Blackdot

Meckelsches Divertikel

Nach der Rückkehr erscheint die Welt in einem seltsamen Zwiespalt aus schaler, geronnener Vertrautheit, die etwas Trostloses und Einengendes hat, und andererseits in einer entrückten Lächerlichkeit, wie beim Blick von oben auf die wichtigtuerischen Zänkereien in einer falschen Dorfidylle.

Zurückgekehrt zu sehen, wie banale Verrichtungen und wichtige Arbeiten gleichermaßen wie eingefroren daliegen - jedes Teil noch da, wo ich es zuletzt in der Hand hatte: Im Arbeitszimmer eine Kamera auf dem Reprotisch, im Schlafzimmer eine volle Wärmflasche im Bett (erkaltet, ich nehme sie weg, leere sie aus), am Fussende zur Seite gerutscht. Auf dem Bildschirm im Arbeitszimmer die Fotos in Photoshop, die ich zuletzt von der Kamera gemacht hatte, die ich testen und beschreiben wollte und die noch eingeschaltet dagelegen hatte - mit inzwischen fast leerem Akku. Anderes hat sich verwirrend geändert - der Kopfhörer liegt mit herausgerissenem Anschlusskabel auf dem Bett - wie kommt er da hin, was hat er da zu suchen? Wahrscheinlich hat meine Mutter auf das Kabel getreten (er hing über die Lehne eines Stuhls neben dem Bett), als sie nach dem elektrischen Heizkörper hinter dem Bett sehen wollte, der noch eingeschaltet war. Der für das winzige Kämmerchen viel zu starke, nur kurzzeitig in Betrieb zu nehmende Ölofen war ja nicht an gewesen. Das Kabel also abgerissen, den Hörer vermutlich runter ... und hatte beides dann auf's Bett gelegt, in der ratlosen Vermutung: Das gehörte wohl zusammen.

Ich war ja nicht lange genug weg, dass irgendwas merklich neuen Staub oder gar Spinnweben hätte ansetzen können, aber das Arbeitszimmer ist so ausgekühlt, dass es selbst Stunden, nachdem der Ölofen angezündet wurde, noch kaum 20 Grad erreicht und sich einfach nur frostig anfühlt.

In Bayern 4 Klassik verliest eine Ansagerin, deren Stimme gar nicht nach solch kindischen Texten klingt, brav die Worte: "Es ist der 1. Dezember, im Adventskalender darf das erste Türchen geöffnet werden ...", bis sie dann irgend einen akademischen Gesang ansagt.

Vielleicht ist dieser leise Hauch von Fremdheit, den meine Umgebung bei der Rückkehr nach einer - auch nur viertägigen Abwesenheit - aufweist, gerade das Unheimliche, ich möchte ihn festhalten, wird er nicht gleich verfliegen, gerade wenn man ihm nachzuspüren sucht, wie die Kälte eines Autoschlüssels, denn man für einen schrecklich langen Moment verloren glaubte und nun im Schnee wiedergefunden hat?

Und all die kleinen Dinge, die man so sorgfältig ausgewählt und gekauft hat, um sie bei Abwesenheit aus der gewohnten Welt, also auf Reisen - oder eben einem Krankenhausaufenthalt, woran ich aber gar nicht gedacht hatte - bei sich zu haben, um eine gewisse Vertrautheit, einen komfortablen Anschluss zur Welt zu behalten - wie das kleine Radio: Ein Sony-Weltempfänger mit Stereoempfang, an das man einen Kopfhörer anschließen kann, um wunderbar Musik zu hören; und die mich im Stich gelassen hatten, weil ich in der Panik des Wegkommens weder Zeit noch Gedanken hatte, sie mitzunehmen.

Die Armbanduhr ging 5 Minuten nach - warum? Jetzt scheint sie wieder korrekt zu laufen, sind die Batterien doch nicht leer?

Hochachtung vor den Schwestern

In der letzten Nacht von 3 bis 6 Uhr morgens wechselte ich mit der schon etwas älteren, freundlich-mütterlich aussehenden, schon leicht grauhaarigen Nachtschwester einige Sätze. Sie war auch in ihrem Wesen nett, freundlich, etwas rundlich und erinnerte mich ein wenig an eine Bekannte. Der einzelne, leicht struppige, angegraute Zopf, der ihr am Hinterkopf leicht abstand, ziemlich lang, ein wenig mager war. Sie blieb die letzten Stunden der Nachtschicht ganz alleine auf Station, alle Minute läutete es hier und läutete da, sie begegnete mir zumeist im Eilschritt, der ich in gemäßigtem, eher schon seniorenhaften Zeitvertreibeschritt die labyrinthischen Gänge durchmaß, und bemerkte mehr als einmal etwas: "Jetzt sind Sie schon genauso viele Kilometer gelaufen wie ich!" "Jetzt haben Sie mich ja kilometermäßig schon überrundet". Was natürlich übertrieben war. Ihre eigene Gehetztheit ertrug sie nach einem schon langen Berufsleben mit einer heiteren Gelassenheit und Distanz. Ich nenne sie mal Schwester Getrud, sicher hieß sie anders und der Name passt auch nicht wirklich zu ihr, ein bisschen aber doch.

Seltsam war die letzte, verdoppelte Begegnung mit ihr: Nach der langen und detailreichen Übergrabebesprechnung der Gruppe aus etwa einem halben Dutzend Morgen- und Abteilungs-Tagesschwestern, Pflege- und Hilfskräften, als alles gesagt war über die Inkontinenz der Patientin A oder den Patienten B, der "immer noch nicht gepieselt hat", eilte sie geschäftig aus dem Hintergrund, noch den einen oder anderen Abschiedsgruß nach links oder rechts austeilend, heimwärts, zusammen mit einer Kollegin, ebenfalls blondergraut, ein wenig füllig ... ihr perfektes Ebenbild. Ich starrte sie beide konsterniert an, als sie auf der anderen Seite des Trichters, wo der Lichthof, 2. Etage, mit der Rezeption, in den breiten Transport- und Wandelgang Richtung Ausgang, Station 10, Aufzüge usw. mündete, an der gegenüberliegenden Wand entlang. Nein, es waren - es mussten Zwillinge sein! Ich hatte sie noch nie zusammen gesehen. Ich ärgere mich immer noch, dass ich zu erstarrt war, um sie anzusprechen, ihr auch einen Feierabend - oder besser Feiermorgen - zu wünschen und danach zu fragen: "Sagen Sie mal - sind Sie Zwillinge?" Fragen, die das Leben wahrscheinlich nie auflösen wird, wenn es nicht nochmal eine ebenso unwahrscheinliche Verschränkung wie die gerade durchlebte noch einmal hierher führen wird.

Transit

Ich werde wieder auf einer Bahre - sorry, das Wort fällt mir immer wieder querschlägerisch ein - nein, auf einem dieser rollenden Krankenhausbetten - durch lange Gänge gerollt, in Fahrstühlen geliftet, lande dann in einem halbdunklen Raum, werde wieder auf ein anderes Gestell hinüberbugsiert, mit Tüchern abgedeckt. Jemand nestelt an der Kanüle in meinem Handgelenk, im Hintergrund finden letzte Vorgespräche statt, an die ich mich nicht erinnern kann. Mir wird komisch. Geht da schon ein Schlauch in die Kanüle? (Gegen Ende meines Aufenthaltes werde ich von einer Schwester gefragt werden: Haben Sie noch irgendwelche Nadeln stecken? Soll ich die Ihnen rausmachen? Nein, hatte ich nicht, die hatte schon am Vortag eine Schwester beiläufig entfernt. Aber viele Patienten laufen mit diesem hellgrünlichen Stecker am Handgelenk rum, unter den Pflastern die Nadel in der Vene verborgen, auch wenn da grade gar nichts angesteckt ist. Anscheinend bekommt man sie bei regulärer Aufnahme gleich als erstes verpasst, ohne dass sie am ersten Tag zu irgendwas nutze sind).

Ich frage: "Läuft das schon?"

Aus dem Off: "Ja, das läuft schon."

"Aha. Mir wird komisch ..." Keiner hat mich aufgefordert, zu zählen, wie das früher mal war. Nach den mehr oder weniger aufklärenden Vorgesprächen schaltet man mich einfach so nebenbei ab, ohne mir dies vorher mitzuteilen. Man sagt es mir nicht, fragt mich nicht, wie ich mich fühle. Hätte ich nicht gefragt, hätte ich womöglich gar nicht gewußt, dass ich jetzt gleich abtauchen werde, sondern ...

Abblende.

Aufblende.

Über mir quadratische Platten mit grünlich grellen Scheinwerfern, die in regelmäßiger Anordnung auf mich herabblenden. Sehen aus wie OP-Lampen, aber sind die in runden Modulen zusammengefasst? Wieso viereckig, wie eine getäfelte Decke. Dann zucken sie, es wird dunkel, wieder hell - blitzartig, huschen weg, stehen wieder still, ich habe ein Gefühl, wie auf Schienen heftig rumpelt transportiert und manchmal in engen Kurven beschleunigt zu werden, dann wieder Ruhe, die Lichter stehen wieder. Alles nur Sekunden. Es wirkt wie so ein degenerierter Zeitraffer eines Geschehens, das dadurch seine natürliche Dynamik verliert und zwischen Stillstand und blitzartigen Bewegungen und hektischem, nur Bruchteile von Sekunden andauerndem Sausen sinnlos zu wechseln, um dann wieder einzufrieren. Wieder schnelle Bewegung, dann wird es dunkel, nein, halbdunkel. Irgendwas wie eine langgestreckte abgedunkelte Halle - wirkt irgendwie wie die Steuerwarte eines Kraftwerkes oder so, von einzelnen Strahlern an der Decke dramatisch sparsam erleuchtet, aber insgesamt in Dunkel getaucht. Verschwimmt wieder. Ich weiß nicht recht, ob ich schon richtig sehen kann. Kann ich umherblicken? Ja - nein. Alles rutscht. Aber irgenwie kann ich doch den Raum mit den Augen abtasten.

Es ist seltsam umgekehrt wie in dem Film "Kontakt" mit Joodie Foster. Sie hat eine lange, wunderliche Reise erlebt, für die Anderen ist sie nur wenige Sekunden durch eine verschränkte Maschine gefallen - nichts geschah. Ich bin nur kurz durch ein dunkles Loch gefallen - hatte das überhaupt eine Dauer? - in der äußeren Welt sind Stunden vergangen und Dinge haben sich dramatisch verändert.

Wieso habe ich diese Lichter im OP gesehen? Da sollte ich doch gar nicht aufwachen? Oder war das eine Halluzination? Hatte sich alles so unwirklich bewegt, wie in einem überdrehten Zeitraffer. Ach, das dachte ich schon mal.

Es scheinen Personen anwesend zu sein, jemand beugt sich über mich, sagt irgendwas, geht wieder weg. Meistens stehen die Leute im Hintergrund und reden, ohne mich zu beachten, was mich sehr ärgert. Ich versuche mich bemerkbar zu machen, was nicht gelingt. Ich kann nicht reden. Nur die Augen bewegen. Heftig. Scheint niemand zu bemerken. Manchmal verschwimmt alles wieder wie bei schlechtem Fernsehempfang, taucht dann wieder auf, stabilisiert sich wieder. Jemand nähert sich wieder, nestelt was, fragt was. Ich möchte etwas sagen: Mein Nacken - der Kopf ist so hochgestellt, dazu ein dickes Kissen über (!) dem Nacken, das ihn nach vorne drückt, das kann ich kaum ertragen. Ich möchte den Kopf zurücklegen können! Bitte! Dann merke ich, dass ich eine Hand bewegen, damit deuten kann. Jemand kommt wieder kurz, fragt ungehalten, was ich will. Wirft mir vor, dass ich nichts sage, nicht erkläre, was ich möchte.

Vielleicht habe ich mal was von "Das Kissen" geflüstert, und dass ich nicht sprechen kann. Es wird irgendwas hektisch am Kissen gerüttelt, aber nicht in meinem Sinne, dann gehen die Personen wieder weg. Eine ist, wenn ich mich recht erinnere, eine blonde Schwester, die mich wiederholt ungehalten anspricht, als wäre ich ein lästiger Querulant, der sich beschwert, aber nicht sagt, was er will. Sie stehen minutenlang im Hintergrund und reden etwas, das ich nicht verstehen kann. Es gelingt mir bei aller Verzweiflung nicht, mich bemerkbar zu machen.

Mein Mund ist völlig ausgedörrt. Wahrscheinlich kann ich deshalb nicht reden, keine klaren Sätze sagen, Worte nicht finden ... oder ist die Sprache einfach noch nicht wieder eingeschaltet? Ich werde sehr wütend, fühle mich beleidigt, dass man mir vorwirft, was ich nicht tun kann: Einen normalen Satz sagen, erklären, dass mir der Nacken steif wird, dass ich den Kopf zurücklegen muss, eher ein kleines Kissen im Nacken oder gar keines, aber bitte nicht dieses gigantovoluminöse Monstrum, das meinen Hinterkopf so fürchterlich nach vorn drückt. Es ist einfach zu lang und zu kompliziert, um es in einzelnen Stammelwörtern, die ich zwischen den vor Dürre erstarrten Lippen und der angetrockneten Zunge hervorstoßen kann. Ich hasse die blonde Schwester, abgrundtief.

Die Dinge des Lebens

Sie kennen sicher das Phänomen, dass man ständig auf der Suche nach täglich benutzten Utensilien ist, wie dem gewohnten Kamm - wo ist der nach dem Aufstehen aufzufinden, wo ist er letzten Abend zuletzt gesehen worden? - die Armbanduhr, eine bestimmte der drei Brillen, die man für unterschiedliche Lebenssituationen besitzt und benötigt. Um so drastischer, wenn man plötzlich von alle dem weit weg ist, abgeschnitten. Meiner Mutter muss ich am Telefon alles erklären, beschreiben, wo es sich befindet, befinden sollte, außerdem noch befinden könnte. Und was ich nicht erwähne, bringt sie nicht mit. Beim erstenmal keine Hose - nur Unterwäsche (drei Unterhosen - mir hätte die eine gereicht, die auf dem Bett lag), Socken (nur das eine Paar, das auf dem Bett lag), das Hemd, das auf dem Bett lag, aber keine Hose, obwohl die auch auf dem Bett lag. Warum hat sie die Hose nicht mitgebracht? Schuhe hat sie auch nicht mitgebracht. Beim erstenmal auch nicht die Armbanduhr, die hat sie nicht gefunden. Sie läßt mir ihre da, die kann ich zwar nicht umlegen. Ich bewege sie manchmal in der Hand oder stecke sie in die linke Tasche des Morgenmantels, damit sie sich beim Gehen bewegt und aufgezogen wird. Ist noch so eine alte Uhr mit mechanisch-automatischem Aufzug, die ausläuft, wenn man sie nur rumliegen lässt, die man - angeblich - aber auch nicht von Hand aufziehen kann. Sie bringt auch die elektrische Zahnbürste, aber nicht die Zahnpasta aus dem Bad, nur ein vergammeltes Fläschen "Zahnweiss", das sie irgendwo gesehen hat, auch nicht den Zahnputzbecher, der im Bad auf dem Brettchen unter dem Spiegel steht. Das ist weniger wichtig - man kann auch ein Glas nehmen, vielleicht Zahnpasta leihen. Ärgerlich nur, dass mir die Kleider ohne Hose und Schuhe wenig nützen - aber noch brauche ich die Kleider ja gar nicht, ich bleibe noch unbestimmte Tage hier. Ein zweites Nachtgewand hat sie gebracht, das kann ich gebrauchen, wenn ich Gelegenheit finde, zu Duschen. Das Duschen scheint aber hier in dieser Welt ein seltsam magisches Problem zu sein, von dem noch zu berichten sein wird. Sie bringt das Telefonnotizbuch und die beiden schnurlosen Telefone aus dem Arbeitszimmer. Ich wollte eigentlich nur eines davon, das schwarze von Philips, das rechts auf der Box in seinem Ladegerät steht (und das sie glücklicherweise gefunden hat - obwohl es irgendwo in der Wohnung hinterblieben sein kann). Es ist das wichtige. Es ist hier zwar scheinbar nutzlos, da es natürlich nicht telefoniert, aber man kann das eingespeicherte Telefonbuch anzeigen! Eigentlich hätte ich das Handy aus dem Auto gebrauchen können (ist, wie es schließlich heißt, doch hier erlaubt, wenn es geht - oder so). Das wäre billiger als das angemietete Telefon, aber ich weiß nicht, ob bestimmte wichtige Nummern darauf eingespeichert sind, und außerdem will ich mir die schreckliche Anstrengung ersparen, ihr zu erklären, dass sie das auch noch bringen soll und dass es im Auto liegt ... mir graut schon davor, mir selbst auf komplizierten Zetteln zu erklären, was ich für eine Reise alles mitnehmen will, wo es sich befindet usw.

Als ich eingeliefert worden war und vor Schmerzen kaum sprechen und denken konnte, hatte ich nur: Den Schlafanzug, in dem ich schlaflos die Nacht verbracht hatte, den Morgenmantel, den ein Sanitäter nach mehrfacher Instruktion im Flur gefunden hatte, und wunderbarerweise die Hausschlappen, die immer vor dem Bett stehen, wenn ich in diesem liege, oder die ich eben anhabe, wenn ich auf bin. Ich wage nicht, sie hier abzustreifen und auf dem Boden stehen zu lassen, wenn ich nach einem Toilettengang (mit dem Infusionsbeutel in der Hand und dem Schlauch, der sich immer wieder verzwirrlt) wieder ächzend auf die Bahre, pardon, Liege klettere. Außerdem besitze ich noch meinen Geldbeutel mit der Versicherungskarte, Krimskras, Bankkarte, etwas Geld, und den Hausschlüssel. Die gelangen aus der Tasche des Morgenmantels in eine große Plastiktüte, die am Infusionsgalgen hängt (später entdecke ich, dass sie in blauer Schrift in großen, schlichen Lettern, mäßig layoutet am oberen Rand mit "Patienteneigentum" beschriftet ist, und mit Feldern wie "Name", "Station" usw., da hat aber niemand was draufgeschrieben). Für mich ist sie nur eine herrenlos wirkende weiße Plastiktüte, in die jemand meine wenigen Sachen getan hat, und ich habe große Angst, sie auf den Fahrten durch die langen, dunklen Korridore zu verlieren, daher frage ich öfter: Meine Sachen? Ja, die sind da ... heißt es dann.

Nur die Telefonnummer meiner Mutter habe ich im Kopf, die kann mir keiner verlegen. Und auf die Versicherungskarte sind sie natürlich erpicht.

Mir fällt in einer Ruhepause ein, dass - meine Mutter war nicht da, ich wußte auch nicht, wo sie war - das fiel mir erst später wieder ein - jemand aus der Nachbarschaft beobachtet haben könnte, wie ein Krankentransport vor dem Haus hielt, Männer ins Haus gingen, mich schließlich auf einer Trage zum Auto brachten, einluden und wegschafften. Ich konnte nichts hinterlassen - keinen Zettel. Würde sie sich nicht aufregen?

Tatsächlich hatte sie, als ich sie später endlich erreichte, noch gar nicht bemerkt, dass ich weg war - es brannte Licht in meinen Zimmern, der Computer lief, vielleicht ein Radio, das Auto stand in der Einfahrt.

Später war es mir gelungen, eine weitere Telefonnummer dem Gedächtnis zu entwinden - die von Manon in der Redaktion, aber die war nicht da. Von Joseph fiel mir die Durchwahl nicht ein, aber ich benutzte dann einen alten Trick: Denke Dir irgendeine Durchwahl aus, die so aussieht, als könnte es sie geben und man hätte sie schon mal benutzt - wenn man auch nicht mehr weiß, zu wem sie führt, zum Beispiel "203", rufe sie an. Wenn sich jemand meldet, entschuldige Dich wortreich, dass Du eigentlich jemand anderen ... es meldete sich eine freundliche Dame, die mir ohne weitere Fragen die richtige Durchwahl nannte und mich auch gleich durchstellte. Inzwischen hatte ich mir einen Block besorgt, um so etwas notieren zu können, und ein Telefon per Chipkarte angemietet ... aber bis dahin war schon ein langer Weg, auf dem bereits wieder erste Fäden zu der Welt da draußen mühsam geknüpft worden waren - die also offenbar tatsächlich noch existierte und keine Illusion war, oder besser gesagt, die tatsächlich überhaupt existierte und keine Erinnerung an eine Halluzination war. Wenn ich die Augen schloß, hatte ich eigenartige visuelle Phänomene ... sowas hatte ich schon mal nach einer Vergiftung erlebt, musste eine Nachwirkung der Narkose sein.

Aber zuerst hatte ich ja nichts ausser den wenigen Dingen, mit denen ich aus dem Haus geschafft worden war. Ich bat mehrmals eine Schwester, meine Mutter anrufen zu dürfen, sie lieh mir ihr Handy. An der Wand im Untersuchungszimmer war eine Uhr, da konnte ich beobachten, wann angemessen Zeit verstrichen war, um wieder um ein Telefon zu bitten, falls jemand in der Nähe war, aber anwesenderweise nicht zu sehr mit wichtigerem an oder hinter mir beschäftigt. Endlich fiel mir ein, dass ja Dienstag war, und dass sie da ein Nachbarschaftstreffen hatte und daher weggegangen war, ehe ich üblicherweise aufstand, und noch nicht wieder da sein konnte. Also musste der Anruf warten ... aber hoffentlich gelang er noch, bevor ich zur möglicherweise noch für heute anzusetzenden Operation kam.

Das nackte Ausgesetztsein - ohne Uhr, Kleidung, Schreibzeug, Telefonnummern, Handy ...

Beim zweiten Besuch brachte meine Mutter mir meine Armbanduhr, die sie inzwischen genau da gefunden hatte, wo ich es ihr angegeben hatte, und ich gab ihr ihre eigene Uhr wieder zurück. Seltsamerweise stellte ich fest, dass meine Uhr - eine Quarzuhr, die aber aussieht wie eine gewöhnliche Uhrwerksuhr mit Zeigern vor 50 Jahren auch schon - 5 Minuten nachging. Das tut sie, wenn die Batterie leer wird. Ich stellte sie wieder korrekt ein - und bislang läuft sie wieder genau. Ich habe darüber nachgegrübelt - kann es daran gelegen haben, dass sie ein paar Tage im ungeheizten Zimmer lag? Oder vielleicht hat meine Mutter versucht, sie vorsorglich aufzuziehen? Ich werde es uns ersparen, sie danach zu fragen.

Ich darf nicht lachen, nicht husten, kann mich nicht schnäuzen. Ebenso nervte es mich schon im Krankenhaus, das alles - jegliches Essen, Tee, Kaffee, sogar ich selbst - mit demselben, penetrant-aromatischen Geruch überdeckt war, etwas wie eine Mischung aus Kaffee, Tee, Tabak und ich weiß nicht was, aber auf eher unsympathische und eben aufdringliche Weise. Noch irrer: Seit Tagen riecht zu Hause alles immer noch genauso - inzwischen vermute ich, dass es mit der Einnahme eines bestimmten Medikamentes zu tun hat, in dessen Beipackzettel von allerlei neurologischen Phänomen, darunter auch Geruchs- und Geschmacksveränderungen, die Rede ist. Soll nach Absetzen desselben wieder verschwinden (na hoffentlich).

Montag 3. 12. 2007

Langsam finde ich mich ja wieder in die Realität zurück, nach der etwas traumatischen letzten Woche: Am Dienstag mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus, noch in derselben Nacht am Darm operiert, Freitags wieder entlassen. Ich sollte mich beim Hausarzt melden, zwecks weiterer Blutkontrolle, und der würde auch die Klammern entfernen, hieß es ...

Heute mache ich mich also zum "Hausarzt" auf ... die Sprechstundenhilfe, eine sehr patente nette Frau, schaut mich an und fragt dann:

"Verbandswechsel?"

"Verband habe ich keinen" erkläre ich. Aber dass "die" (vom Krankenhaus) wohl eine weitere Blutuntersuchung wollten. Sie studiert den "Artzbrief", den sie heute per Fax erhalten hat. Außerdem möchte ich noch einmal etwas Schmerzmittel verschrieben haben - für alle Fälle, obwohl ich das immer weniger brauche. Sie diskutiert das dann mit mir und schreibt dann alles

nochmal auf, was ich im Umschlag bzw. als handschriftliche Notiz vom Krankenhaus mitgebracht habe. Dann fragt sie nach "Fäden ziehen" - ich habe aber keine Fäden, sondern Klammern. "Dann müssen Sie noch einmal in die Ambulanz, das können wir nicht machen, wir haben die Zange dafür nicht."

Schließlich fragt sie, ob der Arzt die Wunde anschauen solle, scheint das aber nicht für nötig zu halten. Ich denke auch, dass die in Ordnung ist, meine aber, wenn er Zeit habe, solle er doch mal einen Blick drauf werfen.

Das macht er dann kurz im Vorbeigehen - ich sitze noch im Zimmer nach der Blutabnahme - befühlt kurz die Haut, meint, die Wunde sei in Ordnung. Und "Da haben sie wieder diese Klammern hingemacht - die können wir hier nicht entfernen." Im Hinausgehen wendet er sich noch einmal kurz um und fragt undeutlich: "Stuhlgang und so funktioniert alles?"

Das ist alles. Ich kriege mein Rezept und fahre zur Apotheke.

Kommt mir das zu Unrecht alles irgendwie seltsam vor?


Kommentar in "Oberlehrer" Anne R Dienstag 4. 12.:

Lieber Jödel,

Du armer Versehrter! Die Nachbehandlung finde ich auch sehr originell. Habe Deine Story gleich mal der Krankenschwester meines Vertrauens geschickt. Sie schrub dazu folgendes:

Ich finde es schon ein wenig zaghaft, wie die Sprechstundenhilfe agiert. Eine Darm-OP (egal ob Blindwurm oder größer) ist nun mal eine große OP und kein eingewachsener Zehennagel. Da sollte sich ein anständiger Hausarzt auch entsprechend sorgfältig bei der ersten postoperativen Konsultation verhalten. Das mit den Klammern finde ich ja schon leicht frech. Heutzutage werden viele Wunden im Hautbereich nur noch geklammert (tiefer liegende Schichten werden mit resorbierbarem Nahtmaterial noch herkömmlich genäht), weil die Narben einfach weniger auffallen. Man hat nicht noch die tiefen Stichkanäle. Und einen Klammerentferner sollte sich die Praxis doch leisten können. Wahrscheinlich muß man dafür nur einen Vertreterbesuch aushalten. Aber ich kenne das auch noch aus der Unfallsprechstunde der Notaufnahme. Da gab es auch einige Patienten, die vom Hausarzt nicht versorgt werden konnten. Das ist allerdings auch nicht immer schlimm gewesen, wenn die Patienten ohnehin noch mal beim Chirurgen vorstellig werden mußten.

LG Bine

Fühle Dich in jedem Falle von uns (gaaanz vorsichtig) umarmt. Halt Dich fuchtig!


Donnerstag 6. 12. 2007

Gestern war ich wieder da - wegen der Ergebnisse der Vampiraktion vom Montag. Diesmal wurde ich von der Sprechstundenhilfe gleich ins Wartezimmer verwiesen und kurz darauf vom Onkel Doktor empfangen. Heute unterhielt er sich einigermaßen ausführlich und voller Zuwendung mit mir. Ein wenig machte ihn aber der "Ärztebrief" vom Krankenhaus ratlos. Er habe da in seinem Laborbericht ganz andere Vergleichswerte ... (ging um unterschiedliche Anteile in mg oder µg pro Liter - einfach nur das Komma um eine Stelle verschieben, meinte der Arzt in der Ambulanz der Klinik hernach).

Dann sah er sich den Reißverschluß an. Dazu meinte er, die Metallklammern würden die Haut reizen, und da könne sich eine Entzündung bilden. Ich solle doch gleich am nächsten Tag, Do, also heute, in die Klinik fahren und mir die entfernen lassen. Ich fragte erstaunt nach (war das doch erst der Tag 9 nach Tag 0 der Operation ...): Doch ja - gleich morgen nach Agatharied fahren, die sollen sich ihre Klammern zurückholen (meinte er leicht grinsend). Mir scheint, er mag die Klammern einfach nicht.

Die Laborwerte kopierte er und gab sie mir mit, die solle ich denen dort in der Klinik zeigen. Dann beriet er sich noch mit seiner Sprechstundenhilfe und überbrachte mir dann höchstpersönlich den Geheimtipp, nicht erst in die Ambulanz/Notaufnahme zu gehen, sondern gleich auf Station, die würden das schneller machen, da müsste ich nicht warten.

Es war nun erst der Tag 9 nach der Operation, ich hatte sowas von 10-11 Tagen im Gedächtnis ... aber man will ja ein braver Patient sein und ... möglichst schnell gesund werden und alles vermeiden - ich fahre also wieder nach Agatharied und suche zuerst "meine" chirurgische Station (9) auf. Es ist die schwarzhaarige Schwester am Empfang, so ein Typ ganz tolles Weib Anfang/Mitte 20, sieht nett aus, ist zu Männern aber gerne herablassend-schnippisch. Wie dem auch sei, sie lächelt mich erst einmal freundlich an: "Kann ich Ihnen helfen?" "Das hoffe ich ...". Vielleicht ist sie auch schon etwas älter - Ende 20 - ich merke in letzter Zeit, dass ich Frauen meist deutlich zu jung einschätze. Muss damit zu tun haben, dass ich selbst alt werde, ohne es so recht glauben zu können. Ich meine, wenn gestern erst Montag war, wieso ist heute schon wieder Donnerstag oder Freitag, und wenn ich grade erst 40 geworden bin, wieso soll ich dieses Jahr auf einmal meinen 54 Geburtstag feiern (und das morgen!), da stimmt doch irgendwas nicht!!! Wie mein Freund Horst (vor langen Jahren) mal bemerkte: 50 werden - das geht ganz schnell. Und danach?

Ich erzähle also meine Geschichte. Sie meint, das wäre viel zu früh, Fäden würden nach 10-11 Tagen gezogen, Klammern nach 11-12, früher machten sie da nix. Ich weise dann noch mein schriftliches Mitbringsel vor, worauf sie, nun schon herablassend werdend: "Was schickt er Sie denn hierher - er ist doch selber Arzt!?" Dann geht sie, verschwindet für ein paar Minuten in einem Nebenzimmer, kommt zurück und erklärt mir, ich solle in die Notaufnahme unten im 1. Stock gehen, hier könne man nichts mehr für mich tun, da ich ja nicht mehr stationär aufgenommen sei. Ich finde sie symphatisch, denke aber, dass sie sehr anstrengend sein kann ...

Gut, ich fahre wieder einen Stock tiefer und suche die "Anmeldung zur Notaufnahme" oder wie das heißt. Der Mann hinter der Theke (beim Abmelden war es eine Dame, die mir dann die vielen Münzen, die der Telefonkartenautomat ausgespuckt hatte, umwechselte ... aber dazu verweise ich auf die ganze Geschichte*) nimmt mich freundlich ins Gespräch, fragt erst nach meinem Geburtsdatum, hat mich dann auch sofort im Computer identifiziert. Ich soll dann im Wartebereich der Notaufnahme Platz nehmen (das ist einfach ein Abschnitt der breiten Gänge in dem Gebäudelabyrinth, der als "Wartebereich" ausgeschildert ist). An der überbreiten Riffelglastür prangt ein großes Schild: "Eintritt nur nach Aufforderung".

Es dauert geraume Zeit, dann werde ich reingebeten, erst nimmt sich eine Schwester meiner an, die erst mal nicht weiß, worum es geht (Geschichte zum zweitenmal erzählt), dann aber wieder im Computer wühlt und schließlich meine Akte (an sich einfach den "Ärztebrief" mit OP-Bericht etc.) ausdruckt, wieder einige Zeit später kommt ein netter, jüngerer Arzt. Der hört sich (zum dritten Mal) meine Geschichte an, begutachtet dann die Klammerung der Wunde. Ja, ist etwas gereizt, aber die Wunde selbst (also wo die Haut zwischen den Klammern zusammengepresst ist) sei völlig in Ordnung, sähe gut aus. Verschwindet kurz aus dem Raum ("Ich komme gleich wieder"), macht dann ein Stück Mull, getränkt mit einer braunen Flüssigkeit, das er mit leicht ausgesteckter Hand hereinbringt, mit einem Pflaster auf meinen Bauch, gibt mir noch zwei so sterile Wundabdeckungen und ein paar Instruktionen mit, und wir vereinbaren dann, dass ich am Montag (13. Tag) wiederkommen soll zum Rausmachen der Klammern. "Lieber etwas länger als zu kurz" solle man die Klammern drinlassen, meint er. Berät mich auch noch wegen der Schmerzmitteleinnahme, heute habe ich aber gar nichts mehr genommen, geht jetzt auch so. Komisch auch: Gestern maulte Hausarzt, warum ich denn überhaupt noch Schmerzmittel nähme, wenn die mich doch operiert hätten, sollte das doch die Schmerzen beseitigt haben ... als wäre das meine Schuld. Und er wird doch wohl am Montag das üppige Rezept unterzeichnet haben, das seine Sprechstundenhilfe mir ausgestellt hatte (nochmal volle Ladung aller Mittel, die ich in der Klinik bekommen und deren Einnahmeplan mir in weiblicher Schwesternschrift auf einem Briefumschlag mitgegeben worden war).

Ich fühle mich jetzt wieder beruhigter und - sicherer, ehrlich. Wobei - so ein Pflästerchen hätte mir der Hausarzt auch draufmachen können. Mir ist nur etwas unheimlich bei der Vorstellung, er hätte doch so eine Zange gehabt und dann vielleicht einfach mal schnell vor der Zeit die Klammern entfernt ...

Vom ersten Stock in die Wandelhalle mit dem Bächlein nach unten und den wohl immergrünen Bäumen führt so eine flache, mehrfach gefaltete Rampe, da gehe ich jetzt wieder zu Fuß runter, nachdenklich, schaue auf die Uhr und überlege, was ich heute noch mache - zum fotografieren ist es jetzt zu dunkel. Noch ein bisschen einkaufen. Vielleicht mache ich morgen doch noch was mit der Testkamera, ehe ich sie zurückschicke? Die ganze Geschichte hat mich einfach etwas aus der Zeit geworfen ...

Ich bin so froh, dass es derzeit nicht schneit (so dass man nicht räumen muss), aber nun drohen sie wieder mit sintflutartigem Regen - Leute, muss das sein?

Wochenende 8./9. 12. 2007

Ich kann mich wieder schneuzen, im Bett auf die Seite drehen, ohne Qualen aufstehen - ach, ist dsa schön! Hin und wieder bohrt es noch im Bauch, aber von Tag zu Tag weniger.


Nachtrag

Hier bricht mein Text ab. Ich schrieb in gewissermaßen zur Bewältung der traumatischen "Lebenserfahrung" - im wahrsten Sinne des Wortes - und wollte ihn noch weiter ausarbeitung und abrunden. Aber mit der Rückkehr ist gewohnte stressige Leben, in dem für alles zu wenig Zeit bleibt, blieb es dann dabei ... auch eine Art Epilog!


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