Traumbilder aus dem digitalen Fotolabor

(C) by Johannes Leckebusch 2002

Stand: 16. 02. 2002


Ein Foto ist ein Foto. Eine Grafik ist eine Grafik. Eine Zeichnung ist eine Zeichnung. Und ein Gemälde ist ein Gemälde. Zumindest war es mal so - vor dem Computerzeitalter. Schließlich haben diese Begriffe ihren Ursprung in entsprechenden darstellerischen Techniken. Aber läßt sich diese klare und einfache Unterscheidung heute noch aufrechterhalten?

Im Zeitalter der digitalen Bildmanipulation und Bildverfremdung verschwimmen mitunter die Grenzen. Fotos zeigen Szenen, die gar nicht existierten, oder sie sehen aus wie Gemälde oder Zeichnungen. Aber auch bei der "normalen" Bearbeitung und Auswertung von fotografischen Bildern hat der Computer die althergebrachte Dunkelkammer mit ihrem düsteren Rot- oder Grünlicht, dem optischen Vergrößerer und den verschiedenen Naßbädern abgelöst: Das digitale Fotolabor ist Trumpf. Programme wie Corel Photopaint oder Adobe Photoshop bringen es auf jeden Büro- oder Heimcomputer.

Selbstportrait - gezeichnet (Korrektur4cham)Das ist eine Bleistiftzeichnung. Sie wurde mit einer Digitalkamera fotografiert (für den Flachbettscanner war sie zu groß) und dadurch in den Computer respektive ins Internet gebracht. Nach den unten erläuterten Korrekturen habe ich das Bild mit dem Effekt Photolab CSI Gradtone von Corel Photopaint 7 chamois eingefärbt. Dabei werden auch die schwarzen Bildteile gefärbt, der Effekt ist aber nicht leicht zu handhaben.

Computergrafik ist ein neues, eigenständiges und sehr vielfältiges Ausdrucksmittel. Durch die Digitalisierung von Fotos und mehr noch durch die genuine Digitalfotografie, die ganz ohne den Umweg über chemische Filmemulsionen auskommt, weil sie Licht, Schatten und Farbe unmittelbar in Zahlen umsetzt und dem Computer zuführt, wird die Fotografie sozusagen ein Unterbereich der Computergrafik. Das entscheidende Medium ist aber nicht der Computer als neues, anfassbares Gerät mit Tasten und Hilfsgeräten wie Speicher und Drucker, sondern die Software. In ihr steckt sowohl die Fähigkeit, einerseits alle Daten gleich zu behandeln - als Zahlenwerte, ob diese nun Bilder, Klänge oder Texte darstellen - und andererseits sie entsprechend der vom Menschen wahrgenommenen Inhalte zu manipulieren - im Falle des Bildes als Helligkeit, Farbton, Fläche und Kante, Licht und Schatten, Kontur und Gestalt.

OriginalaufnahmeSo sah das Originalfoto aus. Da das Kameraformat quer liegt, wurde das Bild liegend aufgenommen. Wegen des Kunstlichtes ist es etwas verfärbt.
Gedreht und Graustufenreduziert (Korrektur1)Helligkeitsausgleich (Korrektur2)Nach Drehen um 90 Grad nach links, Geraderichten und Beschneiden wurde das Bild auf Graustufen reduziert und im Kontrast verstärkt. Die ungleichmäßige Beleuchtung wurde durch Darüberkopieren von Helligkeitsverläufen einigermaßen ausgeglichen (rechts).

Zum Einstieg in das "digitale Fotolabor" sollte man einfach mit verfügbaren Fotoprogrammen herumspielen, ihre Fähigkeiten ausloten, auf Entdecktungsreisen in die virtuellen Bildwelten gehen. Das kann Tage, Wochen, Monate oder schließlich sogar Jahre dauern - vielleicht bringt man ja schon am ersten Abend Spektakuläres zustande, aber dann muss auch die künstlerische Selbstkritik einsetzen. Von den vorgeblichen "künstlerischen Effekten" darf man sich nicht blenden lassen - schließlich sieht erst einmal alles, was man damit macht, auch danach aus - wie eine Suppe, die mit Maggi gewürzt ist, halt nach Maggi schmeckt.

Viel interessanter und lehrreicher ist es, sich die Tatsache zu Nutze zu machen, dass auf dem Computer die Farb- und Helligkeitswerte durch Zahlen dargestellt werden, die man entweder direkt manipulieren oder über einstellbare Kurven oder Schieberegler beeinflussen kann. Im einfachen RGB-Format werden die Intensitäten der additiven Grundfarben Rot, Grün und Blau durch jeweils ein Byte mit dem Wertebereich 0-255 (dezimal) oder 0-FF (hexadezimal oder kurz hex) definiert. Das ergibt 256 x 256 x 256 kombinierte Farb- und Helligkeitswerte: über 16,7 Millionen. Manche Kameras oder Scanner arbeiten sogar intern mit noch mehr Nuancen. Mehr darüber lesen Sie in Digitales Sehen.

Selbstportrait - gezeichnet (Korrektur5cham)Eine ganz andere "Färbemethode" beruht auf dem Verstellen der Tonkurven in Photopaint. Hier wurden lediglich die Spitzenwerte (dh. das Bildweiß) auf die Farbe des Webseitenhintergrundes eingestellt. Möglich ist dies, indem man die Definition der Hintergrundfarbe "FF F6 C3" in Dezimalzahlen (R:255, G:246, B:195) umrechnet, im Quellbild einen ganz weißen Punkt (255, 255, 255) mit der Pipette aufgreift und die Ergebniswerte auf die Hintergrundfarbe einstellt, von der eine Komponente 255 bleiben sollte. Die Farben sind in der Reihenfolge R(ot), G(rün), B(lau) notiert.
Die dunklen Bildteile erscheinen bei diesem Verfahren nicht gefärbt.
Weisston einfärben Gehen die verstellten Kurven von einem gemeinsamen Schwarzpunkt aus, bleiben die dunklen Bildteile ungefärbt.
Selbstportrait - gezeichnet (Korrektur6cham)Beim obigen Beispiel treffen sich die Farbkurven als Gerade in einem gemeinsamen Schwarzpunkt. Schiebt man den Schwarzpunkt der roten und grünen Linie so nach oben, dass diese zu der flachsten (blauen) Linie parallel verlaufen, entsteht das nebenstehende Bild.
Jetzt sind auch die dunklen Bildpartien "Ton in Ton" eingefärbt.
Dunkle und helle Töne färben Parallele Kurven, die sowohl den Schwarz- wie den Weisspunkt verschieben, erzeugen eine allgemeine Tönung aller Graustufen.

Von den beiden hier besprochenen Programmen mag Adobe Photoshop das "professionellere" Programm sein, aber häufig fühle ich mich dadurch eingeengt, wie es mir vorschreibt, was und wie ich etwas zu tun habe. In vielen Fällen erreiche ich mit den simpleren, aber direkteren Mitteln von Corel Photopaint leichter das gewünschte. Zwei ganz grundlegende elementare Werkzeuge gibt es in beiden: Das freie Bearbeiten von Helligkeits- und Farbkurven durch "Bild|Anpassen|Tonkurve" in Corel bzw. "Bild|Einstellen|Gradationskurven" bei Adobe bietet ungeahnte Möglichkeiten der Beeinflussung von Licht, Schatten und Farbe, während die selbst definierbaren Filter verblüffende Effekte im Umgang mit Konturen und Gestalten erzeugen. Vorgegebene Einstellungen für Kontrast und Farbe sind eigentlich nur Spezialanwendungen des ersteren Mittels, Schärfe/Unschärfe und Kantenfilter des zweiten.

Selbstportrait in Holzschnittart, SkeptischSW1, eingefärbtDieses Bild sieht aus wie ein auf farbiges Papier gedruckter Holz- oder Linolschnitt. In Wirklichkeit ist es ein digital verfremdetes Foto. Wie das vor sich geht, erläutern die nächsten Bilder.

Spielerische Verfremdungen

Wilde FarbfantasienWie ein Zombie mit Goldhemd - das individuelle Verbiegen der RGB-Kurven setzt den Farbphantasien keine Grenzen.
Total verbogene Farbkurven Wild verbogene Kurven erzeugen solch "psychedelische" Effekte, die sich sozusagen grenzenlos variieren lassen.

Ich habe als kleiner Junge von meinem Vater gelernt, Schwarzweißfilme selbst zu entwickeln und zu vergrößern, und ich habe auch verschiedene Experimente gemacht - mit direkt auf's Fotopapier gelegten Gegenständen (ein lustiges Äquivalent dazu von heute ist es, Gegenstände direkt auf die Glasplatte eines Flachbettscanners zu legen), mit Solarisation und Mehrfachbelichtungen.

Vier Stufen der Verfremdung (SkeptischFkorr, SkeptischVerfrem1, SkeptischReliefGrenz1, SkeptischSW1) Links oben ein Digitalfoto, das lediglich etwas in Helligkeit und Kontrast bearbeitet wurde. Rechts eine Farbverfremdung, die durch wildes Verbiegen der Kennlinien für Rot, Grün und Blau entstanden ist. Darauf wurde (links unten) der Relief-Effekt angewendet, um Konturen durch Linien zu verstärken. Dunkle Bildteile wurden durch Grenzwertbildung völlig schwarz gemacht. Schließlich wurde daraus durch erneute Grenzwertbildung ein detailliertes Schwarzweißbild ohne graue Zwischentöne (siehe Halbtöne).

Eigentlich hat mich das Fotografieren selbst stets stärker interessiert als die Laborarbeit - die war halt das notwendige Übel, um aus dem magisch-virtuellen Bild auf dem belichteten Film in mühsamen Schritten ein wirkliches Bild zu schaffen, das man in die Hand nehmen und bei Tageslicht vorzeigen kann. Aber trotz zeitweiliger Faszination und Experimentierlust war mir die Arbeit im dunklen, muffigen und bisweilen auch kalten Keller-Fotolabor eher verhasst. Dennoch habe ich einige Jahre nur noch Schwarzweiß fotografiert, weil ich nur so alles selbst machen und bestimmen konnte. Ein Farblabor habe ich nie besessen (und daher farbig fast immer nur auf Diafilm fotografiert). Seit einigen Jahren entdecke ich daher in gewisser Weise das Fotografieren und die Farbe aufgrund der Digitaltechnik neu. Und auch die Möglichkeiten, aus einem "einfachen Foto" durch weitere, oftmals "verfremdende" Arbeitsschritte etwas Neues zu gewinnen.

Grenzwertbildung in Corel Photopaint (Grenzwertbildung)Der Dialog "Verändern|Grenzwert" von Corel Photopaint wandelt anhand einstellbarer Schwellwerte ein Bild in reines Schwarz-Weiß ohne Zwischentöne.
Das Ergebnis wurde schließlich, wie weiter oben beschrieben, getönt, um den "Holzschnitt" zu erzeugen.

Selbstverständlich sind für die Wahl von Schwarzweiß oder Farbe nicht einfach technische Voraussetzungen maßgeblich, sondern sie ist in erster Linie eine künstlerische Entscheidung. Man kann auch digital in SW fotografieren - oder die Aufnahmen nachträglich in Schwarzweiß bzw. reine Grautöne umwandeln, denn von Hause aus waren und sind die Digitalbilder der zeitgenössischen Kameras ja bunt (um es zunächst einmal höflich zu formulieren). Inzwischen erobern sie aber auch die ernsthafte Farbfotografie. Und wie bei dieser kann auch der sehr sparsame Einsatz von Farben besonders reizvoll sein - neben der schwelgerischen bis psychedelisch üppigen Farbigkeit. Kameras wie die Powershot G2 von Canon stellen auch den ernsthaften Fotoamateur zufrieden.

Im Wesentlichen kann man mit den Programmen für den Heimgebrauch bzw. semiprofessionellen Einsatz wie beispielsweise Corel Photopaint und Adobe Photoshop so ziemlich alles machen, was im Fotolabor möglich ist - und einiges darüber hinaus. Das fängt an bei den klassischen Arbeiten der Ausschnittsbestimmung und Belichtungs- sowie Farb- und Gradationskorrektor und reicht bis zu Verfremdungs- und Montagetechniken. Am Ende steht dann doch wieder das Papierbild, das man anschauen und herumreichen kann.

Gezeichnet - oder gemalt? Spielereien mit dem Hochpass-Filter und Farbverschiebungen machen das aus einem ganz normalen Digitalfoto. (WeinglasBand1Int)Dieses Bild gehört zu einer anderen Serie, bei der ich vor allem mit dem sogenannten Bandfilter von Corel Photopaint gearbeitet und das Zwischenresultat dann eingefärbt habe. Es sieht aus wie ein Gemälde oder eine Zeichnung, vielleicht mit Wachskreiden? Tatsächlich ist auch hier das Ausgangsmaterial ein Digitalfoto.
Mittleres Band unterdrückt (WeinglasMittlBand)Ziemlich eigenartig ausgebleicht mit stellenweise übriggebliebenen leuchtenden Farben sieht diese Version aus, bei der mit dem Bandfilter die mittleren Frequenzen unterdrückt und anschließend das Bild in Kontrast und Farbintensität wieder verstärkt wurde.

Man sollte sich aber nicht täuschen: Auch wenn der Arbeitsplatz am PC gemütlich warm und ergonomisch beleuchtet ist - der Zeitaufwand ist letzten Endes fast genauso groß wie im Labor, manchmal sogar größer. Der Bandfilter von Corel Photopaint ist sehr flexibel und vermag hochinteressante Effekte zu erzeugen - rechnet aber bei großen Dateien ziemlich ewig vor sich hin. Vieles geht aber auch einfacher und rascher. Vor allem spart man Material - Korrekturen lassen sich beliebig oft durchspielen und wiederholen, ehe man sich zu einem teuren Ausdruck entschließt. Schließlich lassen sich am Computer Dinge realisieren, die im normalen Fotolabor undenkbar sind.

Eine Vielzahl von Effekten kombiniert (WeinglasHochpass1)Diese Version entstand durch Anwendung der Effekte Unschärfe (Glättung), Überzeichnen und Verstärkung von Kontrast bzw. Intensität in Corel Photopaint.

In meiner Anfangszeit der Computerei habe ich mich auch immer wieder an Computergrafik versucht - wobei mich am meisten, wie ich damals sagte, solche Ergebnisse interessierten, die gar nicht wie Computergrafik aussahen. Damals habe ich viel selbst an Grafiksoftware programmiert, was ich jetzt nicht vertiefen kann, aber es fällt mir wieder ein, weil ich in den letzten Jahren immer wieder mit Photoprogrammen expermimentiert habe, und dabei oft zu Ergebnissen gelangte, die tatsächlich auf den ersten Blick nicht wie "typische Computergrafiken" aussehen. (Flavia-Rötel)

Wenn ich mir im Nachhinein Fotografiken anschaue, weiß ich oft nicht mehr im Einzelnen, wie ich das gemacht habe. Vieles entsteht aus dem spielerischen Experimentieren. Allmählich weiß man dann - und hat es im Gefühl - was geht und wie man es anzupacken hat. Und immer wieder entdecke ich Neues, Verblüffendes ...

Besonders fasziniert mich die Umsetzung von Fotos in Linien, so dass sie aussehen wie gezeichnet. Diesen Effekt hat ein Filter namens "Prewitt", ähnliche, zum Teil sogar noch dramatischere Wirkung erzielen in die Fotoprogramme eingebaute Filter mit Bezeichnungen wie "Ränder suchen" oder "Konturen suchen". Teilweise erreicht man auch mit sogenannten Hochband-Filtern (auch "Hochpass") ähnliche Effekte, muss diese aber meist nachträglich im Kontrast verstärken.

Reduktion auf Linien und Punkte - das Bild bleibt erkennbar (WeinglasStrich)Reduziert man ein Bild durch Hochpassfilter oder Kantensuchfunktionen und nimmt anschließend alle Farb- und Halbtonstufen heraus, bleibt eine reine Strichzeichnung übrig.

Um die Wirkung solcher Filter zu verstehen, stellen Sie sich vor, wie ein Fernsehbild übertragen wird. Der Elektronenstrahl tastet das Bild zeilenweise ab, die Helligkeits- und Farbänderungen werden als Frequenzen, das heißt als Änderungen in der Zeit übertragen. Enthält ein Bild viele feine Details, so ergibt das viele schnelle Änderungen beim Abtasten, was einer hohen Signalfrequenz entspricht. Gleichmäßige Flächen beziehungsweise allmähliche Übergänge führen zu langsameren Änderungen, also niederen Frequenzen. Diese Bildfrequenzen kann man wie mit dem Equalizer oder Klangregler an einer Stereoanlage unterschiedlich anheben oder abschwächen.

Hebt man die hohen Frequenzen an, werden Kanten verschärft - das ist grundsätzlich die Arbeitsweise von Filtern zur künstlichen Bildverschärfung. Filtert man die niederen Frequenzen heraus, so bleiben nur noch die Details übrig, die Farben und Helligkeitsabstufungen (Grautöne) in ausgedehnten Flächen verschwinden - das Bild besteht nur noch aus Konturen ähnlich einer Strichzeichnung (Beispiel Linien-Comic). Nimmt man die Farbinformation ganz heraus und wandelt das Bild durch Grenzwertbildung in reines Schwarz-Weiß ohne Zwischentöne um, bleiben tatsächlich nur noch Linien (und zumeist verstreute Punkte) und inhaltslose Flächen übrig.

Umgekehrt kann man die Details verschwinden lassen, indem man die hohen Frequenzen unterdrückt - das Bild erscheint verschwommen oder unscharf.

Der Erfolg einer solchen Verfremdung hängt natürlich stark vom verwendeten Motiv ab. An sich ist jedes Foto bereits eine starke Abstraktion - von drei auf zwei Dimensionen, und durch das Einfrieren der Zeit. Diese Reduktion ist ganz wesentlich für den künstlerischen Freiraum, den Fotografie besitzt. Die Reduktion eines Fotos auf Linien und gleichmäßige, undifferenzierte Flächen bedeutet eine noch weitergehende Abstraktion von der ursprünglich aufgenommenen Szenerie.

Eine ganz andere Art "Filter" beruht auf Rechenoperationen zwischen benachbarten Pixeln, die man dadurch definiert, dass man bestimmte Koeffizienten in eine Matrix (Tabelle) einträgt. Solche Matrixfilter erzeugen beispielsweise Umrißkonturen oder reliefartige Effekte.

Reduzierte Farben durch Tontrennung (WeinglasFarbenComic)Mit dem Effekt Tontrennung reduziert man ein Bild im Stil der Pop-Art auf wenige Farben, die sich leicht in Ton und Leuchtkraft manipulieren lassen.
Zusammenblendung von Strichzeichnung und Farbreduktion (WeinglasStrichComic)Lädt man die beiden Varianten "Strichzeichnung" und "Popfarben" in zwei Ebenen eines neuen Bildes und überlagert sie, entsteht der Eindruck eines gezeichneten Comics.
Vergrößerter Ausschnitt der Comic-VersionDer vergrößerte Ausschnitt zeigt feinere Details der Fotografik

Gefilterte Landschaften

Ich wies schon darauf hin, dass man sich nicht zu sehr an den vorgegebenen "künstlerischen" Filtern orientieren sollte - was nicht heißt, dass es nicht interessant und lehrreich sein kann, diese durchzuprobieren. Es kann aber weitaus spannender sein und es bietet mehr kreative Freiheit, sich selbst wie angedeutet Filter zu definieren. Das ist sowohl in Adobe Photoshop als auch in Corel Photopaint ganz leicht möglich. Bei Photopaint versteckt sich die manuelle Filterdefinition im Menü "Effekte|2D-Effekte|Benutzerdefiniert", dort stehen auch einige ladbare Beispielfilter zur Verfügung. Es hilft auch sehr, sich einmal im Internet nach solchen Filterdefinitionen umzusehen und sie auszuprobieren, vor allem, weil man dabei lernt, wie sie funktionieren.

http://www.umiacs.umd.edu/users/vasi/JavaWorkshop/node5.htm
http://www.till-photonics.de/software/basics/filters.htm
http://www.wvision.com/toolsref.htm
http://www.mathworks.com/access/helpdesk/help/toolbox/images/fspecial.shtml

Selbstdefinierter Lapace-Filter invertiert (IMG_1331LaplaceInv)Der "Laplace"-Filter findet Konturen - siehe Text. Dadurch wird das Bild in eine Art Strichzeichnung verwandelt. Hier ist ein im Kontrast verstärkter Ausschnitt eines so bearbeiteten Winterbildes gezeigt.
Die Ausgangsversion erscheint Negativ - oder wie ein Nachtbild (IMG_1331Laplace)Eigentlich erzeugt der Filter dieses Bild, das wie ein Negativ oder wie eine unheimliche Nachtszene wirkt. Für die oben gezeigte Version wurde das Bild invertiert.
Selbstdefinierter Lapace-FilterDie Matrix für einen Filter, der ein Pixel (in der Mitte) mit seinen Randpixeln vergleicht. Heben sich die gewichteten Werte auf, wird das Pixel schwarz, sonst mehr oder weniger weiß. Dadurch treten Pixel hervor, die auf Bildkanten liegen, die in helle Linien auf dunklem Grund verwandelt werden. Um statt der weissen Linien schwarze Striche auf weissem Untergrund zu erhalten, wurde das Bild anschliessend invertiert.
Selbstdefinierter Relief-Filter (IMG_1331Relief4)Ein Relief-Filter verwandelt das Bild so, dass es wie die Prägung auf einer Münze erscheint
Selbstdefinierter Relief-FilterDiesen Relief-Filter habe ich durch zufälliges Herumprobieren gefunden. Seine Wirkung beruht auf der Assymetrie der Gewichtungen von Randpixeln im Umfeld des zentralen Pixels.
Variationen einer Landschaft (IMG_1332)Winterlandschaften sind aufgrund der klaren Konturen und von vorn herein reduzierten Farben und Töne besonders lohnende Motive für abstrahierende Verfremdungen.
Variationen einer Landschaft (IMG_1332Konturen) Das zweite Bild wurde mit der Effekte|Schärfe|Ränder Suchen-Funktion von Corel-Photopaint gewonnen. Gezeigt ist hier jeweils ein starker Ausschnitt aus dem hochauflösenden Digitalfoto.
Variationen einer Landschaft (IMG_1332Relief2) Die dritte Variante entstand mit dem bereits vorgestellten selbstdefinierten Relief-Filter. Er hat die spezielle Eigenschaft, das Bild weitgehend auf neutrale Grau- bzw. Hell-Dunkel-Töne zu reduzieren.
Variationen einer Landschaft (IMG_1332ReliefColorStrong)Das letzte Beispiel wurde ebenfalls mit einem selbst definierten, aber einfacheren Relief erzeugenden Filter gewonnen. In dieser Fassung gehen auch Farben in das erzeugte Bild ein, die hier eine Atmosphäre wie in Phantasiezeichnungen der Landschaften fremder Planeten hervorrufen, wobei der Himmel wie eine traumhafte Dünenlandschaft oder wie ein metallisches Meer wirkt.

Das Virtuelle in der Digitalfotografie

Trotz aller "Verfügbarkeit" der Bilder auf Datenträgern, auf dem Computerbildschirm: In gewisser Weise existiert ein Foto erst, wenn man es ausgedruckt hat und auf den Tisch legen kann - neben andere - oder einrahmen und an die Wand hängen. Das virtuelle Dasein der Bilder hat so etwas flüchtiges - man kann sie nicht auf einer Party herumgehen lassen, wie es unserer Einstellung gegenüber "schönen Dingen" in der Welt der Objekte entspricht, die man in der Hand halten oder aus der Hand geben kann.

Außerdem sind die Bildschirme einfach noch zu klein und zu unpräzise. Es ist ein bißchen wie mit Negativen. Zuerst existieren ja auch sie nur virtuell - noch kann die Entwicklung schiefgehen, der Film durch Tageslicht geschwärzt werden - erst nach dem bangen Prozess des Einspulens in absoluter Dunkelheit in die Entwicklungsdose, dem präzisen Einschütten und Kippen mit den chemischen Wässerchen und letztlich Fixieren und Trocknen erreichte das Foto seine reale Existenz - und ward dennoch immer noch "ungesehen" - wenn auch das kundige Auge des Fotografen am Negativ schon einiges ablesen kann. Erst der vergrößerte und positive Papierabzug, den man bei Mißlingen auch wiederholen und verbessern kann offenbart Gelingen oder Scheitern eines Fotos.


Dreamgirl

Mehr über die Verfremdungen dieser Aufnahme von Flavia erfahren Sie hier: Fotografiken aus einem Dia.

Verfremdungen Flavia Gerade Bilder schöner Mädchen am Strand reizen besonders zu künstlerischen Verfremdungen. Hier eine Zusammenstellung verschiedener Effekte. Die Quelle ist in diesem Fall ein Kleinbilddia, das ich mit einem professionellen Filmscanner digitalisiert habe.
Verfremdungen Flavia Der Detailreichtum der Bilder erschließt sich erst bei fortlaufender Vergrößerung.
Verfremdungen Flavia Die extreme Ausschnittvergrößerung zeigt die zunehmende Auflösung in Farbschattierungen und Linien.
Links und oder rechts (FlavStrand3modfarb1, FlavStrand3modfarb2) Das linke Bild ist das Negativ des rechten - oder umgekehrt. Der gleichbleibende dunkelblaue Himmel wurde durch eine Maske erhalten.

Ich möchte diesen Aspekt des Virtuellen noch einen Moment vertiefen - es hat mich oft beschäftigt, und es hat viele Facetten. Nicht nur, weil das endlich in die Realität gerettete Foto oft so ganz anders ist als die Vorstellung davon, was man fotografiert hat - manchmal besser, oft aber auch enttäuschend. Es gibt auch Fotos, die dieses "Zwischenreich" des Imaginären nie verlassen. Einmal in meinem Leben habe ich aus Liebeskummer einen belichteten Film aus der Kamera gerissen und so die Bilder von einem Mädchen vernichtet (eine ähnlich schlimme Erinnerung kann es nur noch hervorrufen, wenn man Briefe aus einer enttäuschten Liebe verbrennt ... und sich noch Jahrzehnte später fragt, wie man die wohl heute lesen würde).


Farbspielereien

Adobe Photoshop hat einen großen Vorzug gegenüber Corel Photopaint: Es kann Bilder aus mehreren Ebenen wie ein Sandwich zusammensetzen, wobei jede Ebene unabhängig von den anderen bearbeitet werden kann. Das fertige Bild entsteht, indem man durch die Ebenen wie durch einen Stapel Klarsichtfolien blickt, auf die verschiedene Bildbestandteile gezeichnet sind. Diese Technik eignet sich vor allem für Montagen von Bildern aus unterschiedlichen Quellen, aber auch für kompliziertere Farbmanipulationen, wie die nachfolgenden Bilder illustrieren.

Falsches NegativWas ist an diesem Bild merkwürdig? Wahrscheinlich denken Sie, das ist einfach ein Negativ - aber etwas stimmt daran nicht!
Echtes FarbnegativEin "richtiges" Negativ sieht so aus - in ihm sind nicht nur Hell und Dunkel vertauscht, sondern auch alle Farben durch ihre Komplementärfarben ersetzt.
Schwarzweiß-AuszugMit einem Fotoprogramm kann man leicht aus einem Farbbild ein SW-Foto machen - einfach "Sättigung reduzieren", übrig bleiben nur die Grautöne.
Schwarzweiß-NegativDurch "Umkehren" entsteht daraus ein Schwarzweiß-Negativ, in dem die Helligkeitswerte umgekehrt sind. Entsprechend kann man aus einem Negativ durch Umkehren ein Positiv gewinnen.
Nur die Farbe ...Überlagert man das SW-Negativ mit dem ursprünglichen Farbbild, bleibt nur die Farbe übrig - die Helligkeitsunterschiede sind verschwunden. Das ist quasi das Pendant zum SW-Auszug. Allerdings muss man mit zwei Ebenen arbeiten und anschließend die Farbintensität verdoppeln - in Photoshop kein Problem.
Nur die Farben umgekehrt ...Und nun kommt der Trick - in zwei Ebenen hatte ich im Bild ganz oben das SW-Negativ und den positiven Farbauszug überlagert. Hier nebenstehend dagegen das SW-Positiv mit dem negativen Farbauszug - Helligkeit richtig, Farben verkehrt. Nun muss ich zugeben: In Photoshop ginge das alles auch viel einfacher mit dem Verschieben des Farbtones um 180 Grad. Aber der gezeigte Weg ist eine schöne Demonstration der Anwendung von Ebenen und der Trennung der Qualitäten Farbe und Helligkeit.
Frei erfundene Farben Ausserdem ist die Ebenentechnik mit SW- und Farbauszügen die Basis für beliebig eingefärbte Fotos - hier wurde das SW-Positiv mit einem Verlaufseffekt über den Helligkeitswerten addiert.

Nicht nur Fotos - auch Zeichnungen lassen sich mit der Ebenentechnik auf verblüffende Weise verändern.

Selbstportrait in Braun ()In einer Variation der oben gezeigten Technik - der Auflösung eines auf SW reduzierten Bildes durch Tontrennung in verschiedene Ebenen mit anschließender Zuweisung von willkürlichen Farben - entstanden diese Variationen.
Selbstportrait in Rot ()Wo oben scheinbar braune Kreidestriche Hintergrund und Schatten bildete, ist es hier ein leuchtendes Rot - die anderen Farben sind weitgehend die selben.
Selbstportrait Original ()Und das? Das ist einfach die Originalzeichnung in Farbe.

Fälschungen

Es gibt viele andere Bereiche der digitalen Bildbearbeitung, von denen ich hier nur zwei Beispiele kurz streifen will: Das der Bildfälschung und der Bildkorrektur. Dabei entstehen scheinbare Fotos von Ereignissen oder Szenen, die es - zumindest so - nie gegeben hat oder deren fotografische Wiedergabe nicht oder nicht mehr den Erwartungen entspricht, obwohl man auf dem Foto wirklich aufgenommene Motive sieht - sie wurden künstlich in einer Weise zusammengesetzt, die keinem jemals stattgefundenen Ereignis entspricht oder von dem die fotografische Aufzeichnung nicht mehr perfekt erhalten ist.

Flavia in der BlumenwieseHier sehen Sie ein braunhäutiges Mädchen, das in einer blühenden grünen Flühlingswiese sitzt und ein Buch liest. Was davon ist wahr?
Flavia am StrandHier sitzt dasselbe Mädchen an einem Sandstrand in Südspanien. Was stimmt denn nun?
Bräunliche BlumenwieseKommt Ihnen diese Krokuswiese bekannt vor? Ich habe sie 1997 am Kurhaus in Schliersee aufgenommen. Der ziemlich vertrocknete Braunton geht ein wenig auf Kosten der damals benutzten Digitalkamera von Polaroid - ist aber mehr oder weniger echt. Daraus ein frisches Grün zu machen, kostet mit einem Fotoprogramm nur ein paar Mausklicks.

Flavia habe ich mit PictureIt von Microsoft aus ihrem Strandhintergrund herausgeschält. Das um 1988 aufgenommene Dia hatte ich mit einem professionellen Filmscanner (Nikon LS-1000) in den Computer übertragen. Danach wurde das mit frischem Grün aufgewertete Wiesenbild als neuer Hintergrund eingefügt. Solche Arbeiten sind sehr zeitraubend, die Ergebnisse aber mitunter sehr täuschend.


Digitalkamera und Fotoprogramm retten altes Glasplatten-Negativ

Viel legitimer erscheint es, ein beschädigtes Foto so zu reparieren, dass es aussieht, als wäre es ohne Schaden aufgenommen worden.

Auf dem Speicher findet sich ein altes Glasplatten-Negativ. Leider löst sich die Fotoschicht schon ab, außerdem ist sie von breiten Rissen durchzogen und fleckig. Nichts mehr zu retten? Weit gefehlt! Fotoprogramme auf dem PC oder Mac verfügen über allerlei Zaubermittel - doch zuerst muss das Bild in den Computer!

Abfotografiertes Plattennegativ (SchleierNeg.tif)Zunächst habe ich das Negativ von hinten durchleuchtet und mit einer Digitalkamera abfotografiert (es hatte eine Größe von etwa 9 x 12 cm). Gut geeignet ist dazu ein Leuchtpult mit Milchglasscheibe, wie man es zum Sortieren von Dias benutzt, es geht aber auch mit Glasplatten aus einem Bilderrahmen und einem weißen Blatt Papier sowie ein oder zwei Schreibtischlampen. Das nebenstehende Bild zeigt den recht traurigen Zustand.
Digitales Positiv (Schleierfrau.tif)Nach dem Übertragen auf den Computer habe ich das Bild zuerst "invertiert", dabei wird Schwarz zu Weiß und Weiß zu Schwarz, das Bild erscheint als Positiv wie auf einem Abzug. Dabei kann man auch den Kontrast verstärken. So könnte das Ergebnis auch aussehen, falls sich ein Fotograf findet, der davon einen Kontaktabzug anfertigt (man braucht dazu nur das Glasplattennegativ in der Dunkelkammer mit der Schicht nach unten auf ein Fotopapier zu legen und mit dem Vergrößerer - ohne Negativ in der Bildbühne - zu belichten).

Retuschiertes NegativSowohl in Corel Photopaint als auch bei Adobe Photoshop gibt es ein Werkzeug, mit dem sich kleine Flecken oder Stäubchen ganz leicht beseitigen lassen. Bei Photopaint heißt es "Hilfsmittel Klonen", bei Photoshop "Kopierstempel-Werkzeug". Sie eignen sich vor allem bei kleinen Fehlern vor gleichmäßigem Hintergrund wie einem blauen Himmel. Auch der Himmel ändert seine Farbe vom Horizont in Richtung Zenit deutlich, aber mit dem Klon- oder Kopierwerkzeug nimmt man ein Stückchen "Himmelsfarbe" unmittelbar neben der Fehlerstelle auf und überdeckt diese damit. Auch für das Retuschieren bei zufällig strukturierten Hintergründen wie einem Sandstrand, einer Mauer oder bei dem Hintergrund meines Problembildes eignen sie sich gut - mit großzügig weichen Rändern kopiert erscheint an der ausgebesserten Stelle dieselbe Struktur wie in der Umgebung. Am Schluss wurde das Bild beschnitten und von den Verfärbungen befreit (Bild SchleierfrauPhotosh4SW.tif). Diese kann man natürlich - wie die umgeknickte Ecke rechts unten - auch belassen, um den "Altertumscharakter" zu bewahren.

Ungeeignet ist diese Methode bei regelmäßig gemusterten Hintergründen wie beispielsweise einem feinen Gitter. Aber auch bei großflächigen Ausbesserungen wie den Rissen in dem Foto stößt die Methode an Grenzen: Das Auge bemerkt leicht muschelartige Muster, wo die Tupfer eingefügt wurden (siehe links oben im Bild). Versucht man diese zu verwischen, so wirken die ausgebesserten Stellen "tot".

Wenn in Bildteilen ein bestimmtes Muster enthalten ist (wie beispielsweise eine Schmuckkachel im Bad), das wieder hergestellt werden soll, muss man intakte Stellen davon aus einem Bildteil herauskopieren und in einem anderen passgenau wieder einfügen. Das ist besonders schwierig, wenn diese Versatzstücke perspektivisch verzerrt oder unregelmäßig begrenzt sind. Sowohl Photopaint als auch Photoshop besitzen entsprechende Werkzeuge, die allerdings etwas unterschiedlich arbeiten. Bei Corel ist es die "Freihandmaske", mit der man eine beliebig geformte Bildstelle umfahren kann. Bei Adobe heißt das Mittel "Lasso". Beide Programme bieten auch Varianten davon, die automatisch Konturen folgen oder Flächen mit gleicher Farbe auswählen. Anschließend kann man den markierten Bereich als Pixelmuster kopieren und an anderer Stelle wieder einfügen.

Um mit diesen Retuschierwerkzeugen so perfekt auszubessern, dass nachher nichts zu sehen ist, muss man das Bild so vergrößern, dass die einzelnen Pixel als Blöckchen sichtbar werden - und notfalls einzelne Bildpixel bearbeiten. Das kann statt Stunden auch ganze Arbeitstage beanspruchen.


Fotogramme

Fotogramme nannte man früher diese Technik, bei der irgendwelche Gegenstände - oder auch lebende Personen als Modell - auf fotografisches Papier gelegt und kurz mit einer Lampe "belichtet" wurden (Fotopapiere gibt es auch auf riesigen Rollen in Teppichgröße). Entstanden sind Schattenrisse mit einer gewissen Modulation bei dreidimensionalen Objekten. Ein seltsames Detail - als ich dies aufschrieb, meinte ich mich deutlich zu erinnern, die Ergebnisse dieser jugendlichen Versuche kürzlich irgendwo gesehen zu haben - aber alles Suchen in alten Fotoschachteln und auf dem eisig winterkalten Speicher blieb erfolglos. Kann sich ein - in diesem Fall ja nur als Unikat existierendes - Papierbild so in das Gedächtnis einbrennen, dass es als Scheinerinnerung in den Vordergrund der Vergangenheit steigt? Nach mehrmaligem erfolglosem Suchen beginne ich zu zweifeln - vielleicht habe ich das vor Jahren, vor mehreren Umzügen, zuletzt vor Augen gehabt.

Legt man heute irgendwelche Dinge - "Objekte" - auf die Glasplatte eines Scanners, erhält man eine Art von Real-Fotografie in Farbe und mit einer, wenn auch geringen, dreidimensionalen Tiefe. Also etwas ganz anderes, viel weniger abstraktes. Im Computer verhalten sie sich wie alle anderen digitalen Bilder.

Ein Fotogramm?Was ist das? Na gut, drei Gegenstände - eine Brille, ein kleines Modellauto (Akadiane) und eine Plastik aus Schraubenmuttern, die einer Eule gleicht. Aber wie wurde das "Bild" aufgenommen? Ist es ein Foto? Benutzt habe ich keine Kamera, sondern einen Flachbettscanner (ähnliche Bilder kann man mit Farbkopierern herstellen). Ist das nun ein "Scan", oder eine Art dreidimensionales "Fotogramm"?

Mir ist auch einmal ganz das gleiche passiert wie meinem Vater, der erzählte, wie er unter einem landenden Hubschrauber entgegen dem Protest von Sicherheitspersonen herumrannte und fotografierte und fotografierte - beinahe unter Einsatz seines Lebens. Hernach stellte er fest, dass gar kein Film in der Kamera war ... Jahrzehnte später, ich machte eine Fotoserie bei einem Campingaufenthalt in Südspanien, fingen zwei Mädchen am Strand, die im übrigen die Hauptpersonen dieser Fotoreportage waren, eine erbitterte Rauferei an. Ich zückte sofort die Kamera und verfolgte sie eine ganze Weile. Als sie endlich aufhörten und ich mich auch erschöpft wieder auf mein Handtuch setzte - mußte ich feststellen, dass kein Film in der Kamera gewesen war. Sowas passiert eben, wenn überhaupt, nur in unwiederbringlichen Situationen. Moderne Kameras verhindern das zwar, indem sie Warnsignale ausstoßen - dafür vereiteln sie viele Bilder, weil man im Menü nicht rechtzeitig die erforderlichen Einstellungen findet, wenn etwas blitzschnell geschieht.

Schließlich gibt es noch eine schärfere Form nichtexistierender Fotos - wenn man zum Beispiel mit dem Auto durch ein Tal fährt, in dem phantastische Nebel aufsteigen - und sich denkt: Was für tolle Fotos könnte das geben - aber nicht anhält, weil man einfach gerade nicht fotografieren mag. Diese verschiedenen Stufen des Übergangs von einem erlebten Eindruck zu einem als Papierbild existierenden Foto beschäftigen mich immerwieder - übrigens gehören dazu auch die Möglichkeiten der technischen Manipulation, besonders mittels Computerprogrammen, die zu Fotos führen können, die man so eigentlich nie gemacht hat. All dies besagt übrigens auch, dass Fotografie eine eigenständige Kunstform ist und keinesfalls die objektive Knipswiedergabe der Realität. Selbstverständlich gibt es auch die geplante Fotografie - im Studio, vor allem in der Werbung. Insgesamt sind die verschiedenen Ansätze und Bereiche der Fotografie unüberschaubar groß, und sie haben sehr viel mit professionellem Handwerk zu tun.

Viel von dieser "Magie" geht scheinbar bei der Digitalfotografie verloren. Schon Sekundenbruchteile nach der Aufnahme kann man einen ersten Blick auf das Bild werfen, da es auf dem kruden Flüssigkristalldisplay am Rücken der Kamera erscheint - ein versehentliches Löschen scheint unwahrscheinlich (dennoch habe ich bereits Fotos verloren, weil ich zur Vorbereitung auf neue Aufnahmen eine Speicherkarte gelöscht hatte, ohne mich zu besinnen, dass ich diese ja noch gar nicht auf die Festplatte des Computers gerettet hatte - hierin liegt wiederum eine noch größere Verletzlichkeit, Flüchtigkeit des digitalen Bildes, ehe man dieses nicht in mindestens doppelter Kopie auf einer CD-ROM gesichert hat). Aber ob das Bild gelungen ist - kann man auf dem Display noch nicht erkennen, und selbst der gute Röhrenmonitor zeigt es noch nicht in seiner möglichen materiell-sinnlichen Qualität als Papierabzug - pardon, als "Ausdruck", wie es jetzt heißt.

Also mußte endlich ein Fotodrucker her. Schon viele sind durch meine Hände gegangen - als Testgeräte, manche hätte ich gerne behalten, andere wiederum lieber nicht. Bisher hielten mich die Kosten und die Zweifel an der Qualität von einer Anschaffung ab - jetzt ist es ein Epson Stylus Photo 810 geworden. Teils aus Zufall, weil er gerade neu angeboten wurde, recht preiswert war, mit sechs Farben druckt (wovon eine allerdings schwarz ist). Ich bin ganz zufrieden damit, obwohl es noch bessere, noch schnellere gibt - und morgen vielleicht schon einen viel idealeren. Ich will ihn nicht zum Ausrucken von Texten verwenden - dazu dient immer noch der alte HP Deskjet 500, dessen Patronen ich aus einer Literflasche Pelikan-Tinte mit der Pferdespritze nachfülle.

Der Fotodrucker ist für mich Ersatz für das Fotolabor mit seinen Wannen, der Dunkelheit, dem Vergrößerer, den Negativstreifen, Papierpackungen und Zangen.

Inzwischen gehen für mich die Fragen der letzten Jahre: Was bringt mir denn Digitalfotografie - taugt das überhaupt etwas, ist deren Qualität schon vergleichbar der herkömmlichen Fotografie auf Film - in eine neue Richtung. Tiefer unter die Oberfläche der üblichen Fragen. Denn tatsächlich hat der Interessierte und Engagierte (Amateur oder Profi) mit seinem PC, der Digitalkamera (oder/und dem Scanner), der verfügbaren Software und den Ausgabegeräten wie Fotodrucker längst ein so mächtiges Werkzeug in der Hand, dass er sich anstrengen muss, so kühne Träume zu träumen, wie er sie bereits verwirklichen kann.


Glossar

Halbton

Als Halbtonbild oder Halbtonvorlage wird eine Abbildung mit Zwischentönen (Grauabstufungen) zwischen Schwarz und Weiss bezeichnet. Also zum Beispiel ein normales SW-Foto oder Zeitungsbild.

Hochpass

Ein Hochpassfilter läßt nur hohe Töne oder Frequenzen durch und schneidet die tiefen Töne oder langsamen Frequenzen heraus. Bei einem Bild bewirkt dies eine Betonung von feinen Details und Kanten, mithin einen die Bildschärfe subjektiv steigernden Effekt. Bei drastischer Anwendung bleiben nur noch die Kanten bzw. Details übrig.

Kantensuchfilter

Kantensuchfilter ermitteln in einem Bild durch rechnerische Verfahren die Konturen (Umrisse) von Bildinhalten. Im Extremfall verwandeln sie ein Bild in eine aus feinen Linien bestehende Zeichnung. Dabei werden einzelne Bildpixel (digital erfasste kleinste Bildelemente oder Bildpunkte) mit den Nachbarpixeln verglichen. Sind alle oder fast alle Nachbarpixel deutlich heller oder dunkler als das gerade untersuchte mittlere Pixel, gehört dieses zu einer Kante. Kompliziertere kantensuchende Algorithmen ermitteln die Pixel, die sich am Rand einer Fläche mit abrupten Helligkeitssprüngen im Vergleich zu ihrer Umgebung befinden und verbinden diese zu einer Umrißlinie.

Reliefeffekt

Dies ist eigentlich eine Variante von schärfesteigernden oder kantenverstärkenden Filtern. Dabei werden aber Helligkeitsunterschiede in einer bestimmten Richtung, zum Beispiel von links nach rechts, anders bewertet als in anderen Richtungen (von rechts nach links oder von oben nach unten). Das Ergebnis ist eine Konturenbildung, beispielsweise mit hellen Linien und benachbarten dunklen Schatten rechts davon (oder in einer beliebigen anderen Richtung). Besonders wenn der Prozess alle Halbtöne und Farben innerhalb des Bildes, die nicht auf raschen Übergängen (Kanten) liegen eliminiert, dh. in einheitliches Grau verwandelt, entsteht der Eindruck eines Reliefs oder Prägebildes wie auf einer Münze.

Strichzeichnung

Als Strichzeichnung bezeichnet man im Gegensatz zur Halbtonvorlage eine Abbildung, die keine Zwischentöne (Graustufen) enthält, sondern nur absolutes Schwarz oder Weiß.

Solarisation

Die Solarisation (starke Überbelichtung) oder Pseudosolarisation (Nachbelichtung eines im Fotolabor bereits teilweise entwickelten Bildes) ist ein Effekt, der ähnlich wie ein Kantenfilter wirkt: An den Grenzen von Flächen mit starken Helligkeitsunterschieden entstehen feine Linien. Diese sind ihrerseits zum Beispiel dunkler als die ursprünglich schwächer belichteten (helleren), aber auch als die stärker belichteten (eigentlich dunkleren) Flächen.

SW-Konvertierung / Sättigung reduzieren

Herausnehmen aller Farbunterschiede aus einem Farbbild, das dadurch auf reine Grautöne reduziert wird. Wandelt ein Farbfoto in ein Schwarzweißfoto um.

Tontrennung

Der Effekt Tontrennung löst feine Farbübergänge in eine beschränkte Anzahl scharf gegeneinander abgegrenzte Farbtöne auf. Zum Beispiel könnten die Hauttöne eines Gesichts in Flächen mit einem klaren Gelb, Orange und Rot "zerissen" werden. In gewisser Weise entspricht die Tontrennung von Farbbildern (die auch bei so genannten Paletten-Bildern, z. B. GIF, angewandt wird) der Strichzeichnung in Schwarzweiß, erlaubt jedoch mehr als zwei Werte, die zudem "bunt" sein können.

Johannes Leckebusch