt in Rottach anrufen. Sagt mir eine Nummer, aber die stimmt nicht, wie sich herausstellt. Schließlich gelingt es mir, nachdem ich mir den Namen aufschreiben lasse, über ein Internet-Telefonbuch die richtige Nummer herauszufinden. Da meldet sich tatsächlich ein Doktor X. Ich sage meinen Namen und dass hier eine junge Dame mit Namen S. K. wäre, ob er die wohl kenne. Ja, die kenne er sehr wohl. Er ist ziemlich gereizt und meint, die gehöre in die Klinik. Da sei sie bekannt, und schon öfter abgehauen. Die würden sie auch abholen mit dem Sanca, das sei kein Problem. Nein, zu ihm nach Rottach am Tegernsee könne sie nicht, er sei auch gar nicht zu Hause, sondern im Auto unterwegs.

S. K. will selbst mit ihm sprechen. Sie fleht ihn an, um Tabletten, nur das eine Mal, nur noch ein Mal. Es geht eine Weile hin und her, ich höre ja nur eine Seite des Gespräches. Ich will dann den Arzt nochmal sprechen. Der sagt, sie würde alles tun, um an Tabletten zu kommen, das sei schon fast kriminell, und er würde ihr nichts verschreiben, und sei auch nicht zu Hause. Ich frage, ob er wisse, was das für eine Geschichte mit S. Mutter sei. "Ach, die erzählt doch jede Menge Lügen. Die Mutter hat sie rausgeschmissen."

Der Mann ist sehr abweisend, will offensichtlich mit der Sache und dem Mädchen nichts mehr zu tun haben, sie gehöre nach Agatharied. Aber was ich eigentlich tun soll, sagt er mir auch nicht ... ich glaube, ich erwähnte, ich hätte ihr versprochen, weil sie mich so gebeten hatte, sie "nicht in die Psychiatrie" zu bringen. "Ja, natürlich."

Ich stecke nun in einem Konflikt, verstehe mehr, aber geholfen ist mir nicht. Es ist nur klar, dass es sinnlos wäre, jetzt wegen dieses Arztes nach Rottach am Tegernsee zu fahren.

Zwischenzeitlich verlagert sich das Gespräch von der Küche in mein Arbeitszimmer, meine Mutter und meine Schwester wollen Abendessen.

Ich sage zu ihr, ich denke, obwohl ich vorher was anderes versprochen habe, dass es besser sei, wenn sie in die Klinik zurück ginge. Sie sagt, sie werde von den Drogen runterkommen, sie wolle das. Na, dann fange doch jetzt damit an - und entschuldige mich, weil sich das ja leicht sagt. Ich sage, es gäbe jetzt praktisch die Möglichkeit, dass die sie von Agatharied abholen mit dem "Sanca", oder dass ich sie hinfahre, ich würde auch mit ihr reingehen.

Sie fragt ängstlich, ob der Arzt schon die Sanitäter angerufen habe, um sie abholen zu lassen. Nein, hat er nicht. Sie glaubt es erst nicht. Und fleht wieder und sagt, wenn sie wieder da hin komme, bringe sie sich um.

S. K. fängt nun an, mich zu bedrängen, ich solle meinen Hausarzt anrufen, damit er ihr die Tabletten verschreibe. "Das geht doch nicht. Außerdem ist der jetzt nicht da." "Woher weißt du das - nein, du sagst ihm, er soll dir die Tabletten verschreiben."

"Wieso soll er mir solche Tabletten verschreiben? Ich habe keine solchen Tabletten." Sie meint, ich solle sagen, dass ich nicht schlafen kann.

Das geht so eine ganze Weile. Schließlich denke ich, man kann ja mal riskieren, den Arzt anzurufen - aber an der Praxisnummer geht tatsächlich niemand ran.

Jetzt will sie wieder jemanden in Rottach anrufen, offenbar einen anderen Bekannten. Der sagt, sein Hausarzt würde ihm diese Tabletten nicht verschreiben. Offenbar erfährt sie nun einen Namen einer anderen Ärztin und ruft die an. Da ist aber nur ein Anrufbeantworter, sie merkt sich eine Nummer. Die stimmt aber nicht. Ich rufe nochmal an - ein kaum verständlicher Anrufbeantworter, der eine Notrufnummer angibt - Praxis ist bis nach Neujahr geschlossen. Ich lasse sie schließlich diese Notrufnummer anrufen, eigentlich immer in der Überzeugung, sie würde schließlich einsehen, dass das zu nichts führt. Ich stehe immer noch vor die Frage, sie mit Gewalt, gegen ihren Willen und mein Versprechen wieder in die Klinik zur psychiatrischen Abteilung zu fahren - ja, oder was?

Einmal will sie ins Bett, schlafen. Dann bedrängt sie mich, drückt meine Hände, sagt, sie würde alles für mich tun, wenn ich nur ...

Ich bin überrascht, dass sich unter der Notrufnummer die Ärztin meldet und ihr offenbar Tabletten verschreiben will. Ich bekomme die dann auch noch kurz zu sprechen und wir machen aus, uns in einer halben Stunde vor einer Apothek in Miesbach zu treffen, die ich auch kenne. Die Ärztin spricht von meiner "Freundin".

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Ärztin S. K. ausforschen wird und ihr keinesfalls einfach irgendwelche Tabletten verschreiben. Vielleicht könnte sie sie ja auch überreden, doch wieder in die Klinik zu gehen - oder mir raten, was ich tun solle? Unterwegs versucht S. K. mich zu überreden, ich solle nur ja nicht sagen, dass sie in Agatharied ausgerückt sei, ich solle zu der Ärztin sagen, ich wäre ihr Freund, und dass ich auf sie aufpassen würde, dass sie also unter Beobachtung sei. Ich zögere, verspreche nichts, mache nur hm hm. S. K. echot das "Hm hm", es kommt ein Anflug von Humor auf, weil sie spürt, dass ich nicht weiß, was ich antworten soll, dass ich ausweiche, ihr nicht glaube oder mich auf ihre Geschichten einlassen will. Und dann sage ich: "Hör mal, ich will nicht, dass du mich in irgendwelche erfundenen Geschichten hineinziehst. Ich werde gar nichts sagen. Es ist deine Sache."

Ich glaube nicht, dass sie damit durchkommen wird, vor allem, wenn ich nicht "mitspiele". Ich denke, sie wird merken, dass das so nicht funktioniert, und dass wir dann eine andere Lösung suchen müssen. Ich bin immer noch hin und her gerissen, ob ich der Ärztin nicht genau das erzählen sollte, was nicht zu sagen sie mich eindringlich bittet: Dass ich sie als Anhalterin aufgelesen habe usw. Ich verspreche ihr jetzt nichts mehr, ich sage: "Nein, das werde ich nicht sagen, ich sage gar nichts, ich erzähle auch keine falschen Geschichten. Es ist deine Sache." Ich möchte nicht noch einmal in die Situation kommen, etwas zu versprechen, das ich dann widerrufen müsste, aber ich weiß immer noch nicht, ob es richtig wäre, sie einfach in die Klinik zu schaffen. Muss sie nicht selbst zu dem Entschluss kommen, das zu tun? Was änderte es, wenn ich sie mit Gewalt da hinbrächte und sie einen Tag später wieder abhaut? Ich sage stattdessen: "Ich glaube nicht, dass es richtig ist, was ich jetzt tue." Außerdem denke ich ein wenig - so habe ich noch die Kontrolle, anders als wenn sie wegläuft und es bei jemand anderem neu versucht. Und ihm womöglich verspricht: "Ich tue alles für Dich ...", vielleicht denke ich das auch nicht so ganz nüchtern und konkret. Aber ich weiß ein wenig darüber, wie es ist, als Jugendlicher verzweifelt zu sein, und dass aufgezwungene Maßnahmen, die man nicht selbst annimmt oder sich zumißt und zumutet, eigentlich nichts nützen.

Ich sage ihr, dass mir der erste Arzt in R. gesagt habe, dass ihre Mutter sie rausgeschmissen hätte. "Der lügt! Glaubst du ihm das?" Ich sage: "Ich weiß nicht. Ich kriege nur dies und das erzählt. Aber deine Geschichte von vorhin, dass deine Mutter einfach in Urlaub gefahren ist und dir keinen Schlüssel gelassen hat, die war ja auch nicht recht glaubwürdig.". "Ach," berichtet sie nun, "da war ja schon mal die Polizei und ... ", irgendwas mit Tür aufgebrochen. Ja, die Geschichten, die sie erzählt, stimmen erst mal nicht so ganz, aber ob die Mutter in Urlaub fährt und sie ohne Wohnungsschlüssel zurückläßt, oder ob sie die (offenbar ja volljährige Tochter) "rausgeschmissen" hat, was macht es für einen großen Unterschied? Es geht so eine Rede und Widerrede zwischen uns, seltsam friedlich. Sie scheint mir nicht übelzunehmen, wenn ich ihr etwas nicht glaube, ebenso wenig wie ich ihr daraus einen Vorwurf mache oder sie anklage oder beschimpfe, weil sie mir was vorgeflunkert hat, oder sage: "Jetzt glaube ich Dir gar nichts mehr". Es ist ein seltsam sanftes Hin- und Her: Sag mal, was stimmt denn nun wirklich? Sag mal, was glaubst du denn, bringt dir das wirklich, wenn du jetzt Tabletten kriegst und Wein? Sag mal, wieso meinst du, ich hätte dir wirklich geholfen jetzt und heute? Nur wenn ich damit komme: Sag mal, meinst du nicht, es wäre besser, du gingest zurück in die Klinik ... kommt dieser erbitterte Widerstand und gar das Angebot, sich zu verkaufen dafür, das nicht zu müssen, sondern stattdessen ...

Unterwegs muss ich tanken, sie telefoniert wieder, erreicht jetzt den Freund in Rottach und erklärt, da könne sie nachher hin, und er würde mir auch Geld geben. Für die Tabletten und so. Ich glaube nicht, dass ich von dem Geld bekommen werde, aber es klingt immerhin wahrscheinlichlicher als die frühere Behauptung, sie würde ab nächster Woche wieder arbeiten und es mir schicken, und ich solle ihr auf jeden Fall meine Nummer und Adresse geben.

Als wir wieder fahren, klingelt mein Handy. Es ist die Ärztin, die schon vor der Apotheke in Miesbach wartet. Ich entschuldige mich, dass es ein paar Minuten später wird, und sie sagt: "Gut, dann gehe ich schon mal in die Apotheke und warte auf Sie." Die Ärztin hat vermutlich meine Rufnummer vom Festnetz auf ihrem Handy gesehen; später finde ich zu Hause zwei Anrufe aus der Zeit, in der wir unterwegs waren, und sie muss auf meinem Anrufbeantworter meine Handynummer abgehört haben.

Sie ist wirklich dort, die Verhandlungen spielen sich durch das ovale Fensterchen der Apothekentür ab. Meine "Freundin" erklärt rundheraus, sie sei von Tabletten abhängig und nehme die schon seit drei Jahren. Auf die Frage, was sie denn möchte, nennt sie dreierlei Tablettensorten. Ich halte mich im Hintergrund. Ich hatte ganz sicher erwartet, dass die Ärztin, die ja die Patientin gar nicht kennt, mich nach irgendwas fragen würde, aber sie kümmert sich gar nicht um mich. Verhandelt nur mit S. K., welche Medikamente man da habe, was sie ihr verschreiben könne, welche Packungsgröße, ob sie ihre "Karte" dahabe, ob sie selbst versichert sei - nein, mit der Mutter - und so weiter. Schließlich kostet es 15 Euro - 10 wegen der Praxisgebühr ("Für mich, und fünf kriegt er" - deutet mit dem Kopf auf dem Apotheker im Hintergrund). Inzwischen trifft ein anderes junges Mädchen ein, das offenbar auch irgendwelche Medikamente abholen will. Später kann ich mir überlegen, dass die Ärztin auch vor der Wahl stand, in 10 Minuten ihre Rezeptgebühr zu verdienen und zu denken: Der Freund wird sich schon um sie kümmern, anstatt es auf sich zu nehmen, eine im Ernstfall stundenlange und fruchtlose Sache anzufangen, mit der sie doch eigentlich gar nichts zu tun hat; oder was? Die Polizei rufen und die Sanitäter? Keine Ahnung, was sie wirklich hätte tun können oder müssen, rechtlich gesehen. Nur dass sie gar nichts weiter gefragt hat, das kann ich nicht so ohne weiteres verdauen. Manchmal habe ich aber auch das Gefühl, dass Frauen wie eine Sache behandelt werden - komme ich mit meinem Hund zum Tierarzt, fragt der den Hund auch nicht, ob ich wirklich sein Herrchen bin, oder? Obwohl ja nur das Mädchen selbst mit ihr geredet hat. Aber ich bezahlt. Und mit ihr Blicke getauscht. Warum sage ich das jetzt so ... vielleicht, weil ich das Gefühl habe, der Sache durch mein Beiwohnen, Hinbringen, Bezahlen einen Anschein von "das geht schon in Ordnung" verliehen zu haben. Wobei ... ich weiß nicht mehr, ob S. K. zuerst am Telefon zu der Ärztin gesagt hatte, sie sei bei ihrem Freund. Die dann aber bei meinem Anblick hätte fragen sollen: Sind Sie denn der Freund? Oder nicht eher der Vater? Aber gar nichts fragen, nur stumm schauen.

S. K. fragte mich zu Anfang unserer Autofahrten und zu Hause ein paarmal: "Bereust du es jetzt, dass du mich mitgenommen hast?". Erst habe ich gar nichts darauf geantwortet, vielleicht geseufzt. "Ach, jetzt seufzt Du aber!". Dann habe ich schließlich gesagt: "Nein."

Sie: "Warum nicht?" Ich glaube, ich lächtelte und sagte: "Das ist nicht so einfach zu erklären." In Gedanken: Vielleicht ein andermal. Manchmal beschert einem das Leben eben so etwas, was soll man da sagen? Eher hätte ich noch gesagt, ich bereue, dass ich versprochen habe, dich nicht zurück in die Klinik zu bringen. Aber eigentlich bin ich mir da auch nicht sicher. Diskutieren wir das einfach nicht weiter, es ist zu kompliziert für mich.

S. K. nennt auf Befragen der Ärztin in der Apotheke eine Adresse. Vielleicht die ihrer Mutter. Als ich sie später frage: "Du hast doch eigentlich keine Adresse, unter der ich dich erreichen könnte?" Nein, habe sie nicht. Also auch gelogen. Ob das mit der Krankenversicherung so stimmt, weiß ich nicht - aber das Plastikkärtchen, das sie vorzeigt, wird von Ärztin und Apotheker akzeptiert, mitsamt ihrem Namen drauf, den sich die Ärztin auch erst buchstabieren lassen will. Durch die Glasscheiben sehe ich Ärztin und Apotheker miteinander reden, ein bißchen lebhaft, aber nicht sehr, verstehen kann ich nichts. Ich möchte meinen, sie müssten die Sache doch merkwürdig finden und sich darüber austauschen, aber es kommen keine weiteren Fragen.

S.K. bittet um ein Glas Wasser, um gleich Tabletten nehmen zu können. Bittet mich, die wieder brennende Zigarette zu halten, weil sie sonst die Packung nicht aufbekommt. Während der Apotheker ihr das Verlangte aushändigt (Wasser im Pappbecher, liegen wohl bereit), steht die Ärztin etwas im Hintergrund und sieht mich durch die Scheibe mit leicht hochgezogenen Augenbrauen unverwandt an. Ich erwidere den Blick, ebenfalls mit leicht gehobenen Augenbrauen. Es ist wie eine stumme Zwiesprache, einmal senke ich den Blick, aber dann sehe ich sie wieder an, jetzt erst recht. Ich habe das Gefühl, dass sie ein Stück weit kapiert, aber sie fragt nichts. Auch als sie nachher, wir sitzen noch im Auto wenige Meter vor der Apotheke, aus der Tür herauskommt, geht sie einfach an uns vorbei. S. K. hatte sie noch vorher gefragt, ob sie die Ärztin nächste Woche erreichen könnte ... die sprach von "wenn wieder so ein Notfall ist". Sonst nichts.

Ich bin irritiert und meine Moral ist im Eimer. Hätte ich nun einschreiten sollen? Die Ärztin fragen, wie sie denn einfach so irgendwelche Tabletten einer Abhängigen verschreiben könne ohne mehr über die Hintergründe zu erfahren als "Ich nehme seit drei Jahren Tabletten, ich bin abhängig davon", oder gar erzählen, was vorgefallen war? Hat sie wirklich geglaubt, ich wäre der Freund? Das mag zwar wahrscheinlich gewesen sein, aber es ist, als ob eine derartige Situation einfach so sehr Alltag wäre ... der eine Arzt will zwar nicht mehr, was er offenbar schon lange getan hat, noch einmal tun, der andere im Bekanntenkreis weigert sich grundsätzlich, die dritte tut es einfach wieder.

Ich hatte S.K. gefragt: "Also wenn die Dich in der Klinik einfach gefragt haben, ob sie die Türen offen lassen sollen, und du einfach wieder abhauen konntest, gab es denn keine ärztliche Einweisung?" Nein, offenbar nicht. Sozusagen freiwillig unfreiwillig, vom Freund gedrängt. Der soll auch den Arzt in Rottach bedroht haben, der offenbar vorher lange Zeit immer wieder ... und jetzt nicht mehr.

Mir fällt auch wieder ein, dass dieser Arzt gesagt hat: "Die kennen sie, da haut sie immer wieder ab." Daraus könnte man schließen: Wenn die das so wissen und kennen, ohne etwas dagegen zu unternehmen, was macht es für einen Unterschied, wenn ich sie, gerade soeben abgehauen, sogleich zurückbringe, so dass sie nochmal abhauen muss? Sie ist volljährig, ich nicht ihr Vormund. Aber es klingt doch auch wie eine Selbstrechtfertigung.

S. K. bedankt sich bei mir, umarmt mich, erklärt wieder, ich würde mein Geld zurückbekommen (was ich nicht so recht glaube, aber darauf kommt es mir nicht unbedingt an). Ich sage: "Ich weiß nicht, ob ich Dir wirklich geholfen habe. Das bringt dich doch nicht weiter! Du bist doch übermorgen genau wieder da, wo du jetzt warst. Verstehst du das?"

Sie räumt das zwar im Prinzip ein, aber es kommt ihr nur auf den Augenblick an. Sie ist aufgekratzt und munter, seit sie die Tabletten in Aussicht hat, und mehr noch, seit sie sie in Händen hält, kaum dass sie welche geschluckt hat. "Die wirken ganz schnell. Nach drei, vier Minuten. Siehst du, jetzt kannst du ganz vernünftig mit mir reden." Eine Viertelstunde später klang sie allerdings wieder müder und verwirrter.

Ein paarmal sagt sie: "Ich will doch nur etwas Liebe und Zuneigung. Verstehen." Ich höre ihr zu, frage nach, schlussfolgere. Und sage manchmal: "Das verstehe ich jetzt nicht." Ich erwähne, dass ein Freund von mir mit einer Türkin verheiratet ist, aber da sie darauf nicht weiter eingeht, tue ich das auch nicht.

Ich fühle mich irgendwie betrogen und zugleich schuldig. Klar, der erste Arzt hatte mir ja in seiner unwirschen Art unverblümt und knapp gesagt, dass S. K. jede Art von "Lügengeschichten" erfinden würde, um an ihre Tabletten zu kommen. Wie sie auf der Fahrt nach Miesbach versuchte, mich zu bereden, ich solle zu der Ärztin sagen, ich sei ihr Freund und würde mich um sie kümmern, und nur ja der Ärztin nichts davon sagen, dass sie aus Agatharied abgehauen sei. Was sie übrigens auch dem Freund in Rottach immer wieder nahelegte - er solle doch niemandem sagen, dass - während der das offenbar sehr wohl wußte oder wissen durfte.

Aber die Ärztin fragte nach gar nichts, außer der Versicherungskarte und was sie denn haben wolle. Wobei die eilfertige Auskunft S., dass sie seit drei Jahren tablettenabhängig wäre, schon so eine Art vorauseilendes Fachgeplänkel war, um die Sache abzukürzen. Mit stillschweigendem gegenseitigem Wissen, irgendwie. Ich überlegte, ob ich die Ärztin später mal anrufen sollte ...

Als wir wieder fahren, triumphiert S. förmlich: "Siehst du! Sieh hat mich gar nichts gefragt! Sie wollte nicht mal wissen, ob du mein Freund bist."

Nachdem nun mein Plan, S. zu demonstrieren, dass ihre Ideen, sich von irgendwem einfach so diese Tabletten verschreiben zu lassen, nicht funktionieren würde ... gescheitert war, blieb noch, sie zu dem Freund nach Rottach zu fahren. Der war, wie ich unterwegs erfuhr, Taxifahrer - wie übrigens auch "ihr Freund", der sie aber in die Klinik abgeschoben hatte.

Ich erfuhr noch, dass sie geheiratet hatte, aber wieder geschieden wäre. Und dass sie sich den Mann selbst ausgesucht habe - also keine dieser Zwangsheiraten unter Türken - aber leider den falschen, der wäre Alkoholiker gewesen und hätte sie auf Drogen gebracht. Während wir vor dessen Wohnung auf ihren Bekannten warten, erzählt sie das mit dem Borderline Syndrom, zeigt die Narben (davon an einer Wade mehr als ein halbes Dutzend in merkwürdig regelmäßigen Abständen) und meint, sie hätte es schon mal auf nur noch 38 Kilo gebracht. "Oh" sage ich. Und sie: "Ich komme mir zu dick vor."

"Mir", erwidere ich, "kommst Du nicht zu dick vor". Sie zerrt an ihrer Hose: "Schau dir meine Klamotten an!"

"Was ist damit?"

"Na schau doch?"

"Dass sie dir zu weit sind?"

Der Freund in Rottach traf schließlich nach 10 Minuten auf dem Parkplatz vor seiner Wohnung ein. Während wir dort warteten, nahm sie nochmal Tabletten - und jetzt das Angebot einer Cola an. Der Freund drückte mir dann 30 Euro in die Hand. Ich sagte: "Ich habe der jungen Dame 15 Euro ausgelegt, Sie brauchen mich nicht zu bezahlen." Er wollte aber, dass ich das Geld behalte.

Er ging dann mit ihr ins Haus. Ich saß noch eine Weile im Auto, nachdenklich, notierte mir irgendwas. Er kam noch einmal herunter, hatte das Licht an seinem Taxibus brennen lassen. Klopfte dann an meine Scheibe, sagte mir, ich könne auch da vorne rum wieder rausfahren - der Hof war eng, es hatte inzwischen heftig zu schneien begonnen und alles war glatt.

Dann fragte er: "Wo haben Sie die denn jetzt aufgelesen?"

"Bei Agatharied." Er erklärte mir dann, das sei ja nicht mal seine Freundin, sondern die eines Freundes. Da er auf S. Verlangen mit einer Flasche Wein gekommen war, bemerkte ich noch: "Ich weiss ja nicht, ob das jetzt gut ist.", und er erwiderte:

"Das ist jetzt eh egal. Sie hat ja schon Tabletten genommen. Die hätte sie schon nicht nehmen dürfen."

Ich sagte noch irgendwas wie: "Vielleicht hätte sie doch in Agatharied bleiben sollen - um Entzug zu machen."

"Da muss ich mich morgen drum kümmern. Jetzt muss ich hoch, damit sie mir oben keine Randale macht."

Ich fuhr. Teils mit dem Eindruck, dieser Freund sei ein freundlicher Mann, der mit der Angelegenheit schon lange vertraut ist und sich kümmern wollte - aber auch mit dunklen Gedanken, was nun weiter geschehen würde.

S. hatte mich um meine Nummer und Adresse gebeten - mehrmals, zuerst mit der Begründung, um mir das Geld zurückzugeben. Sie werde wieder arbeiten und es mir zurückzahlen. Später erklärte sie mir, sie hätte gar keine Arbeit, suche aber eine. Sie sei Friseurin, sogar eine gute, mit Auszeichnung. Irgendwie kamen wir nicht mehr an den Punkt, warum sie denn jetzt nicht mehr arbeite oder - vermutlich - entlassen worden war. Als mir ihr Bekannter schon das Geld gegeben hat, und mit der Weinflasche in der Hand mit ihr in die Wohnung gehen will, umarmt sie mich noch einmal heftig, dankt mir überschwenglich und fragt nochmal: "Habe ich Deine Nummer?"

"Ja, wenn du die Karte eingesteckt hast."

" ... ach ja, die habe ich."

Ich hätte also die Wahl gehabt, S. gewaltsam nach Agathariet in die Klinik zu bringen - oder von den Sanitätern abholen zu lassen; sie bei der Ärztin zu verpetzen; sie mit den Tabletten wieder mit nach Hause zu nehmen - und auch Wein zu kaufen? Wenn mir jemand begegnet, einen bestimmten Weg verfolgt, es aber nicht kann, um Hilfe bittet, ihm zu helfen, diesen Weg zu gehen, kann, soll, darf ich dann sagen: Nein, ich helfe dir nicht, ich zwinge dich, in eine andere Richtung zu gehen. Wir streiten, aber die Person bittet immer wieder inständig, ihr zu helfen, den Weg so zu gehen wie sie es beim erstenmal erbat. Und nicht umzukehren, dahin zurück, wo sie herkam. Wo sie eh nicht wird bleiben wollen?

So fuhr ich alleine zurück nach Bayrischzell und wurde mir mit einem Blick auf die Uhr klar, dass ich heute keinen Wein mehr bekommen würde. Und bei einer Tankstelle wollte ich keinen kaufen. Würde ich mich diesen Abend eben mit Bier begnügen müssen. Und frage mich, ob es irgendwas gibt, das ich an diesem Tag richtig gemacht habe. Frustriert, ärgerlich - auch über meine Mutter - hungrig, will mir nur schnell was zu Essen wärmen, nicht lange kochen, bin nach sechs Stunden des Tages erlebnismüde und aufgewühlt. Und alles aufschreiben, obwohl ich mir schon jetzt der genauen Abfolge nicht mehr sicher bin, die mich in eine Situation brachte, in der ich nicht mehr wußte, was nun richtig hätte sein können. Und dass das Leben manchmal wie ein billiges, kitschiges Filmdrehbuch ist - nur an dem Schluss, an dem müsste es noch arbeiten, das Leben. Aber diesen Satz werde ich später wieder streichen - und derweil überlegen, auf welche Weise andere Leute es eigentlich vermeiden, dauernd sowas zu erleben.

(C) 2005 by Johannes Leckebusch


Bitte wählen Sie einen Text oder die Ausgangsseite im Inhaltsverzeichnis links!