Blackdot

16. 05. 2010 (C) 2010 by Johannes Leckebusch
31. 05. 2010: Überarbeitete Version auf Grund von Berichtigungen und ergänzenden Hinweisen aus d.r.f, namentlich durch Dieter Lefeling ("D.L", besonderen Dank an ihn für seine Mühe, aber auch an andere Leser und Schreiber in de.rec.fotografie, die mir oft Aufklärung zu Teil werden lassen). Selbstverständlich gehen alle nicht präzisen oder unkorrekten Angaben zu meinen Lasten. Weitere Kommentare in d.r.f oder per E-Mail an mich (siehe rechts oben) willkommen.
2. 6. 2010: Version mit größenveränderlichen Bildern


Ein Plädoyer für das Vollformat

Erfahrungen eines Umsteigers von der Film-Fotografie auf die Digitalfotografie mit Spiegel-Reflex-Kameras (D)SLR, aktuell mit der EOS 7D und der EOS 5D MKII.

Canon FTb mit 24mm-Weitwinkel

Meine ehemalige Canon FTb mit einem 24-mm-Weitwinkel als Festbrennweite


Das Gestalten mit der Schärfentiefe, wie man es von der Kleinbildfotografie gewohnt ist (und wie es auch beim Spielfilm oft eine Rolle spielt), gelingt mit dem "vollen Format" von 24 x 36 mm aus optischen Gründen viel besser als bei Crop-Formaten. Auch der Blick durch den Sucher ist an einer Vollformat-Kamera im Vergleich zu einer Crop-Kamera eine Offenbarung – oder umgekehrt an der Crop-Kamera ein sehr enttäuschendes Erlebnis, wenn man vorher an den Sucher einer Kleinbild-Film-Spiegelreflexkamera gewöhnt war.

Allerdings waren früher die Mattscheiben bzw. Sucherbilder noch größer. Zitat Dieter Lefeling: "Es ist (...) nichts Neues, dass die größten Sucher lange passé sind. Das fing Anfang der Achtziger mit den damals aufkommenden High-Eyepoint-Suchern an: wenn auch aus etwas größerem Augenabstand das Sucherbild weiter voll überblickbar sein soll, muss es halt kleiner werden. Und dann kam noch das Autofokus-Gedöns dazu. Ergo... " (in d.r.f).

So hatte die oben abgebildete Canon FTb einen "Vergrößerungsfaktor" von 0,85 bei 94% Sucherabdeckung, bei der EOS 5D MKII "nur" noch ca. 0,71fach ¹ bei allerdings jetzt 98% Abdeckung des Bildinhaltes.

¹ -1 dpt mit 50-mm-Objektiv in Unendlich-Einstellung (Werksangaben Canon)


Dieser Artikel schildert die Erfahrungen des Autors über mehrere Monate hinweg mit einer sogenannten "Vollformat"-DSLR, im Vergleich zum Umgang mit Crop-Format-DSLRs und im Rückblick auf den jahrzehntelangen Gebrauch einer "filmbehafteten" Kleinbildkamera. Inzwischen hat er sich selbst eine 5D MKII angeschafft. {;-)))

Zu den Dingen, an die sich der Umsteiger vom ehemaligen "Kleinbild"-Format (35 mm-Film) nur widerwillig gewöhnen mag, gehört das sogenannte Crop-Format. Neueinsteiger im Bereich Digitalfotografie, namentlich im Bereich DSLR (digitale Spiegelreflexkameras) können nicht so recht nachvollziehen, was manche alt gewordene Hasen für ein Gewese darum machen: Die Sucherbilder seien so klein und taugten nicht zum manuellen Scharfstellen, die Einstellscheiben seien zu durchsichtig und ohne optische Hilfsmittel für die manuelle Fokussierung, die Objektivbrennweiten stimmten irgendwie nicht, es gebe keine richtigen Weitwinkel mehr ...

Ich habe, seit ich 10 oder 11 Jahre alt war (um 1964), mit einer Spiegelreflex-Kleinbildkamera (SLR = Single Lens Reflex) fotografiert. Das bedeutet, dass man vor der Aufnahme durch das Objektiv schaut, über den Umweg eines Sucherokulars, das das über einen hochklappbaren Umlenkspiegel auf eine Mattscheibe anstelle des Films bzw. Sensors von der Linse geworfene Bild sichtbar macht. Man sieht also wirklich, was man gleich aufnehmen wird – in natürlichen Farben und Schärfeverhältnissen, ohne Pixel und sonstige elektronische oder digitale Artefakte. Im Moment der Aufnahme klappt der Spiegel hoch und gibt den Lichtweg auf den Film bzw. Sensor frei, das Sucherbild wird kurz dunkel.


EOS 5D MKII

Ein Äquivalent zur FTb wäre heute beispielsweise die EOS 5 D Mark II, hier mit dem "Kit"-Zoom 24-105 mm 1:4,0 L. Der Filtergewinde- und Deckeldurchmesser ist mit 77 mm recht beachtlich. Allerdings hält Dieter Lefeling diesen Vergleich für eine "gewagte Behauptung" und meint dazu: "Wenn man bei FD bleibt, wäre das passende Gegenstück wohl eher eine A-1 oder T90". Nun - so gesehen gibt es im DSLR-Sektor so etwas wie die FTb eben nicht mehr ... vermutlich, weil heutzutage eine Kamera ohne ein halbes Dutzend Automatikprogramme kaum mehr gekauft würde - und diejenigen, die sie nicht brauchen oder haben wollen, schalten sie halt einfach ab. Im Gegensatz zu den reinen Amateurmodellen (die "Dreistelligen" wie bislang 300D bis 600D), die diverse "Motivprogramme" (Portait, Sport, Landschaft usw.) haben, beschränken sich die beiden hier vorgestellten auf grundlegende Einstellungen wie "M"(anuell), Av (Verschlusszeitautomatik oder Blendenvorwahl), Tv (Blendenautomatik oder Zeitvorwahl), dazu kommen noch eine "Programmautomatik", in dem die Kamera beides selbst bestimmt, aber z. B. eine Belichtungskorrektur eingestellt oder die Empfindlichkeit vorgegeben werden kann, und schließlich noch eine "CA" (Kreativ-Automatik) und der "Grüne Modus" (auch "Deppeneinstellung" genannt, da kann man gar keinen eigenen Einfluss mehr ausüben). Sinnvoller für den "Profi" sind die drei C1, C2, C3 (Custom oder persönliche Einstellungen), auf die man fast alle Einstellungen von Aufnahmeparametern der Kamera als Voreinstellung abspeichern kann. Zum Beispiel habe ich mir auf C1 Raw in voller Auflösung, "M" und einige weitere Einstellungen gelegt, die ich bevorzuge, und auf C2 das gleiche, aber mit dem auf ca. 10 MP verkleinerte Format sRaw1.


Zuerst war es die Leica meines Vaters mit aufgesetztem Spiegelkasten, später eine Canon FTb, die ich von dem mit einem ersten Job verdienten Geld erworben hatte. Das war eine Kamera mit einem sehr guten Sucher (fast so gut wie bei einer seinerzeitigen Leica SLR), mit echtem Dachkantprisma, Mikroprismen-Einstellkreis in der Mitte sowie einem Belichtungs-Messzeiger mit Nachführkelle. Durch entsprechendes Verstellen von Filmempfindlichkeit, Zeit und Blende musste man die Kelle mit dem Ausschlag der Nadel in Deckung bringen. Dazu ein durch leicht graue Unterlegung präzise umgrenztes kleines Messfeld in Suchermitte (12% der Bildfläche). Mit dieser Selektivmessung konnte man sehr genau belichten – wenn man sie verstanden hat.

Siehe dazu: Selbstgemacht: Belichtung manuell messen. Ansonsten alles mechanisch und bis auf die Messung auch ohne Batterie funktionsfähig. Den Verschluss musste man mit einem Hebel von Hand aufziehen, was gleichzeitig den Film weitertransportierte.

Ich war mit der Kamera jahrzehntelang zufrieden und verspürte eigentlich kein Bedürfnis, eine neue anzuschaffen. Stattdessen wurde weiteres selbstverdientes Geld in Objektive und anderes Zubehör gesteckt. Schwarzweißfilme wurden selbst entwickelt und vergrößert, was allerdings lästig war, besonders, wenn keine geeignete und im Winter beheizbare Dunkelkammer für die Vergrößerungen zur Verfügung stand – die Filmentwicklung selbst ließ sich in der Dose auch bei Licht erledigen, nur zum Einfädeln brauchte man Finsternis. Aber ich konnte meine Bilder immer so ausarbeiten, wie ich das wollte. Heute bin ich allerdings froh und glücklich, keinen "Nassraum" für die Abzüge mehr zu benötigen, sondern alles entsprechende und viel mehr darüber hinaus bequem auf dem PC am trockenen und warmen Arbeitsplatz erledigen zu können.

Übrigens ertappte ich mich nach dem Umstieg auf DSLR öfter mal dabei, dass ich mich beim Auswechseln der Speicherkarte so drehte, dass die Kamera im Schatten lag – ein längst unbewusst gewordenes Ritual aus der Film-Zeit: Damit die Sonne nicht direkt auf die Filmpatrone scheint und womöglich Lichteinfall verursacht. Und heute noch bevorzuge ich gängige Blendenwerte wie 5,6 oder 8 ... und kann mich mit den seltsamen Zwischenwerten wie 6,3 oder 7,1 nicht so recht anfreunden. Altersbedingte Marotte? Oder einfach, weil mir da das Gefühl für "ganze Blendenstufen" fehlt. Früher sagte man im Zweifelsfalle "Blende 5,6 bis 8" und meinte die nur mit einem Strichlein versehene Zwischenstufe zwischen diesen "Hausnummern", die natürlich auf dem am Objektiv zu betätigenden "Blendenring" angeschrieben waren. Ja, so wie heutige Kids nicht mehr wissen, was eine Wählscheibe (am Telefon) ist, so kennt kaum jemand mehr den am Objektiv angebrachten "Blendenring". Die Zahlenwerte der "ganzen Blendenstufen", die der Halbierung oder Verdoppelung der Lichtmenge oder Belichtungszeit entsprachen, wusste man auswendig: 1,4, 2, 2,8, 4, 5,6, 8, 11, 16, 22, 32.

Sofern eine Kamera das Einstellen der Blende mit einem "Daumenrad" auf dem Kamerarücken erlaubt und sich die Kamera die Blende merkt, auch wenn man das Objektiv wechselt, ist die Wanderung der Blendeneinstellung vom Objektiv zur Kamera sogar ein Gewinn. Wenn man dazu erst eine bestimmte Umschalttaste suchen muss, um die Blende mit dem Einstellrad oben (das sonst für die Zeiteinstellung zuständig ist) einzustellen: Schauderhaft! Warum ich lieber mit der althergebrachten manuellen Einstellung von Zeit und Blende arbeite (und dafür auf eine gute Messung in der Kamera baue), anstatt die Marotten eines halben oder ganzen Dutzends von Belichtungsautomatiken zu lernen, habe ich in Belichtungshelfer: Histogramme richtig anwenden und Selbstgemacht: Belichtung manuell messen beschrieben. Ich möchte gerne selbst entscheiden, was meine Kamera bei der Aufnahme macht! Dort können Sie auch nachlesen, was für ein riesiger Gewinn die Bildvorschau unmittelbar nach der Aufnahme und insbesondere das Histogramm ist: Von sowas konnte ich in den 1970er Jahren nur träumen!


Canon EOS 7D und 5D MKII

(Oben) Abgesehen von der Modellbezeichnung gibt es äußerlich wenige Unterscheidungsmerkmale zwischen EOS 7D (links) und 5D: Der 5D fehlt der Knopf mit dem Blitzsymbol – sie hat keinen eingebauten, aufklappbaren Bilitz, sondern setzt auf professionelles Zubehör. (Unten) Der Einschalter ist bei der 7D oben, bei der 5D noch klassisch unten rechts.


EOS 7D und 5D MKII von hinten gesehen

Im beruflichen Umfeld war ich schon seit einigen Jahren mit Digitalfotografie befasst, die mich zwar faszinierte, zu der ich jedoch erst nach längerer Zeit wechseln mochte. Die frühen "Kompaktkameras" waren mir wegen der miesen Sucher, des fehlenden Spiegelreflexprinzips und der bescheidenen Bildqualität nicht gut genug, und eine digitale SLR (DSLR) für mehrere tausend DM bzw. Euro konnte ich mir nicht leisten. Bis im August 2003 die EOS 300D auf den Markt kam, die ich mir schließlich Anfang 2005 angeschafft habe. Sie lag gut in der Hand, auch wenn das Gehäuse aus versilbertem Plastik nicht besonders "wertig" erschien. Nur der Sucher war eher mickrig: Zwar ein echter "Spiegelreflex" mit Mattscheibe, aber wegen des flächenmäßig auf weniger als die Hälfte von KB verkleinerten Bildformates und des billigen "Pentaspiegelsuchers" statt eines Glasprismas ziemlich klein und düster. Böse Zungen sprachen vom "Tunnelblick". Und sie war recht langsam – jedenfalls beim Abspeichern von Bildern im Raw-Format: Nach drei oder vier Fotos musste man erst einmal eine Pause einlegen, ehe eine neue Aufnahme möglich war. Außerdem schaltete sie im manuellen Modus zwangsweise auf mittenbetonte Integralmessung, eine sehr unfeine Bevormundung des Fotografen durch die Firmware (es gab eigens einen sogenannten "Russenhack" dagegen, den ich aber nicht riskiert habe).

Später kam eine EOS 400D ins Haus, die war wesentlich schneller und mit 10 statt 6,3 Megapixeln auch deutlich höher auflösend. Mit der 400D war ich in Punkto Geschwindigkeit und Auflösung vollkommen zufrieden, mit den Messmöglichkeiten (wahlweise Selektivmessung im manuellen Modus einstellbar, deren Messkreis nur andeutungsweise durch den inneren Ring an AF-Messfeldmarkierungen im Sucher umschrieben war, noch keine Spotmessung) einigermaßen. Der Sucher war indes nicht besser geworden, und sie lag nicht mehr so gut in der Hand: Unsinnig verkleinert, für mittellange Männerfinger mit zu engem Griffbereich (man stößt sich immer die Fingerspitzen an). In Punkto Griffgefühl also ein klarer Rückschritt gegenüber der 300D (Plastiklook hin oder her). Ich habe es tapfer ertragen ... und die alte "filmbehaftete" Fotokamera seither nicht mehr benutzt. Vorübergehend hatte ich auch mal eine EOS 5D für kurze Zeit zum Testen – Vollformat mit Digitalsensor – leider für mich unbezahlbar. Sie kam mir merkwürdig "normal" vor – einfach unauffällig. Daran musste ich jetzt öfter zurückdenken ... vielleicht war mir damals die FTb noch so "nahe", dass mir an der 5D vom Bauchgefühl her kaum was auffiel. Inzwischen habe ich lange mit Crop-Kameras gearbeitet und die alte KB-Kamera ist aus dem Haus ... da entwickeln sich dann eher Suchtgefühle, wenn man endlich mal wieder eine "richtige" Kamera in der Hand hat.


Sucherbild

Vergleich der Sucherbildgrößen verschiedener Kameras

Diese Montage zeigt die relativen Sucherbildgrößen von EOS 300D bis 400D, 450D bis 550D: 500D/550D, 50D, der EOS 7D und 5D MK II sowie den jeweils im Sucher sichtbaren Bereich. Der nicht sichtbare Bereich wird durch den grauen Rahmen abgedeckt (Gerüchtekurierin am Thiersee/Tirol).

Wie man sieht, wurde bei den Einsteigerkameras die Größe des Sucherbildes sukzessive erhöht, was sicher auch auf die Konkurrenzsituation am Markt zurückzuführen ist. Was diese Schaubilder nicht wiedergeben können: Die Mattscheiben sind in den DSLRs sehr transparent, um das Sucherbild heller erscheinen zu lassen. Dadurch eignet es sich aber zugleich viel schlechter für die Beurteilung von Fokuspunkt und Schärfentiefe.

Bei der EOS 5D MKII kann man die Einstellscheibe jedoch wechseln, etwa gegen die EG-D mit Gitter und besserer Schärfebestimmung, oder gegen EG-S mit noch besserer "Mattierung", die wieder ein gutes manuelles Scharfstellen über den Sucher erlaubt. Allerdings ist das Sucherbild auch merklich dunkler, am besten nutzt man das also mit lichtstarken Objektiven. Statt der früheren Mikroprismenraster oder Schnittbildanzeige nutzt man heute gegebenenfalls die passiv reagierenden und auf Wunsch piepsenden Fokuspunkte als "Einstellhilfe" auch manueller Scharfstellung. Bei den USM-Antrieben besserer Canon-Objektive braucht man dann nicht einmal zwischen AF und MF am Objektiv umzuschalten: Den Autofokus legt man einfach exklusiv auf die AF-ON-Taste, Antippen des Auslösers aktiviert dann nur die Belichtungsmessung.

Das Sucherbild der FTb war bei "Vollformat" (Kleinbilddia- oder Negativ 36 x 24 mm) und Faktor 0,85 nochmals etwa so viel größer als das Bild der 5D MKII wie dieses im Vergleich zu dem der EOS 400D!

Das derzeitige Spitzenmodell, die EOS 1Ds MKIII mit Vollformat-Sensor bietet einen Sucherbildfaktor von 0,76 bei 100% Bildabdeckung.


Sie werden sich fragen, wie diese "simulierten Sucherbildgrößen" eigentlich zustandekommen, zumal bei der 5D MKII der angegebene Faktor viel kleiner, das gezeigte Sucherbild aber deutlich größer ist als bei allen anderen Kameras.

Canon definiert das im Prinzip so: Setzt man ein 50mm-Objektiv auf die Kamera, stellt es auf unendlich ein, und die Dioptrienkorrektur des Okulars auf -1, und blickt nun abwechselnd durch den Sucher oder mit freiem Auge in die Wirklichkeit, dann bedeutet ein Faktor von 1,0, dass die Gegenstände in der Ferne in beiden Fällen gleich groß erscheinen. Beim Blick durch den Sucher einer 500D sieht die "Wirklichkeit" also etwas kleiner aus.

Natürlich sieht die Welt in Weitwinkelstellung eines Zooms durch den Sucher noch viel kleiner aus als in Wirklichkeit, und mit einem kräftigen Tele hingegen "größer". Andererseits bezieht sich der Faktor zugleich auf das Format des Mattscheibenbildes, das mit dem Aufnahmeformat (Sensorformat) übereinstimmt. Darum bedeutet beim "Vollformat" die Verkleinerung des Sucherbildes etwas anderes als beim Crop-Format. Zugleich ist ein 50-mm-Objektiv an einer APS-C-Kamera eher ein leichtes Tele (Portraitbrennweite) mit engerem Bildwinkel, an einer KB-Vollformatkamera aber ein "Normal" mit weiterem Bildwinkel. Trotz größeren Sucherbildes ergibt sich beim 50mm-Objektiv an der 5D MKII ein kleinerer "Sucherbildfaktor" gegenüber den Crop-Kameras.

Es gibt gegenwärtig eine Diskussion darüber, ob nicht doch eines Tages eine Form von "elektronischem Sucher" den optischen Spiegelreflexsucher ablösen werde. Seit den 1960er Jahren sieht man durch den SLR-Sucher das Bild bei Offenblende - und kann so die resultierende Schärfentiefe unter Berücksichtigung der vorgewählten Aufnahmeblende gar nicht erkennen. Dazu gibt es zum einen die "Abblendtaste" (siehe Bild unten), mit der sich – auch an einer modernen DSLR – die Blende vor der Aufnahme auf den eingestellten Wert schließen läßt. Dann sieht man zwar die "erweiterte Schärfentiefe", aber auch ein entsprechend verdunkeltes Bild, das zudem – je nach Brennweite und Mattscheibe – recht körnig aussehen kann. Eine Probeaufnahme kann helfen, wenn man sie denn unmittelbar anschließend genügend groß oder vergrößert betrachten kann. Hier könnte ein elektronischer Sucher mehr leisten, obwohl der seine eigenen Probleme hat.


Abblendtaste

Hier sitzt die Schärftentiefentaste oder Abblendtaste an einer EOS 40D


Es gibt ja auch "bessere" Kameras mit verkleinertem Sensor, aber normaler Gehäusegröße und etwas besseren Suchern. Bei Canon sind das die "Zweistelligen": So habe ich eine Weile mit der 40D geliebäugelt, doch die ist ja schon längst nicht mehr auf dem Markt, dann hatte mich schon fast mit der 50D angefreundet ... aber seit ich die 7D in der Hand hatte, gefällt mir auch die 50D nicht mehr so recht.

Dieses besonders verlockende Modell der Crop-Klasse habe ich vor kurzem in dem Artikel Erfahrungswerte: Canon EOS 7D in der Praxis vorgestellt. Dort habe ich ausführlich meine Eindrücke im Umgang mit der EOS 7D geschildert und auch einige Vergleiche zur 50D und 5D MKII gezogen.

Doch gibt es auch bei der 7D noch deutliche Abstriche und veränderte "fotografische Eigenschaften" gegenüber einer Vollformatkamera, was mit der Sensorgröße und dem verkleinerten Abbildungsmaßstab zu tun hat. Und im direkten Vergleich bei gleichen Motiven, die man unmittelbar hintereinander aufnimmt, ist der Unterschied im Sucherbild doch deutlich wahrnehmbar.


Vergleich der Sensorformate verschiedener Kameras

Der Unterschied der Sensorformate KB-Vollformat versus Crop bei Canon ist wesentlich größer als der Unterschied der Sucherbildgröße, siehe Bild oben (Feuerwehr beim Fasching in Bayern).


Allesamt können die Cropformat-Kameras nicht gegen die 5D MKII bestehen. Bei ihr kommen alle wesentlichen Positivmerkmale zusammen: Grifffaktor, optimaler Sucher (nur die Mattscheibe würde ich gerne auswechseln), vernünftig angeordnete Schalter und Tasten, die sich nicht von selbst betätigen oder verstellen. Video brauche ich nicht zwingend, Livepreview hat sie (ist manchmal doch praktischer als ein Winkelsucher). Und vor allem die optischen Abbildungseigenschaften des echten Kleinbildformates.


Objektive, objektiv betrachtet ...

Das nächste Thema sind Objektive. Wer sich eine Fotoausrüstung anschafft, investiert das meiste Geld traditionell in die Objektive – und legt sich damit auch auf ein Anschluss-System (Bajonett) fest. Die fotografischen Ergebnisse werden, was die optisch-technische Qualität anbelangt, von den Objektiven bestimmt, und nicht von irgendwelchen Features der Kameragehäuse oder Belichtungsprogramme. Das war immer so, so lange man Filme in die Kamera einlegte. Heute macht man sich beim Erwerb einer Kamera allerdings von der Qualität des fest eingebauten Sensors abhängig. Früher konnte man jederzeit einen anderen Film einlegen und damit auch im Laufe von Jahrzehnten an der Weiterentwicklung der Filmemulsionen teilhaben. Auswechselbare Sensoren gibt es im DSLR-Sektor bislang nicht, dafür allerdings von Bild zu Bild umschaltbare ISO-Einstellungen, was auch sehr viel wert ist. Allerdings versucht Ricoh jetzt einen Schritt in diese Richtung: Baukasten-Prinzip: Ricoh GXR im Test.

Jedenfalls genießt man bei der DSLR die völlige Befreiung von der Wahl des passenden Films oder Filters zur schwer bestimmbaren Farbtemperatur des Lichtes, weil man den Weißabgleich "nach der Aufnahme" vornehmen kann. Darauf geht die Serie "Raw-Entwicklung: Rohkost für Feinschmecker" in einer späteren Folge genauer ein.

Die Objektive von meiner alten FTb passten nicht auf die digitale SLR, weil Canon 1987 des Bajonett gewechselt hat. Zuerst dachte ich daran, einen Adapter anzuschaffen, aber davon riet man mir ab: Die rein mechanischen Adapter erlaubten wegen des vergrößerten Auflagemaßes keine Einstellung auf unendlich. Das Auflagemaß ist der mechanisch bedingte Abstand zwischen Film oder Sensor und der Auflagefläche für das Objektiv an der Kamera. Es gab auch Adapter mit einer entsprechenden Ausgleichslinse, doch hieß es, die seien von schlechter optischer Qualität und auch kaum mehr zu beschaffen. Dabei hatte ich ja schon einmal alles an Objektiven, was ich brauchte, angeschafft: Ein 24mm-Weitwinkel mit Lichtstärke 2,8, ein Normal (1,4), ein Zoom 35-85 mm von Vivitar Serie 1 mit Lichtstärke 2,8 (naja, nicht gerade von höchster optischer Qualität), ein 135er mit Offenblende 2,5 und ein 200er Tele 4,0 mit 2fach-Konverter, um es auch als 400er einsetzen zu können. Dazu ein Balgengerät von Canon, Drahtauslöser, Zwischenringe, ein paar Filter und was man sonst noch so an Kleinkram braucht. Einige der Festbrennweiten hätten von der Auflösung her wohl ausgereicht, das Vivitar-Zoom vermutlich nicht, und auf Offenblendemessung und automatische Scharfstellung hätte ich verzichten müssen.

Das alte FD-Bajonett übertrug Einstellungen der Blende rein mechanisch, das neue EF-Anschlusssystem an Canon funktioniert rein elektronisch und übertragt vielfältige Daten von der Kamera an das Objektiv zu dessen Steuerung. Umgekehrt kann die Kamera Daten vom Objektiv lesen, um so beispielsweise aus dessen Typ Korrekturdaten für Vignettierung und Verzeichnung zu ermitteln. Ich musste also das System wechseln und hätte auch zu Nikon oder Pentax gehen können. Da jedoch Canon der Vorreiter mit einer brauchbaren "Einsteigerkamera" im DSLR-Sektor war, und ich damit für's erste zufrieden war, geschah der Systemwechsel, ohne die Marke zu ändern. Und wenigstens meinen Winkelsucher kann ich weiterverwenden (heute leistet in vielen, aber nicht allen Fällen die Livevorschau mit bis zu zehnfacher Vergrößerung noch bessere Dienste).


... und Sucher gesucht

Einen elektronischen Sucher, der es auch nur im entferntesten mit dem Vollformat-SLR-Sucher aufnehmen kann, habe ich aber noch nicht gesehen - und ein Kamerarückendisplay ist dafür absolut kein Ersatz, allenfalls eine Ergänzung für Spezialfälle. Ein elektronischer Sucher mit Okular könnte theoretisch einem Spiegelreflexsucher ebenbürtig sein und uns auch die richtige Schärfen- und Schärfentiefebeurteilung wiederbringen oder diese sogar noch verbessern, indem man durch das abgeblendete Objektiv sähe, ohne dass das Bild dunkler würde. Dann müsste dieser aber eine sehr hohe Auflösung haben (so dass man keine Pixel oder Pixelartefakte erkennt), und man müsste das Weißabgleichproblem lösen. Durch den SLR-Sucher sieht man einfach das Umgebungslicht und das an die Umgebung angepasste Auge sieht, was es sonst auch sähe. Wenn man aber durch einen "Weißabgleich" irritiert wird, passt das nicht: Weder, wenn dieser zwar auf die Aufnahme bezogen perfekt ist, aber dann die Bildwiedergabe abweichend zur realen Lichtstimmung erfolgt, weil der Monitor im elektronischen Sucher mit seinem "Weiß" auf eine andere Farbtemperatur als die des Umgebungslichtes abgestimmt ist, noch, wenn der Weißabgleich - notorisch - falsch ist, wie es bei einer "automatischen Weißbalance" bei Kunstlicht oder Abendrot bislang der Fall ist. Man hat es mit einem doppelten Problem zu tun: Für die Aufnahme den "Weißabgleich" auf das Aufnahmelicht herzustellen, und für die Wiedergabe im (elektronischen Sucher oder auf dem Monitor) wiederum so, dass das Auge des Fotografen, das sich selbst vermutlich auf seine Weise an das Licht am Aufnahmeort adaptiert hat, dies wiederum als "korrekte Wiedergabe" aufnimmt. Wie man das an einem Arbeitsplatz mit normiertem Umgebungslicht und kalibriertem Monitor bewerkstelligen soll, davon handeln ganze Bücher ...

Dieter Lefeling bringt ein weiteres Problem beim elektronischen Sucher ins Gespräch: "Viel relevanter ist (meiner Meinung nach) die Sucherhelligkeit. Im Spiegelreflexsucher hat das Sucherbild einen bestimmten Bruchteil der Motivhelligkeit. Das Auge passt sich daran problemlos an, und gut. Beim elektronischen Sucher ist die Sucherhelligkeit hingegen immer die gleiche. Es wirkt sehr hell, wenn man sich in schummriger Umgebung befindet, aber flau und duster, wenn man draußen in der prallen Sonne fotografiert. Da braucht das Auge eine gewisse Zeit, um sich daran anzupassen (und noch einmal, wenn man die Kamera wieder vom Auge nimmt)."

Andererseits könnte einem so ein elektronisches Sucherbild Aufschluss über den erfassten Tonwertumfang der Aufnahme geben ...


Brennweitenübersicht

Die Grafik gibt einen Überblick über die Bildwirkung und die entsprechenden Brennweiten und Bildwinkel bei Vollformat und Crop 1,6 von 10/16 bis 270/425 mm. Brennweitenangaben in den Bildern links APS-C, rechts Vollformat.


Bekanntlich braucht man an den Cropformat-Kameras für den gleichen Bildausschnitt (Bildwinkel) wie an KB Objektive mit kürzeren Brennweiten. Siehe Von Brennweiten und Formaten. Die obenstehende Grafik zeigt über einen größeren Bereich die Bildwirkung und zugehörige Brennweitenspanne mit Balken für einige ausgewählte Objektive, jeweils dem Vollformat (in Blau) oder dem Crop-Format (in Lila) zugeordnet. Wenn man Wert auf eine möglichst konstante und einigermaßen hohe Abbildungsqualität bei guter Lichtstärke legt, sollte der Bereich eines einzelnen Zooms nicht über den Faktor 2-3 hinausgehen. Also besser ein gutes Weitwinkelzoom, ein lichtstarkes "Universalzoom" etwa von 24 oder 28 bis 70 oder 80 mm mit konstanter maximaler Öffnung von f/2,8, und ein eigenes Telezoom, beispielsweise von 70-200 mm. Oder gleich Festbrennweiten ... das ist schon fast ein Glaubensthema, hängt aber sehr vom Einsatzgebiet und persönlichen Neigungen ab. Ich hatte früher ein – sehr teures, aber qualitativ mäßiges – Zoom vom leichten Weitwinkel bis zum leichten Telebereich mit konstanter Lichtstärke 2,8 und dazu ein paar Festbrennweiten. Heute sind Zooms mit vernünftigen Brennweitenfaktoren in der optischen Qualität auch als Weitwinkel und Tele optisch sehr zufriedenstellend und vergleichsweise günstig in der Anschaffung. Sogenannte Superzooms oder "Reisezooms" sollte man unbedingt meiden – außer, wenn man halt auf Reisen aus Bequemlichkeit nur ein Objektiv mitnehmen will und dafür den Kompromiss einer mäßigen bis bescheidenen Bildqualität in Kauf nimmt: "Praxistest: Reisezooms für Canon-SLRs" und "Praxistest: Reisezoom Sigma 18-250/3,5-6,3 DC OS HSM".

Canon kennzeichnet die Objektive des EF-Systems, die für das APS-C-Format konstruiert sind, durch ein nachgestelltes "S". Diese EF-S-Objektive passen dennoch nicht an ältere Cropformat-Kameras, wie die 1D-Serie mit APS-H. Sie passen nicht einmal an alle APS-C-Kameras, denn erst die 300D (2004) hatte das passende Bajonett mit einer kleinen Modifikation, welche das mechanische Ansetzen dieser Objektive erlaubt. (Anm. D. L.)

Bei Fremdherstellern muss man auf deren Bezeichnung achten: Di II, DC oder DX, um die wichtigsten (Tamron, Sigma, Tokina) zu nennen. Sie lassen sich mechanisch, wie das 17-50/2,8 Di II von Tamron, auch an Vollformatkameras ansetzen, zeichnen aber nur einen Teil des Bildes aus (außerhalb des Bildkreises ist die Aufnahme dunkel). (Anm. D. L.)

Aufnahme mit dem Tamron 17-50mm/2,8 für Crop-Format

Bei einem für das Crop-Format gerechneten Objektiv wie dem Tamron 17-50/2,8 XR DiII, hier bei 17 mm, können sich bizarre Bildfeldbegrenzungen ergeben, wenn man sie an eine Vollformat-Kamera ansetzt (5D MKII)


Neue "Universalzooms" mit verkürzter Anfangsbrennweiten und erweitertem Tele

Als ich mir die 300D zulegte, gab es noch keine lichtstarken "Universalzooms" mit entsprechend verkürztem Brennweitenbereich, darum habe ich mir als erstes das Tamron 28-75/2,8 angeschafft. Das war ganz ordentlich, entsprach an dieser Kamera jedoch in der Bildwirkung dem Bereich von Normal bis zur Portraitbrennweite oder einem leichtem Tele (also wie 45 bis 120 mm bei Vollformat), mit gleichbleibender Lichtstärke in allen Bereichen. Fotografen, die manuell belichten, lieben konstante Lichtstärken! Für den (moderaten) Weitwinkelbereich habe ich zunächst das Kit-Objektiv (18-55/3,5-5,6 in Wackelausführung) benutzt. Später kam ein 70-200/4,0L USM als Telezoom hinzu, und schlussendlich ein Tamron 17-50/2,8 als Universalzoom, bisher mein einziges Objektiv, das nur für das verkleinerte Bildformat geeignet ist (das Kit-Objektiv ließ sich für stolze 50 Euro verkaufen). Denn ein Trauma hat der Umstieg auf Crop doch hinterlassen und ich träume seither davon, eines Tages doch wieder zum "Vollformat" zurückzukehren! Darin liegt heute die zweite Entscheidungsebene für das System einer Fotoausrüstung: Objektive anschaffen, die nur für das Crop-Format zu gebrauchen sind, oder soweit möglich nur solche, die auch am Vollformat einsetzbar wären – im längeren Brennweitenbereich ja kein Problem.

Inzwischen ist das Weitwinkelproblem für das Cropformat überwunden, beispielsweise ist das EF-S 10-22 mm ein sehr gutes "Superweitwinkel" für Crop-Format-Kameras (entsprechend 16-35 mm). Aber es ist keine Festbrennweite! Zugegeben, im Bereich Festbrennweiten sieht es bei starken Weitwinkeln mager aus ... im Vergleich zu den alten analogen Zeiten oder den Objektiven, die man von damals an Crop noch verwenden kann (bei Canon nur mit EF-Bajonett ab ca. 1987). Allerdings ist dieses Weitwinkelzoom wirklich sehr gut, hat eine erstaunlich geringe Verzeichnung und ... der hauseigene Raw-Konverter DPP von Canon rechnet die sowieso automatisch weg, wenn man das entsprechende Häkchen setzt. Auch Fisheye-Objektive – formatfüllend und mit kreisrunder Abbildung – sind für Crop verfügbar, siehe Mit Weitblick: Fisheye- und Weitwinkelobjektive richtig einsetzen.


Neuere Kitzooms Canon

Neuere Kitzooms von Canon für die "höherwertigen" Kameras wie EOS 7D und die EOS 5D MKII. Von links nach rechts: EF-S 18-135/3,5-5,6, EF-S 15-85/3,5-5,6 IS USM, ganz rechts EF 24-105/4,0L IS USM für die 5D MKII


Erschwingliche und qualitativ hochwertige lichtstarke Universalzooms gibt es seit einigen Jahren für Crop. Betrachtet man damit gemachte Aufnahmen mit ansonsten identischen Daten – Bildwinkel, Belichtungszeit und Blende – jedoch genauer und vergleicht sie mit entsprechenden Aufnahmen an einer Vollformat-Kamera, werden Unterschiede deutlich (siehe die Abbildungen zur "Freistellung" und zur "Schärfentiefe") unten.


Demonstrationsbilder Schärfentiefe

Demonstrationsbilder zu Schärfentiefe bzw. "Freistelleffekt" im Vergleich zwischen Vollformat (36 x 24 mm) und Canons "APS-C" (ca. 22,3 x 14,9 mm, Faktor 1,6). Im Nahbereich sind sich die Aufnahmen mit Blende 5,6 an Vollformat (oben, groß) und Blende 2,8 an Cropformat ähnlicher als die mit der jeweils gleichen Blende und unterschiedlichem Aufnahmeformat (unten)!

Schärfentiefenvergleich Vollformat versus Crop

Beim Vollformat muss man nicht nur für die Kamera, sondern auch für vergleichbare Objektive deutlich mehr hinlegen. Das im Bundle mit der 5D MKII für einen Aufpreis von ca. 820 Euro erhältliche 24-105/4,0L IS USM ist ein recht gutes Objektiv [siehe Testbericht Neue Kitzooms], dessen allerdings kräftige Verzeichnung man am besten mit DPP wegrechnet. Schöner wäre natürlich ein Zoom mit konstanter Lichtstärke 2,8 wie das 24-70/2,8L USM, das kostet dann 1220,- Euro Zuschlag. Ich würde zunächst mein vorhandenes Tamron 28-75/2,8 benutzen, auch wenn es das Auflösungsvermögen der Kamera, besonders bei Offenblende, nicht auszureizen vermag und statt der eindrucksvollen 24 mm nur die "moderaten" 28 mm Weitwinkel bietet (siehe die Übersicht mit Demobildern zu diversen Brennweiten weiter oben). Das "Freistellbild" bei Blende 5,6 an Vollformat ist damit gemacht.

Etwas Erlesenes ist ein 100mm-Makroobjektiv mit der Lichtstärke 2,8 an einer Vollformatkamera: Da kann man so richtig mit der geringen Schärfentiefe spielen!


Rittersporn

Die große Blüte des Rittersporns mit dem EF 100/2,8 IS USM Macro bei Blende 2,8, dazu zwei Ausschnitte aus der Nahaufnahme (Aufnahmeabstand 1 m) an der 5D MKII.

Rittersporn, Ausschnitt Rittersporn, Ausschnitt 2

Die Verlockungen des Vollformates

Der lineare Faktor der Verkleinerung von 1,6 täuscht darüber hinweg, dass sich die Fläche des Sensors um dessen Quadrat (2,56) verkleinert: Statt 864 mm² sind es nur noch 332 mm². Canon nennt es APS-C mit ca. 22,3 x 14,9 mm, Nikon DX mit einem Faktor von 1,5 und beispielsweise 23,6 x 15,8 mm. Die EOS 5D MK II (um 1880 Euro, 21,10 Megapixel) beharrt dagegen auf dem nominellen Kleinbildformat von 36 x 24 mm, wie auch die Nikon D700 (36 x 23,9 mm, ca. 1930 Euro, 12,1 Megapixel). Es gibt somit seit einigen Jahren (die EOS 5D erschien im September 2005 mit 12,8 Megapixeln) auch in einem nicht ganz so abgehobenen Preissegment und unterhalb der absoluten Profiklasse einigermaßen erschwingliche Vollformat-Kameras (Kleinbild) als digitale Spiegelreflex, die sich manche Berufsfotografen als Zweit- oder Drittgeräte und sehr ambitionierte Amateure als Wunscherfüllung leisten. Was macht dieses "Voll"-Format so attraktiv?

Es ist neben der Größe des Bildes im Sucher (nur an einer Vollformat-Kamera taucht man beim Blick durch denselben so richtig in die aufzunehmende Szene ein) das Spiel mit der Schärfentiefe. Ein Erlebnis, das die Benutzer von Kompaktkameras, die diese bei der Aufnahme am ausgestreckten Arm vor sich halten, um auf dem Display zu beobachten, was sie aufnehmen, niemals haben werden. Sie sehen weder die Raumwirkung der aufgenommenen Szene – wie denn auch auf dem höchstens scheckkartengroßen Bildchen in 40-80 cm Entfernung – noch die Nuancen der Schärfentiefe, die man an einer (D)SLR für die jeweils eingestellte Blende mit der Abblendtaste an der Kamera überprüfen kann. Natürlich hängt es von der gestalterischen Absicht des Fotografen ab, ob er mit der geringeren Schärfentiefe des Vollformates besser bedient ist, weil er damit mehr "freistellen" kann, oder umgekehrt mit der größeren Schärfentiefe des Crop-Formates, weil er nicht so stark abblenden muss, um Vorder- und Hintergrund gleichzeitig scharf darzustellen. Beispielsweise ist die aufgrund des geringeren Maßstabes größere Schärfentiefe bei Makroaufnahmen durchaus von Vorteil.

So gesehen ist Spiegelreflexfotografie näher am Kino – und das Knipsen mit Kompaktkameras eher bei der Handygrafie. Was nicht heißt, dass letztere nicht auch ihre u. U. sogar künstlerische Berechtigung habe, aber es ist eben ganz etwas anderes – gestaltungstechnisch gesehen.

Hier kommt in der Fotografie zu den gestalterischen Elementen Ausschnittswahl und "Komposition", Lichtführung etc. als wesentliches die Schärfentiefe hinzu. Sie schafft eine neue, nur der Fotografie zu eigene ästhetische Dimension, welche die Malerei nicht kennt. Das ist ein Wechselspiel zwischen dem, was man mit dem plastischen Sehen in einer Szenerie herausgehoben wahrnimmt, wenn man sich darauf konzentriert, eine Information oder auch Interpretation, die im flächigen Bild verlorengeht; und dem Herausheben des "Gemeinten" dadurch, dass diese Bildebene scharf, der Vorder- und Hintergrund dagegen verschwommen dargestellt wird.

Fotografie ist nicht nur das technisch perfekte Abbilden mit einem mechanisch-optisch-elektronischen System, sondern darüber hinaus das Gestalten des Gesehenen in ein Abbild, das dem Betrachter dieses Abbildes vermitteln soll, was der Fotograf wahrgenommen hat und als seine Interpretation des Motivs vermitteln will. Und da einerseits die Reduktion des Fotos (wie bei einem Gemälde) auf die zweidimensionale, an sich flächige Wiedergabe eine Abstraktion darstellt, bewirkt andererseits die Steuerung des Sehens durch die Schärfentiefe eine konkrete Interpretation durch ein Darstellungsmittel, das wir im natürlichen Sehen nicht bewußt empfinden, weil es dort durch das stereoskopische Tiefensehen geschieht. Der Umgang mit der Schärfentiefe hebt Vorder- und Hintergrund voneinander ab und ersetzt in vielen Fällen das plastische Sehen vermittels zweier zueinander versetzter Augen.


Schärfentiefenvergleich systematisch

Die Bilderreihe enthält in 4/3-Blendenschritten jeweils nebeneinander montierte Nah-Aufnahmen mit gleicher oder um diesen Betrag veränderter Blende an Vollformat und Crop. Die Blendenwerte sind den Bildern einbeschrieben.


Fazit

Die 5D MKII ist aus meiner Sicht die ideale Kamera für den kreativen Fotografen, besonders wenn er früher im Kleinbildsektor mit "filmbehafteten" Kameras gearbeitet hat, weil ihm in den Bereichen, die wichtiger sind als zig Automatiken und sonstiger Firlefanz, nichts vorenthalten wird: Abgesehen von der Sucherqualität (siehe auch den Artikel Erfahrungswerte: Canon EOS 7D in der Praxis), die bei den Vollformat-Kameras so ist, wie man sie von früher her kennt, ist auch das Flaire der Fotos entsprechend. Das hat mit dem Abbildungsmaßstab und der Schärfentiefe zu tun, siehe den Grundlagenartikel Von Brennweiten und Formaten . Ein weiterer Gesichtspunkt ist, dass auf Vollformat bei gleicher Auflösung pro Bildpunkt mehr Sensorfläche zur Verfügung steht, was höhere Empfindlichkeiten (ISO) bzw. weniger Bildrauschen in dunklen Partien erlaubt. Oder bei ähnlich guten Rausch- und Empfindlichkeitswerten eine höhere Bildauflösung in Megapixeln. Doch hat inzwischen der technische Fortschritt die Grenzen so weit hinausgeschoben, dass das keine allzu große Rolle mehr spielt, wenn man Kameras wie die 5D MKII und die 7D vergleicht ... und beide haben längst das mit Kleinbildfarbfilm machbare weit hinter sich gelassen.

Wenn man auf das Format SRAW1 schaltet, macht die 5D MKII statt 21 Megapixeln nur 10 Megapixel große Bilder, was für die meisten Zwecke vollkommen ausreichend ist und auf dem PC Zeit und Speicherplatz spart. Die Bildqualität bleibt hervorragend.


Aufnahme mit dem Makro EF 100/2,8 IS USM Macro

Noch eine Nahaufnahme mit dem neuen 100er-Makro: Biene beim Besuch eines der ersten blühenden Apfelbäume (Blende 8).


Ein Manko: Die eingeblendeten Anzeigen im Sucher (Zeit, Blende, ISO) sind zu dunkel, besonders bei Motiven mit sehr hellen Flächen wie Schneelandschaften sind sie kaum zu erkennen! Andere Benutzer haben in Newsgroups das Phänomen bestätigt.

Das ist ärgerlich, denn ich bin ein notorischer Messer und M-Belichter (Manuell). Siehe dazu den Artikel Selbstgemacht: Belichtung manuell messen. Das bedeutet übrigens nicht, dass man in einer gegebenen Situation bei jeder Aufnahme neu messen oder Belichtungswerte speichern muss - man misst vorher die Motivsituation aus, stellt feste Werte für ISO, Zeit und Blende in und drückt dann, solange sich diese nicht wesentlich ändert, unbefangen ab (allenfalls bei der Scharfstellung stellt sich noch die Frage: Autofokus oder von Hand nachstellen). Und gerade beim Scharfstellen von Hand hat Vollformat wegen der Sucherqualität die Nase weit vorne. Leider wird das durch die standardmäßig eingebaute Mattscheibe teilweise wieder ausgehebelt: Sie ist nicht matt genug, man kann halb hindurchschauen, was sich dadurch bemerkbar macht, dass man beim Hin- und Herbewegen des Auges beim Blick in das Okular, wobei die Kamera auf einem Stativ befestigt ist, einen "Parallaxeneffekt" - also eine Vorder-Hintergrundverschiebung - durch die Mattscheibe hindurch wahrnehmen kann. Das dürfte nicht sein. Alternative Mattscheiben (Typ S), die man einsetzen könnte, waren leider im Testfundus von Canon nicht verfügbar.

Eigentlich macht nicht ein besonderes Sammelsurium von technischen Hilfsmitteln, und schon gar nicht von Automatiken, für mich die ideale Kamera aus. Sie soll eine einfache und präzise Messung erlauben, das Festhalten der eingestellten Belichtungsparameter, deren Abgleich untereinander sich direkt und ohne Umwege oder Umdenken in der deutlichen Messanzeige wiederspiegelt. Das liefert eine Spotmessung mit Anzeige der Belichtung über oder unter 0 EV ohne weiteres – wobei die Skala wie bei der EOS 7D +/-3 statt nur +/- 2 EV betragen sollte. Vielleicht gibt es ja bald eine 5D MKIII, welche einige der Verbesserungen, die man bei der 7D ausprobiert hat, übernimmt – hoffentlich dann doch nicht die unauswechselbare Sucherscheibe mit zu hoher Transparenz. Einige andere ergonomische Merkmale dürfen es aber gerne sein!

Die Technik bildet das Handwerkszeug. Wenn ein Schreiner ein Möbelstück oder ein Bildhauer eine Plastik anfertigt, wählt er die passenden Werkzeuge, um sein Werk auf bestmögliche und auch einfachste Weise erschaffen zu können. Interessante Fotos kann man auch mit einem Handy machen, aber die optischen Gestaltungsmittel sind doch sehr eingeschränkt. Wäre es in der Malerei gleichgültig, mit welchen Mitteln man arbeitet, hätte Leonardo da Vinci seine Mona Lisa auch mit einem Griffel auf einer Schiefertafel zeichnen können. Damit will ich nur sagen: Natürlich kann man auch mit einer Crop-Kamera gute und interessante Fotos machen – und die Fotos macht immer der Fotograf, nicht die Kamera. Andererseits hat man mit einer Vollformat-Kamera ein Handwerkszeug mit bestimmten Möglichkeiten zur Verfügung, die bei einem "beschnittenen Format" (und das heißt "crop" ja wörtlich) teilweise verlorengehen oder eingeschränkt sind. Und wenn Spiegelreflexsysteme auf Dauer bestehen wollen, dürfen sie die faszinierenden fotografischen Möglichkeiten dieses Aufnahmeformates nicht leichtfertig über Bord werfen – die wohlausgewogene Position zwischen Mittel- und Großformatkameras und Amateurknipsomaten oder als Nebenfunktion von Handies.

Ach - und als ich nach drei Monaten das erste Mal wieder mit meiner EOS 400D fotografieren war, erlitt ich sowas wie einen – negativen – Kulturschock!


Dieters Kommentar:
Im übrigen glaube ich, dass Du etwas zuviel Aufhebens um Faktor 1,5 oder 1,6 machst. Kleinbild ist nicht das Maß der Dinge. Kuck mal durch eine richtige [tm] Kamera mit "Format 42", und Du schmeißt das Klein-dingens in hohem Bogen weg."

Ahem. Das tue ich hoffentlich erst, wenn ich es mir leisten kann ...


Kombination ist Trumpf

Dabei kann man auch aus der Kombination von Kameras mit verschiedenen Sensorformaten und zwischen diesen kompatiblen Objektiven Nutzen ziehen, wie Jürgen Gerkens in d.r.f. schrieb:

Wobei die Kompatibilität von Crop zu Vollformat nicht unflott ist. Sonntag hatte ich einen Abstecher zu unserem Oberligisten gemacht, mit zwei Kameras im Täschchen. Da konnte ich sowohl das Tor der Heimmannschaft im Visier behalten, als auch gleichzeitig Torszenen gegenüber aufs Korn nehmen. Das 150-500 Tele ist bei Crop selbst von der Eckfahne aus zu lang, um wenigstens den Torraum erfassen zu können, da tauschte ich es dann schnell auf die Vollformat Kamera, statt dessen ein 18-200 Superzoom auf die Cropkamera. Ähnlich kann ich mit dem 2.8/80-200 variieren. An der Crop dSLR ist es in unserer kleinen Halle zu lang, mit der Vollformat Kamera kann ich damit dann einzelne Sportler schön frei Stellen. In einer größeren Arena haben wir damit statt dessen an der Crop Kamera schöne Detaiaufnahmen gemacht, z.B. von den Trainerbänken, aber auch einzelne Sportler portraitiert.

Früher hatte ich mal mit Bridgekamera mit großem Zoombereich als Ergänzung geliebäugelt, aber der Nachteil so kleiner Sensoren war dann doch zu offensichtlich. Auch sah ich meine erste Crop dSLR nur als Übergangslösung an, bis Vollformat dSLR bezahlbar werden.

Nun habe ich nach der Vollformat dSLR im gleicheh Jahr eine neuere DX Kamera dazu gekauft, weil sich zeigte, daß man die Telezooms so flexibel einsetzen kann, mit dem neueren Sensor der D300s natürlich auch bei höheren ISO Werten als mit meiner in die Jahre gekommenen D200.

Genau die macht jetzt den Job der Bridgekamera, die früher mal auf Ausflüge mit sollte. Superzoom dran, ab in einen kleinen Rucksack und fertig. Schon das ist nach wie vor eine ganz andere Liga als kleinere Kameras, schon wegen des Suchers.

Gerade als Brillenträger reicht mir schon ein kurzer Blick in die Sucher kleinerer Kameras. Da kriegt man, wenn man bessere Sucher gewohnt ist, nämlich so die Krise, das man den Mist nach dem ersten Urlaub bei ebay entsorgen würde.

Auch liegen solche Kameras besser in der Hand. Mit dem Supertele habe schon mal ausgetestet, wie weit genau einem dann der OS hilft, kam mit D700 und D300s am 150-500 zuverlässig auf 1/15s, nachts um 1 frei Hand. Da hat man dann zwar eine schwerere Kamera mit, spart sich aber sehr oft das Gehampel mit dem Stativ und wird auch noch dort was, wo ein Stativ gar nicht zu verwenden ist, bzw. nicht mitgenommen werden darf.

Ist es dann arg dunkel, reißt die Vollformatkamera es heraus, erlaubt Fotos, wo man mit Film an Aufnahmen gar nicht mehr zu denken brauchte. Ist etwas mehr Schärfentiefe gefragt, könnte ich die Cropkamera nehmen, bräuchte dann nicht so weit abblenden, hätte gerade bei Video, wo geringe Schärfentiefe kritisch wird, etwas mehr davon. Ob eine Modelleisenbahn fotografiert und gefilmt werden soll oder Fische ohne Blitzlich in Aquarien, auch Haie, die laufend in Bewegung sind. Klappt mit der gleichen Ausrüstung in ausgezeichneter Qualität und alles paßt zusammen.

Bei Weitwinkel und Standardzooms ist der Wechsel zwischen den Gehäusen natürlich weniger sinnvoll, ginge bei Nikon zwar, hätte aber nur im Notfall sinn. Juckt mich wenig, weil wie zu zweit je zwei Kameras verwenden, daher auch für beide Formate passende Objektive haben. Aber Teleobjektive und schöne Festbrennweiten lassen sich so rech flexibel verwenden, das 50er als 75er, das 85er fast auch als 135er, das 80-200 als 120-300, das 150-500 als 225-750. Das ist mit OS gerade am Wasser oder bei Tierfotos schon mal ganz nett. Und ist das zu lang wird getauscht, siehe oben. Die Übergangslösung DX Format ist so eine Ergänzung zum Vollformat geblieben, die ich nicht mehr missen möchte.

Jürgen Gerkens

Technische Daten (bei Heise-Foto)



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