20. 02. 2005

Eindrücke von der Vernissage am 19. 3. 2005

Zweiter Bürgermeister Paul Fertl Josef Bichler, Bezirksrat und Kreishat Helmut Leutheuser
Von links nach rechts: Paul Fertl, 2. Bürgermeister der Stadt Miesbach, begrüßt die Gäste; Josef Bichler, Bezirksrat und Kreisrat spricht Grußworte; und Helmut Leutheusser führt in die Ausstellung ein

19. März bis 3. April 2005, täglich 14 - 18 Uhr
Vernissage am Samstag, 19. März 2005 um 19 Uhr im Waitzinger Keller - Kulturzentrum Miesbach
Mit Werken von 64 Künstlern, darunter Johannes Leckebusch (Fotografie).
Schlierseer Str. 16
83714 Miesbach,
Tel. 08025/7000-0
www.waitzinger-keller.de

Die Band ETNA
Die Band ETNA spielte zwischen den Ansprachen im oberen Saal, ehe das Publik in den Gewölbekeller mit der Ausstellung entlassen wurde.
Andrea Hermenau (Klavier/Gesang), Manuel da Coll (Schlagzeug), Yvo Fischer (Bass), Vlado Grizelj (Gitarre)
Die Pianistin und Sängerin Andrea Hermenau
Andrea Hermenau


Lichtobjekt mit Betrachtern
Besucher, ganz versunken in die Betrachtung eines der Lichtobjekte ("Alicao" von Irmgard Pohlner und Christian Seidl).
Siehe zu dieser Aufnahme: Sondereffekte digital.

Gezeigt wird ein sehr breites Spektrum an Werken, angefangen von amateurhaften Wasserfarben-Bildern bis hin zu hochprofessionellen Ausarbeitungen und Installationen, von denen manche eher esoterisch wirken, andere technisch-witzig oder auch einfach nur elegant sind. Verschiedene über die Ausstellung verteilte "Lichtobjekte", die selbst leuchten, mischen sich unter Gemälde, die manchmal den Besucher rätseln lassen: Was hat das denn nun mit dem Thema "Licht" zu tun? Vielleicht ist es einfach der intensive rote Block in einem Bild aus holzartiger Struktur, den man schon sehr genau anschauen muss, ob der nun aus sich heraus so leuchtet - oder ob auch eine Lampe dahinter verborgen ist. Dazu gibt es etliche Arbeiten, die auf der Schattenbildung beruhen, wie eine Variation des alten Themas "Fotogramme" (auf Fotopapier gelegte Gegenstände) in Negativ und Positiv. Und auch wieder ganz naiv gemalte Sonnenuntergänge.

Besucher vor 'Eisläufer'
Hin und wieder betrachtet auch jemand meinen Beitrag "Eisläufer" eingehend (hier Christian Seidl, siehe oben).

Weitere Lichtobjekte

Lichtbahn
Links im Vordergrund die Skulptur "Lichtbahn" von Renate Pfaab aus Edelstahl und Messing.

Lichtblicke
"Lichtblicke" von einem Saal in den nächsten. Links das Lichtobjekt "Eiszeit" von Daniela Reiher, im Hintergrund "Lichteinfall" von Hans Weidinger.
Lichteinfall
"Lichteinfall" von Hans Weidinger - ein Konglomerat aus verschiedenen Leuchtkörpern, siehe Detail unten.
Lichteinfall seitlich

Lichtkinetik
Lichtkinetik "Ur-Nefta-IV" und "Rhavett I" von Hans Schork: Eine Art Licht-leise-Sprecher mit sich bewegenden filigranen Mustern.
Vier Kletterer
Gewissermaßen ein Lichtbild ohne klare Begrenzung - "Vier Kletterer" von Robert Gräf (siehe auch "Lagerfeuer im Topf" unten).
Lampenobjekt
"Lampenobjekt" von Nele Mengershausen.
Lagerfeuer im Topf
"Lagerfeuer im Topf" - sozusagen ein Lichteintopf von Robert Gräf (siehe auch die "Vier Kletterer" oben).

Die Aufnahme solcher selbstleuchtender Objekte ist nicht ganz einfach und verlangt unter anderem eine gewisse Nachbearbeitung der Bilder. Davon später mehr. (C) aller Aufnahmen by Johannes Leckebusch (Canon EOS 300D).

Kurzfassung zur Farbenlehre

Rot und Blau Rot und Grün
Der Farblichtverlauf "Rot nach Blau" ergibt die Farben von Violett bis Lila (links), der Farblichtverlauf "Rot nach Grün" erzeugt die Farben von Orange über Gelb bis Gelbgrün.
Blau und Rot Rot und Grün und Blau
Ein Farblichtverlauf "Blau nach Grün" läßt die Übergänge im Bereich Türkis (Cyan) erscheinen, ein Verlauf aller drei Grundfarben Rot, Grün und Blau (RGB-Technik) erzeugt im Gleichgewichtsfalle das Weiß.
Ausschnitt aus den Verläufen über Weiß


Licht!

Fotos von Leckebusch zum Thema, aber bis auf "Eisläufer" nicht in der Ausstellung gezeigt.

Licht und Fotografie - das hängt zusammen wie Henne und Ei. Nur dass man in diesem Fall weiß, was zuerst da war: Das Licht. Und als zweites die Malerei. Die Fotografie kam erst später dazu ... seither haben sich Fotografie und Malerei gegenseitig beeinflusst.
Ich zeige hier Fotos, die das Thema "Licht" in besonderer Weise reflektieren (was ja an sich schon selbstbezüglich ist), und die aus ca. 35 Jahren stammen - die meisten allerdings aus jüngerer oder jüngster Zeit, die Auswahl der früheren beschränkt sich auf das, was mir gerade digitalsiert vorlag.

Eisläufer im Gegenlicht

Eisläufer auf dem Spitzingsee
Krasses Gegenlicht kann Gegenstände und Menschen wie Scherenschnitte erscheinen lassen - wie diese Eisläufer auf dem Spitzingsee (Oberbayern).

Gegenlicht

Blatt mit Reifkristallen
Blatt mit Reifkristallen im Gegenlicht

Kerzenlicht

Zwei Mädchen im Lichte zweier Kerzen
Zwei Mädchen, beleuchtet von zwei Kerzen im ansonsten völlig verdunkelten Raum.

Natriumdampflicht in der Dämmerung

Licht im Baum
Ein Baum in der Abenddämmerung, angestrahlt von einer Natriumdampflampe, was den Gegensatz des bläulichen Dämmerlichtes zum gelben Kunstlicht ins Extrem treibt.

Sonnenstrahl im Winterwald

Licht im Wald
Ein paar von Rauhreif besetzte Ästchen im Wald, auf die ein Sonnenstrahl trifft.

Kerzenlichtfotografie auf Diafilm

Kerzenlichtaufnahme auf Diafilm
Aufnahme in reinem Kerzenlicht auf hochempfindlichem Diafilm.

Neubeuern

Gasse in mittelalterlichem Städtchen
Gasse in einem mittelalterlichen Städtchen (Neubeuern in Oberbayern). Licht als Widerschein auf der Häuserfront, die eigentlich im Schatten der Nachmittagssonne liegt.

Noriko

Japanerin mit Eisplatte
Japanisches Mädchen mit einer Eisplatte, die das Licht, das auf ihr Gesicht fällt, modelliert.

Sonnenuntergang des Jahres

Ein besonderer Sonnenuntergang
Solche Sonnenuntergänge findet man nicht, wenn man sie ein Jahr lang sucht - sondern ganz zufällig. Glück, wenn man dann gerade eine Kamera zur Hand hat.

Sonnenuntergang im Nebel

Sonnenuntergang bei Nebel
Auch bei nebligem Wetter geht die Sonne unter ... und kann sich nicht immer ganz verstecken.

Regenbögen über Bayrischzell

Ganzer Regenbogen
Solch ein schöner Regenbogen wie heute abend gegen 19.15h nach einem Gewitter, gar ein doppelter (siehe Blick unten), zählt zu den seltenen Momenten im Leben, die meist nur wenige Minuten dauern und dann wieder verblassen.
Doppelter Regenbogen


Philosophie der Fotografie

Wenn ich zu so einem Thema (Licht) auf meine Fotografie der vergangenen 40 Jahre zurückschaue, frage ich mich im Hinblick auf den Übergang zur Digitalfotografie: War meine Fotografie nicht früher besser bzw. interessanter? Das impliziert natürlich, dass ich mit meinen Digitalfotos der letzten 8 Jahre (also seit es die gibt) nicht so recht zufrieden bin, auch nicht im Vergleich zur "analogen" Fotografie aus der "Übergangszeit".
Klar ist: Heute geht alles leichter und schneller. Um ehrlich zu sein: Das Arbeiten in der Dunkelkammer (meist schlecht beheizt und belüftet) mit all den Wässerchen und langwierigen Vorbereitungen war mir eher verhasst. Wie viel bequemer ist es doch, seine Fotos sofort nach den Aufnahmen oder der Heimkehr von einem Fotoausflug am PC bequem im Bürostuhl im geheizten Büro anzuschauen und nach Lust und Laune zu bearbeiten oder gar gleich zu versenden oder ins Internet zu stellen.
Auch: Dass ich nun in knapp drei Monaten mit einer Testkamera weit über 2000 Aufnahmen gemacht habe ... das hätte ich mir früher gar nicht leisten können. Dazu kommt inzwischen das "Fotofeeling" durch die Spiegelreflex, das sich so sonst bei sogenannten digitalen Kompaktkameras einfach nicht einstellen wollte.

Vergleich zu früher: Nostalgie oder Konservativismus?

Trotzdem bleibt die Frage: Wie stellen sich die Ergebnisse dieser teils hektischen, oft euphorischen Photoarbeit im Vergleich zu früher dar? Dazu muss ich allerdings auch einsehen: Ich finde auch in meinen alten Archiven digitaler Fotos so manchen Schatz, an den die Aufnahmen der letzten Monate nicht heranreichen. Das kann am "zur rechten Zeit am rechten Ort" gelegen haben, was sich ja nicht erzwingen läßt - oder auch einfach an der Muße im Gegensatz zum eiligen Wollen.
Wenn sich also in den "analogen" Aufnahmen der vergangenen Jahrzehnte erst einmmal größere Werke finden als in den "digitalen" der letzten Jahre ... was beweist das?
Zumindest glaube ich: Ich muss wieder zur Ruhe und der Besonnenheit der früheren Fotografie zurückfinden (was nicht heißt, sich neuen - eigenen oder fremden - Ideen zu verschließen). Man muss sich Zeit nehmen. Und das auch durchsetzen - obwohl heute rein technisch alles schneller geht ... das eigentliche Fotografieren kostet genauso viel Zeit wie ehedem.
Selbstverständlich betrifft das auch Grundfertigkeiten der Fotografie wie die Wahl des Ausschnittes und den Umgang mit Zeit und Blende - diese bleiben, abgesehen von den Einflüssen des kleineren Aufnahmeformates (bei Consumer-Kameras und den semiprofessionellen SLR-Digitalkameras im Gegensatz zu sehr teuren sogenannten "Vollformat" DSLR) auf die Schärfentiefe - unverändert.
Sicherlich gibt es auch ganz andere Einflüsse. In Grenzbereichen waren die Ergebnisse der "Analogfotografie" ganz anders als die der heutigen Digitalfotografie. Die tendiert unter allen Umständen dahin, alles gleich perfekt und eher kühl (das meine ich jetzt nicht in Bezug auf die Farbwiedergabe, sondern eher emotional im Sinne von technisch perfekt und neutral) wiederzugeben - bei hochgetriebener Empfindlichkeit rauscht es ein bißchen, aber längst sind die Aufnahmen glatter und "normaler" als früher unter vergleichbaren Umständen. Vielleicht geht dadurch wirklich etwas verloren ... und der Versuch, das nachzuahmen, mag künstlerisch ausgenutzte Effekte durch gewollte, also gekünstelte ersetzen - was nicht dasselbe ist. Also Abschied vom groben SW-Korn bei gepushten Filmen? Vielleicht ja. Man muss sich wohl in jeder Zeit auf die Effekte und auch Grenzeffekte einer neuen Technik einstellen und abwägen, wie man sie nutzen will - ohne billige Nostalgie!

Neu Fotografieren lernen

Inzwischen scheint mir: Ich muss ein Stück weit neu fotografieren lernen. Bisher war meine Sehnsucht immer die, mit der Digitalfotografie so arbeiten zu können wie ehedem mit der heute als "analog" bezeichneten. Das ist ja nun weitestgehend möglich, sofern es den technisch korrekten Bereich anbelangt. Im Hinblick auf künstlerische Effekte kann man durch die herkömmliche Fotografie - dh. durch deren Beschränkungen - bewirkte Artefakte zwar mehr oder weniger perfekt nachahmen ... aber kann das wirklich ein lohnendes Ziel sein?
Damit will ich nicht sagen, dass man die in den physikalischen Bedingtheiten der "alten" Photographie begründeten Verfremdungen der Bildwahrnehmung vergessen soll - doch sollte man im Prinzip nach den neuen Möglichkeiten der Gestaltung Ausschau halten, natürlich ohne das tradierte Wissen beiseite zu schieben.
Alles in allem werden sich neue "Ästhetiken" durchsetzen - und müssen und sollen es auch. Ganz persönlich erfahre ich, dass mich das neu herausfordert. Eigentlich habe ich mir so etwas wie die heutige Digitalfotografie schon als Teenager gewünscht - ohne mir damals bewußt zu sein, oder auch nur zu ahnen, welche ästhetischen Konsequenzen das haben würde.

Fotografie als Lebens-Begleitthema

Fotografie hat fast mein ganzes Leben begleitet, da ich schon als Kind damit begonnen habe (mein Vater lieh mir oft seine Leica und zeigte mir, wie man in der Dunkelkammer SW-Vergrößerungen macht - überließ mich dann aber weitgehend mit meiner Fotografie mir selbst).
Es gab immer wieder Phasen hektischen, euphorischen, manchmal rauschhaften Fotografierens. Ich entdeckte Neues, probierte Neues, hatte manchmal neue Ideen. Dann gab es Phasen der Stagnation, bis hin zur Abstinenz. Manchmal habe ich ein, zwei Jahre fast gar nicht fotografiert - bis es wieder einen Schub gab, sei es durch neue Erlebnisse (wie die Spanien-Reisen) oder neue Ideen. Eine Konstante war immer die Portraitfotografie, die sich nur sanft, evolutionär weiterentwickelt hat.
Als ich um 1997 die Digitalfotografie entdeckte, begegnete ich ihr zunächst mit skeptischer Neugier. Lange Zeit führte sie eine Art Eigendasein ... irgendwie nicht so ganz die richtige, sondern nur eine Auch-Fotografie (wie einst die Phase mit der Halbformat-Yashica, einer Sucherkamera, die mir mein Vater mal schenkte, wohl, um seine Leica wieder in Besitz zu bekommen ... die mich aber, schon vom Spiegelreflex-Virus infiziert, nie so recht begeistern konnte und die ich dann achtlos in einer Schrankschublade vergaß, als ich mir endlich meine eigene SLR-Fotoausrüstung hatte kaufen können).
Obwohl die Digitalfotografie Reminiszenzen an manche Jugendträume weckte - den Traum vom sofort oder während oder gar vor der Aufnahme beurteilbaren Bildergebnis - hat sie mich lange nicht wirklich überzeugt. Das ändert sich nun mit echten digitalen Spiegelreflexkameras, die man auch behalten kann. In den letzten drei Monaten habe ich weit über 2000 Fotos gemacht - eine recht ungewöhnlich hohe Aktivität. Und doch - noch schwanke ich zwischen neugierigem Erkunden und Zaudern. Vielleicht fehlt es einfach noch an überzeugenden neuen Ideen, die die neu gewonnene technische fotografische Freiheit ausfüllen könnten.

Erschließt die Digitaltechnik fotografisches Neuland?

Denn im Moment könnte ich nicht sagen, welches fotografische Neuland ich seit der Bekanntschaft mit der Digitalfotografie erobert hätte ... es ging, wie schon gesagt, bisher immer nur darum, auszuloten, inwieweit man all das, was man immer schon machen konnte, auch mit Digitalkameras machen kann - einschließlich entsprechend überzeugender Ergebnisse. Und auf die Bequemlichkeitsfaktoren wie die sofortige Vor-Beurteilung und unmittelbare Auswertung ohne Einspannen von Labors oder eigener Dunkelkammerarbeit mag man freilich nicht mehr verzichten - aber das alleine liefert noch keine fotografischen Impulse. Stattdessen sind da so quälende Fragen wie die, ob die mit gepushten SW- oder Diafilmen gemachten Available-Light-Fotos nicht künstlerisch wertvoller waren als die inzwischen technisch perfekter und glatter wirkenden Digitalaufnahmen.
Dennoch wehre ich mich gegen so einen Nostalgiebonus für die "alte" Fototechnik. Sondern meine: Ich muss neu entdecken. Was, weiß ich noch nicht - sonst wäre es ja kein Entdeckungszug!

Fotografie: Man legt einen rechteckigen Rahmen um das Gesehene und reduziert es auf zwei Dimensionen

Und dann fange ich an, mich zu besinnen: Was ist eigentlich Fotografie? Man legt einen recheckigen (quadratischen, hochformatigen) Rahmen um das Gesehene, bildet daraus ein zweidimensionales Bild - man bildet es. Es ist gestaltetes Sehen, eingefrorenes Sehen, gezeigtes Sehen. All so etwas und mehr.

Ist Fotografie Kunst?

Tja - warum eigentlich nicht? Löten und Schrauben ergibt auch Kunst, wenn man sich so manche "Objekte" anschaut, warum also sollte Fotografie nicht Kunst sein. Vielleicht ist das auch mehr ein sprachliches Problem: Ist Schreinern Kunst? Oder ist der Maurer ein Künstler? Oder kann das Mauern von Gebäuden oder das Gießen von Beton Kunst sein? Fotografie ist eine handwerkliche Technik, und die kann man einsetzen wie ein Elektriker oder Dachdecker - oder wie ein Reporter oder wie ein Künstler. Wenn wir fragen: "Ist ein Maler ein Künstler?", so unterscheiden wir ja auch zwischen Anstreicher und Kunstmaler - aber im Prinzip können sie beide die gleiche Technik benutzen: Pinsel und Farbe. Was nicht ausschließt, dass ein gesitteter Handwerker sich auch als Künstler betätigt. That's it.

In der Spanne zwischen künstlerischer Interpretation und Realismus

Durch das Unterfangen, die Lichtobjekte in der Ausstellung zum Thema "Licht" im Miesbacher "Waitzinger Keller" fotografisch zu dokumentieren, ist mir etwas sehr deutlich geworden: Die Spanne - oder der Spagat - der Fotografie zwischen dem Anspruch einer realistischen Wiedergabe oder einer künstlerischen Interpretation. Fotografie ist immer so etwas wie subjektive - weil vermittelte und geführte - Sicht auf das fotografierte Sujet. Sie kann aber versuchen, dokumentarisch zu arbeiten, oder beliebig interpretativ oder gar eigenschöpferisch. Das hat erstaunlich viel mit der Technik zu tun - denn die "Aufnahmeeigenschaften" fotografischer Instrumente und Mittel sind nach wie vor von der Rezeption durch das menschliche Auge verschieden. Grundsätzlich ist es nie möglich, ein Foto zu machen, dessen Rezeption durch den Betrachter dem Eindruck der unmittelbaren Betrachtung gleicht. Das hat schon etwas mit dem fotografischen (meist rechteckigen) Rahmen zu tun, mit der Zweidimensionalität, der Perspektive und anderen Dingen. Aber auch allein schon mit der Wiedergabe von Licht und Farbe über den technischen Prozess hinweg.
Zum Beispiel bringt der Versuch, ein Objekt wie "Lichteinfall" zu fotografieren, zunächst eher ein Ergebnis wie in der zweiten Detailaufnahme gezeigt - man erkennt die Lampen, die Glühfäden der Birnen - und außen herum ist abstraktes Schwarz. Das ist grafisch interessant, aber nicht das, was der Betrachter in Anwesenheit vor dem Objekt sieht. Oder so wie in der Übersichtsaufnahme mit dem Objekt im Hintergrund - die Leuchtmittel überstrahlen, sind undifferenzierte weiße Strukturen. Erst durch eingreifende technische Maßnahmen gelingt es wie in der mittleren Aufnahme, sowohl die Leuchtmittel als auch das von ihnen hervorgerufene Lichtspiel auf der Steinmauer des Kellers abzubilden - allerdings auf Kosten einer etwas flauen Bildwirkung.
Selbstverständlich kann man die durch technische Umstände bewirkten "Verfremdungen" der Wiedergabe als gewollt in Kauf nehmen und zur künstlerischen Bildaussage erklären - was ich damit nicht abwerten will. Es gehört nur einfach zum Handwerk, zu wissen, was man tut, was man tun kann, und was man von alledem auswählt.

Rot bleibt Rot - versus Blatt vor schwarzem Hintergrund

Ein anderes Beispiel ist das Bild mit der Unterschrift "Alles Rot?". Die ursprüngliche Umsetzung zeigte hier im unteren Bilddrittel über der Lichtkugel eine purpurne Verfärbung als Folge von Überbelichtungseffekten. Es erwies sich dann in der Ausarbeitung der Bilddaten im Roh-Format (Canon RAW), dass dieser Effekt lediglich eine Verletzung des Farbraumes durch die Umsetzung in das 8-Bit-TIFF-Format war ... eine kräftige rechnerische Unterbelichtung um 1,5 Blendenstufen beseitigte den Effekt - wenn auch auf Kosten der Leuchtkraft des Rots in den dunkleren Bildteilen, während die Kugelöffnungen selbst nach wie vor purpurn-weißlich erscheinen ... anders als es das Auge sieht, das sich nicht so leicht "blenden" läßt. Ich wollte aber in diesen Aufnahmen ganz bewußt möglichst realistisch den Eindruck wiedergeben, den ein Betrachter vor Ort hatte. Selbstverständlich kann sich ein Fotograf dieses Lichtobjekt ganz anders als fotografische Aufgabe stellen und sich ergebende Verfremdungen bewußt in Kauf nehmen oder sie gar verstärken - aber das war eben in diesem speziellen Fall nicht meine Absicht. Außerdem, ich gestehe es, war es meine profane Absicht, die Möglichkeiten der verwendeten Digitalkamera, die Szenerie möglichst realistisch wiederzugeben, auszureizen. Ein Gegenbeispiel ist die Aufnahme "Blatt mit Reifkristallen im Gegenlicht" (Ein Blatt im Gegenlicht) auf dieser Seite; dort habe ich mich bemüht, den Hintergrund als möglichst einheitliche schwarze Fläche erscheinen zu lassen, so als hinge das Blatt im Nichts des Weltraums ... ganz und gar nicht das, was man per Auge vor Ort gesehen hat.

Gibt es einen grundsätzlichen Unterschied zwischen herkömmlicher (heute: "analoger") und digitaler Fotografie?

Im Internet findet man manchmal Fragen wie "Kann man mit der Digitaltechnik auch künstlerische Fotografie/richtige Fotografie machen?". Und dann wieder Statements wie "Das Foto macht der Fotograf - nicht die Kamera/Technik", als ob die technische Grundlage eigentlich gleichgültig sei. Ähnliche Fragen stellen sich hinsichtlich Sucherkameras versus Spiegelreflex (SLR - Single Lens Reflex) oder auch Billigknipsen gegenüber hochwertigen Profikameras.
Eigentlich ist das ja die grundsätzliche Frage: Welche Rolle spielt die Technik denn in Bezug auf die Wertigkeit oder das kulturelle Niveau des Ergebnisses?
Man könnte die Gegenfrage stellen: Kann Zeichnen mit Filzstiften statt Malerei mit Ölfarben wahre Kunst sein? In der Neuzeit haben sich Künstler immer über die handwerklichen Traditionen hinweggesetzt und einfach alles zur Kunst erklärt, was ihnen zu machen gerade in den Sinn kam - und sei es ein in Gelatine eingegossener Aschenbecher.
Das heißt aber nicht, dass Technik und Handwerk gleichgültig geworden wären. Ein Künstler - gleich welcher Richtung - sollte sowohl die handwerklichen Richtungen in einem angemessenen Ausmaß gelernt haben, als auch seine schöpferischen Ideen ohne Scheu vor Traditionsverletzungen ausleben.
Wenn wir das auf die Fotografie übertragen, ist Digitalfotografie einfach eine neue technische Grundlage - oder sogar ein neues Feld handwerklich-technischer Mittel, denn es gibt ja nicht nur "eine" Digitalfotografie (so wenig es "eine Maltechnik" oder eine "Fototechnik" gibt oder gab).
Sieht man sich die herkömmliche oder heute sogenannte "analoge" Fotografie an, so bietet diese bereits eine Vielzahl an Techniken: Sucherkameras mit oder ohne Automatiken, Spiegelreflex als SLR (Single Lens Reflex) oder zweiäugige Spiegelreflex (wie Rolleiflex), Kleinbild oder Mittelformat und Plattenkameras und dergleichen mehr. Alle diese Instrumente - ganz abgesehen von den verwendeten Aufnahmetechniken wie SW-Negativfilm, Sofortbild, Diafilm (Umkehrfilm), Farb-Negativfilm, Kleinbild, Rollfilm, Planfilm usw. üben als handwerkliche Instrumente ihren Einfluß auf die Arbeit des Fotografen aus und verlangen mehr oder weniger tiefes fachliches Können.
Wenn sich die aktuelle Diskussion in der Öffentlichkeit vorwiegend auf den Gegensatz "herkömmliche KB-Analogfotografie versus Digitalfotografie" beschränkt, so spiegelt sie damit eigentlich nur einen schmalen Ausschnitt des technischen Umbruchs wieder. Es geht also eigentlich nur darum, dass eine neue Technik hinzugekommen ist, die durch ihre Ausbreitung überkommene Techniken teilweise ablöst oder verdrängt.
Im Bereich der journalistischen Reportage wird wohl kaum mehr jemand der Notwendigkeit nachtrauern, Filme einem Labor zur Entwicklung binnen einer Stunde übergeben zu müssen oder gar selbst in die Dunkelkammer zu gehen, wenn es darum geht, so schnell als möglich Bilder von aktuellen Ereignissen zu liefern. Da schickt einfach der Fotoreporter seine Bilder mehr oder weniger direkt in den Layoutcomputer seiner Redaktion, und sei es per E-Mail von seinem Einsatzort aus.
Im Bereich der Sach- und Modefotografie stellen sich nach wie vor Qualitätsfragen. Längst sind Digitalfotos auch aus mittleren digitalen Amateurkameras - wenn die Aufnahme gut gemacht ist - mehr als gut genug für ein Zeitungsfoto. Für Werbeaufnahmen reicht die Auflösung vielleicht noch nicht - vor allem aber hapert es am fotografischen und lichttechnischen know how. Daran ändert die Digitaltechnik nichts. Sonst hätte ja schon immer jeder Knipser Spitzenfotografen brotlos gemacht.
So gesehen ändert sich durch die Digitalfotografie nicht so viel: Es gibt eine neue Technik - wie es immer schon neue Filmmaterialien gab - mit deren Eigenheiten man sich vertraut machen muss. Ihre Einflüsse auf die Ästhetik und - sozusagen - Handhabbarkeit der fotografischen Arbeit sind interessant und ebenfalls eine Herausforderung. Aber eigentlich nichts so grundsätzlich anderes. Wenngleich ... Sofortbildfotografie gab es ja schon lange ... die Kombination verschiedener neuer Möglichkeiten wie der sofortigen Beurteilung des Ergebnisses, die Bearbeitung zu Hause (vor allem für den Amateur etwas neues) schafft neue Synergien. Eigentlich kann man also nur jedem, der sich mit Fotografie beschäftigt und ein absolut verknöcherter Traditionalist ist, sagen: Schau es Dir halt mal an. Die Zeit ist mehr als reif, die Technik gut entwickelt - gewisse Eigenheiten gegenüber der herkömmlichen (beispielsweise bei Belichtung/Tonwertumfang inbegriffen).
Nebenbei: Sondereffekte digital

Ach übrigens - diese Seite enthält, ganz so nebenbei, eine Aufnahme, die erst durch eine etwas komplizierte digitale Nachbearbeitung so wirkt, wie ich es mir gewünscht habe. Es ist das Bild mit der Unterschrift "Besucher, ganz versunken in die Betrachtung eines der Lichtobjekte" weiter oben. Ich hatte dieses Lichtobjekt ein paar Mal fotografiert - mit ziemlich unbrauchbaren Ergebnissen. Erst die Nahaufnahme mit den beiden Köpfen vor dem Objekt schien einigermaßen brauchbar. Bei der Nachschau zu Hause waren es aber wieder nur reine Scherenschnitte vor dem leuchtenden Hintergrund. Erst die nähere Untersuchung der im RAW-Format gemachten Aufnahme erwies: Da ist doch noch Zeichnung auf den Figuren ...Licht in den Haaren, auf den Gewändern. Sie schien sich aber nicht gemeinsam mit der filigranen Struktur des leuchtenden Ausstellungsgegenstandes in ein Foto pressen zu lassen. Erst die zweifache "Entwicklung" der Originalaufnahme aus dem oberen und unteren Bereich des Tonwertumfanges zu zwei Bildern, die anschließend mit Adobe Photoshop wieder zu einer Aufnahme zusammengefügt wurden, die sowohl die Zeichnung im Schattenbereich als auch in den Lichtern wiedergibt, brachte das gewünschte Resultat.

Im Gegensatz dazu war ich bei den Aufnahmen mit der EOS 300D von Canon in reinem Kerzenlicht gegenüber früheren Experimenten mit Diafil von den Ergebnissen in technischer Hinsicht positiv sehr überrascht.

Lichtobjekt knapp belichtet
Lichtobjekt reichlich belichtet
Kombination beider Aufnahmen
Schnelles Feedback: Wird Geschwindigkeit zur Qualität?

Nachgedanken: Doch, etwas ist mir jetzt klar geworden. Es gibt eine neue Art der Auseinandersetzung mit dem Fotografierten. Wenn ich abends nach einer Vernissage meine Fotos anschaue und sehe, welche Fehler ich gemacht habe - das schmerzt dann oft, führt aber sicher auch zu schnelleren Lernprozessen. Natürlich sind auch die positiven Effekte direkter. Bei Aufnahmen im Studio oder näherer Umgebung, die man gleich wiederholen kann, selbstredend. Es ist alles direkter - und das wird, glaube ich, auch die Nachlässigkeit wieder korrigieren (ist ja eh alles nur digital, kostet nichts, kann wieder gelöscht werden) ... die verpassten Momente oder verpatzten Aufnahmen unwiderholbarer Ereignisse bleiben ja sozusagen die gleichen ... plötzlich wird man aufgerüttelt: Du musst genauso sorgfältig und bedachtsam sein wie früher - manchmal sogar noch mehr. Es gibt wieder Spannung!

Eine andere Sache, über die ich noch nachdenke: Manchmal erscheinen mir Fotos, die ich mir kurz nach deren Aufnahme auf dem Monitor anschaue, enttäuschend. Sehe ich sie mir eine Weile später wieder an, finde ich sie wieder toller. Ein Effekt, den ich von früher her so nicht kenne. Vielleicht hat es damit zu tun, dass man unmittelbar nach dem Fotografieren noch die intensiven inneren Bilder, das innere Erleben präsent hat - und dem entsprechen die Fotos nicht immer. Verblasst die Erinnerung, gewinnen die Fotos dann an Eindruckskraft. Vielleicht ist es so. Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass die typischen Wiedergabemöglichkeiten digitaler Fotos (Bildschirm) einfach nicht so gut sind wie man das von projizierten Dias oder guten Vergrößerungen gewohnt war. Manche dieser Erlebnisphänomene geben mir noch Rätsel auf ... sicherlich aber ist die Präsentationstechnik bisher noch nicht genügend ausgereift.